Barclay, James – Nachtkind (Die Chroniken des Raben 5)

Band 1: [„Zauberbann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=892
Band 2: [„Drachenschwur“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=909
Band 3: [„Schattenpfad“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1386
Band 4: [„Himmelsriss“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1815

Nach vier Büchern war die grundlegende Handlung der „Chroniken des Raben“ eigentlich abgeschlossen: Das Land Balaia war gerettet, die Wesmen vertrieben und die Drachenvölker vor ihrer Ausrottung bewahrt worden. Doch James Barclay wäre nicht der geniale Fantasy-Autor, der er nunmal ist, hätte er nicht eine weitere innovative Idee im Hinterkopf, um die Geschichte weiterzuentwickeln und eine neue Bedrohung für Balaia zu kreieren.

„Nachtkind“, der vorletzte Band dieser Reihe, spielt daher auch fünf Jahre nach dem großen Sieg, den die Söldnerarmee „Der Rabe“ eingeleitet hatte. Die einzelnen Mitglieder der Truppe sind mittlerweile im ganzen land verstreut, die Kontakte eigentlich abgebrochen und „Der Rabe“ inaktiv bzw. aufgelöst. Dann aber ereignen sich erneut schreckliche Dinge, die die teils verstrittenen Mitglieder wieder zusammenbringen – doch nichts ist mehr so, wie es einmal war …

_Handlung_

Erienne ist auf der Flucht – vor ihrem Kolleg in Dordover, vor Selik, dem totgeglaubten Anführer der Schwarzen Schwingen, und vor einem ganzen Land, das in ihrer Tochter Lyanna die Ursache für die ganzen Naturgewalten sieht, welche seit einiger Zeit die Städte und Wälder in Balaia heimsuchen. Das gemeinsame Kind von Denser und ihr scheint nämlich das Kind zu sein, von dem eine uralte Prophezeihung einst behauptete, dass es diejenige Person sei, die die Magie des Einen Weges wieder einführen könnte. Doch das Kolleg der Dordovaner kann die von Lyanna entfesselte Magie nicht mehr kontrollieren und dementsprechend auch nicht mehr für seine eigenen Zwecke einsetzen, so dass man sich gezwungen sieht, Lyanna zu töten.

Aus diesem Grund reist Erienne mit der Hilfe einiger befreundeter Elfen nach Herendeneth, zur Insel der Al-Drechar, der Begründer des Einen Weges. Dort glaubt sie, für ihr Kind Schutz zu finden und erhofft sich außerdem, dass es den uralten Magiern gelingt, die Magie ihrer Tochter unter Kontrolle zu bringen.

Sechs Wochen nach ihrem Verschwinden bittet Vuldaroq aus Dordover Eriennes Mann Denser um Hilfe. Denser erfährt erst jetzt vom Schicksal Lyannas und sucht alsbald den Unbekannten Krieger in seinem Wirtshaus auf, um ihn um Hilfe zu bitten. Dessen Frau ist zwar nicht sonderlich begeistert, lässt ihn aber ziehen, damit Densers Kind beschützt und gerettet werden kann. Auch Ilkar schließt sich dem Raben wieder an. Hirad hingegen ist nicht sonderlich begeistert von der Idee, Denser zu unterstützen. Er ist enttäuscht vom xeteskianischen Magier, weil er nicht wie versprochen das Tor zur Drachenwelt geöffnet hat und die Kaan-Drachen seitdem in Balaia festsitzen und dem Tod geweiht sind. Trotzdem schließt er sich der Truppe an und zieht mit ihr nach Arlen, wo man die zurückgekehrte Erienne in Empfang nehmen will.

