Carol O’Connell – Such mich! [Mallory 9]

Die gefühlskalte Polizistin Mallory stößt auf der Suche nach ihrem vor Jahren verschwundenen Vater auf die Spur eines Serienkillers, der seine Opfer auf dem Highways findet; womöglich sind Vater und Killer identisch … – Der neunte Band der Mallory-Serie kombiniert noch intensiver als sonst Krimi mit Mystik; das hohe Tempo gibt die legendäre Route 66 vor, auf dem der Killer, Mallory, die Polizei und das FBI Katz & Maus mit ständig wechselnden Rollen spielen: ein spannendes Buch.

Das geschieht:

Mallory, die wild wie ein Wolfsjunges aufwuchs und von ihren Pflege-Eltern wenigstens oberflächlich so weit zivilisiert werden konnte, dass sie eine Laufbahn bei der Kriminalpolizei der Stadt New York einschlagen konnte, hat nach vielen Jahren einer vergeblichen Suche Hinweise auf den Verbleib ihres leiblichen Vaters bekommen. Leider liegt Savannah Sirus, die einen Packen alter Briefe brachte, mit einer Kugel im Herzen in Mallorys Wohnung, und die Inhaberin hat sich aus dem Staub gemacht.

Wie üblich obliegt es ihrem Kollegen und Freund Sergeant Riker, ihr bei den Vorgesetzen den Rücken zu decken. Mallory meldet sich bald aus Chicago, wo ein bizarrer Mord ihr zum Wegweiser wird: Einem toten Mann wird die Skeletthand eines früheren Opfers ‚angesetzt‘, die auf den alten Highway Nr. 66 deutet. Genau dorthin weisen auch die Briefe, deren kryptische Hinweise Mallory zu entschlüsseln sucht, während sie den erwähnten Wegmarken folgt.

Doch Mallory hat in ein Wespennest gestochen. Schon seit Monaten jagt das FBI einen Serienkiller, der seine Opfer auf der Route 66 findet. Diese registriert er sorgfältig, indem er ihnen jene Zahl ins Gesicht ritzt, die gleichzeitig die Zahl seiner Morde festhält: 110 Tote sind es aktuell, und der Täter erhöht die Schlagzahl gerade.

Unfreiwillig wird Mallory in die Ermittlungen gezogen. Sie glaubt, dass ihr Vater und der Killer identisch sein könnten. Deshalb ist es ihr Bestreben, sich an die Spitze der Meute zu setzen, die den Mörder sucht. Dabei ignoriert sie Vorschriften und Regeln sowie die Hilfe ihrer Freunde Riker und Charles Butler, die Mallory auf dem Highway hinterher eilen. Aber Mallory hält ihren Vorsprung, und schließlich findet sie, was sie suchte – mit fatalen Folgen für alle Beteiligten …

Highway-Legenden & harte Realitäten

Die „Main Street of America“ existiert seit 1926. Sie beginnt in Chicago, US-Staat Illinois und läuft durch Missouri, Kansas, Oklahoma, Texas, New Mexico, Arizona und Kalifornien, wo sie nach knapp 4000 km in Los Angeles endet. Dabei durchquert die Route 66 nicht nur Staaten, sondern historisch höchst relevante Stätten der USA, die einen großen Teil jener Legenden liefern, die zum Mythenschatz der USA gehören.

Die Route 66 wurde besungen, in den 1960er Jahren gab sie einer TV-Serie Titel und Thema. Heute gilt sie, nachdem 1985 sie aus dem Verzeichnis der US-Highways gestrichen wurde, als Relikt einer guten, wilden, großen, alten Zeit, womit vor allem die 1930er Jahre gemeint sind, als gewaltige Staubstürme unzählige Farmer aus dem Mittelwesten vertrieben. Über die Route 66 reisten sie auf der Suche nach einer neuen Heimat an die Westküste – ein Zug, der sich nicht nur in der Geschichte niederschlug, sondern auch in das kollektive Gedächtnis der Vereinigten Staaten aufging.

Der Highway selbst wurde zur schmalen Ader, die durch unwirtliches Land führte und an deren Rand sich Menschen wie an den Ufern eines Flusses niederließen. Das Leben spielte sich folgerichtig im Bereich der Straße ab, jenseits derer es nicht nur ungastlich, sondern oft gefährlich zuging. Im Guten wie im Bösen war man als Reisender auf die Route 66 angewiesen, zu deren Geschichte eine Vielzahl kapitaler Verbrechen gehört.

