Schlagwort-Archive: rororo

Matthew J. Arlidge – D.I. Helen Grace – Letzter Schmerz

Helen Grace hat schon so manchen Fall gelöst und ist dadurch sehr bekannt geworden. Dabei hat sie sich allerdings auch nicht immer nur Freunde gemacht, wie sie in ihrem jüngsten Fall feststellen muss. Schon das erste Opfer kennt sie nämlich, weil sie es zu einigen privaten SM-Stündchen häufig getroffen hat. Als kurze Zeit später ein zweites Todesopfer auftaucht und Helen auch dieses kennt, wird immer deutlicher, dass der Täter sich an sie wendet. Doch wer steckt hinter den Fällen? Wer möchte ihr eins auswischen? Warum möchte ihr jemand eins auswischen? Und welcher Plan steckt hinter diesen schrecklichen Taten?

Diese Fragen stellt sich nicht nur Helen Grace im Laufe des Falls, sondern immer mehr auch der Leser, der den Zusammenhang aber nicht herstellen kann. Matthew Arlidge hat wieder einmal ein temporeiches Buch vorgelegt, das in zahlreichen Kapiteln, die im Schnitt nur etwa drei Seiten lang sind, immer mehr Spannung aufbaut. Der Autor verliert nie viel Zeit. Den ersten Mord lässt er direkt geschehen und schildert ihn in einigen Details. Das erste Opfer trifft auf einer SM-Party seinen Mörder und muss dort auch sein Leben lassen – eng in Plastik gehüllt und grausam erstickt. Das zweite Opfer stirbt auf ähnliche Weise – und beide Opfer kennt nicht nur Helen Grace, sondern auch treue Leser der vorliegenden Krimireihe.
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Roald Dahl – Das Wundermittel

George, der Zauberlehrling

Haarfestiger und Haarentferner, Rostschutz und Frostschutz: Wer soll dieses Gebräu bloß trinken? Georgs Großmutter natürlich… Denn wer einen wehrlosen kleinen Jungen so triezt, hat nichts Besseres verdient. Am Anfang schätzt Großmutter das Wundermittel sogar: Es macht sie größer. Ihr Pech, dass sie so gierig ist, bald ist sie so lang wie ein Kran… (Verlagsinfo)

Der Autor

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Jojo Moyes – Nachts an der Seine

Worum gehts?

Nell freut sich wie verrückt auf den Wochenend-Trip mit ihrem Freund Pete. Sie war noch nie wirklich weit weg von zuhause und jetzt soll es ausgerechnet in die Stadt der Liebe gehen, nach Paris.

Doch als sie am Londoner Bahnhof steht und auf Pete wartet, wird sie bitter enttäuscht. Er ist angeblich bei der Arbeit hängengeblieben und wird es nicht rechtzeitig zur Abfahrt schaffen, allerdings verspricht er nachzukommen. Die ängstliche Nell würde am liebsten auch einen Rückzieher machen, als der Schaffner sie bittet nun einzusteigen, damit der Zug losfahren könne – und schon findet sie sich in einem Abteil des Eurostars wieder. Alleine auf dem Weg nach Paris, eine fremde Stadt, in der eine Sprache gesprochen wird, der sie nicht wirklich mächtig ist.

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Anna McPartlin – Irgendwo im Glück


Worum gehts?

Maisie ist eine starke Frau, die sich nicht unterkriegen lässt. Aus ihrem ersten Date wurde eine unglückliche, von Gewalt geprägte Ehe. Sie brauchte siebzehn Jahre, bis sie dieser Hölle entkam. Das einzig Gute, was sie an die schwierige Zeit ihrer Ehe erinnert, sind ihre beiden Kinder Jeremy und Valerie. Gemeinsam mit ihnen und ihrer dementen Mutter lebt Maisie in Häuschen und alle packen mit an.

Als gerade mal alles gut zu laufen scheint, geschieht etwas ganz schreckliches. Ihr geliebter Sohn Jeremy verschwindet spurlos und völlig unvorhergesehen. Erneut kommt eine schwierige Zeit auf sie zu, eine Zeit voller Vorurteile, der Wahrheit über ihren Sohn und der größte Kampf ihres Lebens. Doch auch nun steht Aufgeben für die taffe Maisie an allerletzter Stelle.

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Matthew J. Arlidge – D. I. Helen Grace – Kalter Ort

Ruby wirft sich im Bett hin und her und erwacht aus einem schlechten Schlaf. Sie hatte zu viel getrunken, Pillen und Kokain konsumiert, in ihrem Kopf herrscht Nebel. Nur langsam realisiert sie, dass sie nicht in ihrem eigenen Bett liegt. Doch wo ist sie? Wie ist sie hergekommen? Sie liegt in einem Zimmer, das an ein Puppenhaus erinnert und ist eingesperrt – in einem kalten, dunklen Keller.

Schauplatzwechsel: Zwillinge spielen glücklich am Strand, heben eine Grube aus, lachen und haben Spaß. Doch dann schreien die beiden Jungs – sie haben eine schreckliche Entdeckung gemacht: die Leiche einer jungen Frau.

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Anna McPartlin – Die letzten Tage von Rabbit Hayes


Worum gehts?

Stell Dir einmal vor, Dir bleiben nur noch neun Tage Zeit – Neun Tage bevor Du sterben wirst. Genauso geht es Rabbit Hayes. Sie leidet an Krebs und verbringt gerade ihre letzten Tage im Hospiz. Sie hat noch neun Tage Zeit, über die Schimpfwörter ihrer Mutter zu lachen und ihre Flüche zu ertragen, neun Tage, um die Nähe ihres Vaters zu erkämpfen, neun Tage um ihren Geschwistern bei ihren Problemen zu helfen und neun Tage, um ihre Tochter auf den Tod ihrer Mutter vorzubereiten, von dem das Mädchen noch nichts ahnt.

