C. J. Cherryh – The Dreaming Tree (Ealdwood 1+2)

Bewegende Elben-Fantasy: Kampf gegen den Dunkelelf

Der Fantasy-Roman „The Dreaming Tree“ stellt die zusammengefasste und geänderte Ealdwood-Duologie dar. In dieser Ausgabe wurden Unstimmigkeiten beseitigt und ein neuer Schluss angefügt. Bei uns erschien der Doppelroman in folgenden Ausgaben:

– „Der Stein der Träume“ (The Dreamstone, 1983, dt. 1985)
– „Der Baum der Schwerter und Juwelen“ (The Tree of Swords and Jewels, 1983, dt. 1988)

Die Autorin

Caroline Janice Cherryh, geboren 1942 in St. Louis, ist von Haus aus Historikerin und lebt in Oklahoma. Cherryh, die vor allem für ihre Science Fiction bekannt ist, erhielt schon 1980 ihren ersten Science-Fiction-Preis, den Hugo Gernsback Award, für ihre umwerfende Novelle „Kassandra“***. 1983 folgte der zweite HUGO Award für „Pells Stern“ (Downbelow Station), später ein weiterer für „Cyteen“. Beide Romane gehören zu ihrem Allianz-Union- bzw. PELL-Zyklus, der eine Future History darstellt, wie sie schon von Robert A. Heinlein oder Isaac Asimov geschaffen wurde. Über Cherryhs Fantasy schreibe ich ein paar Worte am Schluss dieses Berichts („Lesetipps“).

***: Die Story ist jetzt im Sammelband „The short fiction of C.J. Cherryh“ (Januar 2004) zu finden.

Handlung von „The Dreamstone“

Es ist eine Zeit des Übergangs in der Frühzeit der Welt. So wie das Zeitalter des Eisen beherrschenden Menschen anbricht, so muss das Zeitalter der zaubermächtigen Elben vergehen. Nur noch an einem Ort auf der Welt existieren Elben, im magischen Eald-Wald nahe der See. Der von unheimlichen Wesen bewohnte und belagerte Wald bedeckte einst die gesamte Welt, doch nun ist nur noch ein letztes kleines Stück übriggeblieben. In seinem Mittelpunkt steht der „Baum der Schwerter und Juwelen“, der mit den Traumjuwelen des davongegangenen Elbenvolkes geschmückt ist. In den Juwelen, den Traumsteinen, sind die Erinnerungen der Angehörigen ihres Volkes eingefangen.

Hier lebt die düstere letzte Elbenkönigin Arafel. Sie allein ist von ihrem Volk, den Dione Sidhe, geblieben, weil sie die Erde mehr liebt, als sie die Menschen fürchtet. Sie bewacht die Grenzen ihres Refugiums, und so vertreibt sie auch einen einsamen Krieger, der am Rande des Waldes Fische fängt und ein Feuer macht. Es ist Niall Cearbhallain (ausgesprochen „ker’valin“), ein Kämpfer des Königs.

Doch sein rechtmäßiger König wurde vom Usurpator Evald in der Schlacht an der Eschenfurt geschlagen und getötet, sodass Cearbhallain und Seinesgleichen fliehen mussten. Arafel zeigt ihm einen Fluchtweg, der durch die Berge in ein geschütztes Tal führt. Auf dem Gutshof von Beorc und seiner Frau Aelfraeda haben sich weitere Flüchtlinge eingefunden, die versuchen, hier nicht nur äußeren, sondern auch inneren Frieden zu finden. Cearbhallain richtet sich hier so gut es geht ein, obwohl er zunächst Ärger mit einem Kobold hat.

Dieser ‚Braune Mann‘ namens Gruagach (ausgesprochen „gru:gi“) ist ein pelziger kleiner Troll, der sich der Aufgabe gewidmet hat, jeder Kreatur in Not zu helfen, hauptsächlich dadurch, indem er ein kleines Stück Land existent hält, das ein Bindeglied zwischen der Menschenwelt und der Elfenwelt Faerie bildet: Beorcs Gehöft. Sein kleines verborgenes Tal, in dem Cearbhallain Zuflucht gefunden hat, kann von Tieren wie von Menschen gefunden werden. Das Tal bildet den Schauplatz für einen Teil der Handlung im ersten Buch „The Dreamstone“.