„Get Your Kicks (On Route 66)“

… besang Nat King Cole 1946 die Freiheit der großen, in Richtung Westen und eine verheißungsvolle Zukunft weisende Straße. Carol O’Connell richtet ihren Blick dagegen auf die Schattenseite dieses Versprechens: Auch ihr Serienkiller holt sich seine „Kicks“ auf der Route 66. Er nutzt die Straßentopografie als Jagdrevier und kennt das Verhalten seines „Wildes“ genau. Der Highway ist nicht nur groß, sondern flößt auch Furcht ein. Dies gilt vor allem dann, wenn das Transportmittel versagt. Plötzlich steht man allein auf einer erschreckend weiten Flur und ist bereit, das übliche Misstrauen in der Hoffnung auf Hilfe zu vernachlässigen: Dies ist der Moment, in dem der Highway-Killer zuschlägt.

Zur geografischen Weite und zur Anonymität der Straße kommt das Element der Geschwindigkeit: Über die Route 66 bewegt man sich. Zum Highway gehört das Automobil, das zwar zum Auftanken und zur Nachtruhe manchmal steht, aber ansonsten in Bewegung ist. O’Connell greift dies auf; das Tempo der Reise gibt ihrem Roman Struktur. Dies ist simpel, aber es funktioniert, weil das Bild so eingängig ist.

Duell der Außenseiter

Jetzt ist nicht nur der Killer auf der Route 66 unterwegs. Mallory holt sich ebenfalls ihre Kicks. Zwar ist sie keine Mörderin, aber der Grat, auf dem sie wandelt, ist schmal: O’Connell charakterisiert Mallory als ‚zivilisierte‘ Soziopathin, ohne bisher klar zu definieren, ob dies eine angeborene oder in einem wilden Lebenskampf erworbene ‚Fähigkeit‘ ist. Als Kind verlor Mallory ihre Eltern; sie musste lernen, allein zu überleben und geriet dabei nicht nur einmal in Lebensgefahr. Es dauerte Jahre, bis der Polizist Markowitz ihr Vertrauen erlangte und sie als Pflegekind bei sich aufnehmen konnte. Markowitz konnte Mallorys Unfähigkeit, Gefühle zu empfinden bzw. zuzulassen, nie beheben. Stattdessen kanalisierte er die daraus resultierende Energie: Mallory wurde Polizistin – eine sehr erfolgreiche Polizistin, die freilich mit einer verständnisarmen Umwelt ebenso zu kämpfen hat wie mit den Dämonen ihrer Vergangenheit, die ihre geistige Mutter regelmäßig über Mallory hereinbrechen lässt.

Das Schicksal ihrer Mutter konnte Mallory bereits in „Der steinerne Engel“ klären. Nun geht es um den Vater, der womöglich der eigentliche Erzeuger seiner soziopathischen Tochter ist. Nach vielen Jahren hat Mallory seine Spur aufnehmen können, doch wie ist ein Vater einzuschätzen, der sein Kind in ein Suchspiel verwickelt, dessen Wegweiser Leichen darstellen?

Für Mallory wird die Route 66 nicht zur „Mother Road“, die Alan Rhody besingt, sondern schließt die Verbindung zum Vater. Was sie tun wird, wenn sie ihn finden sollte, bleibt unklar: O’Connell hat Mallorys Charakter stets so angelegt, dass ein Mord aus Rache sehr viel wahrscheinlicher ist als ein tränenreiches Wiedersehen.

„What’s Left of 66?“

Diese Frage stellt nicht nur Sänger Jason Eklund. Die ursprüngliche Spur des Vaters besteht aus hinterlassenen Briefen. Sie stammen aus den 1960er und 70er Jahren und beschreiben eine Route 66, die so nicht mehr existiert. Immer wieder halten solche Veränderungen eine frustrierte Mallory auf. Die Reise zurück in die eigene Vergangenheit ist für sie Herausforderung genug.

Ihren Problemen begegnet Mallory wie üblich: mit Tempo. Der Highway kommt ihr dabei scheinbar entgegen. Viele Seiten sehen wir sie an der Spitze einer ganzen Karawane. Da sind Polizisten, Trooper, Sheriffs und FBI-Männer, die den Killer suchen und sich dabei so ungeschickt darstellen, dass Mallory gar nicht anders kann, als ihnen zu helfen. Aufhalten lässt sie sich trotzdem nicht.

