Willingham, Bill / Buckingham, Mark – Fables 3 – Märchenhafte Liebschaften

Band 1: [„Legenden im Exil“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3175
Band 2: [„Farm der Tiere“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3506

Dass sich Rezensenten in ihrem Urteil zurücknehmen, kommt eigentlich nicht vor. Entweder bleiben sie trotz besseren Wissens und Gewissens bei dem Gesagten oder sie haben sowieso nur banales, unanfechtbares Zeug geschrieben, das niemand Lust hat zu bestreiten. Oder es hat niemand ihren Text gelesen – kommt schließlich auch vor. Für die amerikanische Serie „Fables“ hatte der Rezensent im November 2006 nur wohlwollende Worte übrig. Solide, ja, aber keineswegs revolutionär sei die Serie, die in den Staaten mit Eisner-Awards überhäuft worden war. Kein Must-have also, sondern eher eine Enttäuschung angesichts des Wirbels, der im Vorfeld von den Machern und Verlegern provoziert worden war. Dieses Urteil muss ein wenig korrigiert werden.

In „Fables“ geht es um eine kleine Gemeinschaft von Märchenfiguren, die vor vielen hundert Jahren aus Europa fliehen musste und nun im Exil lebt. Unerkannt leben die Fables unter den Menschen – so genannten Normalos – und versuchen angestrengt, ihre Tarnung sowie die Ordnung in ihrer Gemeinschaft aufrechtzuerhalten. Die kleine Gemeinde von Märchenfiguren versteckt sich mitten in New York. Außerdem lebt ein Teil der Fables auf einer abgelegenen Farm fern der Großstadt, weil sich nicht jede Märchenfigur gut in einer Großstadt verstecken kann. Dazu gehören zum Beispiel Riesen, sprechende Schweine und Drachen. Im Großen und Ganzen geht es also um eine Verschmelzung von Realität und Märchen, eine Idee, die man guten Gewissens unter dem Schlagwort Urban Fantasy einordnen kann. Vergleiche mit anderen erfolgreichen Serien wie Gaimans [„The Sandman“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3852 oder Naifehs „Courtney Crumrin“ lägen nahe.

Dennoch hinken solche Vergleiche und verzerren das Bild. Fables fühlt sich merkwürdig bodenständig an. Die Erzeugung eines traumähnlichen Gefühls beim Lesen, vielleicht sogar eines Schwebezustandes, ist im Gegensatz zu Naifeh und Gaiman überhaupt nicht das Anliegen des Autors Bill Willingham. Während Gaiman während seiner Arbeit wahrscheinlich Shakespeare und mythologische Lexika rezipiert hat, warf Willingham eher einen Blick in Tageszeitungen, um Anregungen für sein Werk zu sammeln. Die ersten beiden Fables-Bände enthielten eine Kriminalgeschichte ohne viel Zauberei und eine Revolutionsgeschichte, die durchdrungen war von den persönlichen Beziehungen einiger Figuren zueinander.

Die vier Episoden, die im dritten Band „Märchenhafte Liebschaften“ zu finden sind, führen diesen Anfang recht konsequent weiter. In den beiden längsten Episoden geht es um einen Journalisten, der die geheime Märchen-Enklave an die Öffentlichkeit verraten will, und um Bluebeard, der Bürgermeister an Stelle des Bürgermeisters werden will. Es bleibt also bodenständig. Und knallhart. Die Seiten, auf denen Bigby Wolf und Snow White auf der Flucht vor Goldilocks sind, erinnern ein wenig an die Filme „Auf der Flucht“ oder „The Contract“. Natürlich mit einem märchenhaften Anstrich, aber der Leser darf sich sicher sein, dass es zur Sache geht und kein |Deus ex Machina| auftaucht und die Szene komplett umkrempelt.

Trotz dieser erzählerischen Sicherheit, in der sich der Leser befindet, bleibt es spannend. Man fiebert mit, ohne nur einen Augenblick lang zu vergessen, dass man lediglich Figuren in einem Comic beobachtet, noch dazu Märchengestalten, die ohnehin nicht richtig sterben können, solange sich die Menschen an sie erinnern. Es ist ernst, es geht um Leben und Tod, aber es darf gelacht werden. Garniert wird die Geschichte mit witzigen Details, die erahnen lassen, welche Feinarbeit bei Fables geleistet wurde. Da sind zum Beispiel die Comic-Hefte von Flycatcher und seinen Freunden, deren Cover Märchen-Reminiszenzen an populäre Comic-Titel sind (The Uncanny Oz-Men, Fairytale Four etc.). Oder die Diskussion einiger Liliputaner, dass sie ihre Stadt lieber Smalltown statt Smallville nennen wollen – eine Anspielung auf die aktuelle Superman-TV-Serie.

Natürlich sind einige Episoden von „Fables“ schwächer als andere. Aber es ist doch erstaunlich, wie gut die Mixtur funktioniert, die Willingham den Lesern da vorsetzt. Nach und nach verdichtet sich das Fables-Universum, formt hier mal einen Krimi und da mal einen Thriller aus, ohne dem Leser vorgaukeln zu wollen: „Hey, Magie gibt es wirklich!“ Mit der Zeit werden die Figuren vertrauter und die Welt von Fables erscheint wie ein unendlich großes Puppenhaus, das zwar mit Gebrüder-Grimm-Tapeten geschmückt ist, aber weitgehend irdisch-physikalischen Gesetzen folgt. Willingham hält von Traumtänzerei wahrscheinlich nicht viel. Als möchte er sagen: „Weißt du eigentlich, was mit einer Märchenfigur passiert, die von einem Sattelschlepper gerammt wird? Sie ist Matsch, ganz einfach.“

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