Snicket, Lemony – Haus der Schlangen, Das (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 2)

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Kinder.

_Der Autor_

Verlagsinfo: |“Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L. S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Wer will, kann L. S. im Internet unter www.lemonysnicket.de besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“|

Soweit der Text im Buch. Nicht sonderlich aufschlussreich. Auch der Webseitentext bringt nicht (viel) mehr: |“Obwohl hauptsächlich in rhetorischer Analyse ausgebildet, hat er in der Vergangenheit mehrere Perioden damit zugebracht, Nachforschungen über die Mühen und Qualen der Baudelaire-Waisen anzustellen. Dieses Projekt, das in einer Reihe von Bänden im Manhattan-Verlag veröffentlicht wird, führt ihn an die Schauplätze zahlreicher Verbrechen – und zwar häufig außerhalb der Reisesaison. Mr. Snicket wird immerzu verfolgt und ist unersättlich neugierig, ein Einsiedler und Nomade; trotzdem wünscht er Ihnen nur das Allerbeste.

Da Mr. Snicket sich von einem weltweiten Netz von Verschwörungen eingekreist sieht, verkehrt er mit der Öffentlichkeit meist durch seinen Vertreter Daniel Handler. Mr. Handler hat bislang ein relativ ereignisloses Leben geführt; er ist Autor zweier Bücher für Erwachsene mit den Titeln ‚The Basic Eight‘ und ‚Watch Your Mouth‘, von denen keines auch nur annähernd so schrecklich ist wie die von Mr. Snicket.“|

_Der Film_

Aber der Besuch der Webseite www.lemonysnicket.de macht einiges klar: Anfang nächsten Jahres kommt die Verfilmung der ersten drei Bände auch in unsere Kinos. Mit von der Partie sind Jim Carrey, Merryl Streep und Jude Law! Es gibt Fotos und einen Filmtrailer. Wie äußerst betrüblich. Noch weitaus schrecklicher ist die Tatsache, dass es auch schon Games zu Lemony Snickets grässlichen Büchern gibt. Links dazu gibt’s auf der Webseite.

_Der Zyklus „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“:_

1) [Der schreckliche Anfang]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=544
2) Das Haus der Schlangen (vorher als: Der Reptiliensaal)
3) Der Seufzersee (vorher als: Das zerbrochene Fenster)
4) Die unheimliche Mühle

(Bei |Beltz & Gelberg| erschienen und nach Angaben von |Random House| wegen Übertragung der Rechte bis auf Restexemplare vergriffen:)

5) Der grausige Jahrmarkt
6) Schauriger Schlamassel
7) Das Dorf der schwarzen Vögel
8) Das teuflische Hospital
9) Das Internat des Schreckens
10) Der finstere Fahrstuhl
11-13) ?!

_Der Illustrator_

Brett Helquist wurde in Ganado, Arizona, geboren, wuchs in Orem, Utah [dem Mormonenstaat], auf und lebt heute New York City zusammen mit seiner Frau Mary Jane Callister. Er studierte Kunst an der |Brigham Young University| [in Utah] und arbeitet seither als Illustrator für die |New York Times| und |TIME for Kids|, für den Verlag |HarperCollins| sowie für |Farrar Straus and Giroux|. Seine jüngsten Veröffentlichungen sind in den ersten fünf Büchern von Lemony Snicket zu finden. (Die Einfügungen in eckigen Klammern stammen von mir.)

_Handlung_

Vorgeschichte

Zunächst führten die drei Baudelaire-Kinder eine sorgenfreie Existenz. Sie verbringen den Schicksalstag am Strand und freuen sich des Lebens, jedes nach seinen Vorlieben. Violet, mit 14 Jahren die Älteste von ihnen, denkt an eine neue Erfindung, denn sie hat die Fähigkeiten eines Ingenieurs. Klaus, mit zwölf der Zweitälteste, ist ein Bücherwurm und Wissenssammler – ein wandelndes Lexikon, aber nicht unfehlbar oder gar allwissend. Und schließlich wäre da noch die kleine Sunny, die noch ein Kleinkind ist, in alles hineinbeißt und kaum ein vollständiges Wort zu sagen vermag, geschweige denn ein verständliches. —

Die drei Baudelaire-Waisen landen diesmal, auf Veranlassung ihres Interims-Vormunds Mr. Poe, beim nächsten Verwandten, und das ist Dr. Montgomery. Montgomery Montgomery, um ganz genau zu sein. Er ist zwar ein älterer Herr und schon etwas wunderlich und eigen, aber dennoch ein herzensguter Onkel. Er nimmt sich der drei Waisen gerne an und gibt jedem von ihnen ein eigenes Zimmer – welcher Luxus, denken die Kinder.

