Yapalater, Karin – Seelenjagd

Zwei Leichen werden im Abstand weniger Tage im New Yorker Central Park gefunden: ein reicher Psychiater und eine ehemalige Polizistin. Haben sie etwas miteinander zu tun? Die Detectives Kane und Gurson, ein ziemlich ungleiches Paar, werden auf den Fall angesetzt, und ein Staatsanwalt macht ihnen das Leben schwer. Er wird schon wissen, warum …

_Die Autorin_

Karin Yapalater wurde in Biscayne Bay, Florida geboren und wuchs in New York City auf. Sie studierte Philosphie und Literatur in London, bereiste Europa und Asien, arbeitete an Film- und Buchprojekten in der Sowjetunion. Zurück in New York, begann sie einen Krimi im Psychoanalytiker-Milieu zu schreiben, der von der Beziehung Carl Gustav Jungs zu seiner Patientin Sabina Spielrein beeinflusst ist: „Seelenjagd“.

Hinsichtlich der Dialoge im psychoanalytischen Kontext halfen der Autorin nach eigenen Angaben ein Dr. Alvin Yapalater und die New York Psychoanalytic Library. Sie selbst bekam Schützenhilfe von zwei Justiz-Profis: dem Chefankläger der Staatsanwaltschaft für die Bronx sowie Detective Sergeant Frank Viggiano, NYPD, Chefermittler für die Bronx-Staatsanwaltschaft.

Das deutsche Titelbild dieser Originalausgabe zeigt einen abgetrennten Kopf, der statt von Haaren von Schlangen bedeckt ist. Offenbar handelt es sich um das Haupt einer Gorgone wie jener Medusa, der der Held Perseus den Kopf abschlug. Das Bild hat einen symbolischen Bezug zum Thema des Krimis.

Dem Roman ist eine detaillierte Straßenkarte des Parks und seiner nächsten Umgebung vorangestellt. Wer genau hinsieht, findet die Hauptschauplätze, so etwa die Fundorte der beiden Leichen und gewisse Wohnungen.

_Handlung_

Im New Yorker Central Park findet die Polizei kurz hintereinander zwei Leichen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. In seinem teuren Mercedes-Coupé „Gullwing“ starb der Psychiater Orrin Gretz an einer Kohlemonoxidvergiftung – allem Anschein nach ein Selbstmord.

Dagegen sprechen allerdings ein paar merkwürdige Umstände: Auf seinem Beifahrersitz liegen ein toter Sperling mit abgeschnittenen Flügeln sowie ein Zettel mit einer Gedichtzeile von Alexander Puschkin. Das Gedicht heißt „Ptichka“, also „Kleiner Vogel“. Aber wer ist damit gemeint?

Die andere Leiche lässt sich zunächst gar nicht identifizieren, denn die Verbrennungen sind so tief gehend, dass sie nicht erkennbar ist. Außerdem hat man ihr mit Schwefelsäure die Fingerspitzen weggeätzt. Auf dem Rücken hat sie merkwürdige Risse, die wie Schnitte aussehen. (In Gretz‘ Schlafzimmer wird man ein teures Foto finden, auf dem ein Frauenrücken mit solchen Schnitten abgelichtet ist.) Die verkohlte Leiche wird einige Zeit später als Ex-Detective Charlene Leone identifiziert.

Für Detective Didi Kane war Charlene nicht nur eine frühere Kollegin, sondern ihre lesbische Geliebte. Entsprechend hart trifft sie dieser Mord – sie steht nun selbst unter Mordverdacht. Captain Bianchi, den dieser Fall von seiner Pensionierung trennt, steckt Kane mit James Gurson zusammen, der neu auf dem Central Park Revier ist. Aber Gurson hat Psychologie studiert, und das kommt ihm jetzt gut zupass, denn die Spur führt direkt in ein Rattennest aus Psychiatern und Neurotikern.

Gurson sitzt der Staatsanwalt Tucker Norville im Nacken, der eine alte Rechnung begleichen will und die Ermittlungen massiv behindert. Außerdem hat er Gurson auf dem Kieker, weil dessen Vater sich genauso wie Gretz im Wagen selbst vergaste, nachdem Gurson senior einen Unschuldigen erschossen hatte und von seinen Kollegen fallen gelassen worden war. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, orakelt Norville ständig, dabei hat er selbst einiges zu verbergen.

Nur wenn sich Kane und Gurson vollständig vertrauen, können sie diesen Fall durchstehen, ohne im Knast zu landen – oder unter der Erde.

