Maj Sjöwall & Per Wahlöö – Die Tote im Götakanal (Kommissar Beck 1)

Tödliche Bestrafung für weibliche Erotik

Warum musste Roseanna McGraw sterben? Diese Frage treibt Kommissar Martin Beck in Stockholm und seinen Amtskollegen Ahlberg in Göteborg um. Die amerikanische Touristin verbrachte nur drei Tage auf ihrer Dampferfahrt von Stockholm nach Göteborg, die entlang zweier großer Seen und des Götakanals führte. Doch am vierten Tag, am 8. Juli, wird sie von einem Bagger aus dem schlammigen Untergrund vor einer der zahlreichen Schleusen gefischt. Ihr Schicksal lässt Beck keine Ruhe. Wenn schon Ausländer nicht in Frieden nach Schweden kommen können, wer ist dann noch seines Lebens sicher?

Dies ist der erste Band der verfilmten Serie um den schwedischen Kommissar Martin Beck.…

Die Autoren

Maj Sjöwall und Per Wahlöö begründeten das heute so erfolgreiche Genre des Schwedenkrimis, als sie in den sechziger und siebziger Jahren ihren Kommissar Martin Beck in sozialen Problemzonen und in der hohen Politik ermitteln ließen. Alle diese Romane wurden erfolgreich verfilmt.

Per Wahlöö

Per Wahlöö, 1926 in Schweden geboren, machte nach dem Studium der Geschichte als Journalist Karriere. Seit 1946 arbeitete er als Polizeireporter. In den Fünfzigerjahren ging er nach Spanien, wurde 1956 vom Franco-Regime ausgewiesen und ließ sich nach längeren reisen, die ihn um die halbe Welt führten, in Schweden nieder und begann Bücher zu schreiben. Zusammen mit seiner Frau, Maj Sjöwall, schrieb er einen Zyklus von zehn Kriminalromanen, die zu Welterfolgen wurden. Er ist 1975 gestorben.

Maj Sjöwall

Maj Sjöwall, 1935 in Schweden geboren, studierte Journalistik und Grafik-Design. Sie und ihr späterer Ehemann Wahlöö lernten sich kennen, als sie gemeinsam für dieselben Magazine arbeiteten. Sie heirateten 1962 und arbeiteten an ihren Kriminalromanen, nachdem sie ihre beiden Kinder zu Bett gebracht hatten. Nach dem Tod ihres Mannes schrieb sie selbst keine Kriminalromane mehr, übersetzte jedoch Kriminalliteratur ins Schwedische.

Alle Kriminalromane sind in Taschenbuchformat im Rowohlt Verlag erhältlich. Wahlöö hat noch eine ganze Reihe weiterer Romane geschrieben, die zwischen Krimi und Thriller angesiedelt sind, so etwa „Mord im 31. Stock“ und „Libertad“.

Handlung

Die nackte Leiche der jungen Frau wird am 8. Juli 1964 gegen 15 Uhr aus dem Schlamm vor einer Schleuse des Götakanals gefischt. Der Kanal führt von Stockholm nach Göteborg und umgekehrt, quer über zwei große Seen, entlang einiger Kanäle und durch Dutzende von Schleusen. Die Leute von Schwimmbagger legen die Leiche einfach auf den Kai, wo jeder ihre entblößte Schönheit bewundern kann, auch Kinder. Nach Stunden kommen Rettungswagen und Polizisten, die die Leiche zur Untersuchung bringen. Die Obduktion schließt auf eine brutale Vergewaltigung, begleitet von Erstickungstod.

Kommissar Ahlberg wird in Motala, dem nächsten Städtchen an der Dampferstrecke, mit der Ermittlung betraut. Er wendet sich nach einer Weile der ergebnislosen Identifikationsversuche an die Reichskripo, wo sein Gegenüber Martin Beck ist. Vermittelt wird der Kontakt durch den Landsfogd, was wohl einem Bezirksstaatsanwalt entspricht. Er taucht jedenfalls immer wieder in diesem Fall auf. Woche um Woche vergeht und es ergibt sich nichts. Wurde die junge Frau denn nicht vermisst, wundert sich Martin Beck.

Identität

Endlich eine Anfrage von der amerikanischen Botschaft: Eine Roseanna McGraw aus Lincoln, Nebraska, werde vermisst. Ein Inspektor Elmer Kafka lässt anfragen usw. Das durchgestellte Telefonat ist von schlechter Akustik, schlechtem Englisch seitens Becks und einem Missverständnis geprägt: Kafka glaubt, Beck habe den Mörder erschossen, und jubelt, etwas voreilig. Immerhin schickt Kafka die Akte über die Tote. So erfährt man wenigstens, wann und warum sie ihre Auslandsreise antrat, wo sie logierte und wann sie den Dampfer „Diana“ bestieg, der sie nach Göteborg bringen sollte, wo sie nie ankam. Sie hatte mit einem Freund Schluss gemacht, als der ihr gestanden hatte, dass er sie liebte.

