Duncan, Dave – Omar, der Geschichtenhändler

Omar, der Geschichtenerzähler, ist ein typischer Vertreter seiner Zunft. Mit der Wahrheit nimmt der gewitzte Schelm es nicht so genau, auch wenn er von sich selbst behauptet, aus hehren Motiven Geschichten|händler| geworden zu sein, für ihn ist das ein wesentlicher Unterschied zum bloßen Geschichtenerzähler: Die meisten Geschichten sind bloß nacherzähltes Garn, nur wenige Geschichten hingegen sind wahr und werden so erzählt, wie sie sich zugetragen haben. Omar sieht es als seine Aufgabe an, solch große Geschichten selbst mitzuerleben, nur so kann er sicher sein, dass sie auch authentisch sind. So gerät er oft in gefährliche Situationen und wird selbst Teil der Geschichte.

Als Omar über die |Straße der Plünderer| nach Zanadon kommt, auf der Flucht vor den barbarischen Horden der Vorkan, wird er versklavt. Doch gewitzt wie er ist, kann er mit seinem Gefährten Thorian ausbrechen. Zufällig wird er Zeuge einer verschlagenen Intrige, mit der die Priesterschaft, der Kriegsherr und reiche Kaufleute die Macht an sich reißen wollen. Die bildschöne Shalial Tharpit soll Hohepriesterin werden und als Marionette gemeinsam mit dem legendären Kriegsgott Balor, in Wahrheit Publian Fotius, ein brutaler und unfähiger Enkel des Kriegsherren, über Zanadon herrschen. Omar und Thorian haben Mitleid mit der von der Priesterschaft übertölpelten Shalial und helfen ihrem Liebhaber, sie zu retten. Doch ohne die Vermählung der Hohepriesterin mit dem Kriegsgott selbst würde Zanadons Armee den Glauben an den uralten Mythos der Unbesiegbarkeit verlieren, der auf dieser Geschichte beruht …

Auch in der |Jägerschenke| befindet sich Omar in einer sehr misslichen Situation: Er ist splitternackt, hat kein Geld und den Hund des Wirts erschlagen. Dieser möchte ihn ohne viel Federlesens in die tödliche, eiskalte Nacht hinausjagen. Omar lässt sich auf einen Wettstreit ein, um seine Haut zu retten: Jeder der Gäste erzählt eine Geschichte, und Omar muss sie überbieten. Leider erweisen sich viele Gäste als begabte Erzähler mit schier unglaublichen Geschichten, doch Omar ist raffiniert: Er erzählt seine „wahre“ Version der Geschichte, die entweder noch unglaublicher ist, oder die Geschichte mit einem Cliffhanger fortführt, so dass man ihn gewinnen lassen muss, damit er weitererzählen kann …

_Der Autor_

Dave Duncan wurde 1933 in Schottland geboren, lebte und arbeitete aber nach Abschluss seines Universitätsstudiums seit 1955 in Kanada als Geologe auf Erdölfeldern. Er ist verheiratet und hat mit seiner Frau Janet drei Kinder und wohnt derzeit in Victoria, British Columbia. Seine Karriere als Schriftsteller begann 1988 mit der Trilogie „Das Siebte Schwert“, 1990 folgte die „Pandemia-Saga“. Er schrieb auch Science-Fiction und historische Romane unter den in Deutschland eher unbekannten Pseudonymen Ken Hood und Sarah B. Franklin. Am bekanntesten dürfte er für die Serie „Des Königs Klingen“ (1998) sein, Mantel- und Degengeschichten in einem fiktiven Mittelalter mit einigen Spritzern Magie. Der bisher letzte Teil der noch nicht abgeschlossenen Serie, „Die Jaguar-Krieger“, erschien 2007 in deutscher Übersetzung bei |Bastei Lübbe|. Drei ein wenig mehr auf Jugendliche ausgelegte Abenteuer junger Klingen, scherzhaft „Des Königs Dolche“ genannt, erschienen 2006 als Sammelband gleichen Namens im |Otherworld|-Verlag.

Auch „Omar, der Geschichtenhändler“ ist ein Sammelband aus denselben Verlag, der die beiden bisher erschienenen Romane um Omar vereint: „Die Straße der Plünderer“ und „Die Jägerschenke“.

