Lee Child – Past Tense (Jack Reacher 23)

Jagdszenen in New Hampshire

Der ewige Tramper Jack Reacher strandet in Laconia, New Hampshire. Hey, hier wuchs ja sein Vater Stan auf, bevor er ins Marine Corps eintrat. In der Gegend gibt es eine Menge Reachers, stellt er fest. Schon am zweiten Abend handelt er sich Ärger mit der Unterwelt ein, als er einer Cocktail-Kellnerin in Not beisteht.

Unterdessen verschickt ein anderer Reacher in den nahen Wäldern, wo er ein Motel gebaut hat, Einladungen zu einem ganz speziellen Spiel. Er hat zwei arglose Kanadier gefangen, die auf der Durchreise waren. Nun können sie nicht mehr weg, dafür hat er gesorgt. Bald darauf treffen die ersten Mitspieler ein und bestaunen das kanadische Pärchen durchs Fenster von Zimmer Nr. 10 – das perfekte Wild, da sind sich alle einig…

Der Autor

Lee Child verdankt seine außerordentliche Karriere als Krimiautor einer eher unangenehmen Lebenssituation: 1995 wurde ihm wegen einer Umstrukturierung sein Job beim Fernsehen gekündigt. Der Produzent so beliebter Krimiserien wie „Prime Suspect“ („Heißer Verdacht“) oder „Cracker“ („Für alle Fälle Fitz“) machte aus der Not eine Tugend und versuchte sich als Schriftsteller. Was selbst wie ein Roman klingt, entspricht in diesem Fall der Wahrheit: Bereits mit seinem ersten Thriller um den Ermittler Jack Reacher landete Child einen internationaler Bestseller. Er war zugleich Auftakt der heute mehrfach preisgekrönten „Jack-Reacher“-Serie. Child, der 1954 in Coventry in England geboren wurde, ist heute in den USA und Südfrankreich zu Hause. (Amazon.de)

1) Größenwahn (Killing Floor, 1997)
2) Ausgeliefert (Die Trying, 1998)
3) Sein wahres Gesicht (Tripwire, 1999)
4) Zeit der Rache (Running Blind/The Visitor, 2000)
5) In letzter Sekunde (Echo Burning, 2001)
6) Tödliche Absicht (Without Fail, 2002)
7) Der Janusmann (Persuader, 2003)
8) Die Abschussliste (The Enemy, 2004)
9) Sniper (One Shot, 2005)
10) Way Out (The Hard Way, 2006)
11) Trouble (Bad Luck and Trouble, 2007)
12) Outlaw (Nothing to Lose, 2008)
13) Underground (Gone Tomorrow, 2009)
14) 61 Stunden (61 Hours, 2010)
15) Wespennest (Worth Dying for, 2010)
15.5. Second Son (2011)
16. The Affair (2010)
16.5. Deep Down (2012)
17. Der Anhalter (A Wanted Man, 2012)
17.5. High Heat (2013)
18. Never Go Back (2013)
18.5. Not a Drill (2014)
19. Personal (2014)
20. Make Me (2015)
21. Night School (2016)
22. Midnight Line (2017)
23. Past Tense (2018)

Erzählungen

No Middle Name (2017)

Handlung

Der trampende Ex-Militärpolizist Jack Reacher hat sich vorgenommen, von Neuengland nach San Diego zu reisen. Er kommt nicht weit. Seine Mitfahrgelegenheit muss plötzlich wegen eines Notrufs zu seiner Baustelle umkehren und setzt Reacher mitten in der Pampa ab. Nördlich von Boston, Massachusetts, sind die Wälder von New Hampshire noch relativ dicht, die Gegend ländlich. Beim Anblick des Wegweisers nach Laconia, NH, erinnert sich Reacher, dass sein Vater Stan aus dieser Stadt stammt. Jedenfalls sagte er das immer, bevor er vor 30 Jahren starb. Er wurde auf dem Nationalen Friedhof von Arlington bestattet. Was kann ein weiterer Tag Aufenthalt schon schaden?