Doch hier taucht nach ein paar Monaten oder Jahren – Zeit spielt keine Rolle – Kevin, ein früherer Gefolgsmann seines Lords Cearbhallain, auf und bittet diesen, zurück zu den versprengten Kämpfern zu kommen und den noch kindlichen Thronerben zu beschützen. Niall Cearbhallain jedoch weigert sich. Selbst als der Harfner Fionn hierher vor den Häschern Evalds flüchtet und so Niall an die Not im Land erinnert, verlässt Niall das Tal nicht. Doch Kevin folgt Fionn zurück.

Fionn muss vor König Evalds Wut erneut fliehen, diesmal stolpert er in Arafels Waldreich. Weil er die den Elben heilige Harfe spielt, nimmt sie ihn auf, muss aber Evald einen hohen Preis entrichten: ihren Traumstein. Durch diesen ist sie nun mit Evalds Bewusstsein verbunden und nimmt das Elend, das der Krieger verbreitet, wahr. Die Lage spitzt sich zu, als Evald den Eald-Wald abzuholzen beginnt. Fionn bietet Evald seine Harfe im Tausch gegen den Traumstein, muss dies aber mit dem Leben bezahlen. Nun bleibt Arafel nichts anderes übrig, als sich Evald selbst entgegenzustellen…

Die zweite Episode von „The Dreamstone“ spielt etliche Jahre danach. Nialls Ziehsohn, der ebenfalls Evald heißt, hat mit dem gegenwärtigen König eine siegreiche Schlacht gegen die An Beag und Bradhaeth geschlagen und will nun nach Hause zur Burg Caer Wiell, um sie vor den abziehenden Feindeshorden zu schützen. Diese Bitte schlägt ihm der König jedoch ab, denn er fürchtet Jung-Evalds wachsende Konkurrenz. Diese Weigerung erweist sich als ziemlich fatal.

Lediglich einen Boten, der sich freiwillig gemeldet hat, entsendet der König, um die Besatzung von Caer Wiell zum Durchhalten aufzurufen. Es ist der junge Kämpfer Ciaran von der Burg Caer Donn. Doch als er von An Beag bedrängt wird, flüchtet er in den magischen Ealdwald, wo ihn nur eine vor dem herumstreifenden Tod, der ihn sucht, zu retten vermag: Arafel.

Als Schutztalisman vor Tod und anderen Bedrohungen gibt sie ihm einen mächtigen Traumstein, den des Elbenfürsten Liosliath (ausgesprochen „liess-lia“). In Caer Wiell gelingt es ihm nun zwar, neue Hoffnung zu verbreiten und das Herz von Evalds Tochter Branwyn zu gewinnen, doch der im Stein gefangene Geist des Elbenfürsten bedrängt ihn mit furchtbaren Träumen. Als die feindlichen An Beag die Burg bestürmen, vermag Ciaran keinerlei Eisen zu tragen noch zu führen. Das verrät ihn als einen Angehörigen des Schönen Volkes und stellt seine Loyalität und Glaubwürdigkeit in Frage. Vielleicht sind der König und der Burgherr schon längst unter der Erde?

Als das Burgtor nachzugeben droht, greift Ciaran zum letzten Mittel, um seine eigene Ehre, seine Liebe und das Leben der Menschen um ihn herum zu schützen: Er muss Arafels Hilfe herbeirufen und zu einem Elbenfürsten werden. Zumindest für diesen Tag, denkt er. Doch der Preis der Verwandlung ist hoch, als die Entscheidungsschlacht entbrennt.


Handlung von „The Tree of Swords and Jewels“

Die zweite Romanhälfte schildert Arafels Kampf gegen ein böses Wesen, das alles bedroht, was sie zu erhalten versucht und was der Mensch aufgebaut hat: den Höllengeist Duilliath und seine Kreatur, einen Drachen.

Arafel sieht mit prophetischem Blick die drohende Gefahr für den menschlichen Lord Ciaran, seine Frau Branwyn und seine Kinder Kelly und Maeve voraus. Sie warnt ihn vor dem betrügerischen königlichen Bruder Donnchad von Caer Donn, der vom Höllengeist Duilliath aus Arafels eigenem Geschlecht der Sidhe beherrscht wird. Als Schutz gibt sie ihm – wie schon im ersten Teil – einen Traumstein als Schutz, mit dem er die Elben zu Hilfe rufen kann, wenn es an der Zeit ist. Denn Ciaran ist selbst zur Hälfte elbischer Abkunft. Er wuchs in der Burg Caer Donn auf, einer alten Festung der nun entschwundenen Elben.

