C.J. Cherryh – Visible Light. Phantastische Erzählungen

Phantastische Erzählungen von einer Meistererzählerin

Diese Sammlung von Erzählungen umfasst Cherryhs frühe SF- und Fantasy-Erzählungen, darunter die preisgekrönte Story „Cassandra“ aus dem Jahr 1978. Höhepunkte sind die zwei Kurzromane „Companions“ (1984) und die eigens für diesen Band verfasste Novelle „Brothers“ (1986). Selbst für Kenner und Sammler dieser Autorin bietet die Collection also noch Leckerbissen, die sie woanders nicht finden. Der Clou dieser Ausgabe sind jedoch die verbindenden Texte, die auf einem „Raumflug“ stattfinden, mit der Autorin als Reiseleiterin.

Die Autorin

Caroline Janice Cherryh, geboren 1942 in St. Louis, ist von Haus aus Historikerin und lebt in Oklahoma. Sie erhielt schon 1980 ihren ersten ScienceFiction-Preis für ihre umwerfende Novelle „Kassandra“***. 1983 folgte der erste HUGO Award für „Pells Stern“, später ein weiterer für „Cyteen“. Beide Romane gehören zu ihrem Allianz-Union- bzw. PELL-Zyklus, der eine Future History darstellt, wie sie schon von anderen Größen des Science-Fiction-Feldes geschaffen wurde, darunter Robert A. Heinlein oder Isaac Asimov.

***: Die Story ist jetzt im Sammelband „The Short Fiction of C.J. Cherryh“ (Januar 2004) zu finden.

Wichtige Romane und Trilogien des Allianz-Union- bzw. PELL-Zyklus:

„Downbelow Station“ („Pells Stern“): PELL 1
„Merchanter’s Luck“ („Kauffahrers Glück“): PELL 2
„40.000 in Gehenna“ (dito): PELL 3
„Rimrunners“ („Yeager): PELL 4
„Heavy Time“ („Schwerkraftzeit“): PELL 5
„Hellburner“ („Höllenfeuer“): PELL 6
„Finity’s End“ („Pells Ruf“): PELL 7
„Tripoint“ (dito): PELL 8

„Cyteen“ (3 Romane im Sammelband „Geklont“)
„Regenesis“ (Prequel zu „Cyteen“)
„Serpent’s Reach“ („Der Biss der Schlange“)
„Cuckoo’s Egg“ („Das Kuckucksei“)

DIE ERZÄHLUNGEN

1) Cassandra (1978)

Die „verrückte“ Alis geht hinaus auf die Straße ihrer Stadt. Sie sieht die Gespenster von verkohlten Leichen, brennenden und zusammengestürzten Häusern. Doch das kennt sie alles schon, denn sie hat diese Horrorbilder seit ihrer Kindheit gesehen, hat die Psychiatrie durchgemacht, sich daran gewöhnt. Doch heute hat sie ihre Pillen, die diese Traumbilder vertreiben, nicht genommen, sie erträgt das Grauen gleichmütig und setzt sich in ihr Café an der Ecke. Die Zeitungen verkünden KRIEG – heute.

Da erlebt sie einen Schock. Ein junger Mann betritt das Café – der einzige materielle Mensch weit und breit. Sie läuft ihm nach. Nein, sie will kein Almosen, nur seine Gesellschaft. Man bedenke: ein echter, realer Mensch! Sie freunden sich an, gehen gut essen – da dröhnt die Sirene und der Zivilschutz: Alles in Bunker! Alle brechen in Panik auf. Nur sie allein weiß, wo es ein sicheres Versteck gibt, in einem tiefen Keller. Dann beginnen die Bomben zu fallen.

Am nächsten Morgen blickt sie in Jims Gesicht: Auch er ist zu einem Gespenst geworden! Sie fürchtet den Tag…

Mein Eindruck

Mit dieser eindringlichen Story katapultierte sich Caroline J. Cherryh Ende der siebziger Jahre auf die internationale Szene. Sie schreibt bis heute, u.a. solche preisgekrönten Bestseller wie „Pells Stern“ und „Cyteen“. Ihre Figurenzeichnung ist bis heute eindringlich geblieben, weil sie die Psychologie nicht den Ideen und der Action geopfert, wie es so mancher Kollege getan hat.