Laconia

Laconia hat 15- bis 20.000 Einwohner. Von der Archivarin Elizabeth Castle erfährt Reacher, dass ein gewisser Stan Reacher aus Ryantown stammt. Blöd nur, dass es heute Ryantown nicht mehr gibt. Von der Metallfabrik, in der für den 2. Weltkrieg Blech hergestellt wurde, sind nur noch Ruinen übrig. Diese faszinieren auch den Distriktanwalt und Volkszählungsspezialisten Carter Carrington. Er ist auf den ersten Blick ein Ex-Militär und kann dem Ex-Militärpolizisten ein paar Tipps geben. Als Reacher Carrington und Miss Castle einander vorstellt, verlieben die beiden sich prompt ineinander. Immerhin erfährt Reacher, dass sein Vater im September 1943 an einer Schlägerei beteiligt war.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. In zwei gewalttätigen Zwischenfällen legt sich Reacher mit den Rowdies der Gegend an. Weil einer der Rowdies der Sohn eines zwielichtigen Geldwäschers ist, tauchen bald finstere Gestalten in Laconia auf. Die Polizei legt Reacher dringend nahe, Laconia nicht mehr zu betreten. Doch inzwischen hat Reacher die Bekanntschaft eines ehemaligen Pfarrers gemacht. Der hat nicht nur ein Auto, sondern auch ein Handy. Das erleichtert sowohl Transport als auch Kommunikation.

Am Abend des dritten Tages und nach einer weiteren Schlägerei sieht sich Reacher gezwungen, ein Motel außerhalb der Stadt zu suchen. Burke erinnert sich an ein Motel, das im Wald nahe Ryantown liegen soll. Doch als sie die Zufahrt erreichen, blockiert ein riesiger Abschleppwagen die Straße in den Wald, in dem das Motel liegen soll. Als Reacher aus dem Wald Schüsse kommen hört, schickt er Burke weg und geht selbst nachschauen, was da los ist…

Das Motel

Der alte klapprige Honda Civic hat bereits seine besten Tage hinter sich, als sich der Kartoffelfarmer Shorty Fleck und seine Freundin Patty Sundstrom von Kanada über die Grenze der USA wagen. Sie wollen im 1000 Meilen entfernten New York City den Inhalt des Koffers verkaufen, der gefühlt mindestens eine halbe Tonne wiegt (und dessen wahre Natur wir erst ganz am Schluss erfahren). Kurz vor Laconia droht der alte Honda den geist vollends aufzugeben, und als ein Schild MOTEL auftaucht, wagen sich die beiden auf die Zufahrt. Diese erweist sich als erstaunlich lang, nämlich mehr als drei Kilometer.

Das Motel ist in Wahrheit eine Art Weiler, der neben dem Wohntrakt mit elf Zimmern auch ein Haupthaus und eine Scheune umfasst. Vor der Scheune stehen fein säuberlich aufgereiht neun Quadräder. Aber kein einziges Auto. Dennoch halten sich hier vier junge Männer auf, die in einem sonderbaren Kauderwelsch daherreden, wie froh sie über Gäste seien. Zimmer Nummer zehn sei gerade renoviert worden, sagt ein Typ, der sich als Mark Reacher vorstellt. Er würde sich um den Honda kümmern. Kurz darauf springt der Honda nicht mehr, ja, nicht mal die Zündung macht noch einen Mucks. Während Shorty Mark Vorwürfe macht und ihm Sabotage unterstellt, entscheidet sich Patty als die Klügere für einen diplomatischeren Ton. Irgendetwas passt hier nicht zusammen.

Nachts um drei wacht Patty auf. Was hat sie geweckt? Als sie die Tür öffnen, ist diese versperrt. Am nächsten Morgen verlangt Mark 50 Dollar für die Nacht. Als sie das Frühstück ablehnen, stellt er ihnen einen Karton mit Müslipackungen und Wasserflaschen hin. Zwischen den Nahrungsmittelpackungen stecken zwei Taschenlampen. Taschenlampen? Die Dinger wecken Shorty Misstrauen erneut. Aber er wartet erst einmal auf den versprochenen Mechaniker. Der stellt sich am Telefon als Karel vor, ein Ex-Jugoslawe. Als er endlich eintrifft, nimmt sein Abschleppwagen den ganzen Hof vor dem Wohntrakt ein, so riesig ist er. Doch Karel redet ebenfalls Unsinn, denkt Patty. Er kann weder den Honda reparieren, noch will er sie von hier wegbringen.