Inhalt

Rabbit Hayes leidet an metastasierendem Brustkrebs im Endstadium. Sie ist gerade auf dem Weg in ein Hospiz, um dort ihre letzten Tage zu verbringen und palliativ versorgt zu werden. Ihre Mutter Molly ist dabei stets an ihrer Seite und begleitet ihre Tochter auf diesem schweren Weg. Obwohl es für Rabbit keine Hoffnung mehr gibt und sie den Kampf gegen die erneut ausgebrochene Krankheit nicht noch einmal besiegen wird, möchte kein Familienmitglied sich mit dieser Tatsache abfinden. Während ihre Eltern Hilfe im Zweigespräch mit Gott suchen, ist Rabbit selber konfessionslos – sie glaubt nämlich nicht an Märchen und diesen ganzen Hokuspokus mit Gott, dem Himmel und ein Leben nach dem Tod. Sie schöpft Kraft aus anderen Dingen und ist noch immer felsenfest davon überzeugt, dass sie es auch dieses Mal schaffen wird, den Krebs zu besiegen, auch wenn sie dabei ihre einzig übriggebliebene Brust auch noch hergeben muss.

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Jojo Moyes – Ein Bild von Dir

Worum gehts?

In Frankreich herrscht gerade der Erste Weltkrieg. Edouard Lefevre kämpft für Frankreich an der Front und seine Frau Sophie versucht für den Rest der Familie stark zu sein. Das Einzige, was ihr von ihrem Mann geblieben ist und an glücklichere Zeiten erinnert ist ein Gemälde, dass Edouard für sie angefertigt hat. Es zeigt ein Porträt seiner geliebten Frau und er hat es Jeune Femme genannt.

Ein Jahrhundert später in London. Liv trauert noch um ihren Mann, der vier Jahre zuvor plötzlich und viel zu früh starb. Auch ihr bleibt nur ein Gemälde, dass sie mit vergangenen, glücklicheren Zeiten verbindet. Es ist ein Gemälde des Malers Edouard Lefevre, welches David ihr zur Hochzeit geschenkt hat und seitdem zu ihrem wertvollsten Schatz geworden ist. Als man es ihr nehmen will, ist Liv bereit, dieses bis aufs Letzte zu verhindern und zu opfern.

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Jojo Moyes – Die Tage in Paris

Worum gehts?

Paris – Seit jeher die Stadt die Liebe. Welche Frau träumt nicht davon, direkt nach der Hochzeit dort die Flitterwochen zu verbringen?

Sophie, die frischgebackene Ehefrau des einst erfolgreichen Malers Edouard Lefevre, erlebt genau diesen Traum. An der Seite ihres Mannes verbringen sie die ersten Tage ihrer Ehe in Frankreichs Hauptstadt. Doch das Leben an der Seite eines verarmten Künstlers hat nicht nur schöne Seiten.

Viele Jahrzehnte später, verbringt eine andere junge Frau ebenfalls ihre Hochzeitsreise in Paris. Die junge Liv stellt sich ihre Hochzeitsreise jedoch ganz anders vor, denn schon kurz nach der Ehe stellt sich heraus, dass das Leben als Frau eines erfolgreichen Geschäftsmannes alles andere als einfach ist. Sie fragt sich, ob sie mit der Ehe den größten Fehler ihres Lebens begangen hat. Doch dann entdeckt sie in einem Museum ein interessantes Gemälde. Kann ihre Ehe doch noch gerettet werden?

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Astrid Fritz – Das Aschenkreuz

Worum gehts?

Freiburg im Jahre 1914. Die kluge und schöne Serafina lässt ihr altes Leben in Konstanz hinter sich und tritt in das Schwesterhaus Sankt Christoffel in Freiburg ein. Gemeinsam mit den anderen dort lebenden Schwestern kümmert sie sich um die Armen und Kranken der Stadt. Da sie in dieser Arbeit ihre Erfüllung findet, fällt es ihr überhaupt nicht schwer, sich in der Stadt am Rande des Schwarzwaldes einzuleben, und auch mit den anderen Schwestern versteht sie sich überwiegend sehr gut.

Wäre nur da nicht das dunkle Geheimnis ihrer Vergangenheit, welches ihre Zukunft im Schwesternhaus gefährden könnte, sobald es ans Licht kommt. Und als sie auch noch auf den Stadtarzt Adalbert Achaz trifft, der um ihr Geheimnis weiß, wird die Angst zu ihrem ständigen Begleiter … Astrid Fritz – Das Aschenkreuz weiterlesen

Jojo Moyes – Ein ganzes halbes Jahr

Worum gehts?

Dies ist die Geschichte von Lou und Will.

Louisa Clark, 26 Jahre alt, lebt gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester und deren Sohn, gemeinsam in einem kleinen Häuschen. Ihr Haupterkennungsmerkmal ist ihr etwas ausgefallener Modegeschmack, über den die Leute in ihrer Heimatstadt auch gerne schon einmal tuscheln.