Allerdings ist der Rabe nicht mehr die verschworene Einheit, die er mal war. Immer wieder gibt es innere Konflikte, und als Hirad sich schließlich vor der feindlichen Armee aus Lystern verplappert und den Ankunftsort von Erienne versehentlich preisgibt, kommt es zum Eklat und zur Trennung zwischen Hirad und dem Raben. Währenddessen wird Lyannas unkontrollierte Kraft immer stärker und die Gefahr für Balaia von Tag zu Tag größer …

_Meine Meinung_

Nach dem hervorragenden Vorgängerband fiel es mir anfangs schwer, eine neue Geschichte um den Raben zu akzeptieren, vielleicht auch aus Sorge, nicht mehr dieselbe Magie zu spüren, die noch von allen vorangegangenen Büchern aus dieser Reihe ausgegangen war. So dauerte es zunächst auch eine Zeit, bis ich wieder in der Geschichte drin war, schließlich setzt Barclay hier einen fast komplett neuen Strang an, der aber natürlich auf den Ereignissen der Vergangenheit beruht. Aber nun sind die Bedingungen vollkommen anders. Der Rabe ist komplett übers Land verstreut, die Gemeinschaft ist bei weitem nicht mehr das, was sie mal war, und auch die Charaktere haben sich zu ziemlichen Eigenbrödlern verwandelt. Denser war schon immer sehr eigenwillig, oft auch sehr egoistisch, bei ihm hat sich bis auf die plötzlich aufgeflammte Angst kaum etwas geändert. Das kann man für Hirad und den Unbekannten nicht behaupten: Ersterer scheint seine Erfüllung darin gefunden zu haben, als Drachenmann die Kaan zu beschützen und vergisst dabei fast vollständig die Welt um sich herum. Der Unbekannte hingegen hat eine Familie gegründet und sich mental vollkommen von der Protektorenarmee lösen können. Dieser Gemütswandel und seine neue Verantwortung bewegen ihn letztendlich auch dazu, Denser bei der Suche nach Lyanna zu unterstützen, schließlich kann er sich nur allzu gut vorstellen, wie schlimm es sein muss, sein Kind einer solchen Bedrohung ausgesetzt zu sehen.

Als Letzter ist dort Ilkar; der Elfenmagier lässt sich wie gewohnt nicht in die Karten schauen, wirkt aber im Verlaufe der Geschichte immerzu sehr besorgt – zum einen um die Entwicklung innerhalb des Raben, zum anderen um die bevorstehende Katastrophe in Balaia und die damit verbundenen Auswirkungen auf sein gerade wieder aufgebautes Kolleg in Julatsa.

Die innere Zerissenheit aller Beteiligten bestimmt auch schließlich die Atmosphäre von „Nachtkind“. Ohne Zweifel ist der fünfte Band der düsterste der gesamten Serie, in Sachen Spannung aber trotzdem auf dem bekannt sehr hohen Level. Nach einer kurzen Einleitung überschlagen sich die Ereignisse förmlich, und wiederum gelingt es dem Autor exzellent, zwischen den vielen verschiedenen Szenarien hin und her zu schwenken, dabei aber den eigentlichen Plot nie aus der Hand zu geben. Gleichermaßen wiederholt sich daher auch das Empfinden des Lesers: Man fühlt sich gefesselt und kommt nicht mehr von dem Buch los. Man fühlt sich geradezu dazu gezwungen, die Geschichte um den verzweifelten Denser, den hitzköpfigen Hirad, die bestürzte Erienne, den zerstreuten Unbekannten, den sehr ruhigen Ilkar und das kleine Mädchen, von der eine große Bedrohung auszugehen scheint, in sich aufzusaugen.

„Nachtkind“ ist eine überaus gelungene Fortsetzung des in sich abgeschlossenen Zyklus nach „Himmelsriss“. Die Reise des Raben geht weiter, doch die Stimmung ist eine andere. Der fünfte Teil der Reihe beschäftigt sich in erster Linie mit dem finsteren Seelenleben der Hauptpersonen, und weil man nie genau weiß, welche Rolle die Mitglieder des Raben jetzt tatsächlich einnehmen, geht auch von der Unsicherheit auf Seiten des Lesers noch eine zusätzliche Spannung aus, die ich schwer in Worte fassen kann. Einen Moment möchte ich aber noch schildern, nämlich den, als ich das letzte Kapitel begonnen habe: Man beginnt zu schwitzen, in der Gewissheit, dass der Band gleich zu Ende sein wird, die Handlung jedoch noch nicht. Auf jeder Seite steigt die Begeisterung proportional zum Aufkeimen der Enttäuschung darüber, dass man jetzt wieder eine halbe Ewigkeit bis zur Fortsetzung warten muss, an. Der letzte Band „Elfenmagier“ ist für März 2006 angekündigt. Ich hoffe, dass er trotzdem früher erscheint …

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