John Flanagan – Die Ruinen von Gorlan (Die Chroniken von Araluen 1)

Bewährung und Ehre unter Waldläufern

Sein ganzes Leben hat der 15-jährige Waisenjunge Will davon geträumt, ein Ritter zu werden wie sein Vater. Weil er aber zu klein und schmächtig ist, wird er dem geheimnisvollen Waldläufer Walt als Lehrling zugeteilt. Als das Königreich Araluen von einem alten Feind und dessen ungeheuerlichen Kreaturen angegriffen wird, muss Will sich bewähren und stellt fest, dass das Leben eines Waldläufers viele Herausforderungen, aber auch besondere Möglichkeiten birgt …

Der Autor

John Flanagan arbeitete als Werbetexter und Drehbuchautor, bevor er das Bücherschreiben zu seinem Hauptberuf machte. Den ersten Band von „Die Chroniken von Araluen“ schrieb er, um seinen 12-jährigen Sohn zum Lesen zu animieren. Die Reihe eroberte in kürzester Zeit die Bestsellerlisten in Australien.

Handlung

In der Burg des Barons von Redmont sind eine Reihe von Waisenkinder aufgenommen. Die Mündel des Barons erleben heute einen wichtigen Tag, der den Rest ihres Lebens bestimmen wird: den Tag der Auswahl. Einige von ihnen, wie etwa die kluge Jenny oder der starke Horace, haben sich schon vorbereitet, doch der 15-jährige Will ist etwas zu klein und schmächtig, um sich wie Horace fürs Heer zu qualifizieren. Trotzdem will er unbedingt zur Armee, um sich seines Vaters, der, wie der Zettel in Wills Findelkorb besagte, „ein Held“, war, würdig zu erweisen. Will stellt sich seinen Vater als Ritter in schimmernder Rüstung vor. Doch seine Mutter starb im Kindbett, so dass er sie nie kennen lernte.

Die Zunftmeister treten ein, um ihre Wahl unter den vom Baron angebotenen Findelkindern zu treffen. Der gewitzten Jenny gelingt es, das Interesse des gestrengen Küchenmeisters zu gewinnen, und Horace ist ganz offensichtlich ein starker Kämpfer, den Sir Rodney gerne nimmt. Auch die anderen werden verteilt, aber was ist mit Will? Sir Rodney lehnt ab, und alle anderen ebenso. Da tritt ein Mann vor, den Will bislang kaum bemerkt hat: Walt der Waldläufer. Er übergibt dem Baron ein Blatt Papier und dieser entscheidet, sich am nächsten Tag über Wills Auswahl äußern zu wollen.

Die Neugier zerfrisst Will das Herz. Er muss unbedingt wissen, was in dem Papier steht, das über seine Zukunft entscheidet. Flink wie ein Affe erklettert er in einem unbewachten Augenblick nachts den Turm des Barons und steigt in dessen Schreibstube. Kaum will er das besagte Papier ergreifen, wird sein Handgelenk von einem eisernen Griff gepackt! Es ist Walt der Waldläufer, der Will auf frischer Tat ertappt hat. Die ganze Zeit hat er im Halbdunkel auf ihn gewartet, getarnt von seinem speziell gefärbten Umhang, der ihn absolut unsichtbar macht.

Da Walt noch nie ein Freund vieler Worte war, bringt er Will schnurstracks zum Baron. Hier stellt sich heraus, dass alles eine Probe war. Offensichtlich ist Will ausgezeichnet geeignet, um Walts Lehrling zu werden! Gesagt, getan – der Baron gibt seinen Segen und kann weiterschlafen. Doch Will hat sich am nächsten Morgen bei Walts Hütte im nahen Wald einzufinden.

Lehrzeit

„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, bekommt jeder Lehrling seit grauer Vorzeit als Erstes gesagt, und so darf es wohl kaum verwundern, dass auch Wills Zeit als Lehrling sich in keiner Weise vom Dienst anderer Möchtegernmeister unterscheidet: Putzen, Kochen, Nähen – alles schon gehabt. Doch dann wird’s langsam interessant. Superscharfe Messer, ein äußerst effektiver Bogen mit scharfen Pfeilen. Und als Krönung bekommt Will ein eigenes Pferd, das nur auf seine geheime Parole hört: Reißer. Es ist zwar nur ein Pony, doch an Klugheit und Ausdauer lässt es jedes Schlachtross alt aussehen.