Will Traynor, ein einst sehr aktiver, erfolgreicher Lebemann. Doch durch einen tragischen Unfall wurde aus ihm ein sogenannter Tetraplegiker, ein Mensch, der vom Hals an abwärts gelähmt ist. Also weder Arme noch Beine bewegen kann. Beide wissen noch nicht, dass sie sich schon bald begegnen werden.
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Sven Böttcher – Götterdämmerung

Im Himmel ist Bombenstimmung: Die Götter der verschiedenen Epochen und Kulturen vegetieren dahin, da die wenigsten Menschen noch an sie glauben, und ertränken ihren Frust zumeist in Alkohol. Vor allem die griechischen Götter um Zeus und als Gegenpart die Asen, die nordischen Götter unter Odin verbreiten Stunk, können sich gegenseitig nicht ausstehen und haben doch das gleiche Ziel: Die Sterblichen an ihre Existenz zu erinnern. Zu diesem Zweck lässt Zeus eine Horde unkontrollierter Blitze in das Zeitgefüge rasen, die durch alle Zeitalter donnern und alles durcheinanderbringen. Sie versetzen Einzelpersonen in der Zeit, manchmal auch Gruppen oder ganze Armeen und bringen Chaos sowohl in das geordnete Leben als auch in die strukturgebende Geschichtsschreibung. Beispielsweise wird Goethe mit seinem „Werther“-Manuskript auf die Frankfurter Buchmesse verschlagen, wo er sich schließlich suizidiert. Demnach wurden weder der Werther noch spätere Werke wie Faust veröffentlicht und verschwinden aus den Bücherregalen nebst der zugehörigen Sekundärliteratur – und das, obwohl sich viele Menschen noch daran erinnern.

Odin fühlt sich unter Zugzwang und startet eine ähnliche Kampagne, nur verwendet er statt Blitzen die in seinen Augen eindeutig zuordenbaren Äpfel als Zeichen göttlichen Eingreifens.

Auf griechischer Seite Athene, auf Asenseite Baldur, arbeiten gegen die maßlose Zerstörung durch ihre Väter und planen die Einbeziehung einer Gruppe Sterblicher, die im Himmel per definitionem Macht über die Götter haben und sie zur Umkehr zwingen können. Ein Wettlauf zwischen regierungstreuen und opportunistischen Göttern beginnt, zu deren Spielball die Auserwählten werden …

In diese überarbeitete Neuausgabe des Romans von 1992, also der Version 2.0, aktualisiert Böttcher die wichtigen Ereignisse unserer Zeit und schafft es tatsächlich, einen druckfrischen Eindruck zu erwecken. Neben diesen satirischen Elementen, die einen nicht unwesentlichen Teil des Charmes der Geschichte ausmachen, nimmt er auch die homerischen Griechen und die nordischen Götter gewaltig auf die Schippe, betrachtet sie als Interpretation ihrer aus Sagen und alten Geschichten und Gedichten in strahlender Göttlichkeit extrahierbarer Charaktere sehr unverblümt als Alkoholiker und Inzestbetriebe und rückt ihren Mythos aus der Unantastbarkeit und jugendlicher Heldenverehrung. So bleiben im Schnitt egoistische, einfältige, brutale, alkoholabhängige Ehebrecher und Intriganten.

Für die irdische Satire lässt Böttcher die Blitze vorerst nur den gesellschaftlichen Ballast versetzen und in eindrucksvollen Worten seine Figuren die Missstände darlegen. Die Schmarotzer sind es, die er aus der Welt geräumt haben will, wie z. B. Ämter und Sachbearbeiter, die einen gravierenden Anteil am staatlichen Etat haben, ohne die aber alles einfacher, da ungenauer, regelbar wäre. Oder Makler, ohne die die einzelnen Parteien direkt miteinander Geschäfte machten und sich die Courtage sparten. Oder die Versicherungen, deren Verdienst am Kapital der Versicherungsnehmer unverhältnismäßige Höhen erklimmt; oder auf der anderen Seite die Krankenschwestern, die in seinen Augen die wichtigste Drecksarbeit machen und dafür weit unterbezahlt würde im Gegensatz zu z. B. Politikern, die aus nicht nachvollziehbaren Gründen für ihre Intrigen Unsummen aus den Staatskassen beziehen.

Durch die göttlichen Interventionen zeigt Böttcher auf, wie die Welt funktionieren könnte ohne diese zwischengeschalteten Schmarotzer, doch bleiben das im Laufe des Romans kurze monologische Exkursionen, die den fröhlichen und zwerchfellreizenden Fluss der Handlung nicht stören, sondern bereichern.

Apropos kurze Exkursionen: Nach homerischem Vorbild führt Böttcher in Randbemerkungen alle anwesenden Götter ein und charakterisiert sie kurz, auch wenn sie teilweise für den Geschichtsverlauf nur untergeordnete Rollen spielen. Das merkt er auch ironisch-selbstkritisch in den dem Inhaltsverzeichnis zugesetzten Unterüberschriften an, benutzt es aber bewusst in Anspielung an epochale Götterverbrämung wie Homers Ilias.

Was machen derweil die irdischen Protagonisten? Hier bedient sich Böttcher diverser Plattitüden, schafft es aber durchweg, die Handlung am Laufen zu halten. In der Gegenwart ist es ein ungleiches Pärchen, bestehend aus dem unordentlichen, verwirrten Salat-Bar-Ingenieur und Fachmann für unerklärliche Fälle Erasmus und seiner bisherigen Mitbewohnerin Diana, die unbegreiflicherweise in ihn verliebt ist. Das und seine Erwiderung finden sie im Laufe ihrer „Queste“ heraus, die sie nicht nur mit Lokis missratenem Kind, dem Fenriswolf, konfrontiert. Erasmus ist es auch, der eine Idee von den Zusammenhängen entwickelt und den Göttern als Einziger auf die Spur kommt.

Im Jahre 1939 erwischt es den raffiniertesten Privatdetektiv Cameron, der abgebrüht und clever an der Grenze der Illegalität arbeitet und sich so leicht auch von dem wüsten Durcheinander nicht aus der Bahn werfen lässt. Seine These: Die Nazis haben eine Zeitmaschine gebaut! Zu seinem Glück passt Athenes Verbündeter Apollon auf ihn auf, so dass er sein Treffen mit einem mysteriösen Wissenschaftler überlebt, seine Gegner mit Pfeilen aus dem Nichts im Kopf auf der Strecke bleiben – was wiederum die Zeusgetreuen auf den Plan ruft …

Zur Regentschaftszeit König Artus‘ ermittelt es den Magier Gwydiot, einen Schüler Merlins, und der ist etwas tollpatschig. Nichts hasst er stärker als Schlamm, und so stolpert er stets in die nächste Pfütze. Nichtsdestotrotz gelangt er mit Hilfe eines Orakelmanuskripts seines Lehrers unbewusst auf die richtige Spur. Im Gegensatz zu Erasmus hat er bisher keine Frau abgekriegt, sondern wundert sich nur, wieso stets die dümmsten Nüsse wie Ritter Gawain die schönsten und klügsten Frauen bekämen.

