C. V. Rock – Die Göttin des Todes

rock-goettin-cover-kleinEiner in Afrika geraubten Götzenfigur fallen in New Orleans Pechvögel gleich serienweise tot vor die Holzfüße. FBI-Agent Willard hegt den Verdacht, dass weltliche Schurkentücke im Spiel ist … – Neuauflage eines Heftkrimis, verfasst von einem Pionier des deutschen Trivialromans; die Story weist sämtliche Vorzüge (geradlinige Handlung, angstfreier Umgang mit dem einfach nur Spannenden) und Nachteile (stilistische Armut, staubige Klischees) dieser Gattung auf, kann aber unter Berücksichtigung des Nostalgiefaktors durchaus unterhalten.

Das geschieht:

Im Dschungel des afrikanischen Kongo hat Lalada, die Göttin des Todes, seit Urzeiten über den Stamm der Mne-Pa-Pygmäen geherrscht. Ihre hölzerne Figur birgt angeblich magische Kräfte, welche alle ins Grab bringen, die ihr ohne die nötige Ehrerbietung entgegentreten. Leider bilden zwei riesige Diamanten die Augen der Göttin, was einen britischen Kolonialoffizier 1893 dazu treibt, besagte Statuette zu stehlen. Er überlebt seinen Frevel nur kurze Zeit, aber Lalada kehrt nicht in ihre Heimat zurück. Von Hand zu Hand geht die Holzfigur. Alle Besitzer finden ein rasches und unerfreuliches Ende, zuletzt erwischt es die Gattin des Antiquitätenhändlers Norman Darrieux in New Orleans

FBI-Agent Stephen Willard hat zufällig in der Stadt zu tun. Ihn fasziniert die Lalada-Story, aber auch sein berufliches Interesse ist geweckt, als sich der Tod der Mrs. Darrieux als Giftmord entpuppt. Hat Töchterlein Dana, die Alleinerbin, die Hand im Spiel? Willard zeigt sich ihren Reizen gegenüber aufgeschlossen, an Zauberei glaubt er dagegen nicht. Deshalb setzt er sein Fachwissen ein und erkennt bald handfest Verdächtiges, was hinter kriminellen Kulissen für gefährliche Panik sorgt …

Unterhaltung als harte Arbeit

Willkommen in der Welt des (deutschen) Trivialromans! Hier entsteht keine Literatur, sondern solide Unterhaltungsware. Es wird nicht an der Feder transpiriert, sondern über der Schreibmaschine (und heute der PC-Tastatur) geschwitzt. Über Wohl und Wehe des entstandenen Werks urteilt nicht die Kritik, sondern der Leser mit seiner Geldbörse. Ihn (und sie) gilt es zufrieden zu stellen, seinen (und ihren) Geschmack zu treffen. Stilistische Experimente, komplexe Plots, Vielschichtigkeit oder gar Originalität sind zu meiden, da der Konsument das Bewährte schätzt und sich bei der Lektüre nicht aufregen möchte.

Von der Literaturkritik wird die ‚Unterschicht‘ der Trivialautoren in der Regel ignoriert oder muss als Beispiel für die negativen Nebenwirkungen der Schreibkunst herhalten. Dabei ist die Schaffung von Unterhaltung kein leichter Job. Natürlich tummeln sich auf dem Markt der bunten Heftchen und Taschenbücher primär flinke Profis, die Geschichten wie Leberwurst produzieren: Schreiben, bis die vereinbarte Seitenstärke erreicht ist, dann abschneiden, zubinden und fertig; die nächste Story bitte!

Möglichst kostengünstig wird solche Ware produziert, wobei kostengünstig nicht mit billig verwechselt werden darf. Es gab in den Reihen der meist namenlosen, oft unter Verlagspseudonym arbeitenden Vielschreiber immer welche, die nicht nur mit Tinte, sondern mit Herzblut werkelten.

Gedruckt, gelesen, vergessen

„Die Göttin des Todes“ ist so ein Roman. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist er alt und als 104. Band der „Silber-Krimis“, einer vielhundertbändigen Krimiheftreihe erschienen. Solche Hefte standen eine oder zwei Wochen an den Kiosken, dann wurden sie an den Verlag zurückgeschickt und wanderten dort in den Reißwolf. Nur Sammler und Fachleute kennen sie noch. Selten kam eine Neuauflage zu Stande.

