Robinson, Kim Stanley – Romane des Philip K. Dick, Die

_Kritische Bewertung eines SF-Meisters_

„Gründlichst recherchiert, mit allen akademischen Wassern gewaschen, setzt sich dieses Buch scharfsinnig mit der Science Fiction der 50er Jahre auseinander – eine der nützlichsten Untersuchungen von Philip K. Dicks dornenreichem Werk.“ Also schrieb John Clute in der „Encyclopedia of Science Fiction“ (1993).

_Der Autor Kim Stanley Robinson_

Kim Stanley Robinson, geboren 1952, schreibt seit drei Jahrzehnten anspruchsvolle Science-Fiction, die sowohl naturwissenschaftlichen wie auch gesellschaftskritischen Ansprüchen gerecht wird. Seinen ersten Preis für einen Roman erhielt er 1984 für „The Wild Shore“, der den Beginn seiner Orange-County-Trilogie bildet. Für seine bahnbrechende Mars-Trilogie (Roter / Grüner / Blauer Mars) wurde er mit allen einschlägigen Preisen des Genres ausgezeichnet. Zurzeit schreibt er an einer Trilogie über die globale Erwärmung und ihre Folgen. Davon sind die ersten beiden Bände bereits erschienen.

_Der Autor Philip K. Dick_

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er in fast 30 Jahren 40 Romane und über 100 Kurzgeschichten veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung außerhalb der SF zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als [„Eine andere Welt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=198 bei |Heyne|) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon.

Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstresses durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967. Ab 1977 erlebte er einen ungeheuren Kreativitätsschub, der sich in der VALIS-Trilogie (1981, dt. bei |Heyne|) sowie umfangreichen Notizen (deutsch als „Auf der Suche nach VALIS“ in der Edition Phantasia) niederschlug.

Er erlebte noch, wie Ridley Scott seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu [„Blade Runner“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1663 umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn). „Minority Report“ und „Impostor“ sind nicht die letzten Storys, die Hollywood verfilmt hat. Ben Affleck spielte in einem Thriller namens „Paycheck“ die Hauptfigur, der auf einer gleichnamigen Dick-Story beruht. Als nächste Verfilmung kommt „A scanner darkly“ (Der dunkle Schirm).

_Inhalte_

Ich bemühe mich, den Leser dieses Beitrags nicht mit den Titeln der 44 Romane Philip Dicks zu bombardieren. Das ist schon der Fall in Robinsons Buch, und wer sich über die Romane an sich informieren will, findet ausreichendes Material unter http://www.philipkdick.com und den assoziierten Fan-Seiten.

|Die Methode|

Man sollte als Leser immer daran denken, dass dieses Buch ursprünglich nicht als Monografie für den freien Buchmarkt konzipiert war, denn 1984/85 war Robinson nur im SF-Genre bekannt (s. o.). Vielmehr haben wir es hier mit seiner Doktorarbeit für die Qualifizierung in der Literaturwissenschaft zu tun. Demzufolge finden sich im Buch über hundert Fußnoten und jede Menge Querverweise auf andere Literaturwissenschaftler und Kritiker, darunter so bekannte Namen wie Stanislaw Lem und Ursula K. Le Guin.

Aber auch mit maßgeblichen Theoretikern wie Darko Suvin, einem Marxisten, setzt sich Robinson auseinander, und das kann für den nicht mit Vorkenntnissen gesegneten Leser recht anstrengend sein. Auffallend ist zudem die hohe Zahl von Zitaten aus persönlichen Gesprächen, die der Autor führte, sowie die Referenz auf den Dick-Nachlass an der California State University (vor allem die reichhaltige „Box 24“).