In diesem Band stehen besonders die beiden Geschwister Kelly und Maeve im Mittelpunkt des aus ihrer Perspektive erzählten Geschehens. So erscheint beispielsweise Arafel in einer wunderbar erzählten Szene im Speisesaal von Ciarans Familie. Zahlreiche Ängste und Befürchtungen brodeln unter der Oberfläche: Wird die Elbin einen Zauberbann entfesseln? Aber nein. Arafel ist viel zu freundlich für so etwas. Sie gibt den beiden Kindern lediglich zwei Blätter vom wichtigsten Baum im Zauberwald. Dann verschwindet sie. Durch diese beiden unscheinbaren Blätter verändert sich die Wahrnehmung der beiden Geschwister unmerklich: Sie erhalten Einblick auf die höhere Ebene der Welt, auf der die Elben und ihre Widersacher zu erkennen sind. Der Grugi beschützt sie vor mancher Gefahr, die an den Rändern Ealdwoods lauert.

Als ihr Vater Ciaran gemäß den Warnungen Arafels gen Caer Donn reitet, gerät er in eine unheimliche Gegend. Im Bergtal schimmert ein trügerisch still daliegender See, unter dem sich etwas Furchtbares verbirgt. Bald wird er herausfinden, um was sich dabei handelt. Ciaran begibt sich nicht selbst in die Burg, denn das wäre zu riskant – wer weiß, was ihn dort erwartet. Er tut gut daran, nur seine Vettern vorzuschicken. Sie geraten nachts in einen Hinterhalt, denn Caer Donns Burgherr, Ciarans Bruder, gehorcht nicht mehr dem König, sondern einem bösen Dunkelelf: Duilliath. Sein Name bedeutet „Schattenblatt“.

Als Ciarans Mannen aus der Burg fliehen, kommt es zum Gefecht zwischen Duilliath und Arafel, die dazwischentritt. Doch Arafel muss verwundet zurück in den Eald-Wald fliehen, während Ciaran rasch den Rückzug antritt und seine Burg Caer Wiell alarmieren lässt.

Und dann bricht eine Katastrophe über die Welt herein, als die Männer von Caer Donn in die Täler ziehen, um Krieg zu führen. Aus dem unheimlichen See bricht Duilliaths Kreatur hervor: ein Drache, genannt Nathair Sgiathach (ausgesprochen „neijer skeijak“). Der Name bedeutet „geflügelte Schlange“ und verbreitet Angst und Schrecken unter den Feinden Duilliaths. Eine Schlacht entbrennt um Caer Wiell. Fällt die Burg mit ihre elbenfreundlichen Bewohnern, hat auch der Eald-Wald keine Zukunft mehr.

Was können Arafel und Lord Ciaran gegen das Böse unternehmen? Sie rufen die Hilfe der entschwundenen Elbenkrieger herbei. Denn der Jäger Tod wittert bereits reiche Beute. Werden die elbischen Krieger es mit Duilliath und dem Drachen aufnehmen können?

Mein Eindruck

Es gibt nur wenige Fantasy-Bücher, die derartig bewegend wie die Ealdwood-Duologie sind. Cherryh erzeugt eine tiefe elegische Stimmung, wenn sie vom Kampf der letzten Unsterblichen in der Menschenwelt erzählt, mit glaubwürdigen Charakteren und einer spannenden Handlung. Dabei stehn aber stets auch die jungen Menschen – so etwa Kelly und Maeve – im Vordergrund, denn trotz der Thematik ist „The Dreaming Tree“ vor allem ein Jugendroman.

Deshalb soll man nicht meinen, die Autorin schwelge in melancholischen Stimmungsbildern. Ganz im Gegenteil treibt sie die Handlung ständig voran, in der ersten Hälfte noch mehr als in der zweiten. Stets steht das Schicksal eines Mannes (Cearbhalain, Evald, Ciaran) auf dem Spiel, und mit ihm verbunden sind das Schicksal seiner Familie und des Königreiches. Das Königreich steht stellvertretend für eine Welt der Ordnung. Doch der König selbst erscheint stets im zwielicht zwischen Eigeninteresse und als Spielball seiner Berater. Das Königreich ist stets ein Terrain der Unsicherheit, und ihm stehen zwei Welten der Sicherheit gegenüber, die beide in ihrer Existenz bedroht sind: Ealdwood und Caer Wiell.