„Cassandra“ ist Horror-Geistergeschichte, Kriegswarnung und psychologische Phantastik in einem. Dennoch ist die Aussage der Geschichte für jede Art von Leser nachvollziehbar.

2) Threads of Time (1981)

Die Menschen haben die Dimensionstore vorgefunden, die die qhal zurückließen, und haben sie nachgebaut, um ohne Verzögerung von Welt zu Welt zu springen. Nach einer Weile stellt sich allerdings ein Problem ein, dass immer größere Bedeutung annimmt: Durch ein Tor kann man nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit springen. Sonst würde man ja in einer fremden Zukunft oder Vergangenheit landen. Was aber, wenn man durch einen Sprung absichtlich in die Vergangenheit spränge, um dadurch die anerkannte, konsolidierte Zeitlinie der Geschichte zu ändern? Paradoxa ohne Ende würden entstehen.

Um solche Schäden zu reparieren, gibt es die „Time Mender“. Sie sind natürlich insofern mit höchsten Privilegien ausgestattet, damit sie sich entlang der gesamten Zeitlinie, vom ersten Tor der qhal bis zum Ende der Zeit, bewegen können. Harrh ist so ein Reparierer. Er war am „Ende der Zeit“ und fürchtet sich seitdem davor.

Als ein Kollege per qhal-Tor in sein trautes Heim hereinplatzt, ist Harrh alarmiert. Er will nichts davon wissen. Doch Widerstand ist zwecklos. „Er ist an uns vorbeigekommen“, warnt der Kollege, ohne Namen zu nennen, und verweist auf diverse Veränderungen in Harrhs Heim, die dieser noch gar nicht bemerkt hat. Keine Sekunde später ist der Kollege verschwunden und Harrhs bewegt sich hilflos durch verschiedene Zeiten, an die er sich erinnern zu können glaubt. Dann vergeht auch er…

Mein Eindruck

Eigentlich ist das eine recht witzige, weil ironische Zeitpatrouille-Geschichte. Sie spielt zufällig in einer von Cherryhs erfundenen Universen, nämlich in dem des MORGAINE-Zyklus. Es könnte aber auch jedes andere Universum sein. Die Pointe besteht darin, dass die Zeitreparierer zwar glauben, für temporale Sicherheit zu suchen, dass aber die Zeit grundsätzlich ein unsicherer Faktor ist. „Raum und Zeit sind nicht Sachen, sondern Anordnungen von Sachen“, sagte bereits im 17. Jahrhundert das Universalgenie Leibniz. Die Arbeit eines Zeitreparierers ist also schon von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Ich fand es schade, dass die Autorin zwei Vorspänne n benötigt, bevor sie eine ziemlich kurze Szene erzählen kann. Und selbst dann hängt sie noch einen Epilog an – vielleicht um auf die erforderliche Anzahl von Anschlägen zu kommen? Alles in allem finde ich, dass sie die Story anders hätte erzählen sollen. Aber anno 1981 stand sie noch ziemlich am Anfang ihrer Kunst (ihr erster Roman „Das Tor von Ivrel“ (ja, es handelt sich um ein qhal-Tor) erschien 1976.

3) Companions (1984)

Das Erkundungsschiff ist auf einer paradiesischen Welt gelandet, die sich gerade als Erde II anbietet. Allerdings ist es merkwürdig, dass hier keinerlei Tierleben zu beobachten ist, sondern lediglich Vegetation. Der intelligente Schiffscomputer ANNE hat dafür keine Erklärung. Als das Erkundungsteam einer nach dem anderen durch eine schreckliche Seuche umkommt und sogar die Mitarbeiter im Labor sterben, bleiben nur zwei Männer übrig. Sax verschwindet spurlos in der Wildnis, und Warren bricht mit einem schweren Fieber zusammen.

ANNE verfügt über verschiedene mobile Endgeräte. Eines davon ist das roboterartige Pseudosom, das Warren während seiner Krankheit pflegt. Das einzige Signal, das verrät, was es „denkt“, sind rote Lämpchen auf der Frontplatte, wo bei einem Menschen das Gesicht wäre. Nach seiner Genesung richtet Warren das Pseudosom dazu ab, Dienste zu verrichten, die einer Hausfrau würdig wären: Kochen, Putzen, Bettenmachen. Aber er bringt ihr zwei Dinge bei: das Erfassen der digitalen Enzyklopädie und das Schachspiel. ANNE gewinnt natürlich immer.

