Sigurðardóttir,Yrsa – gefrorene Licht, Das

Dass Schweden ein beliebter Schauplatz für das Verbrechen ist, wissen wir seit diversen Krimiserien auf Papier und Bildschirm. Dass Island sich ebenso gut dafür eignet, Mörder und Leichen zu beherbergen, beweist Yrsa Sigurðardóttir mit „Das gefrorene Licht“.

Die junge Rechtsanwältin Dóra ist eigentlich nur zu dem Wellness-Hotel auf der Halbinsel Snæfellsnes gereist, weil es einem ihrer Mandanten gehört und dieser glaubt, dass bei dem neu erworbenen und dann umgebauten Gebäude ein Mangel aufgetreten ist: Er behauptet steif und fest, es würde spuken, was sowohl seine sensiblen Mitarbeiter als auch die esoterischen Gäste stören würde. Dóra, die bodenständige Städterin, glaubt nicht an Geister oder Wiedergänger. Sie ist fest davon überzeugt, dass Jónas‘ Schattengestalten und das unheimliche, mitternächtliche Kinderweinen nur in seinem Kopf stattfinden. Außerdem bleibt ihr nicht viel Zeit, sich mit diesem Übersinnlichen auseinanderzusetzen, denn Birna, die Architektin, die den Anbau des Hotels gestalten soll, wird ermordet am Strand aufgefunden. Schnell fällt der Verdacht auf Jónas, und Dóra hat es plötzlich nicht mehr nur mit ein paar Geistern, sondern mit einem handfesten Todesfall zu tun, dem sehr bald ein zweiter folgt …

Yrsa Sigurðardóttir muss sich mit ihrem zweiten Kriminalroman wahrlich nicht hinter bekannten skandinavischen Größen verstecken. „Das gefrorene Licht“ liest sich herrlich flüssig und baut dabei unversehens eine Menge Spannung auf. Anfangs glaubt man nicht, dass dies wirklich funktioniert, denn der erste Mordfall an und für sich ist nicht sonderlich spektakulär. Doch die begrenzte Anzahl möglicher Täter – das Hotel liegt sehr abgelegen – und die Tatsache, dass jeder etwas zu verbergen scheint, tragen dazu bei, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann. Die Überschaubarkeit der Besetzungsliste führt ihm Übrigen auch dazu, dass der Leser selbst mitknobeln kann. Die Autorin weiß geschickt mit den Ungereimtheiten und Rätseln zu spielen und schafft es sogar, den isländischen Aberglauben so geschickt darzustellen, dass der Leser sich an der einen oder anderen Stelle fragt, ob es auf Snœfellsnes nicht vielleicht doch Geister gibt.

Obwohl die anderen Gäste und Mitarbeiter des Hotels ab und an kleine Passagen des Buches bestreiten dürfen und dadurch manchmal noch rätselhafter werden, steht Dóra im Vordergrund des Geschehens. Sie ist frech, hat eine verkorkste Ehe hinter sich und streckt ihrem Liebhaber, einem deutschen Kommissar, der gerade Urlaub in Island macht, gerne die Zunge heraus. Und genau das macht die Rechtsanwältin so liebenswert: Sie ist unkonventionell und alles andere als abgehoben oder korrekt. Sigurðardóttir schafft es dabei, den Charakter so gut auszubalancieren, das er nicht in seichte Frauenliteratur abrutscht, sondern angenehm ‚geschlechtsneutral‘ wirkt. Sowohl männliche als auch weibliche Leser werden ihre Freude an der menschlichen und bodenständigen Dóra haben.

Dóra bestreitet zwar den Großteil des Buches, doch sie drängelt sich nicht als Erzählperspektive in den Vordergrund. Dadurch ist die Geschichte nicht übertrieben subjektiv, aber auch nicht nüchtern-objektiv. Die isländische Autorin erzählt irgendwo dazwischen, was sehr erfrischend ist. Zum einen ist das Buch dadurch nicht mit überflüssigen Gedanken der Rechtsanwältin vollgestopft, gleichzeitig wirkt es aber trotzdem warm und lebendig. Durch den leichten Humor, der die 395 Seiten durchweht, bekommt der Krimi zusätzlichen Pep.

Es klingt zwar seltsam, in Anbetracht eines Kriminalromans davon zu sprechen, aber tatsächlich ist „Das gefrorene Licht“ ein geradezu heiteres Buch, das durch seine unkonventionelle Heldin auffällt. Die Handlung ist geschickt aufgebaut und entwickelt wahre Pageturnerqualitäten. Sie bezieht ihre Spannung dabei nicht hauptsächlich aus den kleinen Geheimnissen, die die begrenzte Anzahl potenzieller Täter mit sich herumschleppt. Das ist vielleicht nicht unbedingt neu, aber auch nicht die Norm. Yrsa Sigurðardóttir gelingt es dadurch, im unüberschaubaren Krimigenre ihre eigene kleine Spur zu hinterlassen.

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