Jean Bruyère – Clotilde und Roger. Roman

Die Erziehung des einfühlsamen Liebhabers

Die schonungslose erotische Beichte eines jungen Malers. Enttäuscht von den ersten Erfahrungen wird Roger von der vorurteilslosen Clotilde während ein hemmungslosen Bildungsreise auf die labyrinthischen Pfade des Eros geführt. Roger wandelt sich zu einem einfühlsamen Liebhaber, der nur in der Lust, die er seiner Partnerin schenkt, auch seine eigene Erfüllung findet. (Verlagsinfo)

Der Autor und das Rätsel

„Jean Bruyère“ ist ein Pseudonym. Siehe aber auch den Wikipedia-Artikel über den Moralisten und Schriftsteller Jean de la Bruyère aus dem 17. Jh.

Das Buch wurde 1926 erstmals gedruckt, dann 1979 erneut, aber geschrieben wurde es in der Epoche zwischen 1905 und 1914, bevor der 1. Weltkrieg ausbrach. Der vom Herausgeber kolportierten Legende nach fielen die 25 Blätter einer feinen Dame aus dem Sonnenschirm – daher lautet der Originaltitel wörtlich „Die Seiten des Sonnenschirms“.

Ein Hotelboy des (damaligen) Pariser Hotel Claridge’s hob die Blätter auf und veräußerte sie für fürstliche 2 Pfund Sterling an besagten Herausgeber, bei dem es sich möglicherweise um den frz. Verleger Jean-Claude Simoen handelt. In einem der Anhänge gibt er die zahlreichen Randnotizen auf den 25 Blättern wieder: Die Namen sind leider allesamt abgekürzt, was das Rätsel noch pikanter macht.

Handlung

Roger, der Briefe an seinen Freund Jean schreibt, erlebt die Regung seiner Hormone erstmals mit etwa 14 Jahren – was ziemlich spät ist, aber er ist ja auch eine Unschuld vom Lande. (Er ist zwölf Jahre jünger als Clotilde, die ebenfalls erzählt, was sie 27 Jahre alt macht.) Er und sein erster Jugendfreund spielen Pferd und Reiter, wobei es nicht ausbleibt, das mal eine Hand in die Hosentasche gerät und dort das Glied berührt. Phantasien erblühen, aber keine Masturbation folgt. Vielmehr sublimiert Roger dieses Empfinden in die schwärmerische Kreativität von zeichnen und malen. Die Betrachtung nackter Weiblichkeit und Männlichkeit in Form von Statuen usw. ist rein platonisch.

Er besteht das Abi in der großen Stadt M. (wie Marseille). Hier studiert er die Malerei mit der gnädigen Nachsicht des Professors, möglicherweise auch Rhetorik und Philosophie. Abends besucht er wie alle Studenten die Kneipen, Bars und Restaurants am Hafen, lernt das Künstlervolk kennen. Die erste nackte Frau, die er in natura erblickt, ist Juliette, ein blondes Aktmodell. Mit dem erfahrenen Mädchen lernt er endlich die intimeren Aspekte der weiblichen Anatomie – und seiner eigenen Reaktionen darauf – kennen.

Clotilde

Nach drei Monaten stümperhafter Liebe begegnet er Clotilde, die wie er den Vorlesungen eines Philosophieprofessors besucht. Sie ist blond, teils italienischer Abstammung. Ihr Oberkörper ist bis zur Hüfte rank und schlank, darunter jedoch stämmig und wohlgerundet. Obwohl sie einen dichtenden Freund hat, bandelt sie mit Roger wegen des gemeinsamen Interesses an den Pariser Malereirebellen Picasso, Matisse und Renoir an. Sie machen das Viertel von St. Germain unsicher.

Privat kommen sie einander näher denn je zuvor. Roger wird an ihr in Cunnilingus geschult, sie gibt ihm Hand- und Blowjobs, sagt ihm aber, was er zu tun hat. Sie gibt die Befehle, er gehorcht. Als er sie einmal eine Stunde warten lässt, rächt sie sich mit ihren Krallen. In allem sucht sie den höchsten Genuss, sei es durch längeren Entzug, sei es durch Raffinesse. Sie wird nicht nur seine animalische Geliebte, seine Herrin, sondern auch seine Komplizin.