Doch natürlich geht es Robinson nicht um Name-dropping, um sich mit den Lorbeeren seiner Beziehungen zu schmücken. Vielmehr zieht er die Meinung der Kollegen heran, um zu einem Urteil über die zahlreichen umstrittenen und abgelehnten Romane – und nur um diese geht es hier! – zu gelangen. Immer wieder spielt Robinson das akademische Pro-und-kontra-Spiel, wie es sich für einen Profi gehört. Erst nach Abwägung des Für und Widers trägt er seine eigene Einschätzung vor und weiß diese selbstverständlich angemessen zu begründen.

|Die realistischen Romane|

Viele Zuschauer von „Blade Runner“, „Paycheck“ und „Minority Report“ wissen weder, dass diese Geschichten alle dem Hirn eines einzigen Mannes entsprangen, noch ahnen sie, dass dieser Autor über ein halbes Dutzend Romane für den Markt der „realistischen“ Romane geschrieben hat. Wie schon erwähnt, sah Dick zu Lebzeiten nur einen einzigen dieser Romane veröffentlicht, nämlich „Eine Bande von Verrückten“ („Confessions of a Crap Artist“, geschrieben 1959, veröffentlicht 1975).

Robinson beginnt mit diesen Romanen, aber ich werde sie nicht alle herbeten. Diese 2865 Seiten sahen die Druckerpresse nicht, weil, so Robinson, sie alle völlig humorlos und zum größten Teil mit deprimierenden Einzelheiten ohne einen Anflug von guter Dramaturgie geschrieben waren. Wie man gut schreibt, lernte Dick erst im Laufe der Zeit in einzelnen Schritten – teils im Learning by Doing, teils von seinen Kollegen. Alfred Elton van Vogt beeinflusste ihn stark. (Das ist heute leider keine Empfehlung mehr, denn inzwischen rangiert van Vogt nur noch unter „politisch nicht korrekt“).

Der Leser sollte aber im Hinterkopf behalten, dass Dick immer wieder auf diese Manuskripte wie auf einen Steinbruch zurückgriff und zum Teil ganze Kapitel in seine SF-Romane übernahm, von den Figuren mal ganz abgesehen. Denn er fand heraus, dass er mit dieser Methode a) glaubwürdigere Handlungen in den SF-Romanen hinbekam und b) schneller produzieren konnte. Er arbeitete für einen Hungerlohn, der meist nur aus einem Vorschuss von 1500 $ (maximal 2000 $) für einen Roman bestand. Auf diese Weise schaffte Dick es, mehr als ein halbes Dutzend Romane pro Jahr fertig zu stellen.

|Die 50er Jahre|

Neben dem ertraglosen Geschäft an den realistischen Romanen veröffentlichte Dick seit 1952 auch Erzählungen und ab 1955 auch SF-Romane. „Solar Lottery“ (Hauptgewinn: Die Erde) war sein erster, dem sieben weitere folgten, die Robinson alle im zweiten Kapitel abhandelt. Laut Robinson besteht ihr gemeinsamer Nenner darin, dass der Protagonist den Kampf gegen ein dystopisches System aufnimmt und es auf irgendeine Weise zu Fall bringt. Das ist natürlich reine Wunscherfüllung, denn der Held verfügt in der Regel nicht über die Mittel, um diesen Umsturz zu bewerkstelligen. Insofern waren diese Romane naiv.

|Der Durchbruch|

Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre vollzog sich – wie bei vielen anderen Autoren, z. B. Heinlein – bei Dick ein Wandel. Er schrieb noch den feinen Roman „Zeit aus den Fugen“ (1959), sein erstes Hardcover-Buch, doch dann begann er die einjährige Arbeit an seinem Durchbruch. Die Frucht dieser großen Anstrengung erschien 1962 unter dem Titel „The Man in the High Castle“ (Das Orakel vom Berge). Dieser Alternativweltroman – die Achsenmächte haben den 2. Weltkrieg gewonnen – brachte Dick endlich allgemeine Anerkennung und den HUGO Award der SF-Leser ein.

