Tony Hillerman – Wolf ohne Fährte (Navajo Police 1)

Spannend und actionreich: Kampf mit dem Werwolf

„Bergen, ein Navajo mit einem geschwollenen Bein, hat sich hier heraufgeschleppt. Schlangenbiss. Ich bringe ihn nach Teec Nos Pas. Bin morgen Vormittag wieder zurück. John.“ Wieso „John“? Bergen McKee starrt ratlos auf den Zettel. Canfield heißt mit Vornamen Jeremy, nicht John. Die Anthropologen Bergen McKee und Jeremy Canfield arbeiten seit Tagen in der Navajo-Reservation. Canfield interessiert sich für Felsengräber, McKee will den Gerüchten nachgehen, denen zufolge hier in letzter Zeit ein „Werwolf“ sein Unwesen treibt.

Und nun ist Canfield in McKees Abwesenheit aus dem Lager verschwunden und hat nur diese mysteriöse Nachricht hinterlassen… McKee wird sehr nachdenklich. Er ist beunruhigt, obwohl es keinen greifbaren Anlass gibt. Er schläft nicht in seinem Zelt in dieser Nacht; er schlägt sein Lager in einiger Entfernung im Freien auf. Nach langem Grübeln schläft er ein.

Ein Geräusch lässt ihn hochfahren. Was war das? Ein Stein, der sich hoch über ihm in der Steilwand des Canons gelöst hat, poltert zu Tal. Was hat den Stein gelöst? Erosion? Ein Tier? Der Schritt eines Menschen? Dann sieht er die Gestalt. Undeutlich erkennt er im Mondlicht einen Menschen… einen Mann. Er ist sehr groß. Und er hat einen Wolfskopf.“ (Verlagsinfo)

Der Autor

Tony Hillerman (27.5.1925 bis 26.10.2008) wuchs auf einer Farm in Oklahoma (dem früheren Indian Territory) auf und besuchte ein Internat für Indianer. „Ich war ein Ein-Mann-Minderheiten-Problem und weiß seitdem, was es heißt, wie es den Angehörigen einer rassischen Minderheit zumute ist.“ Er war Rundfunkreporter und Professor an der Uni New Mexico sowie Präsident des Autorenverbands „Mystery Writers of America“. Er erhielt u.a. den Edgar Allan Poe Award. Bis zu seinem Tod lebte er lange Jahre als freier Autor in Albuquerque, New Mexico. Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Krimis um die Stammespolizei der Navajos. Sie wurden regelmäßig verfilmt. Er starb im Oktober 2008 im Alter von 83 Jahren.

Kriminalromane bei den Diné

The Blessing Way, 1970 (Wolf ohne Fährte, 1972) – ISBN 3-499-43022-3 (1993) – ISBN 3-499-23041-0 (2001)
Dance Hall of the Dead, 1973 (Schüsse aus der Steinzeit, 1976) – ISBN 3-499-42810-5 – ISBN 3-442-0599-09 (2001)
Listening Woman, 1978 (Das Labyrinth der Geister, 1989) – ISBN 3-499-42857-1 – ISBN 3-499-23898-5 (2005)
People of Darkness, 1980 (Tod der Maulwürfe, 1982) – ISBN 3-499-42853-9 – ISBN 3-499-43269-2 (1997)
The Dark Wind, 1982 (Karo Drei, 1984, unter dem Titel Der Wind des Bösen, 1989) – ISBN 3-499-42849-0
The Ghostway, 1984 (Das Tabu der Totengeister, 1987) – ISBN 3-499-42807-5 – ISBN 3-499-43371-0 (2000)
Skinwalkers, 1986 (Die Nacht der Skinwalkers, 1988) – ISBN 3-499-42846-6 – ISBN 3-499-43270-6 (2002)
A Thief of Time, 1988 (Wer die Vergangenheit stiehlt, 1990) – ISBN 3-499-23048-8
Talking God, 1989 (Die sprechende Maske, 1990) – ISBN 3-453-05649-3 – ISBN 3-499-22869-6 (2001)
Coyote Waits, 1990 (Der Koyote wartet, 2000) – ISBN 3-499-43377-X
Sacred Clowns, 1993 (Geistertänzer, 1995) – ISBN 3-442-43036-4
The Fallen Man, 1996 (Tod am heiligen Berg, 1998) – ISBN 3-499-23111-5
The First Eagle, 1998 (Die Spur des Adlers, 2000) – ISBN 3-499-43364-8
Hunting Badger, 1999 (Dachsjagd, 2001) – ISBN 3-499-23332-0
The Wailing Wind, 2002 (Das goldene Kalb, 2003) – ISBN 3-499-23355-X
The Sinister Pig, 2003 (Dunkle Kanäle, 2004) – ISBN 3-499-23688-5
Skeleton Man, 2004 (Der Skelett-Mann, 2006) – ISBN 3-499-24118-8
The Shape Shifter, 2006 – ISBN 978-0060563479