Inzwischen wissen sie, dass sie hier gefangen sein könnten. Mark redet nur noch über den „Fernseher“ mit ihnen, und als Mark ihren ersten Fluchtversuch vereitelt, wird ihnen klar, dass man sie abhört und beobachtet. Aber zu welchem Mark sie gefangen hält, will er ihnen nicht verraten – vorerst.

Schließlich treffen sechs Männer ein, die das kanadische Pärchen durchs einzige Fenster ihres Zimmers wie Tiere im Zoo anstarren. Patty und Shorty wird immer mulmiger zumute, und sie ziehen sich ins Badezimmer zurück. Als Shorty dort die Wandverkleidung zerstört, machen sie eine bestürzende Entdeckung: In der Wand eingelassen sind stählerne Stangen, die das ganze Zimmer zu einem Faraday’schen Käfig machen. Der Käfig lässt keinerlei Funksignale hinaus noch hinein. Ein Handy hätte ihnen also nichts genützt. Doch wozu soll der Käfig dienen und was haben die sechs Männer mit ihnen vor?

Mein Eindruck

Während Reacher im Archiv eine Zeitreise zu seinen Vorvätern unternimmt, versetzt ein anderer Reacher die beiden gefangenen Kanadier in eine viel frühere Zeit, nämlich jene finsteren Tage, als die Menschen ihr Wild noch mit Pfeil und Bogen erlegen mussten. Zwar sind die Jagdgeräte inzwischen aufgemotzt und auf Armee-Niveau angehoben worden (die Nachtsichtgeräte sind auf dem Niveau 2.0 von „Das Schweigen der Lämmer“), doch das Wild kann allein durch seine Intelligenz überleben. Das muss auch Shorty einsehen, der auf eine extrem ausgefallene Idee verfällt, wie er sich Feuer beschaffen kann: durch den Funkenflug bei der Überbrückung zweier gekappter Elektrokabel. Der Funke fällt auf einen mit Benzin getränkten Lappen, der Rest ist nur eine Frage der Geschicklichkeit – in kürzester Zeit steht das Motel in Flammen. Aber die Jäger lauern im umliegenden Wald…

Reacher entdeckt bei seinen familiären Nachforschungen, dass in Ryantown, das seinem Großvater gehörte, zwar alles mit rechten Dingen zuging, aber man nicht viel von Würde und Identität hielt. Da ständig jemand krank, aber kein Landarzt in Reichweite war, mussten die Kranken zu anderen Familien gegeben werden, wo das Ansteckungsrisiko offenbar geringer war. Die Vettern und Kusinen waren ständig irgendwo unterwegs, so dass sich leicht eine Identität wechseln ließ. So machte es auch sein Vater. Aus dem 17-jährigen Mörder William Reacher, der zu jung für die Marineinfanterie gewesen wäre, wurde auf diese Weise der 18-jährige „Stan“ Reacher, den das Corps sofort aufnahm.

Der echte Stan Reacher lebt immer noch, um seine Geschichte Jack Reacher zu erzählen. Damals herrschte die Große Depression, und Arbeit zu haben, war eine Frage des Überlebens. Nach einem Verbrechen abhauen zu können, bedeutete ebenfalls, überleben zu können. Dazu ging man zum Militär, das nur nach Bedarf und Eignung urteilte, ob man genommen wurde oder nicht.

Auch die beiden Kanadier sind bestens geeignet – als Jagdwild. Sie sind zivilisiert im schlimmsten Sinne: keine Ahnung vom Überleben im Wald, ja, noch nicht mal von Orientierung. Ihr zweiter Nachteil: Keiner vermisst sie. Das macht sie als Wild so „perfekt“. Doch auch die Jäger haben ein Handicap: Sie sind alles andere als Profis. Diese Amateure, die mitunter schon über 70 Jahre alt sind, müssen ihre Sinne aufrüsten, um das „Wild“ stellen und erlegen zu können. Sie haben Mark Reacher großen Batzen Geld für diesen Spaß bezahlt, und diesen Spaß wollen sie sich nicht nehmen lassen.

Plan B

Doch als das Motel zu brennen anfängt, laufen die Dinge aus dem Ruder: Mark Reacher kündigt seinen Geschäftspartnern die Freundschaft und legt sie einen nach dem anderen um. Mit dem Geld – einer runden Million, will er sich aus dem Staub machen, doch er stößt auf zwei Hindernisse: der riesige Abschleppwagen Karels versperrt die Ausfahrt und ein unbekannter Jäger murkst die Spielteilnehmer ab. Wer kann das bloß sein? Na, dreimal darf man raten.