Um diesen Mega-Erfolg ausreichend erklärend zu können, reserviert Robinson nicht nur ein ganzes Kapitel dafür, sondern schaltet zuvor sogar noch ein separates Kapitel über das „Periodensystem der Elemente“ der Science-Fiction ein. Dieses Vorgehen erweist sich als sehr nutzbringend, denn später kann der Autor immer wieder auf diese grundlegenden Ausführungen verweisen. Unter „Elementen“ versteht Robinson die sattsam bekannten Versatzstücke der SF wie etwa Roboter (Androiden, Kyborgs etc.), Zeitreisen oder Parallelwelten und so weiter. Dick hat sie alle durchkonjugiert und sie auf seine Weise unterminiert bzw. persifliert. Dabei stellte sich allerdings heraus, dass immer, wenn er Zeitreisen einsetzte, ein schlechter Roman dabei herauskam. Der Leser ist also gewarnt.

„Das Orakel vom Berge“ bedeutete in vielerlei Hinsicht einen Bruch mit den bisherigen Mustern in Dicks Romanen. Zum Beispiel gibt es in der Regel ein Netzwerk von Figuren, die zueinander in Beziehung stehen und deren Interaktion die Story so interessant macht. Dabei ist die häufigste Konstellation jene, in der ein „kleiner Protagonist“, der über wenig gesell- und wirtschaftliche Macht verfügt (häufig ein Handwerker oder Kleinunternehmer), in Konflikt mit einem „großen Protagonisten“ gerät (vielfach über Frauen), welcher über große gesell- und wirtschaftliche Macht verfügt.

Von diesem Muster gibt es Abweichungen: Wie Dick einem Kollegen schrieb, kann es einen „subhuman“ geben, der kaum über Charakteristika verfügt, und häufig gibt es einen „superhuman“ – wie etwa Palmer Eldritch, der von Aliens gesteuert wird – der selbst Macht über den „großen Protagonisten“ ausübt. Grob vereinfacht, entsprechen diese Ebenen dem Es, dem Ich und dem Über-Ich in Sigmund Freunds Einteilung der menschlichen Psyche. Dick hat diese Einteilung mit den Theorien von C.G. Jung erweitert, insbesondere was die Archetypen angeht. Wichtig ist auch die grundlegende Unterscheidung zwischen „idios kosmos“, der persönlichen Erfahrungswelt des Einzelnen, und dem „koinos kosmos“, der Erfahrungswelt, die die meisten Individuen teilen. Viele Konflikte resultieren daraus, z. B. in „Ubik“.

In „Das Orakel vom Berge“ gibt es zwar das bekannte Netzwerk von Figuren, und sogar Gute und Böse lassen sich unterscheiden, aber von einem großen Protagonisten kann nicht die Rede sein. Die wichtigste Figur ist Mr. Tagomi, und er ist der Einzige, der einen Akt des Widerstands gegen die deutschen Besatzer unternimmt: Er tötet zwei Männer. Die Ironie dabei: Tagomi gehört selbst der Bürokratie der japanischen Besatzer an. Seine wesentliche Rolle im Buch besteht darin, die wichtige Nachricht, dass die Nazis einen Atomkrieg mit Japan vorbereiten, an japanische Stellen weiterzuleiten. Das gelingt ihm nur um Haaresbreite. Dieser Roman kommt einem Mainstream-Roman so nahe wie nur möglich. Ironischerweise kommt darin ein Buch vor, das unseren Geschichtsverlauf beinahe genau beschreibt. Lediglich der Schluss des Romans ist misslungen, und Robinson erklärt genau die Gründe dafür.

|“Die Mars-Romane“, „Der Sieg des Kapitalismus“, „Alles fällt auseinander“ und „Verschollen im All“|

So lauten die Überschriften für die vier Kapitel, in denen sich Robinson mit Dicks Romanen der sechziger und siebziger Jahre befasst. Nach „Das Orakel vom Berge“ folgte eine der produktivsten Phasen in Dicks Schaffen. Er schrieb Meisterwerke wie „Marsianischer Zeitsturz“ (1964) und „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“ (1965) sowie „Ubik“ (1969). Aber um sich und seine wechselnde Familie – er war mehrere Male verheiratet – über Wasser zu halten, schlachtete er eben auch seine alten Mainstream-Romane aus und erweiterte vorhandene Erzählungen.