Nur Montgomerys Beruf macht ihnen ein wenig Sorgen. Der gute Mann ist Schlangenkundler (Herpetologe) und hat von seinen Forschungsreisen in alle Welt ein ganzes Repitilienhaus voll Schlangen und Kröten mitgebracht. Was Klaus, den Bücherwurm jedoch entzückt, ist die riesige Fachbibliothek, die Onkel Monty sein Eigen nennt. Er wird später noch einen guten Grund haben, sie intensiv zu nutzen.

Denn Onkel Monty bereitet seine nächste Reise vor. Sie soll nach Peru führen, und sofort darf Klaus alles über den Andenstaat lesen und Violet die Reiseroute planen, während Monty die nötige Ausrüstung kauft. Die kleine Sunny freundet sich derweil mit der Unglaublich Tödlichen Viper an, die allerdings völlig harmlos ist und ihrerseits das Kleinkind ins Herz schließt. (Dies ist ein Kinderbuch, okay?)

Doch am Tag vor der Reise taucht ein unvorhergesehener Besucher auf. Gustav, Montys Assistent, ist verschwunden, und man brauchte Ersatz. Dieser erscheint Gestalt eines gewissen Stefano, doch spätestens als die Kinder das tätowierte Auge auf dessen Knöchel erblicken, bestätigt sich ihr schlimmster Verdacht: Stefano ist kein anderer als ihr Erzfeind Graf Olaf!

Doch bevor sie ihrem Onkel diesen schrecklichen Verdacht mitteilen können, muss der einkaufen gehen. Unterdessen bedroht Stefano die Kinder mit einem Messer. Auch er will nach Peru, denn er hofft, in diesem unterentwickelten Land die Millionenerbin Violet Baudelaire einfacher heiraten zu können als in einem so „zivilisierten Land“ wie den Vereinigten Staaten. Von dem Geld, über das er danach verfügen kann, wird sie natürlich keinen Cent mehr sehen.

Zum Glück hat Monty bis zu seinen Rückkehr Verdacht gegen Stefano geschöpft: Allerdings hält er ihn nicht für einen Erbschleicher, sondern einen Spion der Herpetologischen Gesellschaft, die ihm seinen einzigartige Unglaublich Tödliche Viper stehlen will. Aber bevor er etwas gegen den Schurken unternehmen kann, ist Onkel Monty am nächsten Morgen mausetot: Unter seinem Auge befinden sich zwei kleine Einstiche, als habe ihn eine Schlange gebissen. „Ja, das war die Mamba du Mal“, versichert Stefano. Und natürlich hat sie nach vollzogener Untat hinter sich wieder die Käfigtür zugemacht, braves Tierchen, hm??

Nunmehr schutzlos dem Grafen preisgegeben, sehen sich die drei Waisenkinder dessen Entführungsanstrengung wehrlos gegenüber. Schon stößt Stefano mit Montys Wagen hinaus auf die Straße, schon geht’s Richtung Hafen zum Schiff nach Peru – da passiert etwas Unvorhergesehenes.

_Mein Eindruck_

Wieder einmal erweist sich in den Augen der Waisen, dass die Welt sowohl gut als auch schlecht ist, dass die Erwachsenen aber mitunter einfach nur dumm und naiv sind – sogar die bösen. Denn nicht einmal Oberschurke Graf Olaf kann sich an seine eigenen Lügen halten, was es natürlich einfach macht, ihm auf die Schliche zu kommen. Von wegen, der Teufel sei der „Herr der Lügen“.