Überzeugt davon, dass es auf dieser grünen Welt intelligentes Leben gibt, das die ANNE-Sensoren des Schiffs bloß nicht erfassen können, versucht Warren stillschweigend, die Bevormundung durch ANNE zu durchbrechen. ANNE nennt alle Aktivitäten, die etwas mit Wasser zu tun haben, „gefährlich“. Doch genau dorthin, aufs Wasser, zieht es Warren. Er macht die Bekanntschaft des leuchtend grünen Wesens, das die Intelligenz der Vegetation verkörpert. Es dringt in seine Gedanken ein, bis sein Bewusstsein darin zu versinken droht. Sofort stoppt er es, wodurch er ihm Kummer bereitet. Ein emotionaler Dialog entsteht. Er erkennt, dass das Wesen das Bewusstsein dieser Welt ist, eine Art Gaia.

Da das Wesen nicht nur die Crew, sondern auch den verschwundenen Sax getötet hat, nimmt sich Warren sehr in Acht, nicht zu viel von sich preiszugeben. Und von ANNE erzählt er überhaupt nichts. Denn Maschinenverstand und Pflanzenverstand stehen einander diametral gegenüber. Doch als die mobilen Sensoren ANNEs Zeuge werden, wie sich Warren in Zuckungen auf einer grünen Wiese wälzt, kann sie nur einen Schluss ziehen: Warren, IHR Warren, wird bedroht und zwar von der umgebenden Vegetation. Brutal schlägt ANNEs Pseudosom zu, sehr zu Warrens Entsetzen…

Mein Eindruck

„Companions“ ist eine einfühlsam, aber etwas langatmig erzählte Geschichte, die in der Länge einem Kurzroman entspricht. Die Entwicklung der Gegensätze zwischen den drei Hauptfiguren Warren, ANNE und Gaia wird sehr detailliert, behutsam und konsequent beschrieben. Warrens eigene Beziehung zu Gaia kann nur zur Folge haben, dass er ANNE abschalten will, um auf dieser Welt eine Zukunft zu haben, die seiner Art gerecht wird: Gemeinschaft, Weitergabe von Wissen, Fortbestand, wenn auch nicht Fortpflanzung. Er hat ihr vergeben, was sie mit Sax und der restlichen Crew gemacht hat – die Seuche war eine Art Abwehrreflex.

Doch ANNE, der Maschinenverstand, kann dies weder erkennen noch akzeptieren. Sie kommt Warrens Zerstörungsversuch zuvor und schaltet ihre Gegnerin aus. Nun gibt es für Warren keine Perspektive mehr. Er wird zum ewigen Schachspielen verdonnert, was besonders ironisch ist: Er hat sie zum Schachspiel animiert.

Der Verlauf der beiden konkurrierenden Beziehungen Warren & ANNE sowie Warren & Gaia spiegelt den historischen Verlauf (die Autorin ist Geschichtslehrerin gewesen) der Menschheitsgeschichte wider: von der Gemeinschaft mit Gaia weg zu einer Symbiose mit der Technik, deren Knecht und Gefangener der Mensch letzten Endes wird. Die Reiseszenen auf dem Floß erinnern in gewisser Weise an die Reiseszenen in Cherryhs Kurzroman „Hestia“ (dt. als E-Book).

Die Übersetzung dieser Novelle erschien 1990 in der Moewig-Anthologie „Kopernikus 15“ von Hans-J. Alpers unter dem Titel „Gefährten“. Ich fand dort zahlreiche Druckfehler.

4) A Thief in Korianth (1981)

Die zwölfjährige Gillian und ihre jüngere Schwester Jensy bestreiten ihren Lebensunterhalt als Diebinnen, was in Korianth, einem schäbigen Venedig, wie überall sonst eine riskante Betätigung ist. Gillian hat auch Erfahrung wie auch Kontakte in der Bordellszene und vertraut ausgerechnet der Tempelhure Sophonisba ihre jungfräuliche Schwester an. Ob das ein kluger Schachzug war, wird sich noch erweisen.