Technisch sind Erasmus und Gwydiot am charismatischsten entwickelt, Cameron ist mehr ein Mitläufer. Vielleicht auch, weil er allein unterwegs ist, während sich den beiden anderen noch Personen anschließen, durch die sie selbst an Profil gewinnen.

Für mich als Sageninteressierten hat der Roman einen besonderen Reiz durch die „alternative“ Darstellung der Götter, die ihre Charakteristika vortrefflich in Szene setzt – gerade vor dem modernen Kinotrash wie die „Titanen“. Trotzdem oder gerade dadurch wird ihr klassisches Bild humorvoll mit Leben erfüllt und bietet den Handlungsrahmen für die satirische Erzählung. Mit mehr als einem zwinkernden Auge nimmt Böttcher nebenbei die aktuellen Zivilisationszustände auf die Schippe, sein Hauptaugenmerk gilt der Cervantes’schen Verballhornung der klassischen Übersagen und der Augenöffnung, was gängige Formulierungen und Plakativsätze angeht.

Ein amüsantes und hoch unterhaltsames Spektakel.

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Taschenbuch: 320 Seiten
ISBN-13: 978-3499258183
http://www.rowohlt.de


 

Charles Yu – Handbuch für Zeitreisende

Das Handbuch für Zeitreisende ist ein Buch von Charles Yu an sich selbst, das er immer wieder liest und verfasst, während er es liest, doch das erfährt er erst recht spät in der Geschichte, als er sich in eine Zeitschleife manövriert. Er ist Zeitmaschinen- und Zeitreiseingenieur einer Firma, die die Geräte verleiht. Yu erhält jeweils den Auftrag, Kunden zu betreuen oder aus Situationen zu befreien, in die sie sich mit ihren Zeitmaschinen begeben, denn eines ist ein unumstößliches Gesetz der Zeitreise: Man sucht immer den schlimmsten Zeitpunkt der eigenen Vergangenheit auf und hat doch keine Chance, ihn zu beeinflussen.

Yu sieht sich selbst als gescheiterte Existenz, die sich in das Betriebssystem der Zeitmaschine verliebt hat, und seine eigene enttäuschende Vergangenheit ist es, die er in der Zeitschleife immer wieder erlebt. Das Handbuch zeigt ihm dabei die Lösung auf, doch scheint es bisher keine seiner älteren Existenzen geschafft zu haben, den entscheidenden Moment zu packen und aus der Schleife zu entkommen. Ihr Ende/Anfang ist nämlich ebenso erschreckend wie unausweichlich: Yu erschießt sein älteres Ich …

Die Implikationen sind interessant, doch bis es soweit ist, vergeht die Hälfte des Romans mit der Entwicklung des Universums, das von Science-Fiction-Figuren bevölkert wird. So hat zum Beispiel Anakin Skywalker seine Zeitmaschine beschädigt und ruft Yu zur Hilfe. Aber bis zur Zeitschleife fehlt der gewisse Anreiz, der den Leser dringend zum Weiterlesen animiert. Es ist recht zäh und fühlt sich zwanghaft humorvoll an, wobei der Humor nur aus der Wortwahl und den Anspielungen besteht und beim Leser nicht zündet. Die verlorene Existenz des Alter-Ego von Charles Yu berührt uns nicht und ruft auch kein Interesse hervor, erst mit Einsetzen der Zeitschleife gewinnt die Geschichte, nämlich die Frage, ob und wie die Schleife durchbrochen werden kann. Und erst jetzt entwickelt sich auch das Interesse an Yus Vergangenheit, an seinem Vater, mit dessen verzweifelter Verbissenheit die Entwicklung der Zeitreise möglich wurde, der aber die Familie vernachlässigte auf der tragischen Suche nach einer Möglichkeit, die verlorenen Stunden zurück zu bringen. Und der persönlich schließlich doch scheiterte.

Für Yu ist also die Zeitschleife auch und vor allem eine Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit und eine Selbstfindung, was dem Roman neben der nun natürlicher werdenden Komik den menschlichen Aspekt verleiht und die eigentliche Leseempfehlung ausmacht.

Enttäuschend ist dagegen die Hoffnung, die irgendwelche Zitate auf dem Buchrücken hervorrufen und die nicht erfüllt wird. Der Vergleich mit Douglas Adams und damit die freudige Erwartung sind unverständlich, wahrscheinlich Marketing und völlig ungerechtfertigt.

Über den Autor schreibt Rowohlt:

Charles Yu, geboren 1976 in Los Angeles, wurde für seine Erzählsammlung «Third Class Superhero» (2006) mit dem National Book Foundation’s 5 Under 35 Award und dem Sherwood Anderson Fiction Award ausgezeichnet.

„Handbuch für Zeitreisende“ ist Yus erster Roman, mit dem er unter den Time’s Top 10 Fiction Books 2010 sowie New York Times‘ 100 Notable Books of 2010 gelistet wurde. Eine Verfilmung ist in Arbeit. Der Autor lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Los Angeles.

