Carol O’Connell – Der Mann, der die Frauen belog [Mallory 2]

Um einen Frauenmörder zu entlarven, mietet sich Polizistin Mallory inkognito in ein nobles Mietshaus ein. Unter den nur oberflächlich vornehmen Mietern lauert der Mörder auf seine Chance, die ihm Mallory nur scheinbar bieten will … – Dem zweiten Band der „Mallory“-Serie fehlt der Überraschungseffekt dieser gänzlich unzugänglichen Figur, aber Plot und Story sorgen zuverlässig für überdurchschnittliche Unterhaltung.

Das geschieht:

Kathleen Mallory, die gefühlsarme, jeglicher Disziplin abholde Polizistin im Dezernat für Sonderkriminalität der Stadt New York, ist tot! Detective Sergeant Riker, der sich gern Mallorys väterlicher Freund nennen würde und mehr als einmal die Eskapaden der kaum zu kontrollierenden Kollegin gedeckt hat, tritt den schweren Gang in die Leichenhalle an. Aber die Leiche, die in einem Park der Stadt aufgefunden wurde, ist nicht Mallory. Die unbekannte Frau sieht ihr nur ähnlich – und sie trägt eine ihrer Jacken! Die echte Mallory nimmt sogleich die Ermittlungen auf. Allerdings wurde sie gerade zum wiederholten Male vom Dienst suspendiert, hat sie sich doch mit einem Tatverdächtigen ein Katz-und-Maus-Spiel geliefert und diesen anschließend angeschossen.

Die Tote im Park wird bald identifiziert, doch der Mörder hat die Zeit gut genutzt: Als die Polizei die Wohnung von Amanda Bosch betritt, findet sie nur sorgfältig gereinigte Räume vor. Der Täter meint sämtliche Spuren seiner Anwesenheit gelöscht zu haben, aber Mallory, das Computer-Genie, findet auf der Festplatte von Amandas PC einen schlecht gelöschten Hinweis, der ins „Coventry Arms“ führt, einen noblen Wohnkomplex für gut betuchte Geschäftsleute, Politiker und Künstler.

Mit der stillschweigenden Billigung ihres Vorgesetzten Lieutenant Coffee mietet sich Mallory im „Coventry Arms“ ein. Sie bietet sich dem Mörder damit als Köder an, muss sie doch davon ausgehen, genau seinem Frauenbild zu entsprechen. Der Mikrokosmos des „Coventry Arms“ wird von Geld und Einfluss geprägt, aber unter der Oberfläche entdeckt Mallory zahlreiche mehr oder weniger versteckte Animositäten. Unterschiedlichen, rasch wechselnde Parteien buhlen um ihre Aufmerksamkeit, und jede/r Bewohner/in hat etwas zu verbergen, was die Fahndung nach Amanda Bosch‘ Mörder nicht erleichtert. Aber Mallory bringt auf ihre Weise Schwung in die Ermittlungen: Sie verschafft sich Zugang zu den privaten Daten der Verdächtigen und speist wohl dosierte Anschuldigungen ins digitale Netz des „Coventry Arms“. Schon nach kurzer Zeit summt es im Haus wie in einem Bienenstock, und der Mörder beginnt die Nerven zu verlieren …

Mit Kopf & Knarre durch jede Wand

Kathleen Mallory, der zweite Fall: Nachdem sie in „Mallorys Orakel“ den Mörder ihres Pflegevaters gejagt und buchstäblich zur Strecke gebracht hat, widmet sich die unerbittliche Polizistin nun einem ’normalen‘ Verbrechen. Von der üblichen, streng reglementierten Ermittlungsarbeit hält Mallory allerdings wenig. Sie ist nicht ruhiger geworden seit dem Tod ihres Vaters, der allein eine gewisse Kontrolle über sie besaß. Folglich steckt sie schon wieder bis zum Hals in Schwierigkeiten, ohne sich jedoch davon aus dem Konzept bringen zu lassen. Für Mallory gibt es – wenn überhaupt – nur ihre eigenen Regeln, nach denen sich die Welt gefälligst zu richten hat.

Dass die junge Frau vor lauter innerer Spannung und Widerspruchsgeist nicht ständig mit dem Kopf gegen die Wand rennt, verdankt sie ihren ergebenen Freunden. Charles Butler, genialer Kopf einer kleinen Consulting-Firma und ebenso heftig wie hoffnungslos in Mallory verliebt, und die beiden Polizisten Coffey und Riker haben es sich zur Aufgabe gemacht, hinter ihrer seltsamen Gefährtin die Trümmer zusammenzukehren. Im Hintergrund wirkt die resolute Putzfrau Mrs. Ortega, die stets für eine Überraschung in Sachen Detektivarbeit gut ist.

