Varesi, Valerio – Schatten von Montelupo, Die. Commissario Soneri kommt ins Grübeln

_Story_

Nach dem Abschluss seines letzten Falls begibt sich Commissario Soneri für einen Heimaturlaub in die bergische Landschaft der Apenninen. Doch die Reise in die wohlige Wärme der Vergangenheit entpuppt sich für den stillen Polizeibeamten sehr schnell als Alptraumszenario, in welches Soneri unfreiwillig wieder als Ermittler hineingezehrt wird.

Der alternde Fleischerei-Fabrikant Palmiro Rodolfi verschwindet spurlos, was den Bewohnern des kleinen Heimatstädtchens des Commissarios jedoch erst auffällt, als ein Aushang darauf hinweist, dass man sich keine Sorgen um Rodolfi machen soll. Doch schon kurze Zeit später überschlagen sich die Ereignisse: Auch Palmiros Sohn Paride ist verschwunden und hinterlässt mit seinem Vater den reichen Familienbesitz, der einzig und allein aus dem Geld der Mitarbeiter und Einwohner des Orts am Montelupo entstanden ist. Als schließlich die erhängte Leiche des alten Rodolfis entdeckt wird, muss Soneri notgedrungen eingreifen und das bis dato harmonische Bild seiner Heimat Schritt für Schritt in ein rechtes Licht rücken.

Während die Carabinieri sich mit der Spurensuche befassen, initiiert ihr Capitano eine blutige Hetzjagd auf den scheinbar flüchtigen Ex-Gefährten des Erhängten, was sich später als fataler Irrtum herausstellen soll. Bis dahin verstirbt aber nicht nur ein Polizist, sondern auch die Seele des Commissarios, dessen Rückzug in die Vergangenheit auch das Ende einer lange gelebten Illusion zu sein scheint …

_Persönlicher Eindruck_

In der neuen Episode der Soneri-Krimis entscheidet sich Valerio Varesi für einen recht melancholischen Einsatz, der zunächst mit kaum einem der bisherigen Romane um den umtriebigen Commissario zu vergleichen ist. Der Autor zieht seinen Protagonisten aus der Großstadt heraus und bringt ihn auf erstaunlich unkonventionelle Weise zu seinem neuen Fall, der grob betrachtet eigentlich gar keiner ist – jedenfalls keiner, der für Soneri selbst bestimmt ist. Aber ein Beamter dieses Dienstgrads kann sich nicht entziehen, wenn um ihn herum gemordet wird – gerade dann, wenn er indirekt auch persönlich von den Ereignissen betroffen ist. Doch wie weit deren Einfluss auch auf seine Person und Vergangenheit reicht, ahnt der Hauptdarsteller Varesis noch gar nicht …

Die Geschichte erweist sich von den ersten Seiten an als ein grober Einschnitt in die angenehme Idylle des Commissarios. Zum ersten Mal werden auch die Gefühle Soneris angesprochen, obschon dieser im Laufe der Handlung nur selten zu seiner Bedrückung stehen möchte. Doch die Geschehnisse in seiner Heimat, welche ihm eigentlich nur als relaxter Rückzugsort dienen und ihn von den jüngsten Strapazen in Parma befreien soll, gehen auch abseits der eigenartigen Attentate nicht an ihm vorbei.

Seit langer Zeit ergeben sich wieder Spuren zu seinem Vater, zu dem Soneri immer ein ganz besonderes Verhältnis hatte, der ihm aber dennoch bis zu seinem Tod ein Buch mit sieben Siegeln blieb. Diese Beziehung wird zwischen den Zeilen ebenso aufgearbeitet wie Soneris Traumvorstellung der dörflichen Harmonie, die mit seiner Rückkehr und dem Tod des Rodolfi-Clans nun mit einem Schlag zusammenzubrechen droht. Mit größeren Schritten geht er zurück in die Vergangenheit seiner selbst, unterwirft sich dabei größeren Qualen, als er realisiert, dass er bisweilen in einer Scheinwelt gelebt hat, hinter deren Kulissen Intrigen gesponnen und Betrugsserien geplant wurden, muss aber dennoch halbwegs unbefangen an die neue Situation herangehen, da seine Profession als Polizeibeamter dies von ihm verlangt.

In diesem Sinne darf man natürlich gerne sagen, dass Soneris Abenteuer am Montelupo sein bisher schwierigstes ist, zumindest was sein nunmehr angeknackstes Seelenleben angeht. Der merkwürdige Tod Rodolfis und die vielen verborgenen Geheimnisse aus dem Umfeld des Wurstfabrikanten sind belastend und versagen ihm jegliche Chance, emotionslos an die Sache heranzugehen, geschweige denn die steigenden Zweifel auszuräumen und einfach wieder in seinen heutigen Alltag zurückzukehren. Die Tragödie ist schon bei ihrem Eintritt zu weit fortgeschritten und verändert den Commissario als Person und in seinem Handeln – und zumindest dies ist eine sehr gute Grundlage und auch einer der Parts, welche dieses Buch auch als ein besonderes in seiner Serie auszeichnen.

Andererseits werden Krimi-Fans gegebenenfalls etwas enttäuscht sein, da die eigentliche Kriminalhandlung zugunsten einer tiefgreifenden Betrachtung der Persönlichkeit Soneri gelegentlich ins Hintertreffen gerät. Zwar entwickelt sich insbesondere die actionreiche Hetzjagd im zweiten Abschnitt des Buches zu einer nervenaufreibenden Angelegenheit, doch da viele Elemente der Ermittlungen von vornherein zu offensichtlich sind, fehlt es hier stellenweise schon am entsprechenden Nervenkitzel. Zumindest in dieser Hinsicht war Varesi schon einmal besser in Form.

Nichtsdestotrotz sollten sich Soneri-Liebhaber diesen Roman ins Regal stellen. Die Geschichte ist gut und bietet bisweilen sogar ein wenig ungeahnten Anspruch, der über die stillen Ermittlungsarbeiten des Commissarios hinausgeht. Und da man in diesem Buch mehr über den heimlichen Helden erfährt als in allen bisherigen Episoden zusammen, kommt man an „Die Schatten von Montelupo“ schon fast nicht mehr vorbei.

|Originaltitel: Le ombre di Montelupo
Deutsch von Karin Rother
287 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-499-24488-9|
http://www.rowohlt.de

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