Im Jahre 2013 veröffentlichte Tony Hillermans Tochter Anne mit „Spider Woman’s Daughter“ (ISBN 0062270486) eine Fortsetzung der Kriminalromanserie mit Bernadette Manuelito als Protagonistin. im Jahre 2015 folgte mit „Rock with Wings: A Leaphorn, Chee & Manuelito Novel“ (ISBN 978-0062270511) eine weitere Fortsetzung der Kriminalromanserie aus der Feder von Anne Hillerman. (Wikipedia.de)

Handlung

Das Navajo-Reservat umfasst mehrere tausend Quadratkilometer. In den Canyons und Tälern kann sich ein flüchtiger Indianer wie Luis Horseman gut verstecken. Luis ist erst 23 Jahre alt, hat aber kürzlich in Gallup einen Mexikaner erstochen. Er weiß nicht, dass die Stichwunde nicht tödlich war, versteckt sich deshalb vor der Reservatspolizei im Anasazi-Land. Auch sonst ist er nicht gerade gesellig, so dass er seiner Sippe nicht Bescheid gibt. Seine größte Furcht gilt allerdings dem Antí, einem bösen Wesen, das einen Wolfskopf trägt und auf zwei Beinen wie ein Mensch geht – ein Werwolf.

Anthropologie-Professor Bergen McKee wird von seinem Kollegen Jeremy Canfield ins Reservat gerufen, um nach einer verschwundenen Frau und ihrem Verlobten zu suchen. Und ganz nebenbei könnte McKee ja dem Aberglauben der Navajo auf den Grund gehen, wonach es Wolfsmenschen gebe, die Seelen jagen. Zu den ersten Anlaufstellen im Reservat gehört für McKee seit jeher der Polizeiposten von Lt. Joe Leaphorn von der Reservatspolizei. Zusammen machen sie sich auf die Suche nach der jungen Frau, hören aber bald von Luis Horseman, der ebenfalls verschwunden ist.

Seltsame Leiche

Sie finden die Leiche des jungen Mannes direkt einem Trampelpfad. Es ist für Leaphorn schnell klar, dass Horseman nicht hier getötet wurde, sondern absichtlich an der vielbesuchten Stelle abgelegt wurde – von seinem Mörder? Der Leichenbeschauer berichtet von einer ungewöhnlichen Todesursache: Ersticken. Menschen ertrinken oder erfrieren im Reservat, werden erwürgt oder erdrosselt – aber Ersticken? In der Kehle des Opfers findet sich schwarze Leichenasche – eine Zutat bei einem Angriff durch böse Geistwesen.

Bergen McKee weiß nicht, ob er noch darüber lachen kann. Und als er zu seinem kleinen Stützpunkt zurückkehrt, ist Canfield verschwunden. Auf dem Abschiedsbrief steht sein Name falsch geschrieben: Hier nennt er sich „John“ statt „korrekt „Jeremy“. McKee beginnt, sich Sorgen zu machen. Als er im Many-Ruins-Canyon auf eine Hürde voll gerissener Schafe stößt, aber keinen Hirten findet, bildet sich in seinem alten Magen ein Klumpen, der immer schwerer wird.

Die Einheimischen haben bereits auf die Bedrohung durch den Mörder von Luis Horseman reagiert. Ein Fremder geht im Reservat um und hat das Aussehen eines Antí, eines Wolfsmenschen. Wieder ist mit Luis Horsemans Bruder Billy Nez ein junger Mann verschwunden, und Charlie Tsosie, der ebenfalls Horseman kannte, praktiziert unter Anleitung des Schamanen Sandoval einen Abwehrzauber.

