Fitzek, Sebastian – Augensammler, Der

Alexander Zorbach, ein ehemaliger Polizist und psychologisch geschulter Vermittler (Mediator/Konfliktschlichter), ist mit allem überfordert, was sich ihm präsentiert. Seine berufliche Karriere als Polizeibeamter hat er mitunter selbst vergeigt, obwohl er als ein wirklich talentierter und sensibler Vermittler bekannt war, doch nur eine Entscheidung veränderte sein Leben und das seiner kleinen Familie innerhalb von Sekundenbruchteilen. Nun arbeitet Alex bei einer großen Berliner Zeitung als Enthüllungsjournalist und nutzt nicht selten seine Kontakte zu seinen ehemaligen Kollegen.

In der Hauptstadt geht ein Serienmörder um, der mit seinen Opfern und deren Angehörigen ein brutales und perfides Spiel spielt. Dreimal schon hat der von den Medien „Augensammler“ getaufte schon zugeschlagen – immer nach seiner eigenen Methode und immer ist der Ablauf der gleiche. „Der Augensammler“ tötet die Mutter, indem er ihr meistens das Genick bricht, ein noch gnädiger und schneller Tod. Ihr Kind wird entführt und dem Vater wird eine Frist von 45 Stunden gegeben, um sein eigen Fleisch und Blut zu finden. Dreimal schon versagte ein Vater. Entweder konnte dieser die Spuren und Hinweise des „Augensammlers“ nicht deuten oder ihn lähmte die Verzweiflung. Als die Leichen der verschleppten Kinder gefunden werden, eröffnet sich den Ermittlern ein grausiges, detailliertes Bild: Den Kindern fehlt das linke Auge.

Auch Alexander Zorbach berichtet von dem Fall und macht sich seine eigenen Gedanken dazu. Aber viel mehr quält ihn die Trennung von seiner Frau und seinem Kind, aber das war schließlich seinem Fehlverhalten zu schulden, und die Scheidung ist beschlossene Sache. Er fühlt sich als Versager, und in Selbstmitleid versunken, versteckt er sich auf einem kleinen Hausboot.

„Der Augensammler“ schlägt ein viertes Mal zu und diesmal ist Zorbach fast zeitgleich mit seinem ehemaligen Kollegen Stoya am Tatort, was den noch geschockten Beamten verwundert. Als Zorbachs verlorengegangene Brieftasche im Garten des Opfers gefunden wird und herauskommt, dass er die ermordete junge Frau persönlich kannte, betritt der den engsten Kreis der Verdächtigen.

Philipp Stoya ist verwirrt über die Indizien, aber noch ist er von der Unschuld seines ehemaligen Kollegen überzeugt, auch wenn er es sich zu diesen Zeitpunkt nicht erklären kann. Alexander Zorbach gerät ins Fadenkreuz des „Augensammlers“ und der Polizei, und er muss schnell handeln, um seine Unschuld beweisen zu können.

Noch mysteriöser wird es, als Zorbach auf seinem Hausboot auf einmal die blinde Physiotherapeutin Alina Gregoriev antrifft. Die seit einem Unfall erblindete Frau behauptet, durch bloße Körperberührung in die Vergangenheit ihrer Patienten sehen zu können. Und erst gestern hatte sie unter ihren Händen niemanden anderen als den „Augensammler“! Mit Hilfe Alina Gregorievs erhofft sich Zorbach, die entführten Zwillinge zu finden und seine Unschuld beweisen zu können.

Doch die Visionen Alinas sind nicht klar und deutlich, einige von ihnen scheinen seltsame Fehler zu enthalten, die keinesfalls in der Vergangenheit spielen …

_Kritik_

„Der Augensammler“ von Sebastian Fitzek ist bereits formal anders als alle Romane, die bisher seine Feder entstammen. Der Startschuss könnte nicht nur die Einführung für die Story sein, sondern auch der Anfang vom Ende. Schon im Prolog bzw. Epilog warnt Alexander Zorbach vor den nächsten Seiten, die seine schlimmsten Ängste in den Schatten stellen werden.

Danach rollte Sebastian Fitzek seinen Roman von hinten auf: Beginnend mit dem letzten Kapitel und den Seiten 442, 441 ff., präsentiert sich dem Leser ein recht ungewöhnlicher stilistischer Aufbau. Als Countdown konzipiert, eröffnen sich die Geschichte mit wechselnden Perspektiven. Alexander Zorbach dominiert natürlich, schließlich ist es sein Duell mit dem „Augensammler“, um das es geht.