Diese Erweiterungen führten mitunter zu einem Produkt, das Robinson als „Romane mit gebrochenem Buchrücken“ bezeichnet. Ihr Kennzeichen besteht darin, dass sich die Handlung an einem bestimmten Punkt – etwa nach der Hälfte oder nach zwei Dritteln – in eine völlig andere Richtung entwickelt, als das nach dem recht ordentlichen Beginn (dem Ausgangsmaterial) zu erwarten gewesen wäre. Und enttäuschend ist besonders, dass der Schluss nicht mehr zum Anfang zurückverweist. Beispiele für dieses Verfahren gibt es genügend, darunter „Die rebellischen Roboter“ (geschrieben 1961/62, Story veröffentlicht 1969, Roman veröffentlicht 1972) und „Das Jahr der Krisen“ (1966). Für den Leser bedeutet das also, genau nach den Juwelen unter den Kieselsteinen Ausschau zu halten.

|Die Endphase: „Science Fiction und Realismus“|

Bekanntlich starb Philip Dick im März 1982 an einem schweren Schlaganfall. Aber es gibt Anzeichen, dass sein Zusammenbruch Anfang 1974 schon auf einen Herzanfall zurückzuführen ist, der nicht als solcher diagnostiziert wurde. Man kann spekulieren, dass Dicks langjähriger Medikamentenverbrauch und Drogenmissbrauch zu dieser körperlichen Katastrophe führte. Sicherlich trug das dazu bei.

Die Folgen für seine Produktivität waren beträchtlich. Nach 1970 veröffentlichte Dick nur noch sechs neue Romane, einen Bruchteil des vorhergehenden Ausstoßes. Unter diesen sechs ragen zwei qualitativ heraus. „Die andere Welt“ lag schon seit Jahren im Safe von Dicks Anwalt, bevor das Buch 1974 veröffentlicht wurde. Und in „Der dunkle Schirm“, publiziert 1977 („A scanner darkly“, s. o.), beschrieb Dick die Welt der Drogen, in der sich ein Undercover-Agent zu behaupten versucht –vergeblich, wie so oft bei Dick.

Danach folgten nur noch vier größere Werke. Von diesen wurden 1981 lediglich die Romane der VALIS-Trilogie veröffentlicht, doch das Manuskript zu „The Owl in Daylight“ wurde nicht mehr fertig. Robinson interpretiert die drei VALIS-Romane (die Vorstufe „Radio Free Albemuth“ ist ihm kaum der Rede wert) haarklein und sehr eingehend. Da diese Trilogie praktisch Dicks Vermächtnis darstellt, ist diese intensive Beschäftigung damit absolut gerechtfertigt.

Der Roman „VALIS“ (Vast Active Living Intelligence System) bildet nach Robinsons Lesart einen Ausgangspunkt, von dem ausgehend die beiden Folgeromane „Die göttliche Invasion” und „Die Wiedergeburt des Timothy Archer” als zwei gleichwertige Ableitungen zu verstehen sind. Davon bietet „Die göttliche Invasion“ mehr SF-Elemente, während „Timothy Archer“ mit relativ realistischen Darstellungen aufwarten kann.

„Timothy Archer“ ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Es ist erst der zweite Roman nach „Die rebellischen Roboter“, der komplett in der Ich-Form erzählt wird, und der erste, in dem die Hauptfigur eine Frau ist. Angel Archer ist umso auffälliger, als sie eine Frauenfigur mit überwiegend positiven Zügen ist. Allzu viele Frauenfiguren Dicks sind entweder vom Typ „schwach und anhänglich“ oder „zickig und intrigant“. Angel, könnte man ironisch schließen, ist wirklich ein Engel. Mit ihr hat sich Dick bei den Frauen rehabilitiert. Ob Ursula K. Le Guins Beschwerde beim Autor dies bewirkt hat, wird von Robinson nahe gelegt, bleibt aber offen. (Dass Kritik durchaus fruchtete, belegt sein entschuldigendes Nachwort zu seiner umstrittenen Story „The Pre-Persons“.)