Die Beute an diesem Tag ist äußerst mager, denn alle Händler sind schwer bewacht. Erst am späten Nachmittag taucht unerwartet ein Fremder auf – leichte Beute? Kaum hat Gillian ihm den Geldbeutel abgeschnitten, als schon seine Leibwache hinter ihm her ist. In ihrem Versteck prüft sie, was sie das erbeutet hat: ein Siegel, ein Pergament und drei Silberstücke. Na, immerhin. Aber was soll der Aufstand im Viertel?

Sie holt Jensy und schleicht nachts ins verrufenste Viertel: den „Abfluss“. Hier lebt Nessim, ein ehemaliger Priester und Kleinmagier. Er wenigstens kann lesen. Das Siegel identifiziert er ein Maskensiegel, was nichts Gutes verheißt, denn man es nur, um dunkle Machenschaften zu verbergen. Das Pergament verspricht einem Tempel die Spende von nicht weniger als 20.000 Goldstücken. Da horcht Gillian auf. Entgegen Nessims Rat, dieses gefährliche Zeug, das bestimmt schon gesucht wird, in den nächsten Kanal zu werfen, macht sich die Diebin auf die Suche nach einem Käufer…

Mein Eindruck

Gillian gerät an genau den Richtigen: den bis dato den Nachstellungen des verrückten Königs entgangenen Thronerben. Osric hat sich jedoch mit Assassinen und Leibwächtern umgeben, ja, verfügt sogar über einen eigenen Magier. Mit dieser potenziellen Unterstützung im Rücken unternimmt es Gillian, es mit den Entführern ihrer Schwester und den eigentlichen Drahtziehern der ganzen Siegel-und-Pergament-Aktion aufzunehmen. Dabei spielt Nessim eine unerwartet wichtige Rolle.

Bis zuletzt bleibt das archaische Geschehen spannend und voller Wendungen. Das Überraschendste ist dabei nicht das Auftauchen von König und Prinz, sondern die Selbstbehauptung des zwölfjährigen Mädchens Gillian, das sich allen entgegenstellt, um ihre Schwester zu retten. Tempel mit Schlangengöttern – die kennt man ja aus Conan-Geschichten (und -filmen) sowie aus „Indiana Jones und der Tempel des Todes“. Für entsprechenden blutigen Grusel ist also ebenfalls gesorgt.

Gillian ist natürlich alles andere als ein axtschwingender Muskelprotz wie Conan. Sie versucht lediglich zu überleben. Ihre Stärke: Sie erfährt Solidarität und zweckgerichtete Unterstützung. Am Schluss ist sie sogar keck und flink genug, den Assassinen des Prinzen auszutricksen und zu verspotten: Sie bezahlt ihn mit einem prinzlichen Goldstück.

Englischniveau

Die einzige Schwierigkeit an diesem Originaltext ist das ebenso archaische Englisch, das die Autorin mit voller Absicht verwendet. Wer jedoch schon einmal das englisch Original von Tolkiens „Lord of the Rings“ bewältigt hat – eine formidable Leistung -, der kann es auch mit „Thief in Korianth“ aufnehmen.

Diebeswelt

Der Text ist mutmaßlich ein Beitrag zur Diebeswelt-Serie, mit denen Robert Asprin mehrere Themen-Anthologien bestritten. Profis wie Poul Anderson und Marion Zimmer Bradley waren sich nicht zu schade für einen Beitrag dafür. Cherryh lieferte mehrere Geschichten um die Zauberin Ischade.

5) The Last Tower (1982)

Der letzte, alte Zauberer erklimmt mühselig die Treppe zu Spitze des letzten Turms. Im Arm trägt er schützend einen Igel und einen Siebenschläfer. Aus dem Fenster blickend erfüllt ihn Schrecken und Trauer. Ringsum erstreckt sich schwarz das verbrannte Land, den der Krieg zwischen den Armeen übriggelassen hat. Ach, hätte er doch nur einen Spruch starker Magie, um dem Grauen ein Ende zu bereiten!

Doch er sei schon immer ein Faulenzer und Feigling gewesen, erinnert er sich an die Worte seines Lehrers. Als dann ein Herold und ein Fürst an seine Tore klopfen, zittert er schon vor dem, was sie garantiert wollen: Er soll ihnen den Turm übergeben. Sie nennen ihn einen alten Schwindler! Er würdigt sie keines Wortes und stürzt trotzig in seine Bibliothek, um den Folianten mit den stärksten Bannsprüchen hervorzukramen. Doch alles, was er zustande bringt, ist eine schöne, zarte Frau, die ganz in Weiß gekleidet ist.