Ebenfalls auf der Route 66 unterwegs ist eine bizarre Karawane von Familien, die Angehörige an den Killer verloren. Ähnlich wie Mallory treibt sie eine unbestimmte Hoffnung auf Erklärung = Erlösung, aber gleichzeitig erregt sie die Aufmerksamkeit des Killers, der sich nunmehr auch an den Opfern seiner Opfer zu vergreifen beginnt.

Außerdem im Rennen sind Mallorys entbehrungsbereite Freunde Sergeant Riker, der die Vaterstelle von Markowitz übernommen hat, und Charles Butler, der sich in hoffnungsloser Liebe zu Mallory verzehrt. Sie sammeln hinter Mallory die Scherben zusammen und schönen die Rücksichtslosigkeit, mit der die junge Frau ihren Obsessionen nachgeht bzw. -fährt.

Der Weg ist das Ziel

Im steten und schnellen Wechsel der Perspektive treibt O’Connell die Handlung voran. Sie springt hauptsächlich von Mallory zu ihren Freunden und lässt den Leser zunächst ratlos. Einleitungsfrei beginnt die Geschichte, die Mallory bereits unterwegs zeigt. Was zuvor geschehen ist, wird erst nach und nach enthüllt. Diese Ungewissheit erhöht die Spannung dieses ansonsten routinierten aber sauber entwickelten Thrillers.

Die Route 66 bildet ein willkommenes Gegengewicht zur Mallory-Figur, die zwar eindrucksvoll aber auch statisch ist. Zwar schildern die Mallory-Romane inzwischen auch die Suche nach einer Seele, aber ein echter Durchbruch verbietet sich: Mallory muss außergewöhnlich bleiben, um ‚ihrer‘ Serie das gewisse Etwas zu konservieren, was O’Connell auch im neunten Band gut gelingt.

Natürlich hat Mallory die brachiale Faszination der ersten drei oder vier Episoden verloren. Mit „Der steinerne Engel“ hatte O’Connell den puren Wahnsinn dieser Figur auf die Spitze getrieben. Sie musste einen neuen und gemäßigteren Kurs einschlagen. Auf diesem Weg möchte man ihr gern noch eine Weile folgen.

Autorin

Carol O’Connell (geb. 1947) verdiente sich ihren Lebensunterhalt viele Jahre als zwar studierte aber weitgehend brotlose Künstlerin. Zwischen den seltenen Verkäufen eines Bildes las sie fremder Leute Texte Korrektur – und sie versuchte sich an einem Kriminalroman der etwas ungewöhnlichen Art.

1993 schickte O’Connell das Manuskript von „Mallory’s Oracle“ (dt. „Mallorys Orakel“/„Ein Ort zum Sterben“) an das Verlagshaus Hutchinson: nach England! Dies geschah, weil Hutchinson auch die von O’Connell verehrte Thriller-Queen Ruth Rendell verlegte und möglicherweise freundlicher zu einer Anfängerin sein würde.

Vielleicht naiv gedacht, vielleicht aber auch ein kluger Schachzug (und vielleicht nur eine moderne Legende). Hutchinson erkannte jedenfalls die Qualitäten von „Mallory’s Oracle“, erwarb die Weltrechte und verkaufte sie profitabel auf der Frankfurter Buchmesse. Als der Roman dann in die USA ging, musste der Verlag Putnam eine aus Sicht der Autorin angenehm hohe Geldsumme locker machen.

Seither schreibt O’Connell verständlicherweise hauptberuflich; vor allem neue Mallory-Geschichten, aber auch ebenfalls erfolgreiche Romane außerhalb der Serie. Carol O’Connell lebt und arbeitet in New York City.

Taschenbuch: 479 Seiten
Originaltitel: Find Me (New York : G. P. Putnam’s Sons/Penguin Group USA) bzw. Shark Music (London : Hutchinson/Random House 2006)
Übersetzung: Renate Orth-Guttmann
www.randomhouse.de/btb

eBook: Mai 2011 (btb Verlag)
693 KB
ISBN-13: 978-3-6410-4352-0
www.randomhouse.de/btb

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