|Anhang|

Diese Ausgabe bietet bibliografische Angaben, für die besonders der deutsche Leser dankbar sein dürfte. Nach einer chronologischen Aufzählung der SF- und der realistischen Romane (unter ihnen auch „Radio Freies Albemuth“, das bei Moewig erschien) findet sich auch eine Liste mit Büchern, die Essays, Interviews, Auszüge aus der „Exegese“, Briefe und sogar ein Kinderbuch („Nick und der Glimmung“) umfassen.

Für die Erzählungen wird auf die vergriffene Haffmans-Ausgabe und den sehr guten, voluminösen Sammelband „Der unmögliche Planet“ verwiesen. Diese Situation ist nicht sonderlich befriedigend, und es wird wieder Zeit für eine Gesamtausgabe der Storys. Ob diese im Rahmen der ausgezeichnet edierten PKD-Edition von |Heyne| stattfinden wird, steht in den Sternen.

_Mein Eindruck_

Im Rahmen dieses Beitrags kann ich nur an der Oberfläche dessen kratzen, was Robinson über Dicks Romane zu sagen hat, aber ich hoffe trotzdem, dass ich einen Eindruck davon vermittle, wie umfangreich die Palette seiner Untersuchungsergebnisse ist. Sicherlich habe ich dabei das eine oder andere Element nicht berücksichtigt, so etwa die Entwicklung in Dicks Romanen von euphorischem Ansatz über politische Desillusionierung bis hin zu ontologischen und schließlich sogar theologischen Fragestellungen. Aber Robinson stellt stets den überragenden Einfallsreichtum und seinen Kampf gegen die ideologisch festgezurrten Fronten in der US-amerikanischen SF-Szene (besonders im einflussreichen Fandom) positiv heraus und hält Dick auch in den umstrittensten Werken bis zu einem gewissen Grad die Stange.

|Zwischen den Stühlen|

Aber Robinson befindet sich in einer Position, die für einen amerikanischen SF-Autor selten ist. Er kann sich zugleich auf einen großen Fundus an europäischer Forschungsliteratur stützen, den ihm seine akademische Beschäftigung mit der SF zugänglich gemacht hat. Aus einem dadurch relativierten Blickwinkel kann er einschätzen, wie ideologisch beeinflusst nicht nur fast die gesamte US-amerikanische SF-Produktion ist, sondern auch die kritische Rezeption dieser Produktion. Manche Kritiker haben sich die Ideologie des wichtigsten SF-Herausgebers John W. Campbell zu Eigen gemacht und greifen nun ihrerseits Abweichler an.

Zu den europäischen Kritikern, auf die sich Robinson stützen kann, gehören zum einen Stanislaw Lem mit mehreren Essays und dem Buch „Science Fiction – ein hoffnungsloser Fall, mit Ausnahmen“ (Suhrkamp Taschenbuch) und zum anderen Prof. Darko Suvin, der mit seiner „Poetik der Science Fiction“ (Suhrkamp Taschenbuch 1977) einen wichtigen Beitrag über den Verfremdungseffekt geliefert hat. Diesen Ansatz setzt Robinson recht produktiv ein, um Dicks subversive Werke zu beurteilen.

|Metaphern mit V-Effekt|

Robinson gelangt über den Begriff der Metapher zu einer Erklärung der aktuellen Relevanz der Science-Fiction. Denn die verrückten Welten, die Dick entwirft, sind keineswegs Selbstzweck und oder zum Amüsement gedacht. Sie sind häufig Umkehrungen existenter Verhältnisse, auch Extrapolation nach dem Motto: „Wenn das so weitergeht, dann …(könnte es einmal so enden)“. Noch wichtiger sind die Welten als Metaphern für versteckte Verhältnisse, die einem Erwachsenen aber durchaus in den USA begegnen können. So nimmt Dick zum Beispiel den Ausdruck „Die Arbeiter werden von den Reichen absichtlich unten und kurz gehalten“ wörtlich und beschreibt eine Welt, in der Arbeiter unter der Erde leben müssen, während feudale Herrschaften das Privileg des Sonnenlichts genießen. Eine Propaganda- und Illusionsmaschinerie sorgt dafür, dass die Arbeiter mit ihrem Los zufrieden sind und nicht rebellieren.