Drahtseilakt mit Katze

Neuestes Mitglied in dieser erlauchten Runde ist Knolle, der fatal zutrauliche Kater der ermordeten Amanda Bosch. Ausgerechnet Mallory sucht sich das nicht sonderlich schlaue Tier als neue ‚Katzenmutter‘ aus: Mit winzigen Schritten gestattet Carol O’Connell ihrer Heldin, menschliche Züge zu entwickeln. Sie muss es tun, um das Interesse an ihrer allzu starren Heldin lebendig zu erhalten. Es ist auf die Dauer langweilig, Mallory unangreifbar wie Robocop unter den Gangstern New Yorks aufräumen zu sehen. Ein paar Sprünge muss der Panzer schon bekommen, der Mensch dahinter zum Vorschein kommen. In Mallorys Fall sind ihre sporadischen Versuche, wenigstens ansatzweise ein normales Leben zu führen, für ihr Publikum stets interessant zu beobachten, hat man doch meist den Eindruck, ein Alien nach der Landung auf der Erde vor sich zu haben.

Auf der anderen Seite besteht bei der Schilderung eines psychisch gewissermaßen leicht deformierten Charakters, wie ihn Mallory zweifellos darstellt, stets die Gefahr der Übertreibung. Auch im ihrem zweiten Fall ist Mallory wieder ganz „la belle dame sans merci“, und das wirkt unglaubhaft. Die ganze Welt dreht sich für ihre Freunde nur um Mallory, und sie betteln für ein kleines Zeichen ihrer Zuneigung wie der Zirkus-Seelöwe um Fisch. Immerhin: Einen winzigen Zipfel ihrer höllischen Vergangenheit kann Mallorys ‚Geschäftsfreund‘ Charles lüften: ein kleiner Vorgeschmack auf den vierten Teil der Mallory-Serie, in dem sich dann alles darum drehen wird.

Nur ein Thriller; ein guter Thriller

Ansonsten thrillert es dieses Mal nicht so vielschichtig-vertrackt wie beim ersten Mal. Das heißt aber nicht, die Geschichte sei etwa langweilig geraten. Die Suche nach einem fast perfekt getarnten, raffinierten und heimtückischen Mörder in einer illustren Runde ebenso neurotischer wie an die Macht gewöhnter Männer und Frauen wird von O’Connell mit dem gewohnten Geschick entwickelt und durchgespielt.

Natürlich ist der Plot uralt; schon Agatha Christie hat gern eine Schar pittoresker Verdächtiger mit einem genialen Detektiv in einen verschlossenen Raum gesperrt und abgewartet, was geschehen wird. Aber aus dieser Konstellation können noch immer Funken geschlagen werden, wie O’Connell beweist. Auch das zweite Mallory-Abenteuer bietet daher Unterhaltung auf hohem Niveau und – was noch wichtiger ist – macht wirklich neugierig darauf, wie sich die Hauptfigur weiterhin entwickeln wird.

_Autorin_

Carol O’Connell (geb. 1947) verdiente sich ihren Lebensunterhalt viele Jahre als zwar studierte aber weitgehend brotlose Künstlerin. Zwischen den seltenen Verkäufen eines Bildes las sie fremder Leute Texte Korrektur – und sie versuchte sich an einem Kriminalroman der etwas ungewöhnlichen Art.

1993 schickte O’Connell das Manuskript von „Mallory’s Oracle“ (dt. „Mallorys Orakel“/„Ein Ort zum Sterben“) an das Verlagshaus Hutchinson: nach England! Dies geschah, weil Hutchinson auch die von O’Connell verehrte Thriller-Queen Ruth Rendell verlegte und möglicherweise freundlicher zu einer Anfängerin sein würde.

Vielleicht naiv gedacht, vielleicht aber auch ein kluger Schachzug (und vielleicht nur eine moderne Legende). Hutchinson erkannte jedenfalls die Qualitäten von „Mallory’s Oracle“, erwarb die Weltrechte und verkaufte sie profitabel auf der Frankfurter Buchmesse. Als der Roman dann in die USA ging, musste der Verlag Putnam eine aus Sicht der Autorin angenehm hohe Geldsumme locker machen.

Seither schreibt O’Connell verständlicherweise hauptberuflich; vor allem neue Mallory-Geschichten, aber auch ebenfalls erfolgreiche Romane außerhalb der Serie. Carol O’Connell lebt und arbeitet in New York City.

Taschenbuch: 320 Seiten
Originaltitel: The Man Who Lied to Women (London : Hutchinson 1995)/The Man Who Cast Two Shadows (New York : G. P. Putnam’s Sons 1995)
Übersetzung: Renate Orth-Guttmann
http://www.randomhouse.de/btb

eBook: 735 KB
ISBN-13: 978-3-641-05314-7
http://www.randomhouse.de/btb

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