Preston, Douglas – Credo – Das letzte Geheimnis

Religion und Wissenschaft – können beide Bereiche miteinander oder zumindest reibungsfrei nebeneinander existieren? Wie interpretiert die Wissenschaft die Schöpfungsgeschichte? Wie oder was könnte Gott sein? Ein Energiefeld, eine Wesenheit, die wir noch nicht begriffen haben? Fragen über Fragen, die man bislang entweder mit Fakten der Wissenschaft oder seinem Glauben beantworten kann. Physik, Quantenphysik, Genetik, Relativitätstheorie mit den Gesetzen von Raum und Zeit – haben Gott und der eigentlich unbeweisbare Glaube an ihn und sein Wirken einen Platz neben diesen weltlichen Wissenschaften?

Douglas Preston hat in seinem Roman „Credo – Das letzte Geheimnis“ Gott und der Wissenschaft eine breite Bühne gegeben. Was würde passieren, wenn man die Möglichkeit gefunden hätte, mit „Gott“ zu kommunizieren? Würden dies Gläubige des Christentums und anderer Religionen hinnehmen oder ablehnend anzweifeln?

_Inhalt_

Der amerikanische Senat hat 40 Milliarden Dollar für ein Experiment genehmigt: Ein kleiner Kreis von hochtalentierten Physikern und Wissenschaftlern arbeitet hierfür an einem Teilchenbeschleuniger. Bei diesem Projekt soll der „Urknall“ erforscht und nachgebildet werden. Damit hätte man eine neuartige Energiequelle entdeckt, die alle bisherigen weit in den Schatten stellt. Die Leitung des Projekts hat der Nobelpreisträger Hazelius, der sich selbst als einer der schlauesten Köpfe der Welt sieht.

Die Zeit drängt und der Teilchenbeschleuniger „Isabella“ sowie die Wissenschaftler arbeiten fieberhaft an dem Projekt, denn die Regierung verlangt ungeduldig Ergebnisse. Doch aus der Wüste inmitten eines ehemaligen Indianergebietes unterrichtet man die Geldgeber eher sporadisch und verschlossen.

Doch damit gibt man sich nicht zufrieden und beauftragt den ehemaligen CIA-Agenten Wyman Ford damit, sich in das Team einzuschleusen, um einen Blick hinter die Kulissen zu werfen – unter dem Deckmantel eines offiziellen Kontaktmannes zu den Navajos, auf deren Land das Forschungsgelände errichtet wurde. Die Navajos sind mit dem Handel, den sie mit der Regierung vereinbart haben, nicht zufrieden und auch der Lobbyist Craven, dessen Idee dieser Handel war, ist alles andere glücklich.

„Isabella“ und das Projektteam sind schon länger ein umstrittenes Thema in den Medien. Einige Stimmen sprechen von Blasphemie, da man die biblische Schöpfungsgeschichte nachahmen will, und schon treten viele christliche und erzkonservative Kreise auf den Plan, die das Ende des Projektes fordern.

Auch ein bekannter Fernsehprediger, der nach vielen persönlichen Schicksalsschlägen nun die Chance auf Reichtum, Ansehen und Macht sieht, stachelt die Mengen mit seinen öffentlichen Reden gegen das Projekt „Isabella“ auf, das Gott simulieren will.

Wyman Fords Exfreundin, die er seit knapp zehn Jahren nicht mehr gesehen hat und die ebenfalls Teil des Forschungsteam ist, weiht Ford in die etwas komplizierten und komplexen Schwierigkeiten ein: „Isabella“ hat Kontakt mit einer offensichtlich übermenschlichen Intelligenz aufgenommen. Alle Versuche, den Kontakt zu lokalisieren, schlagen fehl. Noch immer erscheint eine Begrüßung auf dem Bildschirm und sie bezeichnet sich selbst als Gott, nicht irgendeine Wesenheit, sondern wirklich als der einzig wahre Gott. Im Dialog mit den Wissenschaftlern fordert „Gott“, von den alten Glaubensgrundsätzen abzurücken und die Naturwissenschaften als einzige Religion anzuerkennen.

Ford kann nicht verhindern, dass diese Botschaft durch Zufall nach außen dringt. Eine Welle der Entrüstung wogt durch die Medien, und auch der Fernsehprediger, der sich jetzt als Werkzeug und Waffe Gottes sieht, provoziert und hetzt die Menge zu einem wütenden und bewaffneten Mob auf, dessen Ziel die Zerstörung von „Isabella“ und dem Projekt-Schöpfer ist. Doch auch die Regierung sieht sich durch die Medien gezwungen, vor Ort nachzusehen, was in der Wüste vorgeht. Die Lage wird schnell dramatisch und droht zu eskalieren, als „Gott“ vom Ende der Welt spricht …

_Kritik_

Die Idee, „Gott“ als Protagonisten sprechen zu lassen, ist interessant und mal etwas anderes, sie schürt jedenfalls die Neugierde auf diesen Roman. Der Autor Douglas Preston, der alleine und zusammen mit seinem Kollegen Lincoln Child schon etliche wissenschaftliche Thriller verfasst hat, erzählt „Credo“ recht flüssig, aber ohne wirklich aufkommende Spannung. Die Protagonisten werden zu gemächlich eingeführt, und die unterschiedlichen Handlungsstränge wirken jeder für sich inhaltlich nicht nachhaltig interessant.

