E. F. Benson – Der Mann, der zu weit ging

benson-mann-cover-kleinEin Großmeister der ‚kurzen‘ Phantastik belegt mit 15 Gespenstergeschichten aus den Jahren 1904 bis 1934 einmal mehr den hohen Rang der klassischen britischen Phantastik. Die einfallsreichen Untaten rächender Geister und anderer Spukgestalten werden in feiner, nie überkandidelter Prosa dargeboten und bilden einen zeitlosen, ebenso intellektuellen wie sinnlichen Genuss.

Inhalt

– Raupen (Caterpillars, 1912), S. 7-16: Der Besucher träumt von grässlichen Wesen, die seinen Gastgeber verfolgen – ein Traum mit schauerlich realem Kern.

– Der Affe (The Ape, 1917), S. 17-34: Eine schöne Frau hält ihn zum Narren, aber der wütende Hugh besitzt die Figur eines ägyptischen Affendämons, der angeblich böse Wünsche erfüllt.

– Mr. Tillys Séance (Mr. Tilly’s Séance, 1922), S. 35-51: Nachdem ihn ein Lastwagen in den Straßenasphalt gewalzt hat, lernt Mr. Tilly den Ablauf einer Séance aus bisher ungewohnter Perspektive kennen.

– Piraten (Pirates, 1928), S. 52-84: Der alternde Geschäftsmann kehrt in sein abgelegenes Elternhaus und offenbar auch in die Vergangenheit zurück.

– Die Geschichte vom leeren Haus (A Tale of an Empty House, 1925), S. 72-85: Das einsame Haus ist angeblich ungewohnt, doch etwas mit unfreundlichem Charakter hinkt durch die leeren Räume.

– Mrs. Amworth (Mrs. Amworth, 1923), S. 86-102: Sie ist die Seele des kleinen Dorfes, doch wo sie auftaucht, werden die Menschen seltsam blutleer.

– Das Ungeheuerhorn (The Horror Horn, 1922), S. 103-117: Es ragt steil über dem Tal auf, doch seinen Namen trägt es, weil unheimliche Wesen seine felsigen Hängen bewohnen und auf unvorsichtige Wanderer warten.

– Wie die Lange Galerie ihren Schrecken verlor (How Fear Departed from the Long Gallery, 1911), S. 118-133: Gar niedliche Kindergeister spuken durch das Schloss, doch wer sie sieht, findet ein schreckliches Ende.

– Negotium parambulans (Negotium parambulans, 1922), S. 134-150: Wer eine Kirche entweiht und auch sonst ein gottloser Kerl ist, darf sich über hässliche Konsequenzen nicht wundern.

– Das andere Bett (The Other Bed, 1908), S. 151-162: Wieso er das schöne Doppelzimmer so günstig bekam, erkennt der zunächst erfreute Urlauber spätestens um Mitternacht.

– Der Mann, der zu weit ging (The Man Who Went Too Far, 1904), S. 163-186: Seit Jahren versucht Frank die Aufmerksamkeit des Gottes Pan zu erregen, und in einer unschönen Sommernacht gelingt es ihm endlich.

– Das Heiligtum (The Sanctuary, 1934), S. 187-208: Der alte Onkel vererbt dem Neffen sein Vermögen, sein schönes Haus – und seinen Pakt mit dem Teufel.

– Das Wesen in der Halle (The Thing in the Hall, 1912), S. 209-222: Der neugierige Louis findet den spukenden Elementargeist spannend, doch der hat ihn nur zum Fressen gern.

– Naboths Weinberg (Naboth’s Vineyard, 1923), S. 223-238: Der gierige Anwalt muss feststellen, dass mancher Mandant juristische Winkelzüge selbst im Jenseits nicht vergeben mag.

– Sühne (Expiation, 1928), S. 239-258: Jeweils am Jahrestag seines Todes wird das Haus eines Selbstmörders zu einem aufregenden Aufenthaltsort.

