Blier, Bertrand – Dessousverkäufer, Der – Bekenntnisse eines Mörders

_Tödliche Büstenhalter_

Dies ist die abenteuerliche Geschichte eines Besessenen und Mörders, der vor nichts zurückschreckt. Schuld daran war nicht nur ein seltsames Elternhaus, sondern vor allem der kriminellste aller Büstenhalter, der Gossard G7.

_Handlung_

Mitten zwischen Betonwohnblocks wächst ein Junge auf, der auf den trotteligen Namen Baudouin Treuttel hört, dabei ist er gar kein Belgier, auch wenn er so belgisch redet, dass sich seine Schulkameraden ständig über ihn lustig machen. Das aufgeweckte und frühreife Bürschchen wird allseits frustriert. Sein Vater redet nicht mit ihm, sondern liest im Büro Zeitung. Er ist arbeitsloser Fabrikbesitzer und lebt angeblich von den Erträgen. Die Dame des Hauses, die Baudouin als seine Mutter kennt, schläft schon seit Jahren nicht mit seinem Vater. Cora ist schmal, eine Maus, aber elegant, denn sie spielt Chopin.

Verständnis findet der Junge nur beim Mausmädchen, der fetten und hässlichen Mathilde. Sie war ja auch seine Amme und zog ihn an Mutter statt auf. Schade, dass sie an seinem Geburtstag, als er sie vögelt, an einem Herzanfall stirbt. So gesehen, ist sie Baudouins erstes Opfer. Und nur eine von zahlreichen Absurditäten, mit denen die Erzählung – denn von einer geradlinigen Handlung findet sich weit und breit keine Spur – zu verblüffen vermag.

Baudouin hat nach Mathildes Tod und dem Schulfrust allen Grund, den Kopf hängen zu lassen – er mag schon ein paar Jahre weiter sein: Da heitert sich seine Miene auf, als sein Blick an der Auslage eines Dessousgeschäfts kleben bleibt. Dort zeigt sich ihm die Faszination des Verbergenden: Büstenhalter. Stützende, hebende, halb enthüllende, schmeichelnde Büstenhalter. Sofort betritt er das Geschäft, wenig später macht ihn die Inhaberin zu ihrem Liebhaber.

In kurzer Zeit, mit Hilfe seiner Damenbekanntschaften – er ist nicht wählerisch – wird Baudouin Experte und Verkäufer in Sachen Dessous. „Ich präsentierte den Händlern meine Waren: Cavatine! Passacaille! Sarabande! Das Neueste vom Neuen, und natürlich auch die großen Klassiker: das Bustier da Capo, dem aktuellen Zeitgeschmack angepasst, das Miederhöschen Chaconne, das einen die Augen niederschlagen lässt, den Body Mélomane, der einem Lust macht, Arpeggio zu spielen …“

Erst später begegnet ihm der kriminelle Inbegriff des Büstenhalters: der Gossard G7. „Im Übrigen sind die Mädchen, die einen Gossard kaufen, alle ziemlich geil und lieben die Gefahr. Besonders diejenigen mit dem Modell G7. Transparenter geht’s nicht mehr. Er ist unter dem Pulli unsichtbar, gibt einem das Gefühl, nackt zu sein, zieht man aber den Pulli aus, so entblößt man das Höchstmaß an Schamlosigkeit, ein Büstenhalter, wie für den Polizeibericht gemacht.“

Kein Wunder, dass er solche Frauen umbringt. Es ist wie ein Zwang. Immer müssen sie im letzten Schritt den BH ausziehen – ein verhängnisvoller Fehler bei einem Mann, für den Schönheit im Anblick eines perfekt verhüllten Busens kulminiert. Sie müssen mit ihrem Leben für ihre Frechheit zahlen.

Schließlich wird er doch noch erwischt und verknackt. Das Buch besteht in der Hauptsache aus den Zeugenberichten des Angeklagten und seines Vaters vor Gericht. Beide bestreiten zur Hälfte die meisten Einlassungen. Aber auch der weibliche Judas der Polizei, Sandrine, eine Gelegenheitsdiebin und -nutte, weiß einiges über Baudouin, ihr Opfer, zu berichten. Etwa von einem „Unbekannten von undefinierbarer Eleganz“, der unverkennbar die Züge eines Mephisto trägt. Ist unser Held also ein verführter Faust? Und somit quasi unschuldig? Jedenfalls nicht schuldiger als der Gerichtspräsident …

Nur so viel ist sicher: Es hagelt Überraschungen. Natürlich war Baudouins Mutter nicht seine Mutter – das war Mathilde. Und die „Mutter“ (Cora) war auch keine Frau, sondern ein Kerl. Und dass Porträtgemälde lebendige, gut verkäufliche Inhalte haben und dass zum Schluss der Romancier, der dieses Buch verbrochen hat, umgebracht wird, verwundert auch nicht mehr.

_Fazit_

Dies ist kein Buch, das man sich im Freibad zwischen zwei Hechtsprüngen reinziehen kann. In der ersten Hälfte ist es noch relativ durchschaubar: Als der Angeklagte vor Gericht steht, hebt er zu einer wortgewaltigen Rede an und schildert eine Welt, in der sich die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Phantasie zunehmend auflösen. Baudouin berichtet selbst mit zynischem Humor von der Herausbildung seiner kriminellen Obsession. Das ist spannend und amüsant.

Doch die zweite Hälfte, die sich auf die Geschichte des Umfelds des Jungen konzentriert, zerfasert, wirkt dekonstruiert. Im Vordergrund stehen die Eskapaden des naiven, pathetisch-romantischen Vaters, dann wieder Sandrine, dann das absurde Gericht, dann nur noch verstreute Notizen – ein Fade-out. Zum Glück gibt der Erzähler keine seiner Figuren der absoluten Lächerlichkeit preis, sondern weckt Sympathie und Interesse – so fällt das Weiterlesen nicht schwer. Und auf der nächste Seite wartet stets eine weitere provokante Überraschung!

Mit seinem rabenschwarzen Humor und der Lust an der Provokation steht Bliers Roman im Genre der erotischen Literatur ziemlich allein da. Natürlich versuchten schon viele AutorInnen, Erotik zur Brechstange der Moral zu machen und die Zensoren mit freizügigen Schilderungen zu provozieren.

Doch Blier geht noch viel weiter. Nicht nur die Zensoren selbst sind korrupt. Auch die Erotik selbst endet hier meist tödlich, und wenn es mal eine seltene, romantische Beziehung gibt, so hat sie garantiert mit Geld zu tun – jener omnipotenten Währung, mit der selbst der romantischste Schein herstellbar ist. Blier konfrontiert uns mit der Frage, wo eigentlich Normalität endet und Perversion beginnt.

|Der Autor|

Betrand Blier ist Schriftsteller und Regisseur. International bekannt wurde er mit skurrilen, provokanten Filmen wie „Die Ausgebufften“, „Frau zu verschenken“ und „Abendanzug“. „Der Dessousverkäufer“ war sein dritter Roman und sein erstes Buch, das auch in deutscher Sprache erschien.

|Originaltitel: Existe en blanc, 1998
Aus dem Französischen übertragen von Marianne Schönbach|