Bezieht man diese Aussage in die Überlegungen mit ein, kann man sich gut vorstellen, dass aus diesem Buch ein interessanter Film gedreht werden könnte, der möglicherweise die Schwächen des Romans sogar ausgliche. Jedenfalls scheint Yu in seiner Heimat einigen aufstrebenden Erfolg zu haben, was sich leider anhand des vorliegenden Buches nicht so deutlich begreifen lässt.

Der Roman bietet ab der Hälfte gute, interessante Unterhaltung und stößt vor allem bei Lesern, die schon des Öfteren mit der Zeitreiseproblematik konfrontiert wurden und auch Interesse daran haben, auf schmunzelnden Genuss. Ihm fehlt zur uneingeschränkten Empfehlung aber eine tragfähige erste Hälfte, und der Vergleich mit Adams lässt ihn eher schal wirken als zu punkten.

Der Autor vergibt: (3/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Broschiert, 267 Seiten
Originaltitel:
How to Live Safely in a Science Fictional Universe
ISBN 978-3-86252-022-0
Deutsche Erstausgabe
Aus dem Englischen von Peter Robert

http://www.rowohlt.de

[NEWS] MIKAEL BERGSTRAND – Flucht ins Dunkel

Schwedische Krimispannung bei rororo: „Flucht ins Dunkel“ von Mikael Bergstrand.
Mikael Bergstrand - Flucht ins Dunkel

Schweden, mitten im Wahlkampf: Die junge Journalistin Leyla Abdallah berichtet über die neue Partei «Humanistische Alternative» und ihre extravagante Gründerin Josefin Mjörner. Die Partei setzt sich für Asylbewerber ein und versucht sie vor der Ausweisung zu bewahren. Auch die aus Afghanistan geflohene Familie Faqiri wähnt sich in Malmö in Sicherheit – bis plötzlich Vater Osman verschwindet und wenig später ermordet aufgefunden wird. Leyla recherchiert und stößt auf gefährliche Abgründe: in der Politik, aber auch in der Familie …
(Verlagsinfo)

„Ich habe einen neuen Liebling im Krimigenre: Mikael Bergstrand.“ Smålänningen

Taschenbuch, 464 Seiten

 

Leseprobe als Textlink.

 

[NEWS] PETER HØEG – Die Kinder der Elefantenhüter

„Die Kinder der Elefantenhüter“ von Peter Høeg erscheint bei rororo als Taschenbuch. Peter Høeg - Die Kinder der Elefantenhüter

Auf den ersten Blick sind die Finøs eine ganz normale Familie: Vater ist Pastor, Mutter spielt Orgel, brave Kinder. Doch an einem Karfreitag sind mit einem Mal die Eltern verschwunden, die schon einmal durch zweifelhafte Wundertaten mit der Justiz in Konflikt geraten waren. Also beginnen Peter und seine erstaunliche Schwester Tilte eine großangelegte Suchaktion. Inmitten falscher Heiliger und fanatischer Sinnsucher finden sie ihre eigene Tür zur Freiheit und zum Glück. (Verlagsinfo)

„Die Größe dieses Buches besteht darin, dass Høeg selbst das, was ihm ernst ist, in einen gigantischen Spaß verwandelt, wenn es der Sache dient. Natürlich kann man die irrwitzige, kalauernde, traumgleiche Heldengeschichte eines Jungen in all ihrer Lustigkeit auch als Parabel lesen, als ein Anreden und einen Protest gegen die Einsamkeit, die mit dem Erwachsenwerden und dem Herausgeschmissenwerden aus der heilen Kinderwelt unaufhaltsam einsetzt. Dem einen wie dem anderen kann man sich kaum entziehen.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Er kann das. Eine Geschichte spinnen, dass einem schwindlig wird. Einen Wortteppich weben, auf dem man davonschwebt. Bilder erzeugen, eines opulenter als das andere. Der Däne Peter Høeg ist ein Zaubermeister in der Alchemistenküche der schönen Literatur.“ Neue Zürcher Zeitung

„Voller Witz und Fabulierfreude, mit ausgeprägtem Sinn für Abseitiges und Skurriles, verbindet Høeg Familiendrama und Schelmenroman, Religionskritik und Kriminalroman.“ KulturSPIEGEL

Taschenbuch, 496 Seiten

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

[NEWS] Ruth Berger – Der Seelenarzt

„Der Seelenarzt“ von Ruth Berger erscheint bei rororo als Taschenbuch.

Verbrechen und Wahnsinn in den Straßen Alt-Frankfurts

Im Frühjahr 1853 bekommt Doktor Heinrich Hoffmann, Leiter der Frankfurter städtischen Irrenanstalt, eine neue Patientin. Die jungePauline leidet an einem äußerst merkwürdigen Wahn: Sie erkennt ihren eigenen Körper nicht mehr. Anfangs ahnt Hoffmann nicht, welches verstörende Ereignis die Krankheit ausgelöst hat. Und er weiß auch nicht, dass ihn Umstände aus seiner eigenen Vergangenheit mit der Frau verbinden. Als er die Wahrheit endlich begreift, steht er vor der schwersten Entscheidung seines Lebens. (Verlagsinfo)

„Berger versetzt sich so tief ins historische Stadt- und Gesellschaftsleben, dass sich der Leser unmittelbar in einer anderen Zeit sieht.“ Frankfurter Neue Presse

„Eine fesselnde Geschichte, die geschickt die Biografie von Heinrich Hoffmann mit den Elementen eines Psychothrillers verknüpft …“ Margarete von Schwarzkopf, NDR 1

„Meisterlich erzählt.“ BuchMagazin

Taschenbuch, 464 Seiten

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

Philip Kerr – Die Adlon-Verschwörung

Das geschieht:

Im Deutschland des Jahres 1934 haben die Nationalsozialisten buchstäblich die Macht ergriffen. Seitdem verlieren sie keine Zeit in dem Bemühen, ihre verquasten Ansichten über „Volk“ und „Rasse“ in die Tat umzusetzen. Nachdem die politischen Gegner ausgeschaltet sind, widmen sich die Nazis nun verstärkt der Eliminierung der Juden.