Die Toten hassen die Lebenden

„Sieh dir diesen Nachtfalter an … und während du noch hinschaust, ist er schon verschwunden wie ein Geist, ebenso wie er gleich einem Geist erschienen ist. Das Licht hat ihn sichtbar gemacht. Und es gibt andere Arten von Licht, ein inneres, übersinnliches Licht, das in ähnlicher Weise die Wesen sichtbar macht, die das Dunkel unserer Blindheit bevölkern.“ („Sühne“, S. 243)

Das ist die bildhafte Beschreibung vom ‚Kontakt‘ zwischen Realität und Geisterwelt, wie E. F. Benson ihn verstand und in Worte fasste. Als Autor hielt er gewissermaßen die Taschenlampe, was ihm gestattete, das Treffen beider Welten nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Obwohl Benson inhaltlich sehr unterschiedliche Gespenstergeschichten schrieb, funktionieren sie in der Regel nach dem zitierten Konzept.

Bensons Figuren – meist sind es ungebundene und kinderlose Männer mittleren Alters, also Alter Egos des Verfassers – begegnen dem Jenseits in der Regel unfreiwillig. Sie fordern es allerdings oft heraus, indem sie großes Unrecht tun, das ihre Opfer aus dem Reich des Todes zurückkehren lässt; rachsüchtig, denn Bensons Geister sind sogar noch bösartiger als die Nachtmahre seines Zeitgenossen M. R. James. Der Tod läutert offenbar nicht, sondern verstärkt den Zorn des unvollendeten Lebens noch („Die Geschichte vom leeren Haus“, „Naboths Weinberg“).

Entrinnen ist die Ausnahme

Aber auch Unschuld schützt vor Strafe nicht. Mehrfach schildert Benson Menschen, die zufällig einen Zipfel der jenseitigen Welt in die Finger bekommen und bitter für ihre Neugier büßen müssen („Der Mann, der zu weit ging“, „Das Wesen in der Halle“). Sie haben den Spuk-Kreaturen nichts getan, sondern höchstens nicht berücksichtigt, dass die Regeln einer anderen Welt so fremdartig sein können, dass schon der vorsichtige Blick über die Mauer den Tod bringt.

Nur selten ist es möglich, dem Verhängnis zu entgehen, das die Beschäftigung mit dem Geisterreich mit sich bringt („Der Affe“, „Wie die Lange Galerie ihren Schrecken verlor“, „Das Heiligtum“). Hier finden die potenziellen Opfer in letzter Sekunde die Hintertür, durch die sie aus dem Teufelskreis flüchten können.

Gnade Gott umgekehrt dem Geist, der sein Tun nicht sorgfältig genug vor den Menschen verbirgt! Beherzte Engländer lassen nicht locker: Haben sie eine solche Kreatur erst einmal gestellt, machen sie ihr unbarmherzig den Garaus („Mrs. Amworth“)! Kein Wunder, dass zwischen den Welten Krieg herrscht …

Die fremde Welt neben der Realität

Der Glaube an eine jenseitige Welt war – unabhängig davon, ob Männer wie Benson, die sie so plastisch heraufbeschworen, an sie glaubten – in der Realität des frühen 20. Jahrhunderts auch oder sogar gerade in intellektuellen Kreisen weit verbreitet. Benson ist unfreiwillig Zeitzeuge, wenn er in „Mr. Tillys Séance” eine Geisterbeschwörung beschreibt, wie sie in dieser Epoche geradezu Mode war.

Die Naturwissenschaft hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewaltige Fortschritte gemacht und Philosophen und Theologen zunehmend in Erklärungsnöte gebracht. Alle offenen Fragen schienen geklärt oder mit den neuen Methoden kurz vor der Klärung zu stehen. Wieso also aus dem Jenseits kein Forschungsobjekt machen („Der Mann, der zu weit ging“)?

Der Fantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt. Uralte Vorstellungen gelangten erneut auf den Prüfstand. War die Natur ein gigantischer, sich selbst genügender Mechanismus? Wurde sie von elementaren und geisterhaften Kräften bewohnt bzw. belebt? „Das Ungeheuerhorn“ ist Heimat einer vorzeitlichen Rasse, die jenseits jeglicher Sitten und Moral existiert, was der heutige Mensch nicht mehr verkraftet. Noch einen Schritt weiter geht Benson, wenn er in „Der Mann, der zu weit ging“, die Existenz mythologischer Gottheiten – hier Pan – postuliert. Freundlicher zeigt sich das Jenseits in „Piraten“; hier gleitet ein alter Mann sanft in einen Tod ohne Schrecken hinüber.