Während in der „Dreamstone“-Episode „Der Gruagach“ die Elbenfürstin Arafel noch als rettender Schutzgeist auftritt, greift sie in der zweiten Episode „Die Sidhe“ als mentale Gewalt direkt in das Geschehen ein. Dabei springt sie zwischen der Weltebene der Menschen und dem „Anderswo“ der Elben hin und her, sodass sie unangreifbar und unverletzbar ist.

Der Einzige, der sie herauszufordern vermag, ist der Jäger Lord Tod mit seinen Schattenhunden. Ständig muss sie mit ihm einen Kuhhandel abschließen, um ihre Ziele realisieren zu können. Und selbst der Sieg über die feindlichen An Beag und ihre magischen Schattenkreaturen ist teuer erkauft, denn nun hat Arafel die bösen Geister der Tiefen geweckt.

Das rächt sich in der zweiten Romanhälfte „The tree of swords and jewels“. Hier erweisen sich die Elben nicht als reines Lichtvolk, wie Tolkien sie hinstellt, sondern sie haben wie beiden Kelten auch eine finstere Seite. Diese verkörpert der Dunkelelf Duilliath, der den Herr von Caer Donn in seiner Gewalt hat und über einen Drachen gebietet.

Die Legenden und Mythen, die in die Geschichte eingebettet sind, fand ich ebenso faszinierend, wie ich die Handlung spannend fand. Die zwei Bände wurden in den deutschen Ausgaben „Stein der Träume“ und „Der Baum der Schwerter und Juwelen“ von John Stewart hervorragend illustriert.

Von schwierigen Namen

Der Doppelroman könnte sich als ein wenig sperrig erweisen, denn die keltischen, walisischen und altenglischen Namen sind etwas schwierig auszusprechen. Die Namen werden jedoch im Anhang ebenso erklärt wie ihre Aussprache. Zahlreiche keltische Namen wie etwa Lesley (von Liosliath) oder Duncan (von Donnchad) sind in der englischsprachigen Welt weit verbreitet.

Unterm Strich

Wer stimmungsvolle Elben-Fantasy sucht, die auf düstere Action nicht verzichtet, ist hier genau richtig. Auch junge Leser um zwölf Jahre werden davon angesprochen, denn sie können sich mit Kelly und Maeve identifizieren, aus deren Blickwinkel der zweite Teil zu einem großen Teil erzählt wird.

Alle Figuren entwickeln sich bei Cherryh weiter, und zwar manchmal in unvorhergesehene Richtungen. Aber wo Menschen mit Elben interagieren, können Folgen für beide Seiten nicht ausbleiben. Das ist auch in Tolkiens „Herr der Ringe“ nicht anders. Sowohl Arwen als auch Arafel sehen sich der Gefahr der Sterblichkeit gegenüber und müssen wählen.

Würde man jedoch Lord Ciaran, den Träger eines mächtigen Traumsteins, mit König Aragorn, den Träger von Barahirs Rring und Arwens Juwel, vergleichen, so würde man verblüffende Ähnlichkeiten feststellen. Beide sind zeitweise verfolgte Führer ihres Volkes und sehen sich in Albträumen harten Anfechtungen gegenüber.

Dabei verändert sich Ciarans Bewusstsein stärker als das Aragorns, denn er gleitet – zum Leidwesen seiner Angehörigen – zunehmend in das Anderswo der Elbenwelt hinüber, wohingegen Aragorn an weltlicher Macht zugewinnt. Dank des Elbenschwerts Andúril gebietet er sogar den Toten. Es verändert aber nicht sein Bewusstsein, sondern ein Symbol der Herrschaft des rechtmäßigen Herrschers über die abtrünnigen Verräter. (Das Buch ist in dieser Hinsicht viel komplexer als der verdichtende Film von Peter Jackson.)

Die Autorin hat den Schluss des überarbeiteten Doppelromans „The Dreaming Tree“ verändert, sodass nun ein positives Ende den Leser erfreut. In meiner Bibliothek hat „The Dreaming Tree“ einen Ehrenplatz.

Taschenbuch: 464 Seiten
Sprache: Englisch

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)