|Wurzeln|

Wie man sieht, gehört also auch die Satire zu den Wurzeln der Dick’schen SF. Die Satire soll den zeitgenössischen Leser darüber stutzig machen, wie es denn in seiner eigenen Umgebung mit solchen oder ähnlichen Missständen aussieht. Robinson ist über die anderen Wurzeln sehr gut im Bilde: abenteuerliche Reisegeschichte, Utopie, wissenschaftliche Phantastik und vieles mehr gehören dazu. Doch John W. Campbell wollte seinen Autorenstall nur Storys schreiben lassen, die eine verwirklichbare wissenschaftliche Lösung hatten. Dabei ließ er gerne Überlichtantrieb und Zeitreisen gelten, obwohl dies (bis dato) ziemlich unwissenschaftliche Konzepte sind. Als Dick zu schreiben anfing, gelangte er schon sehr bald dahin, diese ideologischen Vorgaben des „Goldenen Zeitalters“ in subversiver Weise zu bekämpfen. Angesichts des anhaltenden Erfolgs von Asimov und Heinlein ist seine Bemühung also bis heute von Bedeutung.

|Leerstellen|

Robinson sah die Aufgabe seiner Dissertation nicht in der Berücksichtigung von biografischen Aspekten in Dicks Werk. Deshalb finden sich zahlreiche Leerstellen in seiner Darstellung. Sie fallen allerdings nur demjenigen Leser auf, der etwas über die Wechselwirkung zwischen Werk und Leben dieses Autors wissen möchte. Wer Näheres etwas über Dicks Leben bei Robinson sucht, läuft geradezu ständig gegen eine Mauer. Dies ist die Grenzmauer, die Robinson um sein Thema gezogen hat. Wer sie durchbrechen will, muss also Biografien lesen. Eine der neueren, die ich persönlich kenne, ist die von Lawrence Sutin: „Divine Invasions. A Life of Philip K. Dick“ (1989, neues Vorwort 2005, ISBN 0786716231). Eine weitere wichtige Quelle sind die Ausgaben von „Exegese”, der Briefe, Essays und Interviews, die im Anhang erwähnt sind.

Eine weitere Leerstelle betrifft Erzählungen. Es müsste eigentlich jedem Filmfan auffallen, dass bislang keine Rede von jenen Texten war, auf denen die eingangs erwähnten Filme beruhen. Woher kommen also „Paycheck“, „Impostor“, „Minority Report“, „Screamers“ und – nicht zu vergessen – „Total Recall“? Die Erzählungen, aus denen sie entwickelt wurden, fehlen in Robinsons Darstellung, weil auch sie jenseits der Grenzmauer seines Themas liegen. Nur selten erfahren wir von ihnen als Ausgangsmaterial für spätere Romane (s. o.), die einen „gebrochenen Buchrücken“ aufweisen. Berühmte Geschichten wie „Der Glaube unserer Väter“ werden am Rande erwähnt, aber leider nicht näher analysiert. Dies wäre ein sehr lohnendes Forschungsgebiet.

|Die Übersetzung|

Jakob Schmidts Übertragung des Originals finde ich sehr gelungen. Sie kommt den Erwartungen des deutschen Lesers an eine verständliche Textfassung sehr entgegen, indem sie unnötige Fremdwörter ebenso vermeidet wie komplizierte Schachtelsätze. Auch dass die Fußnoten jeweils auf der gleichen Seite auftauchen statt am Ende des Buchs, finde ich gut: Das erspart das Nachschlagen und Hinundherblättern.

