Walter, Jess – Stummes Echo

|Hinweis: Die Erstausgabe als Hardcover 2002 hieß „Sündenfall“. Auf diesen Titel wird nachfolgend auch zurückgegriffen, die neuere Taschenbuchfassung heißt aus ominösen Gründen allerdings „Stummes Echo“.|

Der Staat Washington, hoch im Nordwesten der USA an der Grenze zu Kanada gelegen, ist dem Europäer reichlich fremd, denn während Namen wie „Florida“ oder „Texas“ sogleich bestimmte Bilder vor dem geistigen Auge Gestalt auftauchen lassen, bringt jener nur Weißes Rauschen hervor. (Und wer meint, zumindest die Hauptstadt der Vereinigten Staaten sei hier zu finden, irrt gewaltig: Die liegt in Virginia und damit im Osten dieses seltsamen Landes!) Jenseits der Metropole Seattle an der Pazifikküste wird Washington von mittelgroßen Städten mit ulkig klingenden Namen geprägt: Snokomish, Walla Walla – oder Spokane. Letzteres liegt tief im Landesinneren, fast schon in Idaho, und damit sogar in den Augen der Washingtoner in einer Art Niemandsland: Wer hier lebt und arbeitet, legt offenbar keinen Wert auf die ganz große Karriere oder wäre ihr ohnehin nicht gewachsen.

Auf Detective Caroline Mabry trifft im Moment wohl beides zu. Für die Beamtin der Special Investigations Unit der Polizei von Spokane kommt es gar zu dick: Der tägliche Arbeitsstress droht sie aufzufressen, die Mutter liegt im Sterben, der zwölf Jahre jüngere Lebensgefährte neigt zur Treulosigkeit. Dann verwandelt sich auch noch ein Routine-Einsatz in ein Fiasko: Bei einer Drogen-Razzia im Riverfront Park der Stadt sorgt ein Drogendealer erfolgreich für Ablenkung, indem er seinen Kunden in den reißenden Spokane River stößt, der gewissermaßen das touristische Markenzeichen der Stadt ist. Carolines Versuch, den unglücklichen Kevin Hatch noch zu retten, missglückt. Die Suche nach dem Ertrunkenen sorgt für eine üble Überraschung: Entlang der Flussufer tauchen die Leichen junger Frauen auf, gewürgt und erschossen, mit zwei 20 Dollar-Scheinen in der rechten Hand. Der „Southbank Strangler“, wie ihn die Medien rasch taufen, mordet Prostituierte in Serie, und er geht seiner Passion wohl schon länger nach.

Derweil ermittelt Carolines Freund und Kollege, Sergeant Alan Dupree, gegen den Gewalttäter Lemmy Ryan, der gerade seinen Onkel ermordet und dasselbe mit einem Pfandleiher versucht hat. Es dauert einige Zeit, bis Dupree und Mabry merken, dass sie anscheinend denselben Täter verfolgen. Ryans Freundin starb einst elend in der Gosse, und dafür will er sich rächen. Doch so einfach ist es denn doch nicht; Ryan ist kein simpler Mörder, sondern ein gemeingefährlicher Psychopath. Dies ist jedenfalls das Resultat, zu dem Curtis Blanton, medienerprobter Profiler und reisender Fachmann in Sachen Serienmord, gekommen ist. Er entwirft das Bild eines irren, aber durchaus logischen Mannes, der fasziniert die versuchte Rettung von Kevin Hatch beobachtet hat und nun auf Caroline Mabry geprägt ist. Sein kranker Geist gibt ihm ein, der Polizistin immer wieder neue Leichen zu präsentieren, bis es ihr einst gelingen wird, ihn zu stoppen und mit dem letzten Opfer quasi die Freundin zu retten.

Inzwischen wurde Alan Dupree mit Schimpf und Schande aus der erfolglos bleibenden „Task Force Serienmorde“ verstoßen und in den Streifendienst versetzt. Eines Tages nimmt er einen scheinbar simplen Einbruch auf und stößt dabei auf Hinweise, die ein völlig neues Licht auf die Morde des „Southbank Stranglers“ werfen …

… und niemand will ihm Glauben schenken außer der angehimmelten Kollegin, die im Alleingang die wahren Schurken hetzt und dabei in Lebensgefahr gerät – und so weiter, und so fort. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die Aufregung des Lesers darüber, womöglich mit einem aufregenden, neuen Cops-jagen-Serienmörder-Krimi beglückt zu werden, endgültig gelegt: „Sündenfall“ ist ein sehr solider, gut geplotteter und flüssig geschriebener, aber ganz gewiss kein innovativer Thriller. Ist das jedoch knapp anderthalb Jahrzehnte nach Hannibal Lecters furiosem Aufstieg zur modernen Ikone (in seiner literarischen Inkarnation) überhaupt noch möglich?