Die Reise

Von Marseille aus nehmen sie im Herbst das Schiff nach Neapel und Capri. Ihr Domizil ist die capresische Villa W., die einer feinen Dame gehört. Weniger fein ist ihr Führer Cavaliero A.C., ein Kunstkritiker, der sie ins verrufene Neapolitaner Viertel Vomero führt. Dort gewährt ihnen die junge Palomella, genannt „Die Solistin“, eine Vorführung ihrer Kunst, sich selbst mit einem rosa Dildo zum Höhepunkt zu bringen. Palomella erzählt, wie es der Cavaliero liebt, zwölfjährige Mädchen entjungfern zu lassen. Angewidert lehnen Roger und Clotilde ihr Angebot zu einem flotten Dreier ab, denn solches Verhalten hat nichts mit Zuneigung zu tun, sondern mit Schmerz und Qual.

Nach ein paar Tagen mit der Contessa P, ihrer Gastgeberin, wird klar, dass auf der Insel ein Notstand herrscht: Die meisten Männer sind homosexuell gemacht worden und die jungen Frauen arbeiten in der Stadt in der Fabrik, wo sie einen Mann suchen. Es ist schlimm. Als sie mit der Contessa reisen, kehren sie in einem ärmlichen Albergo ein, der nur ein großes Bett für alle drei bereitstellen kann.

Wie beabsichtigt, kommt es schon in der ersten Nacht zu der angenehmen Situation, dass die Contessa die süße Clotilde verführt, weil sie glaubt, Roger liege in bereits Morpheus‘ Armen. Weit gefehlt: Roger bekommt alles haarklein mit. Sobald sich das Liebesspiel der beiden Frauen zu einem ersten Höhepunkt gesteigert hat, wirft Roger das Laken von sich und zeigt sich den Damen mit seinem liebeshungrigen Ständer. Dieser Einladung kann keine der Grazien widerstehen…

Der letzte Brief

Aus London erhält Roger einen letzten Brief von seiner Freundin. Clotilde hat in einem Spanier namens Carvalho offenbar ihren Herrn und Meister gefunden. Er ist zwar typisch Macho und erwartet Gehorsam, wenn er nur mit den Fingern schnippt, aber tapfer weiß sie ihre Schenkel und Lippen zu verschließen. Da muss er sich schon etwas anstrengen, bevor sie nachgibt…

Mein Eindruck

Wenn man alles störende Beiwerk missachtet, erhält man als Leser ein recht brauchbares erotisches Kleinod, das aus einigen reizvollen „Tableaux vivants“ besteht, aber auch eine kurze Biografie von Roger liefert. Zu diesem Beiwerk gehören sämtliche, völlig irreführenden Überschriften, die Nachworte des Herausgebers, seine dämlichen Fußnoten und das Nachwort eines Kritikers, das pure Phantasie ist. Übrigbleiben knapp 65 nutzbare Seiten. Das ist für ein so bekanntes Werk reichlich dürftig. Wenigstens verlangte der Verlag seinerzeit lediglich 3,80 Deutschmärker dafür.

Szenen

Lebende Bilder“ waren vom späten 18. bis zum späten 19. Jahrhundert nicht nur beim Adel recht beliebt und verbreitet. Zu diesen Tableaux vivants gehören zweifellos die Vorführung von Palomella in Neapel, die ich sehr reizvoll fand. Dazu gehört aber auch das intime Stelldichein im Albergo auf Capri, in dem Clotilde und die Contessa P „nähere Bekanntschaft“ schließen, bevor sich Roger ins sinnliche Gewühl der lesbischen Körper stürzt.

Dom und Sub

Interessant ist die untergeordnete Stellung des männlichen Erzählers, der zu diesem Zeitpunkt der Erzählzeit um die 19 Jahre alt ist, wohingegen die dominante Clotilde, wie erwähnt, zwölf Jahre älter ist, also rund 31 Jahre. Sie gibt ihm vor, was sie will: „Tu doch was!“ So lautet nur eine ihrer Aufforderungen. Was das genau sein soll, muss er sich einfallen lassen. Ironisch mutet daher an, dass sie am Schluss selbst ihren Herrn und Meister in dem stolzen Spanier findet. Es will so gar nicht zum Rest der Geschichte passen.