Es gibt noch ein paar winzige Fehlerchen, die in der zweiten Auflage zu beheben wären. Der britische Autor von „Der Sternenschöpfer“ heißt nicht Olaf Stapleton, sondern Stapledon (S. 27). Und ein Bischof wird immer noch mit nur einem F am Schluss geschrieben, trotz anders gerichteter Bemühungen (Seiten 252 ff und anderswo).

Dass ein Stichwortregister fehlt, ist ein schmerzliches Manko. Ich musste ständig bei Sutin nachschlagen, wollte ich das Jahr finde, in dem ein Roman geschrieben oder veröffentlicht wurde. Sicher, es gibt eine Werkchronologie: Aber hier kommt das Jahr zuerst, dann das Werk. Um vom Werk aufs Jahr zu kommen, muss man also fast die ganze Chronologie durchsuchen. Den Zeitpunkt, an dem es geschrieben wurde, kann man überhaupt nicht erschließen. Dabei liegen z. B. zwischen dem Schreiben von „We Can Build You“ (Die rebellischen Roboter) und seiner Veröffentlichung immerhin zehn Jahre. Diese Diskrepanz berücksichtigt übrigens Robinson nicht in seiner Einteilung der Romane, und so behauptet er fälschlich, die beiden Hauptfiguren in „Die rebellischen Roboter“ stammten aus „Simulacra“ (1964), dabei war es genau umgekehrt.

Was sich Robinson als Akademiker verkneifen muss, darf sich Sutin erlauben: eine subjektive Wertung von Dicks Werken. So erhält beispielsweise „We Can Build You“ eine positive Platzierung mit sechs von zehn möglichen Punkten. Natürlich begründet Sutin seine Bewertung – und liefert zugleich noch wertvolle Hintergrundinfos zum Buch. Wer hätte gedacht, dass „Die rebellischen Roboter“ mal mit, mal ohne Ted Whites Zusatzschlusskapitel abgedruckt wird?

_Unterm Strich_

Diese Monographie ist ein ganz wesentlicher Beitrag zur literaturwissenschaftlich fundierten Auseinandersetzung mit einem der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Ganz recht: Dick wird nicht mehr „nur“ als SF-Autor angesehen, sondern man entdeckt endlich auch seine realistischen Romane als Werke von eigenständigem Wert.

Kim Stanley Robinson befindet sich wie kaum ein anderer in einer Position, sich sowohl mit dieser als auch mit der SF-Seite Dick kritisch auseinander zu setzen. Er ist sowohl Autor als auch Literaturwissenschaftler, kennt also beide Ghettos: das der SF (inklusive Fandom) und das der Academia, der universitären Welt. Und er nimmt keineswegs ein Blatt vor den Mund. Wer würde sich trauen, das Ende eines Meisterwerks wie „Das Orakel vom Berge“ für misslungen zu erklären? Wahrscheinlich nur wenige.

Es ist ein wenig schade, dass sein Buch zwei Leerstellen hinsichtlich des Leben und der Erzählungen aufweist, aber seine Aufgabe ist ja schon im Titel ausgedrückt: „Die ROMANE des Philip K. Dick“, und nichts sonst. Auch ist zu berücksichtigen, dass sein letzter Forschungsstand der des Jahres 1985 ist (Fußnoten belegen dies).

Die deutsche Ausgabe ist durchaus hilfreich, bis zu einem gewissen Grad, und vor allem die bibliografische Arbeit dürfte nicht einfach gewesen sein. Wenn man sich auf den einschlägigen Webseiten umsieht, stößt man immer wieder auf nicht korrekte Angaben. Was hier für die nächste Auflage noch zu tun wäre, ist ein Stichwortregister, das auch wissenschaftlichen Anforderungen standhält. Dann könnte aus diesem Taschenbuch ein Standardwerk werden.

|Originaltitel: The novels of Philip K. Dick, 1984/2005
267 Seiten
Aus dem US-Englischen von Jakob Schmidt|

Schreibe einen Kommentar