Bernhard Gunther gehört zu denen, die mit den neuen Herren über Kreuz sind. Seine Stellung als Polizist bei der Kriminalpolizei von Berlin hat er verloren. Gunther ist als Hoteldetektiv im vornehmen Hotel Adlon untergetaucht. Dort langweilt sich der fähige Ermittler zwar, doch er ist in einem blinden Winkel des nationalsozialistischen Blickfeldes.

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Lars Arffssen – Verarschung – Die Parodie

Die Handlung:

Ein Killer geht um in Schweden. Er enthauptet Rentiere. Bald findet er offenbar auch ein erstes menschliches Opfer: den einzigen nicht veröffentlichten Krimiautor des Landes. Die Stockholmer Polizei steht unter Erfolgszwang und verhaftet Lizzy Salamander, denn verdächtiger als die schwer tätowierte und irgendwie auch schwer gestörte Hackerbraut kann man ja wohl nicht sein.

Mikael Blomberg mag nicht an Salamanders Schuld glauben. Das flachbrüstige Mädchen, das auf dem Überwachungsvideo mit dem Kopf des erfolglosen Schriftstellers Fußball spielt, sieht ihr allerdings verflucht ähnlich.

Dem Leser stellen sich derweil viele Fragen: Haben Schweden eigentlich immer Sex? Ist „Svenjamin“ ein jüdischer Name? Wie schmeckt Heringlakritz? Und was ist dran an dem explosiven Gerücht, die Möbel dieser großen schwedischen Kette seien von Adolf Hitler persönlich entworfen worden? (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

In einer Zeit, in der seit Jahren schon jeder Autor gehypt wird, der auch nur einen annähernd skandinavisch klingenden Namen hat, wurde es da nicht mal Zeit, dass sich jemand drüber lustig macht? Oder wollte da einer nur auf dieser nie abzuebben scheinenden Erfolgswelle mitschwimmen und mitkassieren? Wahrscheinlich beides.

Wer auch immer hinter Lars Arffssen steckt, er hat sich die beliebten MILLENNIUM-Romane von Stieg Larsson vorgenommen, sie seziert und ist anschließend über jedes kleine Detail der Reihe hergezogen.

Mikael Blomkvist heißt hier Mikael Blomberg (weil er die jüdischen Wurzeln seiner Familie wiederentdeckt hat) und Lisbeth Salander heißt Lizzie Salamander (nennt sich aber auch gern mal Jane Manhater). Dem original Autor der hier parodierten Reihe wird sogar ein Teil der Handlung eingeräumt. Twig Arssen (wie er hier heißt) wurde nämlich ermordet und die Polizei verdächtigt Salamander. Arssen hatte offenbar vorgehabt einen Enthüllungsroman zu veröffentlichen, der beweist, dass die frühen Entwürfe der UKEA-Möbel von Adolf Hitler stammen.

Der ganze Roman liest sich wie ein Drehbuch für einen klassischen Leslie-Nielsen-Film im „Nackte Kanone“-Stil. Jeder Satz versucht den vorherigen an Witzigkeit noch zu toppen und das kann manchmal schon ein wenig nerven. Als Film kann ich mir den Roman gut vorstellen, als Buch ist er streckenweise anstrengend, weil er aufgrund seiner teilweise erzwungenen „ich setz noch einen drauf“-Lustigkeit nicht flüssig zu lesen ist.

Wenn jedes Technik-Gadget nicht mehr nur „Handy“, sondern HTC-HD7-1GHz-Snapdragon-CPU-Smartphone“ heißt, dann ist das einmal lustig .. vielleicht auch noch ein zweites Mal bei einem anderen Gerät oder Auto oder Flugzeug, aber spätestens nach dem fünften Mal liest man die Bezeichnung gar nicht mehr, weils einfach genug ist.

So ist das Buch sicher eine irrwitzige Parodie mit vielen lustigen und schrägen Ideen, die grad den Fan der MILLENNIUM-Reihe lachen lassen, aber manchmal schon ein wenig zu viel des Guten. Auch beim Humor ist weniger manchmal mehr, mehr witzig. Und der eine oder andere Leser wird das Buch auch nicht in einem Zug lesen, sondern aufgrund der humoristischen Druckbetankung nach dem einen oder anderen Kapitel einfach mal eine Pause einlegen. 272 Seiten sind nicht zu wenig für eine gute Parodie (von drei mächtigen „Ziegeln“), wenn sie wie diese fast schon überprall gefüllt ist mit witzigen Ideen.

Die Aufmachung

Das Cover zeigt sehr passend einen stilisierten nackten Po, der, genau wie der Schriftzug mit dem Namen des Autors und dem Titel, exakt den Titelbildern eines fast jeden derzeit erscheinenden Romans eines fast jeden skandinavischen Autors ähnelt. Hier bleibt sogar zu befürchten, dass einige den Roman einfach im Vorbeigehen kaufen werden, weil sie glauben, es wäre ein weiterer skandinavischer Bestseller.

Unfreiwillig lustig ist auch, dass der Leser nach dem Genuss der Parodie auf der letzten Seite im Buch direkt eine Werbung für einen weiteren Roman findet, der von der Schwedischen Krimi-Akademie preisgekrönt wurde … wie gefühlsmäßig wirklich jeder Roman, der in diesem Land erscheint. Hier überlegt der Leser, ob das auch noch zur Parodie gehört oder nicht.

Und bei 272 Seiten frage ich mich auch, warum es für die Übersetzung des Romans ganze drei Übersetzerinnen gebraucht hat. Vielleicht weil die humoristischen Schachtelsätze von einem Menschen allein nicht hätten aufgedröselt werden können.