Dass nur Übung den Meister macht, versteht sich von selbst: Bogenschießen, Anschleichen, Unsichtbarmachen, Fährtenlesen – das volle Programm, das aus einem unbedarften Zivilisten einen kombinierten Jäger/Agenten/Polizisten und vieles mehr macht. Will denkt zwar noch manchmal an seinen Vater und häufig an seine Freunde, doch es gibt immer was zu tun im Wald. Und Walt, der schon langsam grauhaarig wird, ist alles andere als gesprächig, so dass sich Will oft mit Übungen beschäftigt.

Bewährungsproben

Eines Tages verirrt sich ein wilder Eber in Walts und Wills Wald. Walt lässt sofort den Baron benachrichtigen. Als die Ritter aufkreuzen, kann die Jagd losgehen, und unter den Helfern der Ritter ist auch – welch eine Ehre – der junge Soldat Horace. Doch so ein Eber ist ein heimtückisches Vieh, und dieser bildet keine Ausnahme. Von den Hunden aus dem Dickicht getrieben, greift er in rasendem Tempo die Jagdgesellschaft an. Ein junger Ritter erlegt ihn mit einem Stich seiner „Saufeder“ genannten Lanze. Doch unerwartet greift ein zweiter Keiler an! Man hat ihn glatt übersehen und alle sind unvorbereitet. Horace stellt sich dem Keiler in den Weg, der die Ritter angreift, und lenkt ihn ab. Dann versucht Will, seinen Freund zu schützen. Beide werden zu Zielen des Ungetüms …

Von da ab sind Horace und Will die besten Freunde. Als Horaces Widersacher in der Armee, drei Rabauken, auch Will angreifen, sorgt der unerwartet auftauchende Walt dafür, dass es zu einem fairen Kampf kommt. Horace erhält endlich Gelegenheit, sich an den piesackenden Rabauken zu rächen. Fortan fühlt er sich endlich wohl in der Armee und seine Schulnoten bessern sich. Will ist froh, dass er ihm helfen konnte. Und er ist stolz auf Walt, dass der den beiden Lehrlingen half.

Der Krieg

Baron Morgarath wurde vor 15 Jahren von seinem Lehen Gorlan vertrieben, denn er rebellierte gegen den König von Araluen. Doch anders als das Volk gemeinhin glaubt, ist er keineswegs tot, sondern hat sich nur in die südlichen Berge von Regen und Nacht zurückgezogen. Hier hat er sich die tumben Wargal-Ungeheuer zu Dienern herangezogen und zwei besonders schreckliche Ungeheuer ausfindig gemacht: die Kruls, eine Mischung aus Riesenaffe und Bär, deren Blick wie der des Basilisken das Opfer erstarren lässt. Diese Kruls schickt er nun aus, um nacheinander die Elite von Araluen auszulöschen und Chaos zu schüren.

Seine nächsten Ziele sind klar: Der Feldzug, den er mit den Wargals und den Kriegern des Nordens beginnt, richtet sich gegen Araluen. Doch vorher haben seine Kruls noch eine offene Rechnung zu begleichen, mit einem gewissen Waldläufer, der von dieser Gefahr noch nichts ahnt …

Mein Eindruck

Der Autor hat diesen spannenden und farbig erzählten Roman für seinen zwölfjährigen Sohn Michael geschrieben, um ihn zum Lesen anzuregen. So darf es nicht verwundern, dass die Anliegen, die Jugendliche bewegen, in besonderer Weise berücksichtigt werden. Wo ist mein Platz in der Welt, fragen sie sich, und grübeln über Herkunft und Zukunft nach. Genau das tut auch Will, der jugendliche Held des Romans.

