Missfeldt, Jochen – Steilküste

Mit seinem Buch „Steilküste“ wagt sich der deutsche Schriftsteller Jochen Missfeldt an ein sehr brisantes Thema der einheimischen Geschichte, nämlich die Kapitulation des deutsche Militärs, die unweigerlich auch zum Ende des Zweiten Weltkriegs führte. Missfeldt, Jahrgang 1941, berichtet in diesem Werk von einem Ereignis, welches den Zwiespalt, in dem sich die diensthöchsten Militärabgeordneten zu jener Zeit befanden, ziemlich krass verdeutlicht. Er erzählt nämlich von der Desertion zweier deutscher Marinesoldaten, die sich am 3. Mai 1945, exakt fünf Tage vor Kriegsende, dazu entschließen, von ihrem momentanen Aufenthaltsort Dänemark zu fliehen und nach jahrelangem verzweifelten Kampf wieder in die Heimat zurückzukehren.

Wohlwissend, dass die Tage der Schlacht gezählt sind, begehen sie Fahnenflucht, und dies in der wohligen Hoffnung, nach dem bevorstehenden Ende des Krieges nicht mehr politisch verfolgt zu werden. Doch dies ist ein Irrtum; Fredy und Ehrmann werden unmittelbar nach ihrer verhängnisvollen Entscheidung aufgespürt und des Verrats angeklagt – und dies, obwohl es mit der Vaterlandstreue im Anschluss an die Kapitulation nicht mehr weit her ist. Doch es geht hier vorrangig darum, die Moral der gesamten Truppe aufrecht zu erhalten, indem die alten Werte auch nach der Niederlage bestehen bleiben. Es geht um Disziplin und die uneingeschränkte Verbundenheit zur deutschen Kriegsmarine, die die beiden Fahnenflüchtigen mit ihrem Austritt freiwillig abgelegt haben.

Dem Gerichtsherren, der sich bereits wenige Tage später des Falles annimmt, reicht dies schon als Anlass, um die beiden Desertierten zum Tode zu verurteilen, und weil es noch keine offizielle Rechtsprechung gibt, wird diesem Urteil auch stattgegeben. Verheerend, wenn man bedenkt, dass Fredy und Ehrmann auch ohne diesen kurzfristigen Entschluss von der endlos scheinenden Fessel des Krieges befreit worden wären – nicht mal eine Woche später.

Warum also das Risiko, wo man doch schon hoffnungsvoll dem Ende entgegenblicken konnte? Was hat die beiden dazu bewogen, diesen Schritt zu wagen? Nun, es ist im Grunde genommen kein komplexes Gedankenkonstrukt, welches dem vorauseilt, sondern schlicht und einfach der Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit, heraus aus der ermüdenden Verzweiflung der drohenden Niederlage und all den grausamen Eindrücken, die der Völkermord hinterlassen hat. Einfach nur frei zu sein, das wohl ursprünglichste Bedürfnis eines jeden Menschen, hat die beiden Marineoffiziere dazu bewogen, und einzig und allein, weil sie sich diesen Wunsch jetzt und sofort erfüllen wollten, wurden sie an den Pranger gestellt.

Jochen Missfeldt erzählt die Geschichte aus der Sicht eines seinerzeit vierjährigen Ohrenzeugen, hinter dem er natürlich – man bedenke sein Geburtsjahr – genauso selbst stecken könnte. Doch seine imaginäre Person heißt Gustav, lebt in der heutigen Nachkriegszeit und empfindet die menschenverachtende Ungerechtigkeit dieses Urteils mit all ihren Ursachen rückblickend nach. Gustav erzählt von der Landschaft, Menschen und echten Typen, die ihn damals geprägt haben, sowie natürlich von der politischen Lage im Mai des Jahres 1945. Hierzu beschreibt er die konträren Stimmungen, beginnend mit der Depression des erschütterten und zu Tode geplagten Volks bis hin zur stillen Euphorie, die aus der Hoffnung des endgültigen Endes dieser jahrelangen Schlacht resultiert.

Doch Gustav erinnert sich nicht sonderlich genau an all jene Ereignisse zurück. Stattdessen macht er recht seltsame Gedankensprünge, berichtet mal hier und mal dort ein bisschen und gelangt irgendwann zur Geschichte der beiden Protagonisten. Und dies ist auch der wesentliche Schwachpunkt dieses Buches. Natürlich erwartet niemand von Jochen Missfeldt, eine exakt dokumentierte Berichterstattung der von ihm beobachteten Vorgänge, aber es wäre schon empfehlenswert gewesen, sich manchen Dingen etwas fokussierter zu widmen, schließlich ist die vordergründige Story um die beiden zu Tode verurteilten Männer schon bedrückend genug. Aber der Autor lässt sich hierauf nicht wirklich ein und schweift ziemlich häufig ab, schildert die Schönheit der Landschaft, kommt immer wieder auf Menschen zu sprechen, die mit der eigentlichen Handlung nur minimal etwas zu tun haben und verliert sich somit manchmal – und ich denke bewusst – in seinen oftmals verzwickten Ideen. Und dabei ist die Geschichte ja inhaltlich alles andere als komplex und aufgrund der deutlichen Kritik sogar ziemlich direkt.

Apropos Kritik: Zur damaligen Zeit wären wahrscheinlich heftige Diskussionen entbrannt, welche Strafe bzw. ob eine Strafe für die beiden Ex-Marinesoldaten überhaupt angebracht gewesen wäre. Während der pazifistische Teil der deutschen Bürger sicherlich als Fürsprecher hätte gewonnen werden können, kann man die Vorwürfe der politisch rechten Flanke gewissermaßen auch nachvollziehen, schließlich haben die Mitsoldaten sich abseits jeglicher diskussionswürdigen Gesinnung bis zum letzten Tag gekämpft, wenngleich man dies natürlich immer in Relation zu den tatsächlichen, heftigen Kriegshandlungen, die dem Ganzen vorausgegangen sind, betrachten muss.

Darüber aus heutiger Sicht zu diskutieren, ist aber natürlich völlig unangebracht. Diese beiden Menschen zu verurteilen, war ein unmenschliches Verbrechen, so gemein und ungerecht, dass man sich regelrecht davor ekeln könnte – hätte Missfeldt dies in seinem Buch besser auf den Punkt gebracht. Es mangelt sicher nicht an Authentizität – schließlich bezieht sich der Vorfall auf eine tatsächliche Begebenheit – aber im Großen und Ganzen hätte der Autor dies dann auch ein wenig ernster und zielgerichteter beschreiben sollen.
In dieser Form ist „Steilküste“ nämlich nur eine recht blasse zeitgeschichtliche Dokumentation, in der man viele Gedankenanstöße aufschnappen kann, die aber irgendwie die Brisanz ihres erniedrigenden Inhalts nicht adäquat transferieren kann. Es ist sicher kein schlechtes Buch, aber eben auch keines, über das man noch lange sprechen wird.

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