_Ein gewitzter Schelm, so wie sein Schöpfer_

Omar dürfte sehr viel von seinem Schöpfer Dave Duncan besitzen; der Humor, mit dem er über dessen (Un-)Taten schreibt, zeugt von viel Selbstironie. Das Szenario ist vor allem in „Die Straße der Plünderer“ sehr orientalisch; hier kann Omar seine an 1001 Nacht erinnernden märchenhaften Geschichten blumig und wortgewaltig zum Besten geben. Doch leider muss er seine Gabe meistens für Lügenmärchen verwenden, nur um seinen Kopf zu retten. Das Umschlagbild zeigt den nackten Omar in der Jägerschenke, eine für ihn typische Situation; oft besitzt er nichts anderes mehr als seine Geschichten und seinen Verstand, um sich aus misslichen Situationen zu befreien. Ein reicher Mann ist Omar nicht, verwahrt sich aber vehement gegen die Bezeichnung „Bettler“. Ein königlicher Gewaltherrscher und sogar ein Gott war er schon im Verlaufe seines ereignisreichen Lebens. Nun ja, alles leider nur für sehr kurze Zeit, eben bis der Schwindel aufgeflogen ist.

In „Die Straße der Plünderer“ ist Omar selbst in das Geschehen verwickelt, gemeinsam mit seinem Gefährten Thorian, von dem in der zweiten Geschichte des Sammelbands, „Die Jägerschenke“, keine Rede mehr sein wird. Der Reiz dieser Geschichte ist die Vermischung von Omars Geschichten, Zanadonischen Legende und Wahrheit. Viele Charaktere sind nicht das, was sie von sich zu sein behaupten, einige sind mehr, als es den Anschein hat. Selbst Omar wird überrascht, und weder für ihn noch den Leser ist es ganz klar, ob nicht doch der Gott Balor schließlich der Stadt zur Hilfe gekommen ist, oder ob es nur ein einfacher Mensch war. Omar selbst darf als Gott der Geschichte an der Seite des Kriegsgotts wandeln, während das Volk ihnen zujubelt.

„Die Jägerschenke“ spielt in einem eisigen Nordland, es gibt keinen Bezug zur Omars vorherigen Abenteuer. Die gesamte Handlung spielt in der Schenke, in der ein – wieder einmal – splitternackter Omar mit einem Geschichtenerzählerwettstreit seine Haut zu retten versucht. Das besondere Vergnügen dieses Romans ist, wie Omar aus einer anfangs recht simplen Geschichte einen langen Faden spinnt, bis alle Geschichten zusammen einen schlüssigen Geschichtenzyklus ergeben. Sehr witzig ist, wie er selbst die absurdesten Geschichten seiner Mittbewerber elegant zurechtbiegt und in seine eigene Geschichte einbringt. „Die Jägerschenke“ braucht ein wenig Zeit, bis sie fesseln kann, sie steigert sich deutlich, je mehr man liest und kann am Ende fast mit der von mir favorisierten „Straße der Plünderer“ mithalten.

_Fazit:_ Omar ist ein liebenswerter Gauner, der den Leser mit Witz und Verstand sowie unvorhersehbaren und angenehm überraschenden Wendungen bei Laune hält. Leider existieren nur diese beiden in den Jahren 1992 und 1995 geschriebenen Romane, gegen das weitaus umfangreichere und detailliertere Universum der „Klingen des Königs“ können sie nur schwer bestehen. Für Fans von Dave Duncan und den „Klingen“ jedoch sind die Geschichten um Omar ein humoriger Leckerbissen erster Güte, bei dem Dave Duncan seine ganze Finesse als Geschichtenerzähler eindrucksvoll demonstrieren kann. Die stilsichere und hervorragend gelungene Übersetzung stammt von Michael Krug, der bereits Dave Duncans „Klingen des Königs“ und Paul Kearneys „Königreiche Gottes“ übersetzte. Leider ist sie nicht ganz frei von einigen Wortdrehern und Setzfehlern, was dem Lesevergnügen und der Qualität der Übersetzung an sich jedoch keinen Abbruch tut. Bindung und Druck sind von erster Güte, das Lesebändchen rundet den gelungenen Eindruck ab.

http://www.otherworldverlag.com/

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