Die Liebhaber der alten Heftreihen kommen in die Jahre. Nostalgische Erinnerungen an eine Jugend, die mit der Lektüre von „Schmutz & Schund“ verbunden werden, schaffen einen überschaubaren Absatzmarkt für Kleinverlage, die entsprechende Bedürfnisse erfüllen. Oft liebevoll aufgemachte und mit interessanten Hintergrundinformationen ergänzte Reprints – die natürlich nicht mehr annähernd so preisgünstig wie das Original sind – lassen die vergessenen Helden einer versunkenen Ära wieder aufleben.

Nach dem II. Weltkrieg dominierte der Trivialroman im gebundenen Leihbuch und als Groschenheft. C. V. Rock war ein typischer Repräsentant des für diese Medien tätigen Fließbandschreibers, „Die Göttin des Todes“ ein typisches Erzeugnis dieser Schreibfabriken. Immerhin war C. V. Rock im Rahmen seines Talents und unter Berücksichtigung seines Arbeitstempos ein redlicher Autor, der sich die Mühe machte, Schauplätze zu recherchieren, sowie ein geborener Geschichtenerzähler, der wusste, wie er sein Publikum fesseln konnte.

Rasanz und Spannung

So ist „Die Göttin des Todes“ lupenreiner, deutscher Pulp geworden – ein rasant erzähltes, auf Spannung getrimmtes, heute noch lesbares Garn, das viel von dem vorweg nimmt, was der Trivialroman in den folgenden Jahrzehnten ausbrütete. In diesem Fall ist es der „Mystery-Thriller“, der den Krimi mit dem Phantastischen mischt. Dies lässt „Die Göttin “ zu einer ungewöhnlichen Vertreterin ihrer angeblich niederen Zunft werden, auch wenn sich der Verfasser mit den übernatürlichen Elementen stark zurückhält. (Später wurde man da mutiger; 1968 debütierte – ebenfalls in der Reihe „Silber-Krimis“ des Zauberkreis-Verlags – Larry Brent, Geisterjäger der Spezialabteilung „X-Ray-3“.)

Dass C. V. Rock etwas von der Kriminalistik versteht, wird in den Laborsequenzen dieses Romans deutlich, die sich nur bezüglich der eingesetzten Techniken von den CSI-Wunderkammern der Gegenwart unterscheiden. Auch sonst wird recht fortschrittlich gespürt und mit Indizien gerungen.

Leider kommt es an anderen Stellen immer wieder zu Brüchen. Die (dem Zeitgeist geschuldet keusche) Liebe muss unbedingt zu ihrem Recht kommen, womit das Talent des Verfassers endgültig seine Grenzen erreicht. Auch die Vertrautheit mit dem Schauplatz ist aufgesetzt. Mit angelesenem Hintergrundwissen über „N’Aulins“ traktiert Rock seine Leser förmlich. Der Umgangston der Figuren ist durchweg lächerlich; jeder Gag wird garantiert in den Sand gesetzt, eine Schlägerei zwischen dem G-Man und einem „verrückten Araber“ greift hässlich tief in die Vorurteilskiste. Mit dem recht verheißungsvollen Beginn kann das furios gemeinte, aber ungelenk inszenierte Finale nicht mithalten.

Naive Helden, schurkische Schurken

Lang ist’s her, dass „Retter in der Not“ und „FBI“ Synonyme waren! Stephen Willard ist ein G-Man, wie ihn der heuchlerisch-bigotte J. Edgar Hoover persönlich als Werbeträger für die Behörde, der er zwischen 1924 und 1972 vorstand, eingestellt haben könnte. Die Guten vertrauen ihm, sobald er seine Marke zieht, die Bösen ziehen den Kopf ein. Willard ist – so gehört es sich im Trivialkrimi – kein Mensch, sondern nur Job bzw. personifiziertes Gesetz, obwohl er sich eigentlich wie ein freischaffender Drachentöter verhält: Ohne Rücksprache mit dem FBI ernennt er sich selbst zum Hüter von Lalada. In dieser Eigenschaft wird es zukünftig ungemütlich für ihn, aber dank seiner perfekten FBI-Kampfausbildung und seines Beißreflexes ist er immun gegen das Unrecht und widersteht jenem unheilvollen Zwang, der die Schwachen & Bösen straucheln lässt.

Eine junge, hübsche Dame darf in einer Geschichte wie dieser selbstverständlich nicht fehlen, denn der untadelige Held benötigt sie, um sie zu beschützen, anzubalzen und schließlich zu heiraten. Zwischendurch gerät sie publikumswirksam in Schwierigkeiten; hier ist es ein hässlicher Mordverdacht, der Dana Coffin zu schaffen macht. Das hält sie jedoch nicht wirklich ab, sich in besagten G-Man zu verlieben, ordentlich herauszuputzen und trauliche Frau-zu-Frau-Gespräche mit der schwarzen Zofen-Mummy zu halten.

