Colin Fletcher – Kalifornischer Sommer. Tausend Meilen zu Fuß durch Wüsten und Berge

Reisebuch-Klassiker für Wanderer

Reisen verändern den Wanderer. So tat es auch die Fußwanderung Colin Fletchers durch das östliche Kalifornien. Seine Erfahrungen und Gefühle bilden ein Zeitdokument, aber auch einen persönlichen und mitunter sehr bewegenden Reisebericht. Endlich mal kein Bericht über eine Todesexpedition!

Inhalt

Anno 1958. In einer schlaflosen Nacht in seiner Wohnung in San Francisco weiß Colin Fletcher, der Autor, mit einem Mal, dass er Kalifornien durchwandern möchte – um auszubrechen und dem Stress und der Monotonie des Stadtlebens zu entkommen. Zwei Jahre zuvor ist er nach Amerika gekommen, nach langen unsteten Jahren in Kenia und Kanada. Nun will er das Land, in dem er lebt, richtig kennenlernen.

Vorbereitung

Nach einer hektischen Zeit der Vorbereitungen, die ihn an seinem Vorhaben schier verzweifeln ließen, setzt ihn am 8. März 1958 sein Freund an der mexikanischen Grenze ab, in Yuma, einem schläfrigen Grenzposten. Fletcher ist 36 Jahre alt und vom Stadtleben übergewichtig und schlaff. Vor ihm liegen 1600 Kilometer (= 1000 Meilen) durch tödliche Wüsten, das „Tal des Todes“ und über hohe Gebirge, alles entlang der östlichen Grenze Kaliforniens.

Der Weg ist das Ziel

Exakt sechs Monate, bis zum 8. September, dauert seine Expedition durch die Wildnis, unter der sengenden Sonne am tiefsten Punkt der USA, im Death Valley, und über die eisige Spitze des White Mountain, der zweithöchsten Erhebung der USA. Geradezu paradiesisch gegenüber diesen Strapazen mutet ihn der liebliche Lake Tahoe an.

Schräge Gestalten

Der Weg führt durch die Geisterstadt Bodie, vorbei an Pionierfarmen, in das Tal der Purpurforellen – und überall stößt der Wanderer durch seine Aufgeschlossenheit auf wunderliche Menschen wie Chickenhouse Smith, der in einem „Haus“ aus Orangenkisten in der Halbwüste am Colorado River lebt. Ein Eigenbrötler, der der Zivilisation entflohen ist, aber den Wanderer seinerseits wie einen Verrückten behandelt.

Mein Eindruck

Fletchers Reisebericht ist auch ein wichtiges Zeitdokument. 1958 hat Las Vegas noch nicht das gesamte Wasser des Colorado verbraucht, gab es noch keine stromfressenden Klimaanlagen, die die Wüste für alle Menschen besiedelbar machten. Da träumen Flussbewohner noch von fruchtbaren Haferfeldern.

In den Bergen nahe Oregon begegnet der Wanderer einem baskischen Schafhirten – einem jener Einwanderer, die schon Ende des 19. Jahrhundert hier ihre Herden trieben. Es gibt noch Dutzende solcher Begegnungen, die manchmal zu komischen Situationen führen – die aber mit großem Feingefühl vorgebracht werden, so dass man einen Sinn für feine Ironie braucht, um die Komik zu entdecken.

The Complete Walker in spe

Obwohl der Autor sagt, er schreibe keine Reiseführer, sondern er beschreibe Erfahrungen und Gefühle, so versäumt er doch nicht, uns stets klarzumachen, wie sorgfältig seine Planung war. Am Ende seiner Erzählung listet er alle Inhalte seines Rucksacks peinlich genau mit Gewichtsangaben auf – insgesamt um die 28 Kilo!

Und wenn er berechnet, ob ihm sein Wasser in der Wüste noch reicht, nachdem er seine Karte verloren hat und er das nächste Depot nicht (auf Anhieb) findet, dann zittern und bangen wir mit ihm. Gerade weil er uns seine Gefühle nicht verschweigt, wird seine Reise für den Leser zum Erlebnis. Am Schluss des Buches möchte man entweder gleich noch mal anfangen oder ein Ticket nach San Francisco buchen.

Unterm Strich

Dies ist einer der bewegenden Reiseberichte, der zugleich überzeitliche Bedeutung erlangt hat: ein Dokument aus einer versunkenen Epoche. Mag sich noch der eine oder andere Natur- und Nationalpark finden, so wird man doch heute auf diesem Trail kaum noch dieselben schönen Blumen und Wiesen und Wälder finden. Lediglich das Death Valley und die Geisterstadt Bodie, die bleiben. Sie künden von der Vergänglichkeit der Werke des Menschen. Über ihnen erglühen immer noch sengende Wüstensonne und traumhafte Sonnenuntergänge.

Buchtipp

Eine dringende Empfehlung für Leser, die dieses Buch so gut wie ich fanden: Fletcher beschreibt in seinem Buch „Wanderer durch die Zeit“ seine Durchquerung des Grand Canyon in dessen ganzer Länge, die er als erster Mensch überhaupt vollbrachte. Dieses Buch ist, sofern dies möglich ist, noch schöner und spannender, ja philosophischer als „Kalifornischer Sommer“. Es wurde unter die 100 besten Sachbücher des letzten Jahrtausends (!) gewählt und ist als Taschenbuch im Diana-Verlag zu bekommen.

Mehr zum Autor (14. März 1922 bis 12. Juni 2007) findet man in der Wikipedia unter ((https://en.wikipedia.org/wiki/Colin_Fletcher)).

Hardcover: 270 Seiten (mit einer genauen Karte der Reiseroute)
Originaltitel: The 1000-Mile Summer in Desert and High Sierra, 1964
Aus dem Englischen von Arnd Kösling
ISBN-13: 978-3828450394

www.randomhouse.de

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