Remes, Ilkka – Erbe des Bösen, Das

_Story_

Seit langen Jahren trägt der einstige finnische Wissenschaftler Ralf ein dunkles Geheimnis mit sich herum, das ihm an seinem Lebensabend noch zum Verhängnis werden soll. Als Physiker unterstützte er seinerzeit das Nazi-Regime bei den Planungen zu einer nuklearen Waffe, bis der Krieg auch für ihn eine bittere Wende nahm. Erst jetzt holt ihn die Vergangenheit wieder ein, als er einem Brief in die deutsche Hauptstadt folgt, wo scheinbar das Versteck eines Uran-Behältnisses aufgeflogen ist, das Ralf damals im Auftrag der Nazis mit seinem Freund Hans Plögger ausgehoben hatte.

Als Ralf während seiner Deutschland-Reise spurlos verschwindet, nimmt sein Sohn Erik die Spur auf und stößt schon bald auf die ersten dunklen Wirrungen in der Biografie seines Vaters. Doch als er vom angereicherten Uran erfährt, das in einem Thüringer Waldstück versteckt sein soll, ist es bereits zu spät: Eine andere Gruppierung hat sich des Urans bemächtigt und sein Vater ist von einer weiteren anonymen Partei offensichtlich ermordet worden. Gemeinsam mit seiner Frau Katja versucht Erik Narva, die Vergangenheit des Vaters zu rekonstruieren und auch die düsteren Kapitel im Leben seiner schwedischen Mutter Ingrid Stromare aufzudecken.

Immer erschreckender werden die Zusammenhänge zwischen ihrer Zeit als Genforscherin, die selbst von Doktoren wie Mengele mit ‚Material‘ beliefert wurde, und seinem eigenen Lebensweg auf diesem Gebiet. Doch noch während Erik in der Tragödie seiner Familie herumstochert, wandert das gestohlene Uran in die Hände einer noch unbekannten Terror-Organisation, die wiederum in eine Verschwörung von größtem weltpolitischem Ausmaß verstrickt ist. Niemand ahnt, wie gefährlich das Vermächtnis von Ralf Narva letzten Endes wirklich ist …

_Persönlicher Eindruck_

Mehr als ein halbes Jahr habe ich mir die Lektüre dieses Romans aufgehoben, größtenteils in dem Wissen, dass die Romane des finnischen Starautos Ilkka Remes Episoden für ganz besondere Momente sind; eben für solche Szenarien wie den anbrechenden Winter, in dem einige seiner bisherigen Publikationen ja auch beheimatet waren. Zudem st es immer etwas besonderes, sich die Kleinode bis zuletzt zu bewahren und erst dann den Genuss zu wagen, wenn die restlichen Lasten über Bord geworfen sind.

Wie auch immer: Mit „Das Erbe des Bösen“ bewegt sich Remes auf völlig neues Terrain und verlässt seinen klassischen Thriller-meets-Krimi-Ansatz für eine sehr gewagte Geschichte, die sich einerseits auf die brisantesten Inhalte der deutschen Geschichte stützt, derweil auch kritische Themen der internationalen Außenpolitik aufgreift, schließlich aber auch mehrere menschliche Tragödien beschreibt, die insgesamt auch im Fokus der Handlung stehen. Zu diesem Anlass nimmt sich der Autor auch genügend Zeit, um seinen Themenkomplex vorsichtig und detailreich aufzubauen und ihm langsam aber sicher eine Struktur zu geben, die allen beteiligten Personen, aber auch dem Gewicht der Hintergrund-Story gerecht wird. Kontinuierlich verschärft Remes die Inhalte, gibt in gezielten Flashbacks mehr über die Vergangenheit von Rolf Narva, seiner Frau und einigen Kumpanen aus alten Tagen preis und wirft sie schließlich in ein zeitgemäßes Raster, das später das Gerüst der Handlung tragen soll.

Unterdessen ist die Geschichte gar nicht mal so komplex und verschachtelt, wie man es auf den ersten Blick vermuten mag. Die Zusammenhänge werden klar ausgearbeitet, die historischen Inhalte nahtlos in die aktuellen Entwicklungen eingeflochten, stellenweise sogar so authentisch, dass die Grenzen zwischen Realität und Fiktion erschreckend heftig miteinander verschmelzen. Selbst bei rezitierten Begegnungen mit moralischen Verbrechern wie Hitler und Mengele bekommt man nicht den Eindruck, Remes würde hier Fakten bemühen, um seinem Roman einige künstliche Effekte zu verpassen. Dazu sind die Inhalte einerseits zu detailgerecht aufgearbeitet, andererseits aber auch zu spannend miteinander verknüpft, als das diesbezüglich auch nur ein Funke der Kritik zünden könnte.

Eine ähnlich starke Vorstellung wie bei der Integration der politischen wie historischen Fakten liefert der Schriftsteller dann auch bei der Erstellung der Charakterprofile. Da gibt es den sühnenden Rolf Narva, seinen ambitionierten Sohn Erik, der in seiner behüteten Heimat nicht mal im Ansatz erahnen konnte, welche Gräuel seine Eltern aktiv mitgestaltet haben, dann natürlich die eisige Mutter Ingrid Stromare, welche die Vorwürfe zur Beteiligung an der Rassenhygiene unbeeindruckt fallen lässt, und natürlich die vielen Nebenpersonen, denen hier ebenfalls ein spürbares hohes Gewicht zugesprochen wird, da sie gerade in den temporeicheren Passagen des Buches zu echten Stützpfeilern des Thriller-Anteils von „Das Erbe des Bösen“ werden.

Das letztendlich herausragende Element dieses Buches ist aber natürlich die unbeschreiblich mitreißende Verschmelzung dieser völlig verschiedenen Inhalte, die einerseits Unglauben ob der kühlen Recherche und der eisigen Atmosphäre auslösen, andererseits aber auch in positivem Sinne schockieren, da sie unbewusst aufrütteln, dabei aber nicht in Moralpredigten kulminieren. Auch „Das Erbe des Bösen“ ist in seiner Gesamtkonzeption ein reiner Thriller, der sich jedoch mitsamt der unzähligen Einflüsse und der gewagten, aber eben auch tadellos ausgearbeiteten historischen und politischen Inhalte zu einer Ausnahmeerscheinung im Katalog des berüchtigten Finnen entwickelt. Und nicht nur das: In keinem anderen Roman aus der Feder von Ilkka Remes lagen Entsetzen, Spannung, Schaudern und dunkel verborgenen Emotionen so nah beieinander wie in dieser Publikation. Gerade das macht „Das Erbe des Bösen“ daher auch zum Meisterwerk seiner Sparte und zur vielleicht stärksten Veröffentlichung in diesem Genre 2008!

|Originaltitel: Pahan Perimä
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
522 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-423-24666-8|
http://www.ilkka-remes.de
http://www.dtv.de
http://www.ilkkaremes.com

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