Was uns zu den dunkelhäutigen Figuren der Handlung bringt, die zwar nur Nebenrollen spielen, aber an Zahl gar nicht gering sind, was korrekt ist, spielt die Geschichte doch in Afrika und New Orleans. Hier muss dieser Rezensent passen, denn es ist möglich, dass „Die Göttin …“ für die Neuausgabe ‚überarbeitet‘, d. h. allzu grobschlächtige, vor fünfzig Jahren alltägliche „Neger“-Rassismen getilgt wurden. Allerdings spricht Rock – zumal als Heftroman-Handwerker – die Rassendiskriminierung der US-Südstaaten mehrfach an und macht aus seiner Missbilligung keinen Hehl. Die Pygmäen im Afrika-Teil der Story sowie der schleimig-schurkische Cesar sind freilich das bloße Klischee vom bösen, tückischen, ‚schwarzen‘ Mann.

Kurzer Versuch der Wiederkehr

Ein Verlag im rheinland-pfälzischen Städtchen Plaidt widmete sich 2005 kurzfristig dem Werk des C. V. Rock. Erscheinen sollten ausgewählte Romane; geblieben ist es bei zwei Bänden. „Die Göttin …“ als deren erster zeigt, wieso dieses Projekt nicht nur aus inhaltlichen Gründen scheitern musste. Handwerklich atmet dieses Taschenbuch den Charme des Hausgemachten: Der Einband zeigt deutliche Spuren der Pressbindung, die Druckqualität wechselt von Seite zu Seite, der Satzspiegel lässt des Lesers Augen auf- und abhüpfen.

Es stellt sich abschließend noch einmal die Frage, wie originalgetreu die „Göttin des Todes“ uns hier begegnet. Der ursprüngliche Heftroman umfasst nur 66 Seiten. Wurde Rocks Roman bearbeitet, um ihn lesbarer zu machen und auf Länge zu bringen? Indizien lassen sich jedenfalls finden; als Rock 1955 „Die Göttin “ schrieb, gab es ganz sicher noch keinen Mike Tyson (S. 62) oder John F. Kennedy (S. 92).

Autor

Am 18. Juni 1906 wurde Kurt Walter Roecken in Berlin geboren. Ursprünglich strebte er eine Laufbahn als Künstler und Kunsthistoriker an. Da er im Nazideutschland der 1930er Jahre mit einer „Halbjüdin“ verheiratet war und dies zu bleiben gedachte, musste er das Studium abbrechen. Roecken schlug sich als Grafiker und Übersetzer durch. Er bearbeitete viele angelsächsische Kriminalromane und versuchte sich bald selbst als Autor. Mit der ihm eigenen Gründlichkeit arbeitete sich Roecken in die Materie ein, recherchierte außerdem vor Ort in Polizeirevieren, Archiven sowie an Tatorten und eignete sich ein reiches kriminaltechnisches Wissen an.

Roecken arbeitete schnell und lieferte zuverlässig publikumswirksame Geschichten, wobei er sich nicht auf den Kriminalroman beschränkte. Die UFA verschaffte ihm die Möglichkeit einer Dramaturgen-Ausbildung. Als „Kurt E. Walter“ arbeitete er anschließend als Autor – eine Tätigkeit, die er nach dem II. Weltkrieg fortsetzte und auf Dokumentar- und TV-Filme ausweitete -, und schrieb etwa 80 Drehbücher.

Auch sonst blieb Roecken, der nach dem Krieg sein bekanntestes und werbewirksamstes Pseudonym „C. V. Rock“ als rechtmäßigen Namen annahm, ein rasanter Autor. Allein seine zwischen 1935 und 1958 entstandene Serie um den Kriminalpolizisten Reg Chapell aus Chicago umfasst 50 Bände! In allen Genres war er aktiv, schrieb Bücher, Heftromane, für Illustrierten und Tageszeitungen, versuchte sich zweimal (erfolglos) als Herausgeber eines Magazins für Kriminalistik, verfasste Jugendromane, Sachbücher, Ratgeber. Den Krimi gab Rock Anfang der 1960er Jahre auf, blieb jedoch bis zu seinem Tod am 23. Februar 1985 schriftstellerisch tätig: ein anpassungsfähiger Handwerker für Gebrauchsliteratur, der den Aufstieg aus dem Trivial-Ghetto nie geschafft hat.

Taschenbuch: 154 Seiten

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