Fühmann, Franz – Prometheus

_Prometheus‘ Geheimnis: das Experiment Mensch_

Das Hörspiel des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) aus dem Jahr 2001 beruht auf den zwei Romanen „Prometheus. Die Titanenschlacht“ und „Prometheus. Die Zeugung“ des DDR-Autors Franz Fühmann (siehe unten).

Fühmann, schon immer ein Freund der literarischen Gattung Mythos, verarbeitet die ältesten griechischen Sagen über die Entstehung von Himmel und Erde, die Titanen, ihre Niederlage gegen die (neuen) Götter, das Schicksal des Prometheus und seine Erschaffung der Menschen. Wie es danach weiterging, muss man bei Gustav Schwab nachlesen, denn Fühmanns Romane blieben unvollendet.

Die exzellente, dramaturgisch wirkungsvolle Hörspielbearbeitung erfolgte durch Hans Gerd Krogmann. Man hört also nicht den kompletten Text, aber das ist gut so: Die Gefahr besteht, von so mancher Figur im Götterzirkus zu viel zu bekommen, besonders von dem hochnäsigen „König“ Zeus …

_Der Autor_

Franz Fühmann, 1922-1984, wurde u. a. berühmt mit durch eine Reihe meisterhafter Nachdichtungen von Homer, Shakespeare und des Nibelungenliedes, die – eng an die jeweilige Vorlage gebunden – den weltliterarischen Stoff der Gegenwart (der DDR) zu erschließen versuchen und ihn dabei auch von eingefahrenen Deutungsmustern lösen wollen. Man denke nur an Gustav Schwabs Zurichtung der griechischen Sagen oder Richard Wagners Adaption der nordischen Göttersagen und des Nibelungenliedes.

_Die Sprecher_

Die mir bekannteste Sprecherin ist Rosemarie Fendel, die schon häufig im Fernsehen zu sehen war. Leider klingt sie inzwischen in ihrer Rolle als Erzählerin recht müde. Sie ist ja nicht mehr die Jüngste.

Die wichtigsten Sprecher sind Klaus Barner (Kronos), Werner Wölbern (Prometheus), Christian Berkel (Zeus), Wolf-Dieter Aniol (Hephaistos) und Tatja Seibt (Gaia).

_Inhalt_

Das Hörspiel ist in 15 Kapitel aufgeteilt, wobei jede der fünf CDs ungefähr 70 Minuten lang ist.

Die Geschichte beginnt Millionen Jahre, bevor es Menschen auf der Erde gab. Uranos, der Himmel, und Gaia, die Erde, haben sieben Söhne und sieben Töchter: die Titanen. Jeder Tag der Woche untersteht einem Titanenpaar. Einer von ihnen, Kronos (Zeit), reißt plötzlich alle Macht an sich und herrscht alleine.

Prometheus, Sohn der Titanen Iapetos und Themis, jedoch treibt seine Neugier auf die Erde, wo er heimlich Gaia kennen lernt: Sie öffnet ihm die Augen für alle Lebendige und für den Tod. Sie verleiht ihm die Gabe, in die Zukunft zu sehen (daher sein Name) und nimmt ihn in die Unterwelt mit, wo Kronos die Hundertarmigen eingekerkert hat, die aber ebenfalls Gaias Kinder sind. Als Kronos dies bemerkt, verbannt er Gaia, seine Mutter, aus dem Kreis der Titanen. Sie warnt ihn vor seinem Hochmut und prophezeit ihm, er werde von seinen eigenen Kindern gestürzt. Was Kronos nur noch paranoider macht.

Nun wird es ziemlich grausig. Aus Furcht, die Weissagung könne eintreten, verschlingt Kronos alle seine Kinder, die ihm seine Frau Rhea gebiert: Hades, Demeter, Poseidon, Hestia und Hera. Durch eine List kann sie das jüngste, Zeus, retten. Zeus erfährt von Gaia, was los ist, und will seine Geschwister aus den Herzkammern des Vaters befreien. Prometheus hilft Zeus bei diesem Unterfangen und begibt sich mit einer giftigen Pflanze zur Himmelsburg, um Kronos außer Gefecht zu setzen.

