Henry Miller – Stille Tage in Clichy

Dieser Klassiker der erotischen Literatur ist zugleich ein idealer, kurzweiliger Einstieg in Millers Werk. „Clichy“ entstand 1940 und wurde 1956 überarbeitet. Doch die erotischen Abenteuer, die Millers Alter Ego Joey erzählt, ereignen sich vor dem Hintergrund des Paris der dreißiger Jahre (genauer: 1933). Ein Abstecher in das deutschsprachige und -gesinnte Luxemburg vermittelt einen Einblick in den aufkommenden Antisemitismus jenseits der französischen Grenzen.

Handlung

Ein durchgehender Handlungsfaden ist in diesem nur 130 Seiten langen Text nicht zu finden, vielmehr wird die Form durch Episoden bestimmt. Derer gibt es etliche, und praktisch alle drehen sich um Frauen beziehungsweise Mädchen.

Der Schriftsteller Joey lebt schon etwa ein halbes Dutzend Jahre in der Seine-Metropole. Mit seinem Freund Carl, der ebenfalls schreibt, aber angestellt ist, teilt er sich eine bescheidene Wohnung außerhalb der Stadtmauern von Paris, hinter dem Montmartre, sowie eine stets leere Speisekammer (Kühlschränke waren noch nicht erfunden). Ebbe im Portemonnaie ist ein Dauerzustand bei Joey, aber das hindert ihn nicht daran, einer der hübschen Huren am Montmartre sein letztes Geld zu schenken – er hat eben ein goldenes Herz, der Gute!

Das zeigt sich besonderes, als er Mara kennenlernt. Sie ist „sein Typ“, wie Carl sagt, und erinnert ihn an eine verflossene Geliebte, Christine. Mara ist keineswegs aufdringlich, obwohl sie eine Professionelle ist, vielmehr scheint sie eher viel zu ehrlich und bescheiden für ihren Beruf zu sein, erkennt Joey. Miller porträtiert die Figur der Mara auf eindringliche Weise, was schließlich in der schmerzlichen Trennung Joeys von ihr deutlich wird.

Wesentlich lustiger und verrückter geht es im ersten Teil des Kurzromans zu. Da ist etwa die somnambule Tagträumerin, die sich für die Indianerprinzessin Pocahontas hält. Da sind die zwei Mädchen, die zu Joey in die Badewanne steigen, um dort Rot- und Weißwein zu trinken. Leider kann es sich der besoffene Joey nicht verkneifen, seine Blase zu entleeren. Das hingegen finden die beiden Mädchen „unethisch“ und verabschieden sich unter wütendem Protest – vor allem aber wohl wegen der leeren Taschen von Joey und Carl. Diese Liebschaften brauchen die beiden Autoren für ihre Kreativität – genau wie einst Goethe.

Natürlich hat die freie Liebe in Paris auch ihre Risiken. So fängt sich Carl mehrmals den Tripper ein, liefert sich einmal sogar mit Verdacht auf Syphilis ins Krankenhaus ein. Noch gefährlicher als Infektionen sind jedoch die Tücken des Gesetzes, das es Männern verbietet, sich mit Minderjährigen einzulassen. Der leichtsinnige Carl kommt deshalb beinahe ins Gefängnis. Und nur der Respekt der Franzosen vor Dichtern und Philosophen rettet ihn. Dies ist eine der komischsten Szenen des Buches.

Auch Luxemburg hat seine Reize. Das findet das dynamische Duo heraus, als es das Land der Grande Nation erkundet und für einen Tag verlässt. Allerdings stoßen die beiden neben bildhübschen Café-Sängerinnen auch auf antisemitische Restaurantbesitzer: „Dieses Haus ist judenfrei“ heißt es da stolz auf seiner Visitenkarte. Joey, der sehr gut Deutsch spricht, weil er es von dem Ungarn Carl gelernt hat, bekommt schier einen Tobsuchtsanfall und muss hinausgezerrt werden. Ansonsten hat er aber nichts gegen die deutsche Kultur. Im Gegenteil: Er singt offenbar gerne deutsche Lieder. Das war natürlich vor dem Kriegsausbruch. 1940 schrieb Miller (1891 – 1980) diesen Roman in New York City.

Mein Eindruck

Mit „Stille Tage in Clichy“ ist hervorragend bedient, wer sich noch nicht auf die längeren Romane Millers wie etwa „Wendekreis des Steinbocks“ einlassen will oder wer mit reiner Brotarbeit wie dem posthum veröffentlichten, eher pornografischen „Opus Pistorum“ nichts anfangen kann.

„Clichy“ verströmt den Duft von Unschuld, Geilheit und Frühling – auch in Millers unbekümmertem, manche würden sagen: unverblümtem Sprachgebrauch. Manche erotischen Szenen gehören zu den komischsten im ganzen Genre. Doch auch die ernsten Seiten fehlen nicht, wie die Episode mit Mara zeigt.

Zweimal verfilmt

Hervorragend wiedergegeben hat dieses Flair die unkonventionelle dänische Verfilmung aus dem Jahr 1969. Der in schwarz-weiß gedrehte Film wartet u. a. mit Sprechblasen über den Köpfen der Darsteller auf. Natürlich stehen in diesen Blasen sehr eindeutige Wörter und Begriffe. Die Musik von Woodstock-Barde Country Joe McDonald („Fish Cheer“) passt hervorragend zu dem Bohemien-Ambiente in Clichy.

Chabrols spätere Farbverfilmung (1989) verblasst paradoxerweise demgegenüber. Der Regisseur hat sich dabei offensichtlich Scheuklappen angelegt, die den Film zugleich langweilig und unverständlich machten.

Ich habe die DVD davon gesehen und fand sie grausam: Abgesehen davon, dass sie die Bezeichnung überhaupt nicht verdient (es gibt weder ein Menü und noch eine Szenenauswahl), wird die Erotik hier so intellektuell verbrämt und kostümiert aufgezäumt, dass einem Sehen und Hören vergeht, von der Lust ganz zu schweigen.

Wir können froh sein, dass dieses wunderbare Buch Mitte der sechziger Jahre von der Zensur freigegeben wurde, nachdem es bereits 1956 in Paris erstveröffentlicht worden war – wo sonst?

Mehr über Henry Miller kann man in der wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/HenryMiller nachlesen.

Taschenbuch: 144 Seiten
www.rowohlt.de