In gewisser Weise schon: Jess Walter erzählt nicht nur von den Übeltaten eines weiteren Unholds, sondern reflektiert über die mannigfaltigen Schrecken, die das „Schweigen der Lämmer“ über uns brachte. Er konzentriert sich dabei auf die unheilige Allianz von Serienmord und Medien-Industrie, in deren Windschatten allerlei unerfreuliche Nutznießer kräftig ins Kraut geschossen sind. Dazu gehört eine bestimmte Gruppe von „Profilern“, jenen aus Kriminalistik, Psychologie und Zauberei geborenen Fachleuten, die es verstehen, aus simplen Tatortspuren konkrete Rückschlüsse auf die Person des Täters zu ziehen. Damit liegen sie manchmal fürchterlich daneben, aber oft auch nicht. Das hat sie besonders in den USA zu wichtigen Mitarbeitern der Polizei und des FBI werden lassen – und zu den Lieblingen der Medien, die in diese modernen Nachfahren von Sherlock Holmes und Sigmund Freud geradezu vernarrt sind.

Es hat nicht lange gedauert, bis dieses Interesse als lukrative Marktlücke erkannt wurde. Nicht wenige Profiler haben dem Öffentlichen Dienst Ade gesagt und sich selbstständig gemacht. Für wesentlich mehr Geld verdingen sie sich nun als freie Spezialisten und füllen ihre Börse nebenbei durch gut dotierte Fernsehauftritte. True Crime-„Dokumentationen“ finden auch hierzulande ihr treues Publikum. Die reißerischen Möchtegern-Reportagen schmücken sich gern mit einem „Fachmann“, dessen Marktwert sich wiederum nach seiner Prominenz richtet. Diese muss durch in regelmäßigen Abständen durch neue Bücher oder Zeitschriftenartikel angefacht werden. Da irgendwann aber alles erzählt ist, was der Profiler erlebt hat, muss er neue Serienmorde begutachten. Deren Zahl ist relativ beschränkt, während die Zahl der Presse-Profiler zunimmt – es geschieht, was Walter so deprimierend kundig schildert: Die Profiler reisen den „guten“, weil publikumswirksamen Bluttaten hinterher und raufen um die besten Knochen.

Diese Passagen sind dem Autoren wie gesagt gut gelungen; kein Wunder, kann er doch auf eigene Erfahrungen zurückgreifen: Als Journalist beschäftigte sich Walter mit dem Phänomen des Serienmordes und schrieb mit einem Kollegen selbst ein Buch über die „Pacific Northwest“-Morde, die er in „Sündenfall“ mehrfach anspricht. Dagegen sorgen die ständigen Nackenschläge, denen sich die Königskinder Mabry und Dupree, die einander suchen und doch nicht finden können, ausgesetzt sehen, bald für leichte Langeweile. Zwar gehört es seit jeher zum guten Ton, dass Detektive und Polizisten chronisch unglücklich sind und vom Pech verfolgt werden. In den letzten Jahren drohen die Seifenoper-Elemente im Thriller-Genre allerdings überhand zu nehmen. Die allzu breit ausgewalzten Sorgen und Nöte unserer beiden etwas zu kalkuliert tragischen Helden lassen die Leser jedenfalls ziemlich kalt.

Die Handlung wartet mit wenigen echten Überraschungen auf. Dass sich hinter dem „Southbank Strangler“ nicht der rächende Liebhaber verbirgt, ahnt oder weiß wohl auch der schläfrigste Leser schon weit vor dem obligatorisch dramatischen Finale. „Sündenfall“ bietet durchschnittliche Krimikost, nicht mehr, nicht weniger. Bleibt die ungewöhnliche Kulisse, aber auch hier stellt sich über kurz oder lang die Gewissheit ein, dass sich die Straßen Spokanes nicht dramatisch von denen San Franciscos unterscheiden. Wir werden Mabry und Dupree sicherlich wiedersehen, aber wir können es in aller Ruhe erwarten.