Unter den Augen einer Menschenmenge führt Charlie mit seiner Sippe den Feindzauber in einem Hogan, einer Rundhütte, aus. Die Begleiterscheinungen sind alles andere als angenehmen, so etwa das rituelle Erbrechen. Joe Leaphorn informiert den Hataali Sandoval, dass dies vielleicht nicht das angemessene Ritual sei, um den Antí fernzuhalten. Damit sammelt er nicht gerade Pluspunkte. Doch dann stößt er unverhofft auf Billy Nez…

Nächtliche Begegnung

McKee hat sich nach dem aufregenden Tag mit den toten Schafen kaum zur Ruhe gelegt, als ein Geräusch ihn aufschrecken lässt. Er verlässt sein Zelt und sieht sich in den Nachtschatten um, die den Many-Ruins-Canyon erfüllen. Nur der Mond, der beinahe voll ist, bescheint die Hänge. Da ist doch etwas, denkt er. Doch nur die Schreie des Ziegenmelkers und der Eulen erfüllen die stille Luft. Vorsichtig bewegt sich McKee die Canyonwand hoch, bis er zu einem schattenerfüllten Überhang gelangt. Er packt einen Stein mit seiner Faust und wartet.

Aus den Schatten löst sich eine Gestalt, die auf zwei Beinen geht, auf ein Wolfsfell mit Wolfskopf trägt. Die Gestalt sieht sich um und schreitet dann zielbewusst zu McKees Zelt. In ihrer Faust kann McKee eine Pistole erkennen, in der ein Magazin steckt – eine Maschinenpistole, teuer, selten und tödlich. Der Mann durchsucht das leere Zelt und das Auto, dann ruft er nach McKee. McKee schwört sich, keinen Mucks von sich zu geben…

Mein Eindruck

Aus scheinbar zusammenhanglosen Puzzlestücken – Beobachtungen, Ereignissen, Botschaften – setzt sich nur langsam ein Bild zusammen. Erst ab etwa zwei Dritteln des Romans erhält Joe Leaphorn einen Überblick, aufgrund dessen er sich eine gültige Theorie zurechtlegen kann, die mehr als zwei Sekunden Bestand hat. Doch dann kommt alles ganz anders. Bei Bergen McKee sieht es nicht besser aus. Doch bei ihm kommt es bereits nach dem zweiten Drittel zur kritischen Begegnung mit seinem Widersacher: dem Werwolf-Mann. Zu allem Überfluss platzt in diese Begegnung auch noch eine junge Frau hinein: die vermisste Ellen Leon.

Spannung und Action

Das letzte Drittel des Romans ist ein reines Vergnügen, wenn man auf Spannung, Action und den Sieg des Guten Wert legt. McKee hat es mit gleich zwei Gegnern zu tun, die beide bewaffnet sind – und irgendwo noch einen Komplizen haben müssen. Ellen Leon erweist nicht als große Hilfe, sondern trägt zu McKees Entdeckung bei. Sie hat Angst vor dem großen, alten Mann, der nach einem Sturz Schrammen im gesicht und zerfetzte Klamotten trägt – eine nicht gerade vertrauenerweckende Erscheinung.

Lange Zeit fragt sich der Leser zusammen mit den beiden Hauptfiguren, was die Gauner eigentlich hier draußen in den Canyons und Pueblos der im Mittelalter verschwundenen Anasazi zu suchen haben. Wie sich herausstellt, liegt diese Gegend direkt auf der Fluglinie von Raketen, die von Utah nach White Plains, New Mexico fliegen. Na und, könnte man fragen. Aber die Schurken müssen sich im Auftrag der Mafia etwas ausgedacht haben, das ihnen viel Geld einbringen soll. Um den Finderlohn für eine der verschwundenen Raketen geht es ihnen jedenfalls nicht.

Die Dineh

Der wichtigste Aspekt, der diesen und alle anderen Navajo-Krimis so einzigartig macht, sind selbstredend die Navajos. Sie selbst nennen sich Dineh, also Das Volk. Zusammen mit den Hopi und Pueblo bewohnen eine ausgedehnte Reservation und pflegen die Ausübung ihrer komplexen Religion und Mythologie. Auf dieser Grundlage fußen die Glaubensgrundsätze, Bräuche und Rituale, nach denen gläubige Navajo leben. Sichtbar wird dieses Brauchtum von der jungen Generation eines Luis Horseman missachtet oder zumindest vergessen.