Der Autor

Vor seiner Karriere als internationaler Bestsellerautor hat Lars Arffssen unter anderem Offizierinnen der kasachischen Frauenmiliz in antipatriarchalischem Abwehrkampf trainiert und als Hairstylist im angesagten Stockholmer Stadtteil Södermalm gearbeitet. Er studierte Altnordisch an der Universität Uppsala und Nichganzsoaltnordisch in Gotland. In seiner Heimat hat Arffssen nicht nur mit einer irrsinnig erfolgreichen Thriller-Trilogie, sondern auch mit Forschungen zum schwedischen Fleischklößchen („En Populär Historia om den Svenska Köttbullen“) einige Prominenz erlangt. Er lebt mit einer sehr emanzipierten Frau und Kindern aus verschiedenen Beziehungen in Gamla Stan. (Verlagsinfo)

Mein Fazit:

Die Kunstfigur Lars Arffssen zieht über jeden und alles her, was dem MILLENNIUM-Fan lieb und heilig ist. Das macht oftmals Spaß, kann aber mitunter anstrengen, weil der Autor wirklich mit jedem Satz versucht, lustig zu sein. Als Filmumsetzung funktioniert die Vorlage sicher prima.

Bei einer Parodie ist der Weg das Ziel, denn hier möchte man sich einfach nur gut unterhalten lassen und nicht wie beim Original schnellstmöglich wissen, wie es ausgeht. Unterhalten kann „Verarschung“ sehr gut und auch die Auflösung des Falles, den es bei aller Parodie tatsächlich auch noch gibt, ist ähnlich intelligent wie der Humor des Romans.

Taschenbuch: 272 Seiten
Originaltitel: The Girl with the Sturgeon Tattoo: A Parody
Aus dem Englischen übersetzt von Karolina Fell, Silke Jellinghaus und Katharina Naumann
ISBN-13: 978-3499258381
www.rowohlt.de

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Daniel Suarez – Daemon. Die Welt ist nur ein Spiel

Seit Jahren beschäftigen sich auch die Medien oberflächlich mit den Gefahren, die durch den allgegenwärtigen Gebrauch der neuen Informations- und Kommunikationstechnologie erwachsen – Betrug, Datenklau, Überwachung, Missbrauch … – die Liste ist lang. Trotzdem dringt dieses Problem nur ungenügend ins öffentliche Bewusstsein, zumal die Konsequenz eine drastische Rücknahme dieses sorglosen Umgangs wäre und für die Betroffenen Arbeit im Sinne von Verstehen und sich schützen lernen bedeutete. Von den meisten Anwendern wird das Problem nicht verstanden und diese technischen Hilfsmittel machen alles so einfach, scheinbar kontrollierbar und schnell – Eigenschaften, die aus Firmen und vor allem der Finanzwelt nicht mehr wegzudenken sind.

Einige Romane beschäftigen sich mit diesem Thema, doch keiner erreicht die eindringliche Tiefe des vorliegenden Buches von Daniel Suarez, der einen DAEMON (ein Computerprogramm, das ständig im Hintergrund abläuft und zu festgelegten Zeitpunkten oder als Reaktion auf bestimmte Ereignisse spezielle Prozesse ausführt. Das Wort ist eine Zusammensetzung aus „Disk And Execution MONitor“) erdenkt, dessen Auswirkungen und scheinbare Unaufhaltsamkeit das verstörendste, weil so realitätsnah erscheinende, Bild der zivilisatorischen Zukunft der letzten Jahre entwirft. Selbst Überwachungsdystopien wie der jüngst erschienene Roman „Little Brother“ von Cory Doctorow sind noch harmlos dagegen.

Mathew Sobol, Genie, Milliardär und Computerspieleentwickler, hinterlässt bei seinem durch Krebs verursachten Tod ein Vermächtnis, das jede vorstellbare Dimension sprengt: Einen DAEMON von unvorstellbarem Umfang, Ausgeklügeltheit und Zielstrebigkeit. Sobols Hintergründe bleiben vorerst verborgen, doch der DAEMON handelt mit mörderischer Effizienz, vernichtet anfangs nur die Mitentwickler, arbeitet an seiner Verbreitung und übernimmt die Kontrolle wichtiger Finanz- und Entwicklungsfirmen, die erst Notiz davon nehmen, als es zu spät ist. Selbst IT-Experten aller Sicherheitsdienste und Verteidigungsinstitutionen können das Programm nicht stoppen, da es dezentral auf kompromittierten Rechnern weltweit verteilt ist.

Es gibt Menschen, die sich gern vom DAEMON gebrauchen lassen, sich ihm anschließen oder deren Lebenssituation und die individuellen Angebote des DAEMON sie zum Anschluss zwingen. Sobald sie eine gewisse Grenze an Einblick überschritten haben, ist die Alternative dazu auch nur noch der Tod, den das Programm in jedem Fall herbeizuführen im Stande ist. Einige dieser Menschen erhalten dadurch Macht und Bedeutung, die ihnen sonst verwehrt blieben.

Und es gibt einen illegalen Einwanderer in den USA, dessen Identität nicht bekannt ist und der deshalb für den DAEMON unsichtbar ist. John Ross ist Computerfreak, kennt Sobols Spiele wie kaum jemand sonst und erkennt als Erster das Wesen der Gefahr, die so plötzlich erwacht ist. Ross ist es, der mit seinem Wissen um die Technik von Sobols Spielen und den daraus ableitbaren Charakterzügen des Genies erste Schritte zur Bekämpfung des Programms geht. Doch auch er weiß nicht, wie weit Sobol mit seinem DAEMON gegangen ist …

Ehrlich gesagt, der Titel „Daemon – Die Welt ist nur ein Spiel“ gibt nicht allzu viel her. Auch der reißerische Klappentext „es beobachtet. Es lernt. Und es tötet.“ wären für mich eher abschreckend als kaufanreizend. Das Cover jedoch und der eigentliche Klappentext, in dem Matthew Sobols post mortale Ansprache erscheint, sind sehr gelungene Indizien für den Charakter des Romans und überzeugten mich, ihn zu versuchen. Ein Erfolg, zu dem ich den Lektor beglückwünsche, denn hinter diesem zwiespältigen Cover verbirgt sich ein Roman der absoluten Empfehlungsklasse.