Praktiken

Die hier vorzufindenden sexuellen Praktiken muten dem heutigen Leser als völlig banal und selbstverständlich an. Die beiden Titelfiguren streicheln sich selbst, einander, lecken einander und ab und zu, wenn Roger ganz viel Glück hat, kommt es zu einer Penetration. Diesen Tag muss er sich sicherlich im Kalender rot anstreichen. In Neapels Hinterhöfen gibt es nur was (bei Palomella) zu gucken, und die Pädophilie des Cavaliero dreht dem Pärchen den Magen um. Daher ist es der absolute Höhepunkt – zumindest in emotionaler, erotischer und technischer Hinsicht – wenn sich das Pärchen mit einer schon etwas reiferen Italienerin, der Contessa P, vergnügt.

Zeit und Ort

Politik und Gesellschaft spielen kaum eine Rolle, genau Angaben fehlen. Aber da der Personenverkehr über Grenzen hinweg völlig problemlos zu sein scheint, darf man annehmen, dass alle Begebenheiten vor Ausbruch des 1. Weltkriegs stattfanden, also in der sog. Belle Epoque zwischen 1884 und 1914. Die Story von der Wanderschaft des Manuskripts quer durch die Welt, die uns der „Kritiker“ auftischt, ist jedenfalls hanebüchen und offensichtlich seiner nach Zeilen bezahlten Phantasie entsprungen. Sie konterkariert und ironisiert die in den Bekenntnissen erzählte Liebesgeschichte.

Die Übersetzung

Obwohl diese Übersetzung 1981 entstanden sein soll, ist sie stilistisch völlig veraltet und würde eher ins 18. statt ins 20. Jahrhundert passen. Was ist beispielsweise ein „Hundsfott“? Außerdem enthält sie einen Fehldruck!

S. 15: „Die Niedrigkeit meiner Schulkameraden“: In welcher Hinsicht diese Kameraden „niedrig“ sein sollen, ist undefiniert. Wohl kaum ihr Wuchs. Es handelt sich wohl um die Moral und den Sinn für Anstand. Passender wäre daher der Ausdruck „Niedertracht“ gewesen.

S. 36: „die grazile Hinfälligkeit des eben erweckten, neugierigen Kindes“. Ein typisches Beispiel für den verschwurbelten Sprachstil der Übersetzung, bei dem nicht immer weiß, was überhaupt gemeint ist. Warum Kinder „hinfällig“ sein sollen, entzieht sich meinem Verständnis.

S. 55 (Fehldruck): „Clotilde zierte sich. [???]ossen auf die beiden zuging, …“ Offensichtlich fehlt hier mindestens 1 Zeile!

S. 82: „Gamyani“: offenbar ein Verweis auf Mussets berüchtigten Erotikroman „Gamiani“.

S. 84: „Pla[n]tagenbesitzerfamilie“. Das N fehlt.

Unterm Strich

Was heißt hier „schonungslose erotische Beichte“? Was soll an der Bildungsreise der Titelfiguren „hemmungslos“ sein? All diese amourösen Spiele bis hin zum flotten Dreier mit zwei Lesben sind heute, im Zeitalter des überall rasch verfügbaren Pornokonsums, pillepalle und locken keinen Hund mehr hinterm Ofen hervor. Da lob ich mir doch die saftigen Erfindungen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. An Mussets „Gamiani“, auf die das „Nachwort“ indirekt verweist (s.o.), müssen sich alle solchen Romane messen lassen.

Der inhaltliche Wert, wenn schon nicht der literarische, liegt vielmehr in der Erziehung des männlichen Erzählers Roger zu einem einfühlsamen Liebhaber, der – wohl oder übel – auf die Bedürfnisse und Forderungen seiner älteren Freundin Clotilde einzugehen lernt. Insofern hat der Klappentext (siehe oben) ausnahmsweise einmal recht: Roger findet nur in der Lust, die er seiner Partnerin schenkt, auch seine eigene Erfüllung. Partnerschaftliche Liebe ist demnach nicht ein körperliches Bedürfnis, sondern ein Kunstwerk. Und das ist in Zeiten der Metoo-Bewegung ein dicker Pluspunkt.

Dass mitten im Text auf S. 55 mindestens eine Zeile fehlt, führt zu einem erheblichen Punktabzug.

Taschenbuch: 94 Seiten
Originaltitel: Roger ou Les à-cotés de l´ombrelle [Die Seiten des Sonnenschirms], 1979, Paris
Aus dem Französischen von Monique Bertrand und Georges Jourdain
ISBN-13: 9783499146855

www.rowohlt.de

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