Die Dialoge mit „Gott“ wird sich der Leser anders vorgestellt haben. Man kann die Stimme und die Worte als seelenlos bezeichnen, wenn sie von Wissenschaft und Glaube spricht, aber einfühlsam, verständnisvoll und tiefsinnig ist die Unterhaltung keineswegs. Dieser Gott ist eher von Egoismus geprägt und seine Theorien und Forderungen entsprechen purem Pragmatismus. Empfindungen wie Liebe und Gefühl scheinen nicht im Wortschatz vorhanden zu sein.

Ford steht dabei bis fast zum Ende hin als blasser Beobachter am Rande des Geschehens und verhält sich recht passiv, erst am Ende nimmt er in der Handlung viel mehr Raum ein. Einzig und allein der Leiter des Projekts, Dr. Hazelius, umgibt sich in der Geschichte mit einem gewissen Charisma. Sein überlegener Intellekt verleiht ihm dabei etwas Würdevolles und Mystisches. Sein Leben, Denken und Handeln werden durchgehend durch die Wissenschaft beeinflusst und gelenkt. Seine Religion steht nicht in der Heiligen Schrift, sondern findet in Labors und Forschungseinrichtungen statt.

Der verblendete und sehr radikale Fernsehprediger ist ein klassischer Verlierertyp. Immer pleite und von seinen erlebten und gelebten Schicksalsschlägen auch körperlich gezeichnet, sucht er nach einer Aufgabe, die seinem Leben Sinn und vor allem Halt gibt. Doch Mitleid empfindet man als Leser wenig bis gar nicht; trotz einiger Niederlagen im Leben sollte man in der Lage sein, relativ klar denken zu können und auch Gottes Zehn Gebote nicht als „Leitfaden“ oder „Gebrauchsanweisung“ für möglichst wenige Sünden zu verstehen. Dass er radikale Jünger um sich schart und Gewalt in solchen Ausmaßen predigt, ist zwar nicht unrealistisch, aber dass er damit derart deutlich Gehör findet, halte ich doch für stark übertrieben.

„Credo – Das letzte Geheimnis“ wendet sich an die Religionen und an die Wissenschaft zugleich. Verschiedene Theorien werden hier vertreten. Einige Stimmen meinen, die Religion schließe die Naturgesetze und deren Wissenschaft nicht aus, denn schließlich hat Gott diese erst ermöglicht, wogegen andere schnell von Blasphemie sprechen, wenn die Wissenschaft neue Wege mit moderner Technik beschreiten möchte. Douglas Preston hat dies wirklich gut in Worte gefasst und seine Stellung weder pro noch kontra ausgearbeitet.

Dass Religion auf Menschen verführerisch und aufrührerisch wirken kann und deren Botschaften manipulierend interpretiert werden, wissen wir nicht erst seit heute. Doch die Gefahr dessen wird uns meistens erst dann bewusst, wenn es zu spät für einen friedlichen Weg ist; so auch in „Credo“, als die Spirale der Gewalt sich nach außen und innen einen Weg bahnt und ein Schlachtfeld der Verwüstung hinterlässt. Auch hier hat Douglas Preston in seinem Roman hingewiesen.

Doch auch die Risiken der Wissenschaft werden hier nicht außen vor gelassen. Was bringt uns die Wissenschaft, wenn wir dabei vergessen, was es heißt, menschlich zu handeln und Verantwortung nicht nur für uns selbst zu tragen? Wissenschaft besteht meistens aus Fakten und Beweisen, doch auch manche Theorien lassen sich (noch) nicht beweisen oder widerlegen. Auch der Wissenschafter ist in dieser Hinsicht ein gläubiger Mensch, und nicht selten zeigt sich in der Wissenschaft ein Phänomen, dass man zunächst nicht erklären kann, nur akzeptieren.

Douglas Preston erzählt seine Geschichte etwas zäh und langatmig. Spannung und Überraschungen kommen selten auf, so dass der Leser sich von einem Kapitel zum anderen hangelt, in der Hoffnung darauf, „Gott“ zu begegnen, der sich aber wirklich viel Zeit lässt und wenig präsent auftritt. Ebenso gestaltet sich Fords Suche nach der Wahrheit innerhalb des Projektes, die manchmal doch recht langweilig wirkt. Von einem Ermittler erwartet man schließlich etwas mehr Aktivität, die man hier aber kaum findet. Preston verfängt sich entweder in der Wissenschaft oder in der Religion, beides miteinander kombiniert präsentiert sich nur in einer Eskalation, aber wirklich diskutiert oder tiefsinnig ausgeformt wird die Grundidee leider nie.

_Fazit_

„Credo – Das letzte Geheimnis“ ist ein durchschnittlicher Roman des Bestseller-Autors Douglas Preston. Dieser Roman gehört zu seinen schwächeren und weiß nicht so recht zu überzeugen. Ich hatte den Eindruck, dass sich der Autor auch so manches Mal selbst verloren gefühlt haben mag und nicht wusste, in welche Richtung sich das Experiment um Isabella und Gottes Anwesenheit wenden soll. Bis zum Ende wirkt der Roman unspektakulär, zwar mit einer recht interessanten Theorie unterfüttert, aber nicht konsequent durchdacht.

|Originaltitel: Blasphemy
Aus dem Amerikanischen von Katharina Volk
586 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-426-19798-1|
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