Auch diesmal gelingt es Klaus, Violet und sogar Sunny unter Einsatz ihrer speziellen Fähigkeiten, sich wieder aus ihrer Patsche zu befreien, keine Sorge. Violet vergreift sich dafür doch tatsächlich an einem Elektrostecker, um einen Dietrich herzustellen (nochmals: Dies ist ein Kinderbuch, okay?). Diese heroische Tat dient dem Chronisten, also Lemony Snicket, zu einer massiven Warnung. Über mehr als eine Seite hinweg wiederholt er das offenbar äußerst wichtige Wörtchen „nie“. Gar niemals nie nicht dürfe irgendein Kind auch nur in die Nähe eines Steckers kommen, um daran herumzufummeln. Naja, aber warum lässt er dann Violet damit hantieren? Sie ist offenbar ebenso todesmutig wie in höchster Not, wenn es darum geht, Graf Olaf das Handwerk zu legen.

|Sprachkurs|

Diese massive Warnung ist nur ein Beispiel für Snickets (ganz gleich, wer sich dahinter verbirgt) fortgesetzte Bemühungen, dem jungen Leser (oder Hörer) etwas beizubringen. Auf jeder zweiten Seite, wenn nicht öfter, erklärt der Erzähler oder sogar eine der Figuren, was ein bestimmtes Wort bedeutet. Dabei sind diese Wörter nicht einmal etwas so Besonderes wie etwa ausgefallene Fremdwörter (z.B. „Talmi“), sondern auch ganz einfache wie etwa „brillant“. Diese didaktische Anstrengung geht dem erwachsenen Leser – wie mir – schon ziemlich bald gewaltig auf den Zeiger. Hoffentlich können die jungen Leser etwas damit anfangen. Ich schätze, spätestens aber dem zehnten Lebensjahr können sie den Text verstehen, wahrscheinlich aber schon ab sechs Jahren.

|Anachronismen|

Wieder einmal erweisen sich die Zeichnungen als irreführend. Da fahren die Leute wie selbstverständlich Autos und telefonieren wie die Weltmeister, aber der Zeichner besteht dennoch darauf, Graf Olaf im Frack herumlaufen und LKW-Fahrer eine Westentaschenuhr tragen zu lassen, als befänden wir uns wieder im Jahrhundert des Charles Dickens – der auch tatsächlich als einer der Schutzheiligen angerufen wird. Nun weiß der erfahrene Leser, woher Mr. Lemony Snicket – auch so ein Dickensianischer Name – seine Inspirationen nimmt.

_Unterm Strich_

Der zweite Band verfährt nach den gleichen Muster wie der erste. Zunächst keimt in den drei Waisenkindern Hoffnung auf ein nettes Zuhause auf, doch schon bald erweist sich diese Hoffnung als trügerisch. Da sich die „guten“ Erwachsenen allzu oft als naive Idioten herausstellen, müssen sich die Kinder selbst helfen. Und das klappt denn auch, soviel verlangt schon die kindliche Forderung nach einem Happy-End.

Bemerkenswert sind hingegen die deutlich formulierten psychologischen Einsichten in die prekäre seelische Lage der Waisen: Hier gelingt Snicket etwas, was man in anderen Kinderbüchern allzuoft vergeblich sucht. Er vermag dem jungen Leser genau Einblick zu geben, wie den drei jungen Helden zumute ist. Da bewährt er sich einmal nicht als Sprachpädagoge mit erhobenem Zeigefinger, sondern als onkelhafter Freund des jungen Lesers. Dennoch verzichtet er nicht auf die unwahrscheinlichsten Taten seiner Helden, die schon fast an das Reich der Phantasie grenzen. Dietriche aus Steckern zu bauen, würde mir jedenfalls nicht im Traum einfallen.

Der zweite Band unterscheidet sich insofern vom ersten, als diesmal keinerlei nutzlose Anmerkungen gemacht werden. Auch ein unübersetztes Gedicht fehlt. Unvermeidlich hingegen war natürlich der Hinweis auf das nachfolgende Abenteuer „Der Seufzersee“. Der Hinweis ist als getippter und unterschriebener Brief des Chronisten Lemony Snicket gestaltet. Vor dem Weiterlesen der entsprechenden „betrüblichen Ereignisse“ wird ausdrücklich gewarnt. Wer’s dennoch tut, ist selber schuld.