Die um 1900 einsetzenden Untersuchungen der menschlichen Psyche passten perfekt in diese Umgebung. Sigmund Freud und seine als bahnbrechend (oder skandalös) erachteten Theorien waren auch in England bekannt. Was war „der Geist“, und welche unsichtbaren Sphären standen ihm womöglich offen? Sind Träume wirklich nur Schäume oder verschlüsselte Nachrichten, die das Hirn im Schlaf empfängt („Raupen“)? Ist „Spuk“ eine messbare Kraft, die der menschliche Geist in extremer Krise der Welt aufprägen kann und die ihre Botschaft wie eine kinetische Endlosschleife verbreitetet („Das andere Bett“, „Sühne“)?

Ein Mann mit Erfahrungen

E. F. Benson war ein Mann vieler Talente und Interessen, die er oft in seine Erzählungen einfließen ließ. Wie so viele (vermögende) Briten verbrachte er gern einen Winterurlaub in den Alpen („Das Ungeheuerhorn“, „Das andere Bett“), reiste nach Ägypten, um archäologisch in den Relikten der Pharaonenzeit zu schwelgen („Der Affe“), und verliebte sich in Italien („Raupen“).

Obwohl Benson ansonsten ein eher ruhiges Leben führte, war er kein Kind von Traurigkeit. Seinen Sinn für trockenen und intelligenten Humor kultivierte er in der ungemein erfolgreichen „Mapp and Lucia“-Serie, stellte ihn aber durchaus auch im Rahmen der Gespenstergeschichte unter Beweis: „Mr. Tillys Séance“ ist die ebenso präzise beobachtete wie glänzend karikierte Beschreibung einer Geisterbeschwörung. Die ausführliche Einleitung zu „Wie die Lange Galerie ihren Schrecken verlor“ ist großartig in ihrer Mischung aus Witz und Schrecken, die sich – auch in der fabelhaften deutschen Übersetzung – ungemein wirkungsvoll verbinden.

Auf der anderen Seite war Benson ein Mann mit inneren Ängsten und Phobien, die ebenfalls ihren Weg in seine Geistergeschichten fanden, wo sie buchstäblich erschreckend gut aufgehoben waren. Mehrere Geschwister des Verfassers starben früh. Arthur Christopher Benson (1862-1925) litt unter schweren Depressionen, die sein Bruder u. a. in „Das andere Bett“ und „Sühne“ verständnisvoll aber auch furchtsam thematisierte. Vorsichtige Kritik an einer allzu rigiden Kirche lässt der Verfasser – als Sohn eines Erzbischofs von Canterbury zu einem vorbildlichen Lebenswandel quasi verdammt – in „Negotium parambulans“ anklingen. „Raupen“ spiegelt Bensons Grauen vor der Krankheit Krebs wider, der er in der Tat erlag.

Autor

Edward Frederick Benson wurde am 24. Juli 1867 als fünftes von sechs Kindern in Berkshire geboren. Edward White Benson, der Vater, war hier Schulleiter; später machte er Karriere in der anglikanischen Kirche und stieg bis zum Erzbischof von Canterbury auf.

Edward interessierte sich für englische Literatur und Musik und war als großer Sportsmann bekannt. 1887 begann er ein Studium der Archäologie am Kings College in Cambridge, das er an der „British School of Archaeology“ in Athen abschloss. Als Spross einer literarisch und künstlerisch überaus aktiven Familie begann Edward Benson außerdem früh zu schreiben. Sein Debütwerk („Sketches from Marlborough”) erschien bereits 1888. Der literarische Durchbruch kam 1893 mit „Dodo“, der Geschichte einer ‚modernen‘, lebenslustigen und durchaus amoralischen Frau.

Edward Benson war ein überaus produktiver Schriftsteller. Seine phantastischen Stories nehmen nur einen kleinen Teil des Œuvres ein. Mehr als einhundert Bücher unterschiedlichster Genres veröffentlichte er zu Lebzeiten, dazu Biografien prominenter historischer Zeitgenossen.

1920 bezog Edward Lamb House in Rye, das Haus seines Freundes und verehrten Vorbilds, des Schriftstellers Henry James. Er wohnte dort bis zu seinem Tod. In den 1930er Jahren amtierte er dreimal als Bürgermeister von Rye. Sein letztes Manuskript sandte Benson seinem Verleger im Februar 1940 zu. Zehn Tage später, am 29. (!) des Monats, erlag er einem Krebsleiden.

Taschenbuch: 259 Seiten
Originalausgabe
Übersetzung: Michael Koseler
http://www.suhrkamp.de

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