Melo, Patricia – Schwarzer Walzer

_Die Autorin_

Patricia Melo, geboren 1962 in Sao Paulo, arbeitet als Drehbuchautorin und Schriftstellerin und ist eine der bekanntesten Autorinnen ihres Landes. Mit dem Kriminalroman „O Matador“, für den sie 1998 den Deutschen Krimipreis erhielt, und der Gesellschaftssatire „Wer lügt, gewinnt“ gelang ihr der internationale Durchbruch. Ihre Romane wurden u. a. ins Englische, Französische, Italienische, Spanische, Niederländische und Chinesische übersetzt. Der |Spiegel| nannte sie „eine begnadete Sprachhexe“ und lobt ihre Scharfzüngigkeit. „Schwarzer Walzer“ ist nach „Inferno“ ihr fünfter Roman. Patricia Melo lebt mit ihrer Tochter in Sao Paulo.

_Inhalt_

„Schwarzer Walzer“ ist alles andere als ein gewöhnlicher Roman. Die Autorin erzählt die Geschichte eines alternden Dirigenten, dessen Lebensumstände kaum besser sein könnten. In seinem Beruf wird er trotz seiner schwierigen Art respektiert, in der Presse ist er als musikalisches Genie verschrien, und auch auf privater Ebene könnte es ihm mit seiner neuen Herzdame, der dreizig Jahre jüngeren Marie, kaum besser gehen. Aber nach der Hochzeit erkennt sich dieser Mann kaum wieder. Er zweifelt an der Aufrrichtigkeit seiner neuen Gattin und beauftragt seine Dienerin damit, ihr nachzuspionieren. Fest davon überzeugt, dass Marie ihn mit einem anderen Mann betrügt, verfolgt er jeden ihrer Schritte, wühlt in ihren Zeitschriften herum und klammert sich an jeden noch so kleinen Strohhalm, weil er glaubt, hier den Beweis für eine Affäre gefunden zu haben. Doch immer wieder stellt sich heraus, dass er mit seiner Vermutung falsch liegt, denn Marie liebt ihn und würde ihn nie betrügen. Mehrmals verlässt sie ihren Ehemann, weil sie seine ständige Eifersucht und seinen Besitzanspruch nicht mehr ertragen kann, doch die dadurch entstehende Hassliebe bringt sie immer wieder von Neuem zusammen, und ihre sexuelle Begierde und die damit verbundene Phantasie steigt von Mal zu Mal. Eines Tages jedoch hält es Marie in der konfusen Welt des verstörten Dirigenten nicht mehr aus. Endgültig packt sie ihre Koffer und verschwindet, doch der zusehends zermürbte alte Mann lässt von seiner Verfolgung nicht mehr ab und reist um die halbe Welt, nur um sich seine Behauptung, Marie schlafe mit einem anderen Mann, irgendwie bestätigen zu lassen – ohne Erfolg …

_Meine Meinung_

Die Art und Weise, wie Patricia Melo den Hauptcharakter dieses Buches beschreibt, ist schon fast abschreckend. Nicht dass der Dirigent jemals bodenständig gewesen wäre – seit eh und je führt er ein sehr extravagantes Dasein – doch durch die zunehmenden Zwänge, die sich nicht nur in seiner Herrschsucht und seinen zunehmenden Besitzansprüchen äußern, verliert er vollkommen die Kontrolle über sich selbst und sucht immer wieder nach neuen Sicherheiten, um nicht vollkommen den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er hat die schönste Frau, die tollste Reputation als Musiker, unbeschränkte Möglichkeiten wegen seines verdienten Reichtums, und, und, und – aber all das beunruhigt ihn mehr, als dass es ihn zufrieden stellt, denn je mehr er besitzt, desto größer wird die Angst, es auch wieder zu verlieren. Marie, seine neue Frau, bekommt dies am deutlichsten zu spüren. Jeder Mann in ihrer Nähe ist eine potenzielle Gefahr und ein Grund für einen erneuten Streit, jeder angestrichene Artikel über ihre Heimat Israel birgt irgendeine Gefahr, auch wenn sich der Mann das genaue Ausmaß gar nicht erklären kann, aber auch jede Minute, in der er seine Frau aus den Augen und somit auch die totale Kontrolle über sie verloren hat, wird zur unendlichen Tortur, die mit den wildesten Gedanken und den größten Ängsten verbunden ist.