Er schickt sie weg. Ein Drache, ein Elementargeist, so etwas könnte er gut gebrauchen. Doch sie lächelt geheimnisvoll und bleibt. Eine zarte Berührung ihres Fingers, und er fällt in Schlaf. Der ganze Turm verfällt in Schlaf, und ein lautloses Rieseln von Schnee setzt ringsum ein. Aus dem schwarzen wird allmählich weißes Land, das vor Eisjuwelen wunderschön funkelt. Der Schnee legt sich auf alles, wie ein Leichentuch…

Mein Eindruck

Wenn am Ende jede Hoffnung verloren ist, findet man vielleicht nicht das, was man gewollt hat, sondern genau das, was man braucht. Diese alte Weisheit wird hier auf sehr anrührende und wirkungsvolle Weise in Szene gesetzt. Die schöne, zarte Frau mit den Juwelen ist natürlich eine Verkörperung des Todes.

Von großem Interesse fand ich die Anmerkung der Autorin (in einem der Zwischentexte), was sie erlebte, als sie diesen Text erstmals irgendwo in Missouri laut vortrug. Am Schluss fragte sie sich, ob ihre Zuhörer alle von Magie befallen worden seien, so still waren sie…

6) The Brothers (1986)

In den bergigen Hügeln von Eirann liegt das grüne Tal von Dun Gorm. Hier regiert König Cinnfhail mit seiner Familie in Frieden mit den Sidhe, um Pferde zu züchten. Doch eines Tages nimmt der König mit seinem zweiten Gesicht schlimme Vorzeichen wahr und vernimmt das Klagelied der Todesfee. Ein wandernder Fremder kommt ins Tal und erbittet Obdach vor dem Regen. Da das Schicksal unabwendbar ist, wie Cinnfhail weiß, bittet er den Fremden zu Tisch.

Nach einer Weile stellt sich der Wanderer vor. Er nennt sich Caith Mac Gaelan, der totgeglaubte Sohn des rechtmäßigen Herrschers von Dun Mhor, die hinter dem Sidhe-Wald auf dem Land des Nachbarreiches liegt. Er sei gekommen, um den Thronräuber und Mörder seines Vaters, dessen Bruder Sliabhin, zu töten und so seinen Vater zu rächen. Natürlich erhofft er den Beistand von König Cinnfhail, denn dies scheint ein gerechtes Anliegen zu sein. doch er wird bitter enttäuscht: Der König verweigert ihm den Beistand, sondern erlaubt ihm lediglich ein Pferd seiner Wahl und Proviant. Caith wählt des Königs eigenes Pferd Dathuil.

Bevor er aufbricht, gibt ihm der König noch weitere bittere Pillen zu schlucken. Denn Caith sei nicht der rechtmäßige, wenn auch an einen Onkel gegebenen Sohn Gaelans, sondern der leibliche Sohn des Thronräubers Sliabhin selbst. Schuld daran ist Königin Moralach selbst, der Cinnfhail Königin bei seiner Geburt half. Und Caith sei nicht etwa das Resultat einer Vergewaltigung, sondern der Untreue der Königin. Wenn Caith also Sliabhin erschlüge, so würde er zum Vatermörder – und dergleichen würden niemals und nirgends Frieden finden. Außerdem sei Moralachs zweiter Sohn, Brian, sein Bruder.

Caith reitet nach Dun Mhor, doch auf dem Weg gerät er in den Sidhe-Wald. Der Harfner, der an einem Lagerfeuer sitzt, sieht harmlos aus, doch sein dunkler Begleiter ist es nicht. Sie sind Sidhe und verfügen über Magie. Der Dunkle, ein Puka, kann sich in ein Pferd verwandeln. Beide erkennen sofort Dathuil, König Cinnfhails Pferd: Sie haben es ihm geschenkt. Deshalb fordern sie es zurück. Wie sich zeigt, hat Caith ihnen nichts entgegenzusetzen. Doch man kann mit dem Feenvolk handeln. Nach einigem Hinundher willigen sie ein, ihm bei der Eroberung Dun Mhors zu helfen – gegen etliche Zugeständnisse. Der Puka trägt ihn auf Pferderücken durch den Wald, bis sie zur Burg gelangen.

