Carol O‘Connell – Kreidemädchen (Mallory 10)

Das geschieht:

Ein ungeschickter Kammerjäger löst im Central Park von New York City erst eine Ratten-Stampede und dann eine Panik unter Picknickern und Spaziergängern aus. Mindestens ein kleines Mädchen ist in dem Trubel verlorengegangen, was Detective Mallory auf den Plan ruft: Sie ist ein ehemaliges Straßenkind, das die Schrecken der Großstadt hautnah kennt und sich deshalb verpflichtet fühlt, das Mädchen zu finden.

Mallory ist außerdem eine Soziopathin, die ihre Energie kompromisslos in die Aufklärung von Kapitalverbrechen investiert. Diese Seite gewinnt die Oberhand, sobald das Mädchen – die achtjährige Coco – gerettet ist. Sie hielt sich seit Tagen im Park auf. Bei ihrem Schlupfwinkel entdeckt die Polizei in den Bäumen zwei Säcke, darin die nackten Körper eines beinahe verschmachteten Mannes und einer toten Frau, die dort gebunden, geblendet und stimmlos gemacht zum Verdursten und Verhungern aufgehängt waren. Wenig später wird eine weitere Frau noch lebend aus einem dritten Sack geborgen.

Die Medien nennen den Serienmörder den „Hungerkünstler“. Er hat seine Opfer keineswegs willkürlich ausgesucht. Mallory schöpft Verdacht, als sowohl Humphrey Bledsoe – der Mann – als auch Wilhelmina Fallon – die Frau – jegliche Mitarbeit verweigern. Offensichtlich wissen sie genau, wer ihnen nach dem Leben trachtet.

Bledsoe entpuppt sich als Kinderschänder aus gutem Haus. Fallon ist seit vielen Jahren drogensüchtig, konnte aber dank exzellenter Verbindungen dem Gesetz immer wieder entschlüpfen. Auch das dritte Opfer gehörte zu einem Netzwerk prominenter Familien, die sich über Gesetz und Moral erhaben fühlen und hochrangige Polizeibeamte, Juristen und andere Ordnungshüter schmieren. Jemand will nun Rache für erlittenes Unrecht nehmen. Mallory kann mehr als genug Verdächtige finden. Sie ermittelt Im Wettlauf mit der Zeit; dies nicht nur, um die unwilligen Opfer vor weiteren Anschlägen zu retten, sondern auch, um sie zur Rechenschaft zu ziehen …

Die Rückkehr eines schrägen Dream-Teams

Mehr als fünf Jahre liegen zwischen den „Mallory“-Thrillern 9 und 10 – Zeit genug, um lästig gewordene Serienroutinen abzuschütteln und gestärkt zu beliebten und erfolgreichen Figuren zurückzukehren. Dabei hatte „Such mich!“ 2006 alles andere als lahme, unwillig aufgekochte Kost geboten. Nichtsdestotrotz hatte Carol O’Connell eine Pause eingelegt, die sie nur für einen „Standalone“-Roman („Tödliche Geschenke“) unterbrach.

Jetzt ist Kathy Mallory zurück, und begleitet wird sie von ihrem bekannten. Kleinen, ergebenen Hofstaat, zu dem vor allem Sergeant Riker und Berater-Nerd Charles Butler gehören. Ebenfalls wieder dabei ist der geplagte Lieutenant Coffey, der als Chef der Special Crimes Unit der Polizei von New York City die oft gewagten Aktionen seiner nur marginal berechenbaren Untergebenen Mallory und Riker verantworten, decken oder vertuschen muss.

Auch sonst hat die Autorin nicht wirklich am Konzept geschraubt – recht so, denn es funktioniert auch in der Variation bekannter Szenarien weiterhin ausgezeichnet. O’Connell versteht es, ein spannendes Garn zu spinnen, das sie nicht nur gern und gekonnt verknotet, um ihr Publikum auf falsche Fährten zu locken, sondern auch auf eine Weise entwirrt, die für zusätzliche Überraschungen sorgt. Zu guter Letzt gelingt ihr, woran die meisten Autoren scheitern: ein gelungener Finaltwist!

Die Schrecken der Gerechtigkeit

Wenn Mallory ermittelt, besitzt die Jagd auf Verbrecher einen märchenhaften Unterton. Dies dürfte vor allem daran liegen, dass Mallory per se keine realitätsnahe Figur darstellt. Tatsächlich würde sie gut in ein Märchen oder eine Legende passen: ein nicht nur auf die Klärung, sondern auch auf die Bestrafung von Kriminellen fixierter (Rache-) Engel, der sich an das Gesetz nicht gebunden fühlt.

Zu oft schlüpfen Kapitalverbrecher durch seine Maschen. Vor allem die Reichen und Mächtigen können es sich leisten, verächtlich auf den Pöbel herabzuschauen, der sich an die Regeln halten muss. Mallory ist die Inkarnation einer archaischen Gerechtigkeit, die solche selbst definierten Privilegien nicht duldet. Deshalb setzt sich die Geschichte vom „Hungerkünstler“ fort, als der Fall längst gelöst ist: Das Gesetz mag im Rahmen seiner Befugnisse mit den Schuldigen fertig sein, doch auf Mallory trifft dies nicht zu. Sie bleibt denen, die abermals entwischen konnten, auf den Fersen und spricht schließlich ihr eigenes, erbarmungsloses Urteil.