Feindzauber

Deshalb Leaphorns Beobachtung und Hillermans Schilderung eines mehrtägigen und öffentlichen Rituals des Feindzaubers von großer Bedeutung. Dies ist der Kern der Navajo-Kultur. Nun dringen fremde Navajo ins Land ein, um Verbrechen zu begehen. (In späteren Romanen auch vielfach Weiße.) Ihr Anführer, der gutes Englisch und schlechtes Navajo spricht, gehört der Generation der Verlorenen an. Sie wurden vom staatlichen Indianerbüro in Los Angeles angesiedelt, als ob dies ihnen irgendetwas nützen könnte – die Entwurzelten wurden Alkoholiker, Arbeitslose, Kriminelle.

Die Zwangsumsiedelung ist nur eine vielen Schurkereien, die das Indianerbüro beging. Eine andere war der Todesmarsch in das Wüsten-KZ von Bosque Redondo (siehe dazu den Wikipedia-Artikel über die Navajo). Der Aufenthalt dort kostete mehr als tausend Dineh das Leben. Die Geschehnisse werden im „American Museum of the American Indian“ zu Washington, D.C. eingehend und weitgehend korrekt dargestellt. Das habe ich kürzlich selbst feststellen können.

Sex und Humor

Erotik konnte ich keine feststellen, und der Humor, den ich feststellte, ist entweder sehr trocken und steht zwischen den Zeilen oder kommt aus dem Mund eines weiblichen Teenagers. Hillerman hatte sechs Kinder und war für Frivolitäten in keinster Weise zu haben, besaß aber einen großartigen Sinn für Humor.

Die Übersetzung

Die Übersetzung wurde 1972 angefertigt, also vor 45 Jahren. Dementsprechend antiquiert ist der Sprachstil. Aber Gisela Stege, die später viel für Heyne übersetzte, machte ihre Sache akzeptabel gut und drückt sich sehr präzise aus, ohne ungeschickt zu wirken. Der Autor ist sehr genau und detailliert in seinen Beschreibungen von Landschaft, Fauna und Flora – eine Herausforderung für jeden Übersetzer.

S. 78: „das gefällige Todesurteil“. Gemeint ist wohl das „gefällte Todesurteil“.

S. 152: „Es wird bestimmt all[e]s gut.“ Das E fehlt.

S. 155: „Die Erbauer hatte[n] Löcher… gebohrt…“ Das N fehlt.

Unterm Strich

Wenn man sich, wie ich, für Indianer und/oder den malerischen Südwesten der Vereinigten Staaten interessiert, wird man mit Hillermans Krimis über die Navajo Police bestens mit informativer Spannungslektüre versorgt. Man lernt viel über die eigenständige Kultur und Religion der Navajo, Hopi und Pueblo. Die detaillierten Beschreibungen von Landschaft, Flora und Fauna der Region sind derart realistisch, dass dem Leser sofort klar ist, wie außergewöhnlich das Auftauchen eines angeblichen Werwolfs sich hier ausnimmt. Dabei ist die Religion der Dineh reich an Geschichten über Hexer, Gestaltwandler und sogar mythische Drachentöter.

Die Handlung führt den Leser über zwei Stränge ins Herz der Finsternis. Es befindet sich im Many Ruins Canyon, der seinen Namen von den Ruinen der Pueblos der verschwundenen Anasazi ableitet. Rätselhafte Beobachtungen sowie Leichenfunde bereitet den Leser langsam auf das Unheil vor, das kommen wird. Mehrere Begegnungen schürzen den Knoten des Konflikts, der im letzten Drittel des Romans zu einem langen Kampf ums Überleben wird. Erstaunlicherweise wird dieser Kampf nicht vom Polizisten Leaphorn, sondern von dem alten Volkskundler McKee bestritten, dem ich diese Anstrengung nicht zugetraut hätte – und schon gar nicht seinen Sieg bzw. sein Überleben. Mehr darf hier nicht verraten werden. Ich musste die Seiten so schnell wie möglich umschlagen, um ans Ende zu gelangen. Das war mit dem alten, zerfledderten Exemplar, das ich auf einer Tauschbörse gefunden hatte, gar nicht so einfach.

Taschenbuch‘: 185 Seiten
Info: The Blessing Way, 1970
Aus dem US-Englischen von Gisela Stege
www.rowohlt.de

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)