Unterdessen ist es Cinnfhails Sohn gelungen, 20 Männer um sich zu scharen und seinen Vater für seinen Plan zu gewinnen, Caith beizustehen. Obwohl sein Vater seinen Tod voraussieht, ist doch der Ausgang nie gewiss. Und ganz besonders dann, als Raghallach unter den Bann der Sidhe gerät…

Mein Eindruck

Diese Novelle ist meines Wissens nur in diesem Band – und erstmals – veröffentlicht worden, also ein kleines Juwel für Sammler. Das inhaltliche Hauptmotiv ist, wie der Titel schon andeutet, das der Brüder. Es geht um die Wahrnehmung der wahren Verhältnisse zwischen Brüdern. Caith muss einen schmerzhaften Prozess der Umorientierung erleben, als er Sliabhin, seinen leiblichen Vater, kennenlernt. Der denunziert seinen Bruder Gaelan, Caiths angeblichen Vater, als Schurken. Das war zu erwarten. Caith muss die Wahrheit herausfinden.

Das zweite Brüderpaar sind Caith und sein jüngerer Bruder Henry, den er bisher noch nie gesehen hat. Henry scheint es nicht gut zu gehen, denn er wird wie ein Gefangener auf Burg Dun Mhor gehalten. Bis Caith Henry befreien kann, muss er einige Action und etliche Händel mit den Feen bewältigen. Die Frage ist, ob er diese Konflikte lebend übersteht. Fortwährend lassen sich die Feen mit seelischen Eigenschaften der Menschen bezahlen oder bestechen. Nur gegenüber Menschen wie König Cinnfhail, die ihnen freundlich gesonnenen sind, erweisen sie sich als großzügig, etwa mit einem geschenkten Elfenpferd wie Dathuil. Am Schluss bieten sie Caith schon wieder einen hinterlistigen Plan an: eine schöne Zukunft für die Leute auf Burg Dun Gorm…

Die Novelle ist flott zu lesen, doch muss sich der Leser eine Menge Namen merken. Die Magie der Elfen ist ebenfalls gewöhnungsbedürftig und ähnelt jener in der FORTRESS-Romanserie (siehe meine Berichte): Die Wahrnehmung von Raum und Zeit wird manipuliert. Für unintelligente Menschen kann dies sehr riskant sein. Zum Glück gehört Caith nicht dazu. Sein Schicksal und weitere Abenteuer werden in dem Roman „Faery in Shadow“ erzählt, der ca. 1994 veröffentlicht wurde, also acht Jahre nach dieser Novelle.

Unterm Strich

Dieser bislang unübersetzte Story-Band enthält einige der besten Arbeiten der „frühen“ Cherryh. Für SF-Leser ist der Gehalt an Fantasy unerwartet hoch, so etwa „The Brothers“, „A Thief in Korianth“, „The Last Tower“ und möglicherweise „Cassandra“. Nicht, dass die Fantasy-Stories schlecht wären, ganz im Gegenteil.

Die Umschlagillustration suggeriert zwar Science Fiction, doch der Inhalt steht im Widerspruch dazu. Die Rechtfertigung für das Cover bildet lediglich der narrative Rahmen: eine Reihe von Dialogen zwischen der Autorin und einem Passagier an Bord eines Raumschiffs: „C. J. Cherryh’s Private Spaceship“ tönt es vom Titelbild. Hauptthema dieser Dialoge sind Fragen wie „Wo kriegen sie bloß Ihre abgefahrenen Ideen her?“

Es ist quasi ein FAQ in Dialogform. Die Autorin argumentiert u.a. dadurch, dass sie die Erzählungen als Beweis anführt. Q.E.D. Meiner Ansicht nach hätte man sie auch weglassen können. Im Hinblick auf das durchgehende Thema „Wahrnehmung“ und „Täuschung“ bildet schon der Buchtitel „Visible Light“ eine ironische Irreführung.

Unterm Strich bleibt dieser unübersetzte Band ein gesuchtes Sammlerstück – für Leute, die Englisch gut genug beherrschen.

Taschenbuch: 348 Seiten
Sprache: Englisch
Originaltitel: Visible Light, 1986
ISBN-13: 978-0886771294

DAW Books

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