Aber wie sah sie eigentlich im wirklichen Leben aus, fragt sich Beck. Während das schwedische Wetter immer herbstlicher, schlechter und ungastlicher wird, versetzt er sich immer wieder in den sonnigen Sommer 1964. Sie war allein, trug luftige Frauenkleider, logierte in einer winzigen Einzelkabine Richtung Heck, wie er inzwischen nach der Inspektion der „Diana“ weiß. Man fand Blutspritzer. Sie machte vielleicht Fotos, wie wahrscheinlich alle der über 80 Touristen auf dem 30-Meter-Schiff, die aus aller Herren Länder stammten. Keine ihrer Habseligkeiten ist jedoch gefunden worden.

Blickwinkel

Da kommt Beck die Idee, dass ja alle anderen wohl Aufnahmen gemacht haben müssen, denn wozu macht man schließlich eine Vergnügungsfahrt? Um etwas zu sehen und es im Bild festzuhalten! Es dauert eine Weile, bis er, Ahlberg, Kollberg und alle anderen in der Kommission an die tausend Fotos gesammelt haben. Auf erstaunlichen wenigen davon ist Roseanna zu sehen. Erst bei einem pensionierten schwedischen Oberst wird Beck fündig: Roseanna hatte eine üppige Oberweite – „Der Ausschnitt hatte es in sich“, flüstert der betagte Oberst andächtig.

Das fand wahrscheinlich auch Roseannas Mörder. Doch woher kam er? Mehrere Gespräche mit der Besatzung der „Diana“ ergeben: Er kann ein Decksgast gewesen sein, der einfach an einer der zahlreichen Schleusen zugestiegen sein könnte. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied: Solche Decksgäste durften nicht an den regulären, mitbezahlten Mahlzeiten nehmen, sondern waren erst später dran. Vielleicht erinnern sich ja deshalb die Kellnerinnen daran, fragt sich Beck.

Goldgrube

Doch bevor er diese Damen befragen kann, schickt ihm Elmer Kafka aus Lincoln, Nebraska, eine ganze Filmrolle, die aus Klamath Falls, Oregon, stammt: Dieser Urlauberfilm entpuppt sich als eine wahre Goldgrube. Erstmals erhaschen die Ermittler einen Blick auf eine echte, lebende Roseanna. Zwar wird sie immer wieder durch eine ältere Dame mit lila Lippen verdeckt, aber da steht unverkennbar ein lang aufgeschossener Kerl in Sakko und Sportmütze neben Roseanna – und sie lacht ihn an. Beck ist berührt: Roseanna war glücklich, als sie sich noch zehn Stunden von ihrem Ende entfernt befand.

Angst

Es gab in dieser Saison zwei Kellnerinnen an Bord der „Diana“. Die erste kann sich kaum an etwas Besonderes auf jener Fahrt im Sommer 1964 erinnern, aber die zweite reagiert merkwürdig, als ihr Beck das Foto von Roseannas Begleiter zeigt: Ihre Augen weiten sich für eine Zehntelsekunde vor Schreck, dann leugnet sie strikt und immer wieder, dass sie diesen Mann nie gesehen habe. Als Beck einen Tag später anruft, ist sie spurlos verschwunden. Ihre Wohnungsgenossin erzählt, sie sei Hals über Kopf abgereist. Jetzt ahnt Beck, was in den Augen der Kellnerin geschrieben stand: Todesangst.

Die Kommission lässt die besten Fotos von Roseanna und ihrem mysteriösen Begleiter vergrößern, drucken und an alle Polizeidienststellen im Land verteilen. Schon wenige Tage kommt Beck Kommissar Zufall zu Hilfe: Ein Streifenpolizist entdeckt den Gesuchten bei einer Spedition in Stockholm. Jetzt hat Beck aber ein Problem: Er hat keinerlei Beweise, um den Mann in Sakko und Sportmütze belasten zu können. Er muss ihm eine Falle stellen. Aber wer soll der passende Köder sein?

Mein Eindruck

Dieser erste Beck-Krimi bricht mit der angelsächsischen Krimitradition, in der ein nahezu allwissender, selbstsicherer und häufig adeliger Ermittler den Fall löst, bevor er ihn gnädig der Polizei überlässt. Hier gibt es keinen Allwissenden, der alles erklärt und seinen Chronisten darüber schreiben lässt. Die Kriminalermittler wissen rein gar nichts, außer gewissen Methoden. Sie haben nicht einmal Datenbanken, von Mobiltelefonen ganz zu schweigen.