Nach der Befreiung der eingesperrten Geschwister entbrennt die zehn Jahre währende „Titanenschlacht“ zwischen den Riesen und den neuen „Göttern“, wie Gaia sie nennt. Als die Götter siegen, werden alle Titanen in die Unterwelt zu den Hundertarmigen verbannt. Doch Zeus, der sich listig zum Anführer wählen lässt, dankt Prometheus dessen Hilfe schlecht: Er darf gerade mal Botendienste verrichten, bekommt aber keinen Götterjob. Die Götter verteilen vielmehr die Welt unter sich.

Wie der künftige König, zu dem er sich später krönen lässt, schafft Zeus eine herrschende Klasse, eine dienende – und Schergen, die ihm zu Willen sind. Zeus‘ Herrschaft ist selbstherrlich und gewaltsam. Über kurz oder lang wird er sich Prometheus zum Feind machen. Nachdem Hephaistos Zeus auch noch mit einer Blitzschleuder unbesiegbar gemacht hat, kommt es zur Verwüstung Nordafrikas und einer tiefen Veränderung der Welt.

Gaia ist inzwischen klein wie ein Käfer geworden. Mit ihren letzten Worten vor ihrem Verschwinden verrät sie Prometheus ein großes Geheimnis. Mit Hilfe eines Göttersohnes namens Hermes und der Ziege Amalthea gelingt es Prometheus, sich ein eigenes Geschlecht neuer Wesen zu erschaffen: die Menschen – ein unglaublich schwieriger und komplizierter Akt, der sicherlich für neuen Ärger mit den Göttern auf ihrem Berg Olymp sorgen dürfte …

_Mein Eindruck_

Im Gegensatz etwa zu Gustav Schwab arbeitet Fühmann ganz klar die Machtstrukturen heraus, die in den Verhältnissen auf dem Olymp und anderswo sichtbar werden. Nicht nur die Hierarchie der Mächtigen wird fein säuberlich dargestellt – Prometheus ist ganz offensichtlich ein Außenseiter, das Überbleibsel einer vergangenen Zeit. Sondern auch die psychologischen Mechanismen der Macht treten offen zutage. Immer wieder reden die Figuren „zur Seite“, also nicht laut zu ihrem Gegenüber, sondern drücken ihre geheimen Gedanken aus. Diese stehen nicht selten in direktem Widerspruch zu dem, was sie laut sagen.

Der Olymp selbst ist keine Schwatzbude wie ein demokratisches Parlament. Hier herrscht Zeus wie ein König als unumschränkter Herrscher. Sobald er die Blitzschleuder erhalten hat, kann er alles vernichten. Und er scheut sich nicht, das auch zu tun. Zweifellos ist Zeus neben Prometheus der interessanteste Bursche im ganzen Ensemble, leider aber auch der unsympathischste Gott, den man sich vorstellen – mit einer Ausnahme vielleicht: Ares, der Kriegsgott.

Der Absolutismus – um einen marxistischen Politbegriff zu verwenden – bedeutet auch Eingriffe in persönlichste Angelegenheiten der Mitgötter. So etwa schnappt sich Zeus Aphrodite, die Liebesgöttin, und setzt sie seiner Frau und Schwester Hera vor die Nase. Die fühlt sich natürlich gekränkt und intrigiert gegen Zeus. Als Hephaistos, der Schmied, Zeus unbesiegbar macht, erweist dieser ihm seinen Dank, indem er ihm Aphrodite zur Frau „schenkt“. Zum Glück hat auch die so Gehandelte etwas davon.

Leider erfahren wir nicht, wie die Menschen sich verhalten werden, klein und schwach, wie sie aus Lehm geschaffen wurden. Ob sie eine klassenlose Gesellschaft schaffen werden? Wohl nicht, wie sich in den homerischen Epen nachlesen lässt: der Ilias und der Odyssee.