Nach und nach bricht seine Psyche zusammen, und je mehr er und Marie sich auseinanderleben, desto größer sind die Eskalationen, denen er sich hingibt. Und dennoch verzeiht seine Frau ihm immer und immer wieder. Er selber nennt dies ein Spiel, das ein wichtiger Teil ihrer Beziehung ist, wird sich aber der Tragweite seiner zwanghaften Persönlichkeit gar nicht bewusst. So kommt es, wie es kommen muss: Marie zieht aus, und mit einem Schlag besitzt er sie nicht mehr. Er kann sie nicht mehr lenken, sie nicht mehr beaufsichtigen, und vor allem nicht mehr mit ihr schlafen. Das zerreißt ihn schließlich endgültig und erweitert das Phänomen seiner Zwänge um neue Eigenschaften, die ihn letztendlich vollkommen zerstören und ihm auch den letzten Halt nehmen, den er in seinem ohnehin schon chaotischen Leben noch hatte.

Der Autorin ist es sehr gut gelungen, die Abgründe im Inneren des Protagonisten zu ergründen. Sie erzählt die Geschichte aus seiner Sicht und nimmt von Beginn an auch seine abstruse Denkweise auf. So findet sie in der Person des Dirigenten auch stets Rechtfertigungen für sein unlogisches Verhalten, legt dann aber im nächsten Augenblick auch wieder den Schalter um und schildert die Furcht, die mit dem vermuteten Verlust seines Besitzes verbunden ist, kehrt also im ständigen Wechsel zum seelischen Chaos zurück. Bemerkenswert ist dabei die realitätsnahe Härte, die sich durch den Roman zieht. Der Mann hat zum ersten Mal in seinem Leben die echte Liebe entdeckt, und das ist der vornehmliche Unterschied zu seiner ersten Ehe mit Teresa. Aus diesem Grund zeigt er auch keine Gefühle gegenüber seiner Tochter Eduarda und lässt sie – während ihre Mutter mit dem neuen Lebenspartner in die Vereinigten Staaten aufbricht – fast verwahrlosen. Erst als sie eines Nachts nicht nach Hause zurückkehrt, macht er sich, ebenfalls zum ersten Mal, richtig Sorgen, muss dann aber verbittert zur Kenntnis nehmen, dass Eduarda bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Diese dramatische Geschichte, und vor allem die Art und Weise, wie sie von Patricia Melo beschrieben wird, geht zutiefst unter die Haut und übertrifft das Drama zwischen ihm und Marie sogar fast noch.

Die Autorin hat aber keine Fakten ausgelassen und beschreibt die zwanghafte Persönlichkeit genau so, wie sie – nun, ja – im Buche steht. Die Eigenschaften, die er nämlich bei anderen hasst, sind seine eigenen. So verurteilt er seine Frau, die wie angedeutet Jüdin ist, wegen ihrer Herkunft und verurteilt die grausamen Verbrechen an der Menschlichkeit, die in Israel tagtäglich geschehen. Bei seiner Reise in das Land wird er in seiner Meinung nur bestätigt und beschreibt seine Erfahrungen mit einem Sarkasmus, der seinesgleichen sucht. Außerdem schläft er fortwährend mit anderen Frauen und betrügt seine Gattin mehrfach, beschuldigt sie aber gleichzeitig auch, dass sie eine Ehebrecherin wäre. Die eigenen Schandtaten werden abgewertet und die gar nicht geschehenen der Anderen angeklagt. Diese Ungleichung zieht sich als roter Faden durch den Roman und charakterisiert das Denken des psychischen Wracks.

Am Ende frage ich mich, wie Melo dazu gekommen ist, in die Rolle eines solch widerwärtigen Misanthrops zu schlüpfen. Doch gleichzeitig bewundere ich auch die nüchterne Erzählweise, die tabulose Sprache und die durchgängige Lebensnähe, in der die Handlung (?) sich abspielt. Was sich auf diesen 270 Seiten abspielt, ist gleichermaßen krank, verrückt, ekelhaft, provokativ, faszinierend und genial. Und gerade die letztgenannte Eigenschaft sollte man sich merken, denn was ich schlussendlich sagen möchte, ist, dass „Schwarzer Walzer“ ein Meisterwerk ist, für das ich der Autorin meine größte Bewunderung aussprechen möchte, und das zu lesen sich in jeglicher Hinsicht lohnt.

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