Dies mag dem politisch korrekten Kritiker mindestens nach einer Rechtfertigung von Selbstjustiz schmecken. Doch Mallory ist eher eine überirdische Kraft. Um sie als Figur nicht ins Lächerliche kippen zu lassen, bedarf es einer Autorin, die stets die Zügel straff in der Schreibhand hält. O’Connell lässt diese nur manchmal schleifen, wenn sie Mallory ein wenig zu hoch über dem Boden der schnöden Realität schweben lässt; so genügt ein scharfer Blick des blonden Eis-Engels, um selbst knochenharten Machos die Knie schlottern zu lassen.

Die Saat des reinen Bösen

Das Böse wird mallorytauglich überhöht, wenn O’Connell allmählich klärt, wieso der „Hungerkünstler“ seine Opfer mit auserlesener Grausamkeit zu Tode foltert. Jedes Kapitel wird Auszügen aus dem Tagebuch des Schülers Ernest Nadelman eingeleitet. Er beschreibt die Qualen, denen er durch einige reiche, gelangweilte und bis ins Mark bösartige Mitschüler ausgesetzt ist. Weder die Lehrer noch seine Eltern helfen ihm; alle fürchten die Macht der Familien, die diese Peiniger hervorgebracht hat.

Parallel dazu entwickelt sich die gegenwärtige Handlung, die nach und nach enthüllt, welche Hebel damals gesetzeswidrig und unmoralisch in Bewegung gesetzt wurden, um eine Tragödie zu vertuschen, die nicht nur Ernest ein schreckliches Lebensende bescherte. Da O’Connell in dieser Beziehung ganz Realistin ist, beschreibt sie eine Ermittlung, die sich rasch nicht nur auf den Fall Nadelman, sondern auch um die zahlreichen Verbrechen konzentriert, die im Umfeld dieser Tat begangen wurden. Seit damals existiert ein solides Geflecht gegenseitiger Verpflichtungen, das die Täter auf Gedeih und Verderb verbindet. Dass es auf mehreren Morden basiert, haben die Beteiligten inzwischen vergessen bzw. verdrängt. Erst jemand wie Mallory, für die eine Verjährung von Verbrechen nicht existiert, muss kommen, um diese Allianz zu stürzen. Dazu bedient sie sich skrupellos auch der Methoden ihrer Gegner, die sie auf diese Weise trickreich gegeneinander ausspielt.

Das daraus resultierende Katz-und-Maus-Spiel trägt mühelos über mehr als 500 Druckseiten. Es gibt auch einen Bonus: Angenehm diszipliniert verhält sich O’Connell, wenn sie das Privatleben ihrer Figuren in die Handlung einfließen lässt. Diese Einschübe sind Teil des Geschehens, statt sich in endlosen, seifenoperlichen Schmalzergüssen zu erschöpfen. Vor allem widersteht O’Connell der Versuchung, ihren eiskalten Engel publikumswirksam aufzutauen: Mallory bleibt eine ‚echte‘ Soziopathin, eine wundersame Bekehrung bleibt uns deshalb erspart.

Mit Coco, dem ‚wilden‘ Kind, stellt uns O’Connell scheinbar das perfekte Spiegelbild einer jüngeren Mallory vor. Allerdings führt uns die Autorin einmal mehr Leser aufs Glatteis: Es kommt zu keinem emotionstriefenden Happy-End zwischen den beiden. O’Connell mag damit ein einschlägig gepoltes Publikum vor die Köpfe stoßen; dies ist freilich ein heilsamer Schock, zumal gegenteiliges Handeln die Figur Mallory verraten würde.

Selbst um den merkwürdigen Titel dieses Romans weiß O’Connell eine Plot-Schlinge zu legen. Auf der letzten Seite sind sämtliche in den Fall verwickelten Schurken mindestens für ihr Restleben gestraft oder mausetot. Für Mallory ist der Gerechtigkeit erst damit Genüge getan; sie konzentriert sich auf die nächste Ungerechtigkeit, die im US-Original bereits vorliegt und hoffentlich bald ihren Weg in die deutsche Krimi-Welt finden wird!

Autorin

Carol O’Connell (geb. 1947) verdiente sich ihren Lebensunterhalt viele Jahre als zwar studierte aber weitgehend brotlose Künstlerin. Zwischen den seltenen Verkäufen eines Bildes las sie fremder Leute Texte Korrektur – und sie versuchte sich an einem Kriminalroman der etwas ungewöhnlichen Art.

1993 schickte O’Connell das Manuskript von „Mallory’s Oracle“ (dt. „Mallorys Orakel“/„Ein Ort zum Sterben“) an das Verlagshaus Hutchinson: nach England! Dies geschah, weil Hutchinson auch die von O’Connell verehrte Thriller-Queen Ruth Rendell verlegte und möglicherweise freundlicher zu einer Anfängerin sein würde.

Vielleicht naiv gedacht, vielleicht aber auch ein kluger Schachzug (und vielleicht nur eine moderne Legende). Hutchinson erkannte jedenfalls die Qualitäten von „Mallory’s Oracle“, erwarb die Weltrechte und verkaufte sie profitabel auf der Frankfurter Buchmesse. Als der Roman dann in die USA ging, musste der Verlag Putnam eine aus Sicht der Autorin angenehm hohe Geldsumme locker machen.

Seither schreibt O’Connell verständlicherweise hauptberuflich; vor allem neue Mallory-Geschichten, aber auch ebenfalls erfolgreiche Romane außerhalb der Serie. Carol O’Connell lebt und arbeitet in New York City.

Taschenbuch: 542 Seiten
Originaltitel: The Chalk Girl (New York : G. P. Putnam’s Sons/Penguin Group USA 2012)
Übersetzung: Judith Schwaab
www.randomhouse.de/btb

eBook: 1858 KB
ISBN-13: 978-3-641-13366-5
www.randomhouse.de/btb

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