Dies ist ein typischer Fall der Prozedural-Kategorie: Das Vorgehen (Procedere) der Ermittler wird nahezu haarklein beschrieben. Der Reportagestil ist tonangebend und lässt Emotionen kaum noch Raum. Diese kommen erst in indirekten Erzählungen als Aussagen zur Geltung. Der trockene, nahezu technische Stil hat aber auch seine eigene Ironie, so etwa bei der Schilderung der Begegnung mit dem alten Obersten und seiner ebenso schwerhörigen Frau.

Diese Sachlichkeit ist aber auch gute Tarnung bzw. Vorwand, um eine Tragödie zu erzählen: die Tragödie der Roseanna McGraw. Sie wollte Sex, und das machte sie „unrein“. Sie war „schamlos“ in ihrer erotischen Attraktivität – dafür musste sie „bestraft“ werden. Die Ironie dabei: Genauso ergeht es der Polizistin, die nun als Köder dienen soll, um den Mörder zu fangen.

Auf ebenso raffinierte wie spannende Weise erzählt der Roman, wie erst eine Generalprobe durchgeführt. Fast alles klappt wie am Schnürchen. Dann vergehen Wochen, in denen der Jäger um seine vermeintliche Beute herumschleicht und dabei auf Schritt und Tritt beschattet – kein leichtes Unterfangen im Trubel der Weihnachts-Shopper, die die Straßen und Geschäfte verstopfen. Martin Beck kennt keine Gnade: Ihm wird klar, dass der Fisch erst anbeißt, bis er noch einmal stark herausgefordert wird. Dann muss auf einmal alles sehr schnell gehen.

Der Erfolg steht auf Messers Schneide, als es um Leben und Tod der Polizistin geht. Und dann droht der Täter auch noch zu entkommen. Eins steht für mich fest: Diese Stubenhocker würde heute keine Wache mehr einstellen, allenfalls als Reinigungskraft, wo sie eine ruhige Kugel schieben können. Nach hundert Metern Sprint machen die Kettenraucher keuchend schlapp, an Schießübungen verschwenden sie keinen Gedanken (sie sind alle unbewaffnet), Datenbanken sind ein Fremdwort, an Urlaub verschwenden sie keinen Gedanken, und wehe, wenn die Ehefrau daheim mal aufmuckt – dann gibt’s ein geschnauztes Donnerwetter.

Unterm Strich

Ich fand es schwierig, bei der Sache zu bleiben. Martin Becks Ermittlung kommt monatelang kaum voran. Das liegt natürlich in der Absicht der Autoren: Im Leser baut sich eine Frustration auf, die sich auch in Angespanntheit äußern kann. Jeder Durchbruch löst im Leser Jubel und Erleichterung aus. Das Finale, das nach genau drei Viertel einsetzt, als der Verdächtige vernommen wird, wird extrem sorgfältig vorbereitet – und in den entscheidenden Minuten auch noch durch einen Unfall hinausgezögert.

Das Thema des Falls ist die heuchlerische Haltung der schwedischen Gesellschaft zur Erotik. Liberal ist man, wenn es um den Verkauf kommerzieller Pornografie geht, aber wehe, diese Erotik wird ausgelebt, etwa von Ausländerinnen wie Roseanna. Dann schlägt gleich der bürgerlich-protestantische Schuldkomplex zu und erklärt solches Treiben für „unrein“, „schamlos“ und „sündig“. Solche Laszivität muss „bestraft“ werden, was genau das Gegenteil von Liberalität beinhaltet. Die Autoren haben offenbar nicht nur ihren Marx und Engels, sondern auch Freud und Jung gelesen.

Inzwischen erscheint ihr Ansatz aber nicht ganz belanglos: Während sich über das Internet eine Pornografisierung der Gesellschaft vollzieht, werden die bestehenden Werte immer konservativer und rigider durchgesetzt. Eine mögliche Erklärung: Die Gesetzesmacher sind Angehörige der alten Generation über 55 Jahre sowie NeoCons, die Opfer der Pornografisierung sind jedoch die jungen und jüngsten Generationen. Die Spannung zwischen diesen beiden Lagern kann sich entladen, sobald die Liberalität entfernt oder unterdrückt wird, etwa in islamisierten Ländern. Dann dürften sich die Opfer der „Bestrafungen“ häufen, etwa in Folterkammern und KZs. Es hilft nichts, vor dieser Entwicklung und ihren Begleiterscheinungen die Augen zu verschließen. Man macht sich durch unterlassene Hilfeleistung nur mitschuldig.

Taschenbuch: 202 Seiten
Info: Roseanna, 1965; aus dem Schwedischen von Johannes Carstensen
Überarbeitet und ergänzt von Eckehard Schultz
www.rowohlt.de

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