Wie es verschiedene Schriftsteller schaffen, allgemein verständlich über komplizierte Computer- und Internetgefahren zu erzählen, versetzt mich jedes Mal in tiefe Hochachtung und Faszination vor dem Thema, sei es nun beispielsweise die Spieltheorie (wie in Brian D’Amato, „2012“), die Zeitzonenproblematik (z. B. Cory Doctorow, „Upload“), die beschleunigte Informationstechnikentwicklung (z. B. Charles Stross, „Accelerando“), Überwachungsproblematik durch die Nutzung verschiedener Netzwerke (z. B. Cory Doctorow, „Little Brother“) oder eben im vorliegenden Roman die Online-Spielewelten und deren Auswirkungen auf das „RL“, Real Life, was aber nur unzureichend einen Aufhänger der Geschichte bezeichnet. Bleiben wir bei „Daemon“: Man steht erstmal wie die offiziellen und sogenannten seriösen IT-Spezialisten wie der Ochs vorm Berge, wenn man die Charakteristika von Sobols Gedankengängen vorgelegt bekommt. Erst die Erklärungen von Spielern, von ausgeprägten Spielern, denen man als Nicht-Computerspieler das Spielen als Fulltime-Job anhängen möchte, führen Leser wie Ermittler auf einen zwar oberflächlichen, aber doch faszinierenden Weg der Erkenntnis.

In diesem Zusammenhang sind auch die Ideen des Autors beachtlich, der die Charakteristika von Spielewelten auf das RL zu übertragen versucht und in vielerlei Richtung verknüpfbare Stellen findet, die er über den DAEMON Sobols auch zu einem ausgeklügelten Gespinst verbindet. Die AutoM8 beispielsweise, die Auto|macht|, aus ferngesteuerten und über das GPS vernetzten Autos, womit diese Verknüpfungen beginnen, sind nur ein winziges Steinchen auf dem Weg, der zumindest für die Anhänger und Jünger des Daemon eine völlige Verknüpfung von RL und Spiel bedeutet. Faszinierende technische Entwicklungen ermöglichen die Projektion von individuellen Spieloberflächen auf die Innenseite von Sonnenbrillen, wo mit charakteristischen Symbolen, die über das GPS eindeutig lokalisierbar und steuerbar sind, eine neue Sphäre erschaffen wird, die für Außenseiter nicht erreichbar ist, für die Jünger des Daemon aber Handlungspotential in ihrer ureigenen Sprache, der Sprache von Onlinespielen, bietet.

Das Abgefahrene an diesem Roman ist nicht nur die Konsequenz und nahezu perfekte Programmierung, mit der Sobol seine Ideen über sein Leben hinaus trägt und erst nach seinem Tod zu verwirklichen sucht, sondern auch und vor allem der Gedanke, der sich dem Leser aufdrängt: Es ist so naheliegend! Wenn auch hoffentlich niemand die Mittel und das Genie Sobols besitzt, um diese zerrüttenden Ideen in dieser Perfektion umsetzen zu können, so besteht doch auf längere Sicht durchaus die Möglichkeit einer Entwicklung in diese Richtung, wo Programme das Handeln der Menschen noch stärker bestimmen, ja, nicht nur Firmenschicksale, sondern persönliches Leben von Entscheidungen logischer Programme abhängen, wo sich vielleicht eine übergeordnete Sphäre entwickelt, die alles und jeden kontrollierbar machen. Letzteres ist überdies ein Ansatz, der ohne Weiteres auch jetzt schon vorstellbar ist und man kann nicht sagen, wie weit Informationsdienste mit dieser Technik beschäftigt sind.

So entwirft Daniel Suarez also neben einem ausnehmend spannend, faszinierend und wunderbar unterhaltend geschriebenen Roman eine Zukunft, in der wir wirklich nicht leben wollen, deren Entstehen aber nicht absurd, sondern sogar bestürzend naheliegend ist. Dieser Roman hat das Zeug zum Highlight des Jahres, auch wenn er sicherlich einige starke Gegner hat mit großen Namen wie Charles Stross oder Iain Banks, Cory Doctorow oder auch Andreas Eschbach, die sich alle in diesem Jahr ein Stelldichein mit ähnlich ambitionierten Neuerscheinungen geben.

Taschenbuch: 640 Seiten
Originaltitel: Daemon
Deutsch von Cornelia Holfelder-von der Tann
ISBN-13: 978-3499252457

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)


 

Raymond Khoury – Scriptum

Es ist auffällig, wie viele Romane erschienen sind, die im ähnlichen oftmals sogar gleichen Genre wie Dan Browns Erfolgstitel (Sakrileg/Illuminati) spielen und an dessen Erfolgen teilhaben wollen. Fast jeder Verlag versucht ein Stückchen dieses Marktes für sich zu behaupten. Und in jedem Roman spielen der Vatikan, Geheimbünde und Verschwörungen eine Rolle. Hier werden Tatsachen, Theorien der Bibelgeschichte und überhaupt der Geschichte, Magie und Aberglaube miteinander vermischt, es entsteht ein Hang zum Okkulten, ein Drängen danach, die einzige Wahrheit zu finden oder zumindest etwas Licht in die Schattenwelten uralter Geheimnisse zu bringen.

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