Montag, Holger Willi – Reisen mit Pippo

_Roadtrip nach Apulien_

„Was tun, wenn der Großvater stirbt und die Erfüllung dessen letzten Wunsches – in der süditalienischen Heimat bestattet zu werden – […] scheitert?“ – so der Klappentext des im Jahr 2003 erschienen Debütromans „Reisen mit Pippo“ von Holger Willi Montag. „Für Luca Hübschen gibt es nur eine Lösung: Den toten Giuseppe – genannt Pippo – selbst die 2000 Kilometer von Saarbrücken nach Apulien zu transportieren, und zwar mit Hilfe seiner Freundin Steffi und seines betagten Fiat 500 ‚Cinquecento‘.“

Auf 464 Seiten erzählt Montag in seinem Erstling von Lucas aberwitzigen Überführung des in sitzender Haltung gestorbenen Opas durch halb Deutschland, die Schweiz und fast ganz Italien in einem nur mit Kühlakkus notdürftig kalt zu haltenden als Dachgepäck getarnten Metallsarg zu einer Zeit, als die Grenzen Europas noch nicht so offen standen wie heute. Dabei wächst der sonst eher unkonsequente junge Mann an Entschlossenheit und Erfindungsreichtum plötzlich über sich hinaus, wenn er beispielsweise der Grenzkontrolle glaubhaft machen kann, dass sein kurzzeitig auf den Beifahrersitz umgelagerter Opa ein Autist wäre, oder wenn er ihn zur Kühlung in einer nur schwer zugänglichen Höhle am Meer zwischenlagert.

Dieser Kontrast zwischen dem ernsten Anlass und dem slapstickhaften Motiv des wenig respektvollen Transports ist jedoch nur eine Seite des Romans. Auf seiner Reise mit Pippo wird Luca klar, dass er im Grunde nichts über die persönliche Geschichte seines Großvaters und seines italienischen Familienzweiges weiß. Je mehr er sich dem Heimatort seines Opas nähert, desto neugieriger wird er deshalb darauf, seine Verwandten kennenzulernen und die wirklichen Geschichten hinter den Anekdoten, die in der Familie kreisen, zu entdecken. So endet zwar die Autofahrt in Lecce, aber Luca bekommt endlich die Gelegenheit, seine zahlreiche Verwandtschaft kennenzulernen und tiefer in die Geschichte des verzweigten Familien- und Freundeskreises einzutauchen. Endlich erfährt er all die aberwitzigen Familiengeschichten, die er bis dato gar nicht oder nur bruchstückhaft zu hören bekommen hatte: darüber wie sich die unterschiedlichen Paare zusammengefunden haben beispielsweise oder vom Auswandern nach Deutschland, vom Guanoabbau in einer Fledermaushöhle und auch über die regelmäßige Bestückung einer Ausgrabungsstätte mit nachgemachten antiken Scherben.

Mit nur wenig zeitlicher Verschiebung zu Luca macht sich auch Jacob, ein alter Freund Pippos, mit Rainer, einem weiteren Freund der Familie, auf nach Apulien. Er hat einen richtigen kühlbaren Sarg besorgt und beabsichtigt in Italien mit Luca zusammenzutreffen, um den Leichnam zu übernehmen. Obwohl es aus verschiedenen Gründen nicht dazu kommt, ist die Reise dennoch auch für Jacob sehr wichtig, um seinen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen. Der Leser erfährt in diesem Zusammenhang, dass Jacob und Pippo im Zweiten Weltkrieg aufeinander getroffen waren und sich über ihren Bäckerberuf eine Jahrzehnte währende Freundschaft entwickelt hatte, die Pippo schließlich in den Jahren des Aufschwungs in Deutschland aus dem wirtschaftlich abgeschlagenen Süditalien nach Frankfurt am Main geführt hat. Auch diese Geschichte und der Grund, an dem die Freundschaft zerbrach, wird auf der Reise nach Apulien mehr und mehr enthüllt. So ist das Buch nicht nur ein slapstickhafter Roadtrip, sondern ein Roman geworden, der aufzeigt, wie schade es ist, wenn ältere Menschen zwar eine feste Größe im Familienleben darstellen, aber ihre persönlichen Geschichten niemanden mehr interessieren. Immerhin sind deren Erlebnisse nicht nur ein Teil der Familiengeschichte, sondern verknüpfen den kleinen familiären Kosmos mit dem größeren Kosmos der Weltgeschichte.

Danach gefragt, woher er die Inspiration und die Ideen für seinen Roman bezogen hat, antwortete Holger Montag, dass er bereits im Frühjahr des Jahres 2000 über einen Familienroman nachgedacht habe, in dem er das bewegte Leben eines in der Fremde lebenden Italieners wiedergeben wollte. Ein Urlaub führte ihn im gleichen Jahr nach Italien, wo er sofort mit der geballten süditalienischen Gastfreundschaft inklusive obligatorischem Kennenlernen der Tanten und Onkel sowie großen Familienessen konfrontiert wurde. Auf diese Art wurden die Grundzüge der Charaktere für „Reisen mit Pippo“ geboren. Der überwiegende Rest an Geschichten und Handlungsorten entspringen der Fantasie des Autors, sind aber witzig und glaubhaft geschildert. Durch die schrittweisen Enthüllungen der Familiengeschichten und die Frage, ob sich Lucas Beziehung zu Steffie in diesen stressigen Urlaub eher festigen oder vielleicht gar zerbrechen wird, bietet das Buch bis zur letzten Seite immer wieder Überraschungen, so dass man es gar nicht mehr zur Seite legen mag.

Holger Montag hat im Mandarin Verlag inzwischen ein Kinderbuch und zwei weitere Romane veröffentlicht. „Reisen mit Pippo“ ist auf jeden Fall das Richtige für alle, die Italien mögen oder auf der Suche nach einer ungewöhnlichen und erfrischenden Lektüre abseits vom Mainstream sind.

|Taschenbuch: 464 Seiten
ISBN: 978-3980932509|
http://www.mandarin-verlag.de

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