_Mein Eindruck_

Ich habe diesen Thriller in nur drei Tagen gelesen. Die Lektüre ist spannend, gespickt mit neuen Wendungen und informativ. Die Lösung, die sich im Finale ergibt, hatte ich nicht vorausgesehen. Ich hatte den Staatsanwalt als Oberfiesling des Romans im Verdacht. Nun, lasst euch überraschen, denn mehr darf ich an dieser Stelle nicht verraten. Es gibt eine Menge Kandidaten für den Posten des Serienmörders.

Was schon auf den ersten Seiten auffällt, ist die Offenherzigkeit bei der Darstellung sexueller Tätigkeiten und der daran beteiligten Körperteile. Hierbei nimmt die Autorin kein Blatt vor den Mund, und solcher Stoff ist meines Erachtens nur für Erwachsene oder Jugendliche ab 16 Jahren geeignet.

In der einen Szene sehen wir Dr. Gretz mit seinen Patientinnen, in der nächsten wird er von Gurson im Mercedes gefunden. Die Verbindung zwischen Sex und Gewalt ist also offensichtlich. Sie zieht sich in vielerlei Gestalt durch den gesamten Roman, denn dies ist das eigentliche Thema. Der Central Park ist ja nicht gerade ob seiner friedlichen Idylle berüchtigt, sondern weil sich hier Nutten, Dealer und Vergewaltiger nicht nur nächtens ein Stelldichein geben. Manche Szenen des Romans zeigen uns das Geschehen aus dem Blickwinkel eines Stalkers, der sich im Gebüsch verbirgt. Die Gefahr ist in diesem „Dschungel“, wie Gurson & Kane den Park nennen, allgegenwärtig.

Deshalb nimmt der Leser zunächst an, dass es in den teuren Appartements der Psychoanalytiker, die in Central Park West residieren und 150 Dollar die Stunde kassieren, recht friedlich und gesittet zugehen muss. Falsch gedacht! Denn auch hier existiert eine Art Dschungel, allerdings einer der Neurosen und Leidenschaften. Die Verstümmelung von Frauenrücken durch Schnitte, die gestutzte Flügel andeuten, ist ein erster Hinweis darauf, dass mit den „Engeln“ in diesen Top-Etagen etwas nicht ganz stimmt. Der professionelle Abstand zwischen Arzt und Patient(in) wird nicht immer gewahrt.

Eine Nutte wie die drogensüchtige Renée verirrt sich in diese zwielichtige Welt nicht von alleine; sie wurde geschickt, mit bestimmten Hintergedanken. Erst als Kane & Gurson die Nutte vernehmen, können sie zwei und zwei zusammenzählen und sich einen Reim auf die sehr disparaten Puzzlestückchen machen, die sie bis dahin zusammengetragen haben. Denn Renée war Charlene Leones Informantin.

_Unterm Strich_

Der Originaltitel „An Hour to kill“ verweist schon auf das Psychoanalytikermilieu: Patient und Arzt finden sich für eine Stunde zusammen, um gemeinsam die Zeit totzuschlagen. Oder einander, wie die zweite Bedeutung dieses Wortspiels suggeriert.

Manche Elemente wie etwa den Spanner im Park hat man schon x-mal verwendet gefunden, sicher, und auch die Verwendung der Vogel-Symbolik ist nicht gerade bahnbrechend: Mo Hayder hat sie im „Vogelmann“ bis zum Exzess benutzt. Daher ist es vor allem das genannte Milieu, das den Thriller aus der Masse herausragen lässt. Doch keine Angst: Hier lugt kein Dr. Hannibal Lecter mit gezücktem Tranchiermesser um die Ecke. Vielmehr sehen die Psychiater alle relativ normal aus. Manche normaler als andere. Manche Szenen enthalten eine Menge Psychiater-Jargon, aber ohne Fehler. Diese Infos aus der Fachliteratur sind sicherlich gut abgeklopft worden. Ebenso wie die Infos über die Polizeiszene (siehe oben: Die Autorin).

Die zahlreichen Sexszenen sorgen jedoch für einen anderen Ton als etwa in den Romanen von Thomas Harris („Hannibal“). Die Erotik ist hier handfest und mitunter echt brutal. Wie gesagt, fand ich den Thriller spannend zu lesen. Mal etwas anderes als Thomas Harris oder Jonathan Nasaw. An der Übersetzung fand ich auch nichts auszusetzen.

|Originaltitel: An Hour to kill, 2003
Aus dem US-Englischen übersetzt von Ingeborg Ebel|