Der Name „Reacher“ wird in diesem Roman zu einer Art Gattungsname: Es sind Typen, die das eigene Überleben und Wohlergehen über das der anderen stellen. Opa Reacher in Ryantown, William alias „Stan“ Reacher, Mark Reacher und jetzt Jack Reacher. Letzterer stellt eine Abweichung dar. Er hilft den Verfolgten, denn sie sind waffen- und wehrlos. Schenkt ihnen sogar das Geld. Aber was sie in ihrem tonnenschweren Schrankkoffer gebunkert haben, darf hier nicht verraten werden. Hauptsache, es gibt einen erstklassigen Showdown auf dieser ungewöhnlichen „Jagd“.

Unterm Strich

Ich habe diesen Thriller in nur wenigen Tagen gelesen, denn er ist zunehmend spannend, doppelbödig und gespickt mit interessanten Figuren. Die beiden Kanadier sehen sich in einem Rätsel gefangen, dessen Sinn und Zweck sie erst noch ergründen müssen. Diesem Spannungsbogen folgt auch der Leser gerne, selbst wenn er schon als gewiefter Krimileser schon Meilen im Voraus ahnt, wie diese Sache ausgeht. (Besonders wenn er schon, wie ich, „Wildnis“ von Robert B. Parker (s.u.) gelesen hat.) Dennoch gibt es einige Details, die selbst den erfahrenen Leser noch verblüffen könnten.

Reacher begibt sich im übertragenen Sinne in die ferne Vergangenheit, um seinen Vater zu finden oder wenigstens die Umstände seines Weggangs aus Laconia aufzuklären. Er stößt auf wilde, ungeordnete Verhältnisse, besonders als sich die Spur eines Mordes abzeichnet. Ähnlich wild und ungezügelt geht es bei der Jagd im Wald zu, nur dass der Überlebenskampf hier für gutes Geld als Sportveranstaltung verkauft worden ist, eine Perversion des ursprünglichen Jagdzwecks, nämlich der Nahrungsbeschaffung für die Sippe bzw. den Stamm. Die Parallele zwischen den Aktivitäten des Jack und des Mark Reacher treten erst allmählich zutage. Einen Reim muss sich jeder selbst darauf machen.

Was ist nur aus den Auftragskillern aus Boston geworden, fragte ich mich mehrmals. Reacher hatte sich ja mit dem Sohn eines Unterweltmitglieds angelegt – die Antwort kommt postwendend, vom Laconia-Polizeirevier mit Anspannung erwartet. Doch wie sich im Laufe des Romans herausstellt, gibt es auch hier keine losen Enden. Wie bei Reacher üblich, verzichtet er „Held“ auf den Einsatz von Schusswaffen, sondern lässt seine Fäuste sprechen – bei zwei verschiedenen Gelegenheiten, an zwei völlig unterschiedlichen Orten. Kein Wunder, dass ihn das Laconia PD auf keinen Fall mehr innerhalb seiner Ortsgrenzen aufkreuzen sehen möchte.

Romantik

Weibliche Leser könnten den Eindruck erhalten, als Leser kämen nur Testosteronproduzenten in Frage. Das ist zum Glück nicht der Fall. Der Anwalt Carrington Carter mit dem Hinkebein und die schüchterne Archivarin Elizabeth Castle haben sich offenbar unsterblich ineinander verliebt und verbringen ihren ersten Ausflug ins Grüne ausgerechnet in Ryantown. Vielleicht taufen sie ihren Sprössling ja auch „Reacher“.

Hinweis

Wem die Jagdszenen in diesem Roman gefallen haben, könnte auch an Robert B. Parkers Standalone-Krimi „Wildnis“ Lesefreude finden. Siehe dazu meine Rezension.

Der Originaltitel „Past Tense“ ist doppelbödig. Zwar bedeutet er natürlich die Vergangenheitsform im grammatikalischen Sinn, aber diese „past“ ist „tense“, nämlich angespannt.

Fazit: 4,5 von 5 Sternen.

Michael Matzer © 2018ff

Hardcover: 382 Seiten
Originaltitel: Past Tense, 2018
ISBN-13: 978-0399593512

Delacorte Press

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