Auch andere Akteure kommen zu Wort, wie beispielsweise die blinde, aber nicht auf den Mund gefallene Alina Gregoriev, die Verbitterung über ihre Behinderung zeigt, sich aber durch innerliche Stärke durchaus durchzusetzen weiß. Ebenso schildert der Kommissar Philipp Stoya seinen Druck, den Täter endlich zu finden, und auch der Assistent von Zorbach, der Volontär Frank Lahmann, kann seine Sichtweise präsentieren.

Weitaus spannender aber wird es, wenn der entführte Junge Tobias Traunstein zu Wort kommt und versucht, sich aus seinem Versteck zu befreien. Sebastian Fitzek lässt dann tief in eine verängstigte Kinderseele blicken, wenn Tobias sich mit seinen Gedanken und Gefühlen auseinandersetzen muss.

Die Spannung baut sich zwar schlagartig auf, verebbt dann aber so manches Mal. Den Wettlauf gegen die Zeit hat man zwar immer vor Augen, es geschieht allerdings nicht ungemein viel. Alexander Zorbach rennt immer ein wenig hinterher, manchmal holt er zwar streckenweise auf, doch der „Augensammler“ spielt fair, aber überlegen. Der Autor hat seinen „Serienmörder“ gleich einer viel verwendeten Schablone entworfen. Psychologisch und intellektuell überlegen, streut der „Augensammler“ immer wieder Hinweise, die der Autor geschickt versteckt und die der Leser ganz sicher nicht als Hinweise auf die Identität des Killers erkennen wird. Die ganze Dramatik wirkt dabei ein wenig zu „gut“ konstruiert, sie nutzt sich im Verlauf des Romans deutlich ab und wird zu fantastisch. Gerade die Visionen von Alina wirken zu übertrieben und unrealistisch.

Auch wenn „Der Augensammler“ insgesamt spannend geschrieben ist, so hat Fitzek es nicht geschafft, der Figur eines Serienmörders neue Facetten mitzugeben. Mit eher simpler Rezeptur greift Fitzek auf bekannte Klischees zurück. Zwar lässt er den „Augensammler“ selbst zu Wort kommen, aber das eindeutig zu kurz. An dieser Stelle wäre eine wechselnde Perspektive zwischen Zorbach und dem „Augensammler“ praktischer und packender gewesen.

Im Schwerpunkt der Spannung liegt das Schicksal der entführten Kinder; allen voran Tobias Traunstein, der oft zu Wort kommt und wie Zorbach gegen das Rad der Zeit ankämpft. Als psychologischer Thriller eingestuft, erfüllt der Roman trotzdem nur bedingt die Erwartungshaltung. Ab und an lässt Sebastian Fitzek seine Figuren auf einem philosophischen Spielfeld Position beziehen, wenn sie sich gegenseitig die Bälle zuwerfen und über das Thema Schicksal/Zufall diskutieren. Ob das nun etwas in einem solchen Thriller zu suchen hat, das soll der Leser selbst entscheiden.

Positiv anzumerken ist allerdings, dass der Autor Alina die schwarze oder manchmal graue Welt eines Blinden erklären lässt. Ihre Wahrnehmung mit den anderen Sinnen, ihren Umgang in Alltagssituationen und die natürlich aufkommenden Handicaps können für den einen oder anderen Leser lehrreich sein. Auch der Humor kommt nicht zu kurz: Alinas Blindenhund trägt den Namen TomTom, was nicht nur bei Alexander Zorbach ein Schmunzeln hinterlässt.

_Fazit_

„Der Augensammler“ von Sebastian Fitzek ist durchaus empfehlenswert, auch wenn manchmal deutliche Schwächen an die Oberfläche manövrieren. Der Autor wollte nach seinen Erfolgen wohl hoch hinaus und hat sich dabei ein wenig verausgabt, aber sein Talent für Dramatik und Spannung bleibt unverkennbar.

Vielleicht lässt Sebastian Fitzek den einen oder anderen Charakter in seinem nächsten Projekt wieder auftreten. Ich würde es mir wünschen, denn zum Beispiel in der Person von Alexander Zorbach liegt viel Potenzial.

|Gebundene Ausgabe, 448 Seiten
ISBN-13: 978-3426198513|
http://www.droemer.de
http://www.sebastianfitzek.de

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