Es gibt nicht nur erzählende Passagen, sondern der Großteil des Geschehens ist in Szenen wiedergegeben, die meist aus mehr oder weniger heftigen Dialogen bestehen. Die Spannung ist leider nur mittelmäßig, doch oft ist der Zuhörer gefesselt von dem, was an Außergewöhnlichem präsentiert wird. Die Szene, die am besten ausgebaut ist, ist mit Abstand die Erschaffung der Menschen: ein Meisterwerk der Erfindung, Argumentation, Entwicklung und des Humors.

_Die Sprache_

Zu meinem großen Erstaunen ist die Sprache, die Fühmann verwendet, weder die des 20. noch die des 19. Jahrhunderts, sondern wohl am ehesten um das Jahr 1800 anzusiedeln. So dürften wohl am ehesten die alten Originaltexte geklungen haben, wenn sie von Wieland, Goethe oder Hölderlin in die damalige deutsche Sprache übertragen wurden. Das entspricht dem oben erwähnten Ansatz Fühmanns, die Vorlagen neu zu erfassen und zu interpretieren.

Allerdings bedeutet dies für den heutigen Leser, sich mit Ausdrücken und grammatischen Konstruktionen auseinandersetzen zu müssen, die schon längst überholt sind. Nur wer sich mit der Literatur der deutschen Klassik oder den Griechen beschäftigt hat, kommt meines Erachtens damit problemlos klar. Alle anderen müssen sich vorstellen, wie das in moderner Sprache ausgedrückt werden würde. Ein Glossar fehlt. Lediglich ein Personalverzeichnis erklärt die Aufgaben und die Herkunft sämtlicher Figuren (mit Ausnahme der auftretenden Tiere).

_Die Sprecher_

Das Personal der Sprechrollen ist äußerst umfangreich. Dies umfasst nicht nur Gaia, Götter und Titanen, sondern auch viele Tiere, so etwa die Ziege Amalthea, die Zeus aufzog.

Alle Sprecher bezeugen durch ihre Leistung eine professionelle Sprechausbildung. Es gibt keinen, der nicht zu verstehen wäre oder der Sätze falsch betonen würde. Etwas erstaunt hat mich lediglich die Betonung von Namen wie Deméter und Apollón, aber ich bin ja kein Griechischkenner. Ich hätte sie Démeter und Apóllon ausgesprochen.

_Unterm Strich_

Zweifelsohne ist „Prometheus“ ein Hör-Erlebnis besonderer Art. Hier stößt der an Schwab und ähnlichen Zusammenfassern geschulte westliche Zuhörer auf eine Interpretation gänzlich anderen Kalibers. Die neuen „Götter“ sind weder prächtig noch verehrungswürdig, sondern in der Mehrzahl machthungrig, egoistisch oder gar naiv (wie Hepahistos): eine adlige Herrscherklasse vor der Revolution.

Am sympathischsten sind uns die alte Erdmutter Gaia und ihr Titanen-Sohn Prometheus, der Vor-Denker und Voraus-Schauende. Mit seiner berühmtesten Tat, nämlich den von ihm geschaffenen Menschen das Feuer vom Olymp zu stehlen, macht er sich quasi zum Revolutionär und für immer zum Feind der „Götter“. Entsprechend furchtbar ist seine Strafe. Da der Roman ebenso unvollendet ist wie das daraus entwickelte Hörspiel, fehlt die Darstellung dieses Aktes und seiner Folgen. Die Revolution besteht hier also in der Erschaffung einer weiteren Kategorie von Wesen: den Menschen.

Das Hörspiel ist ebenso spannend, faszinierend wie auch humorvoll. Denn Prometheus ist nicht der Allerhellste und braucht ständig Hilfe: von Gaia, Hermes oder Amalthea. Dadurch erscheint er nicht als Allwissender, sondern als Ausprobierender: Die Menschen sind ein Experiment. Man kann ihm nur die Daumen drücken, dass dabei nichts schief geht …

|362 Minuten auf 5 CDs|