Andy Weir – Artemis

Jazz Bashara ist kriminell. Zumindest ein bisschen. Schließlich ist das Leben in Artemis, der ersten und einzigen Stadt auf dem Mond, verdammt teuer. Und verdammt ungemütlich, wenn man kein Millionär ist. Also tut Jazz, was getan werden muss: Sie schmuggelt Zigaretten und andere auf dem Mond verbotene Luxusgüter für ihre reiche Kundschaft. Als sich ihr eines Tages die Chance auf einen ebenso lukrativen wie illegalen Auftrag bietet, greift Jazz zu. Doch die Sache geht schief, und plötzlich steckt Jazz mitten drin in einer tödlichen Verschwörung, in der nichts Geringeres auf dem Spiel steht, als das Schicksal von Artemis selbst.

(Verlagsinfo)

Nach dem Blockbuster der neue Roman von Andy Weir. Kann man als Schriftsteller glücklich sein über derlei Formulierungen? Die Erwartungshaltung von Leserinnen und Lesern wird entsprechend hoch geschraubt, man denkt an den trockenen, ironischen Humor Mark Whatneys. Man kauft das Buch. Zumindest dafür sind die Vermarktungsstrategien kurzfristig gut. Die Erfahrung lehrt, dass man als Leser glücklich sein kann, wenn sich ein zweiter Roman nicht als völlige Niete herausstellt. »Artemis«, der Roman vom Mond. Wie nah kommt er den Erwartungen?

Andy Weir schlüpft in seinem zweiten Roman in die Rolle einer jungen Frau, die mit sechs Jahren in die Kuppelstadt auf dem Mond kam und seither mit ihrem Vater dort lebt. Es ist erneut ein Setting, das aus heutiger Sicht durchaus vorstellbar ist; und so befleißigt sich Weir einer detaillierten Darstellung des Lebens und der Möglichkeiten in dieser übersichtlichen Gemeinschaft, und der Möglichkeiten und Gefahren, die sich aus der Nähe zum Vakuum und der ungefilterten Sonneneinstrahlung ergeben.

Da der Roman aus der Sicht der jungen Frau Jazz Bashara erzählt, existieren nur eingeschränkte Möglichkeiten für einen ausführlichen Informationsfluss – und das ist dem Autor zu danken, denn so liest sich das Buch nicht wie eine wissenschaftliche Abhandlung über das Leben auf dem Mond, sondern sehr lebendig. Jazz bewegt sich in dieser Umgebung mit großer Selbstverständlichkeit, doch erinnert sie sich rechtzeitig daran, dass sie ihre Geschichte einem hypothetischen Leser erzählt und streut ihr Wissen um die naturwissenschaftlich-technischen Zusammenhänge stets dosiert ein. Ja, ein Vergleich zur MacGyver-Serie ist so falsch nicht: Das umfassende Verständnis der Protagonistin hilft ihr wesentlich beim Bestehen dieses Abenteuers, und auch die Actioneinlagen kommen nicht zu kurz.

Aufgelockert wird diese Erzählung mittels eines Briefwechsels, der zwischen Jazz und einem gleichaltrigen Jungen auf der Erde geführt wird. Ursprünglich als schulische Pflicht, entsteht eine Brieffreundschaft, die für Jazz noch ganz andere Möglichkeiten eröffnet und auch für den Verlauf des Romans noch an Relevanz gewinnen. Über diese Einlagen erfährt der Leser auch von ihrem Lebensweg, denn Weir präsentiert uns eine Figur, die hochintelligent und fähig ist, aber als Kurier in Artemis arbeitet. Eine Konstellation, die der Erklärung bedarf und nicht aus der Ich-Perspektive der Protagonistin bezogen werden kann, ohne den Schwung der Handlung empfindlich zu stören. Doch mithilfe dieses Kniffs gelingt die glaubhafte Darstellung und belebt die Figur neuerlich.

Was an weiteren Akteuren auftritt, bleibt insgesamt recht wenig einprägsam. Natürlich gibt es zwischenmenschliche Beziehungen, und auch eine merkwürdig geschäftlich inszenierte Beziehung, die von Jazz einfach hingenommen wird. Hier wirft Weir ein skurriles Ideenwerk ein, das den Leser auf einen von Jazz noch unbekannten Aspekt ihrer Beziehung hinweist. Bleibt jedoch festzuhalten, dass die Randfiguren zwar ihre Rollen spielen und in das Gesamtkonstrukt gut integriert sind, jedoch schon durch die Fokussierung des Romans deutlich weniger ausgearbeitet sind als Jazz.

Die Handlung ist ein wenig kriminalistisch, aber vor allem schwungvoll und settingorientiert, was hier bedeutet, dass es vor allem darum geht, das Leben auf dem Mond zu illustrieren. Hierin muss sich Weir natürlich mit seinem Erstling »Der Marsianer« messen lassen, und es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich diesem Vergleich zu nähern. Weir scheint eine Vorliebe für die Bastelstunde unter lebensbedrohlichen Bedingungen zu haben. Diese technische Seite kann er bei »Artemis« ähnlich intensiv ausleben und schafft es auch erneut, sich fernab von jeglichem Datenblattcharakter zu bewegen. Die Situation der Protagonisten ist natürlich nicht vergleichbar, und da liegt vermutlich für das Empfinden vieler Leserinnen und Leser der große Unterschied: Mark Watney, der »Marsianer«, ist eine tragische Gestalt mit sau trockenem Humor und einem besonderen Wesen, was in seiner besonderen Situation für eine spannende Story sorgt. Jazz befleißigt sich ebenfalls einer ironischen Ausdrucksweise, doch trägt sie ganz andere Probleme mit sich herum. Weir bemüht sich auch, zwischenmenschliche Problematiken in den Gedanken der Jazz zu wälzen, und inwieweit ihm das aus weiblicher Sicht gelingt, kann ich als Mann schwer beurteilen. Der Roman erfährt nicht den besonderen Status über den tragischen Helden, der ums Überleben kämpft. Es ist im Grunde ein sauber konstruierter Roman, geschrieben in dem flapsigen Tonfall Weirs, angesiedelt in einer weiteren nahzukünftigen Eventualität und thematisch einfach strukturiert.

Es ist Weirs großes Interesse an den Möglichkeiten der Raumfahrt und der Ausarbeitung vorstellbarer Möglichkeiten, die auch diesem Buch seinen Charme geben. Betrachtet man dies als Intention und lässt sich von der Story, der Sprache und den schönen Basteleien unterhalten, wird man mit diesem Buch sehr zufrieden sein. Es bedarf keines Vergleichs mit dem »Marsianer«, wird sich aber immer damit vergleichen lassen müssen. Und so ist es Weir eigentlich positiv anzurechnen, dass er nicht versucht, einen Abklatsch zu liefern, sondern sich erzählerisch treu zu bleiben und den eigenen Interessen weiter nachzugehen.

Broschiert, 432 Seiten
Deutsche Erstausgabe
Heyne Verlag 3/2018
ISBN: 9783453271678
Deutsch von Jürgen Langowski
Originaltitel:
Artemis
Das Buch beim Verlag

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