Hätten wir nicht alle gerne eine Art Ritter in schimmernder Rüstung zum Vater, einen bewundernswerten Helden, der unserer Liebe würdig wäre? Leider ist das Leben reichlich arm an Rittern, was mal wieder beweist, dass es in der Welt, anders als in den Geschichten, meist ziemlich prosaisch zugeht. Wenn Papi schon mal ein Ritter sein sollte, dann meist einer mit einem dicken Bankkonto und einer Platinkreditkarte.

Dass man auch als Waldläufer, der meist unsichtbar ist, ein aufregendes Leben führen kann, kommt den meisten Menschen gar nicht in den Sinn. Und dass man in diesem Leben auch noch ehrenvolle Taten vollbringen kann, für die man vom Landesherrn ausgezeichnet wird – kann ja wohl nicht sein, oder? Ist aber so.

Genau das will der Autor wohl mit seinem Roman ausdrücken. Und er tut dies auf eine raffiniert erzählte Weise. Den Anfang des Figurenreigens macht nicht der Held, sondern der Schurke im Stück. Auf diese Weise entsteht die Spannung, die das ganze Stück, wenn nicht sogar die Trilogie, durchzieht, denn irgendwann muss es zu einer Begegnung mit diesem Widersacher kommen. Spätestens nach zwei Dritteln des ersten Romans ist den Waldläufern klar, was vor sich geht: Krieg droht Araluen, und es ist der Job der Waldläufer, die Informationen darüber zu besorgen.

Als Walt klar wird, dass die zwei Kruls losgelassen wurden, macht er zu Wills Erstaunen aus der Aufklärungsarbeit eine Kampfmission. Macht nix, denn Will hat inzwischen sein Handwerk gelernt. Aber kann er auch gegen zwei derartige Ungeheuer bestehen? Das ist die spannende Frage, die sich der Leser bis zum actionreichen Finale in den titelgebenden Ruinen stellt. Bis dahin wendet der Autor, ein gewiefter Drehbuchschreiber, alle Tricks im Handbuch für Erzähler an, um den Adrenalinpegel zu erhöhen und mehrere Handlungsstränge zugleich vorwärtszutreiben.

Ich habe diesen Aufbau an Spannung und vielseitiger Aktion genossen. Und an der Tatsache, dass am Schluss Will endlich die Wahrheit über seinen Vater Daniel erfährt, lässt sich ablesen, dass es kaum lose Enden in diesem Band gibt. Ich merkte schnell, dass hier ein erfahrener Erzähler am Werk ist.

Die Landkarte ist zwar eine nette Beigabe, aber eigentlich habe ich sie gar nicht benötigt, um mich zu orientieren. Es kommen kaum Ortsnahmen vor, auch kein großes Heer mit vielen Figuren wie etwa bei George R. R. Martins Winterfell-Saga. Nein, im Vergleich dazu ist die Story recht geradlinig und auch für zwölfjährige Leser ohne weitere Kenntnisse zu verstehen.

In der Übersetzung

… konnte ich keine Stil- oder Sprachfehler finden, aber Druckfehler wie Buchstabendreher und dergleichen gibt es schon, wie in praktisch jedem Taschenbuch.

Unterm Strich

„Die Ruinen von Gorlan“ ist ein recht geradlinig und sprachlich einfach erzähltes Jugendabenteuer, das aber mit weiterem Fortschreiten ein erhebliches Potenzial offenbart. Der Verlauf des Krieges gegen Morgarath kann alle möglichen Ereignisse mit sich bringen, die jede Menge Action versprechen.

Sehr sympathisch fand ich die Einfühlung des Autors in die Gefühlswelt der Jungen Will und Horace sowie den hie und da aufblitzenden ironischen Humor. Das ist eine sehr unterhaltsame Mischung, die aus einem Abenteuer mehr macht: eine unterhaltsame Bildungsreise.

Die Fortsetzung zu „Die Ruinen von Gorlan“ trägt den Titel „Die brennende Brücke“ und erschien im Juli 2007.

Taschenbuch: 314 Seiten
Originaltitel: Ranger’s Apprentice – The Ruins of Gorlan, 2004
Aus dem Australischen Englisch von Angelika Eisold-Viebig
Empfohlen ab 11 Jahren
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