Pratchett, Terry / Zimmer Bradley, Marion / White, Ted / Luserke, Uwe / Case, David / Smith, David C – Drachennächte

Mich würde durchaus interessieren, wer sich den Titel für dieses Buch ausgedacht hat: „Drachennächte“, das suggeriert spannende Fantasy-Literatur – und natürlich Drachengeschichten. Das Titelbild verstärkt diese Vermutung dann auch noch. Und ja, es gibt tatsächlich eine Geschichte mit einem Drachen, genau eine. Da es sich hier aber um einen Sammelband mit insgesamt zehn Erzählungen (davon sieben erstmals in deutscher Sprache) handelt, ist der Titel doch sehr irreführend und für mein Verständnis vollkommen falsch gewählt. Das sollte einleitend dringend mal erwähnt worden sein.

Ansonsten ist diese Kurzgeschichtensammlung ganz nett und gewährt einen Einblick in den Schreibstil der einzelnen Autoren, was im Falle von Leuten wie Terry Pratchett zum Beispiel auch sehr sinnvoll ist, denn die verrückte Welt dieses Schriftstellers ist nun mal nicht jedermanns Sache. Dabei ist es in diesem Falle aber unter anderem seine Geschichte, die im Gegensatz zu manchen durchschnittlichen, weniger spannenden Geschichten positiv heraussticht.

Daher möchte ich mich in dieser Rezension auch eigentlich nur auf diejenigen Erzählungen in Kurzvorstellungen konzentrieren, die mir bei „Drachennächte“ sehr gut gefallen haben.
Neben dem erwähnten Pratchett, der in der kurzen 15-Seite-Story „Die Trollbrücke“ die Geschichte von Cohen dem Barbaren erzählt, ist dies vor allem „Die Burg am Ende der Welt“ von Chris Naylor, eine recht philosophische Abhandlung mit düsterer Endzeitstimmung. Weiterhin interessant ist „Die Sonnwendherrin“ von Anna Kashina, mit 70 Seiten eindeutig das längste Werk in diesem Buch. Kashina lässt verschiedene Handlungsstränge nebeneinander laufen und schafft es in der relativ kurzen Zeit recht gut, zum Ende hin auf den Punkt zu kommen. Sehr gelungen!
Auch noch ganz passabel haben mir „Das Ungeheuer in der Kluft“ von David Case und das ebenfalls relativ kurze „Geburt eines Phönix“ von Marion Zimmer Bradley und Ted White gefallen, nur stellt sich auch hier manchmal heraus, dass in der Kürze nicht immer die Würze liegt und zudem gar keine Gelegenheit besteht, die Handlung auch nur leicht auszuschmücken.

Spannung ist somit auch das größte Mangelkriterium in dieser Ausgabe. Es gelingt einfach kaum einem der vertretenen Schreiberlinge, richtig packende Kurzgeschichten zu verfassen, wobei mir „Rot auf Silber“ von Uwe Luserke und „Der Mann, der den Drachen Griaule bemalte“ (hier haben wir auch den besagten Drachen) am langweiligsten erschienen. Und weil die meisten Storys jetzt wirklich nicht besonders erheiternd sind, kann „Drachennächte“ auch nur sehr bedingt weiterempfohlen werden. Eine Kurzlektüre von Anna Kashina hätte prinzipiell ausgereicht, denn diese Autorin ist zusammen mit Chris Naylor auch die einzige, die ich nach diesem Sammelwerk für mich habe entdecken können. Bis auf den berüchtigten Terry Pratchett ist sonst nur Mittelmaß vertreten.

Kurzum noch ein paar Worte zum Inhalt: Der ist bevorzugt düster, teilweise sogar recht melancholisch bzw. mit philosophischen Grundzügen ausgestattet. Es geht dabei sowohl um Rache als auch um Weisheit, es wird Magie thematisiert, Wunder kommen zum Vorschein und selbst der Fantasy-Laie findet sich hier schnell zurecht. Jedenfalls sind die einzelnen Storys recht einfach geschrieben und bieten keine komplexen Inhalte. Lediglich das besagte Werk „Die Sonnwendherrin“ ist etwas verzwickter. Ansonsten kann man „Drachennächte“ auch noch kurz vorm Einschlafen konsumieren, um sich in den Schlaf zu wiegen. Wirklich anspruchsvolle Kost sollte man allerdings nicht erwarten.

Unter Umständen sind die Ansprüche im Fantasy-Sektor mittlerweile überaus hoch, vielleicht gefällt diese Lektüre ja auch deshalb nur bedingt. Aber wenn ich die Ideen von manchen Vertretern hier mit denen von James Barclay oder George R. R. Martin, geschweige denn Tolkien oder Tad Williams vergleiche, dann ziehen die Beteilgten von „Drachennächte“ eindeutig den Kürzeren. Und damit wäre der letzte Satz zu dieser Rezension auch geschrieben.

Überblick der vertretenen Stücke:

Uschi Zietsch: „Sturmnacht“
Terry Pratchett: „Die Trollbrücke“
Anna Kashina: „Die Sonnwendherrin“
Uwe Luserke: „Rot auf Silber“
David Case: „Das Ungeheuer in der Kluft“
David C. Smith: „Geduld ist eine Tugend“
Hans Dieter Römer: „Am Rande“
Lucius Shephard: „Der Mann, der den Drachen Griaule bemalte“
Chris Naylor: „Die Burg am Ende der Welt“
Marion Zimmer Bradley & Ted White: „Geburt eines Phönix“

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