Colin Forbes – Kalte Wut [Tweed 12]

Britische Geheimagenten jagen einen superreichen, völlig wahnsinnigen Milliardär, der nach der Weltherrschaft strebt, kreuz und quer durch ‚Europa‘ … – Die ohnehin ausgelaugte Kolportage-Story wird plump, spannungslos und logikfrei erzählt, die Figuren-‚Zeichnung‘ verlässt nie die 1. Dimension, die Schauplätze werden im Stil britischer Trash-Thriller der 1960er Jahre präsentiert. Auch stilistisch ist Schmalhans Küchenmeister: ein fürchterliches Machwerk!

Das geschieht:

Jean, Ehefrau des Geheimdienst-Agenten Philip Cardon, stirbt an den Folgen einer abgefeimten Folter. Ihr Gatte beginnt einen Rachefeldzug. Unterstützt wird er von Tweed und den Männern (plus einer Frau) des „Secret Intelligence Service“ Ihrer Britischen Majestät, die bald herausfinden, dass hinter dem Mord Walvis, der reichste (und dümmste) Mann der Welt, steht, dem Jean Cardon bei seinem Versuch, die Herrschaft über die westliche Welt an sich zu reißen, auf die Schliche gekommen ist. Eine wilde Jagd kreuz und quer durch Europa beginnt, bis Tweed und seine Mitstreiter den Schurken ausschalten können …

Einfach ist manchmal nur simpel

Für einen Roman mit mehr als 500 Seiten mag diese Zusammenfassung ziemlich knapp erscheinen. Doch sie beschreibt tatsächlich die ganze Geschichte, die Colin Forbes weniger schrieb als sich aus dem Hirn wrang. Entlang eines dünnen, nur mattroten Fadens zieht sich eine endlose Kette planloser Verfolgungsjagden, dümmlicher Mordanschläge und wüster Raufereien, die man nicht Kämpfe nennen mag, weil sie so plump beschrieben werden.

Tweed: ein Name ist Programm – die Bezeichnung für einen robusten und widerstandsfähigen, aber auch ziemlich grob gestrickten Stoff. Erstaunlich, wie sich diese Metapher auf den vorliegenden Roman übertragen lässt. Ein superreicher, skrupelloser Bösewicht, der die Weltherrschaft erringen will, flankiert von einer Garde bizarrer und verrückter Helfershelfer, umgeben von einem Heer tumber Totschläger, gegen den mutigen, entschlossenen Held, der sich (leider) an die Gesetze halten und daher quasi mit einer Hand auf den Rücken gebunden kämpfen muss, und seine gewitzten Helfer (von denen mindestens einer im Verlauf der Handlung ins Gras beißt, um für dramatische Momente zu sorgen).

Das ist eine bewährte Konstellation, die nicht zuletzt James Bond seit Jahrzehnten sein Kino-Leben garantiert. Forbes’ SIS-Streiter erinnern allerdings mehr an das rabiate „A-Team“, das durch die zivilisierte Welt irrt, um das Verbrechen zu bekämpfen, wo immer es sein Haupt erhebt. In diese Mixtur wird als Geschmacksverstärker eine Rachegeschichte eingerührt.

Helden & Schurken: gemeinsam dämlich

Man sollte meinen, dies sei eine solide Basis für ein paar vergnügliche Lektüre-Stunden in der Bahn oder am Strand. Leider macht sich Forbes die Sache ein wenig zu einfach. Seine Helden und Bösewichter sind reine Pappkameraden, eindimensional bis zum Klischee und darüber hinaus. Die Schurken sind immer hässlich und quasi von Geburt an zu einer Existenz als Strolch verdammt. Ausgenommen sind Frauen; die sind schön, deshalb besonders heimtückisch und mit besonderer Vorsicht zu genießen. Aber als Brüder und Schwestern im schmalen Geiste foltern und morden sie voll reiner Wonne und verdienen ihr (mit liebevoller Detailfreude gezeichnetes) Ende allemal. Die Helden wirken demgegenüber deutlich weniger farbenfroh und sind damit im Streit um die Gunst des Lesers ein wenig im Nachteil. Forbes gleicht das aus, indem er sie ebenso brutal als ihre Gegner zu Werke gehen lässt; dies aber natürlich nur, weil diese gar zu scheußlich sind (siehe oben).

Der Plot der Geschichte ist, gelinge ausgedrückt, hanebüchen: Hauptschurke Walvis plant, Aussiedler und Flüchtlinge aus Osteuropa („… riesige Flüchtlingshorden, die nur darauf warten, über Westeuropa hinwegzufegen …“) zu bewaffnen und in den Westen zu schleusen, wo sie die bestehenden politischen Strukturen zerstören sollen, bis Walvis schließlich auf den Trümmern eine neue Ordnung nach seinem Gusto errichten und das Paradies auf Erden schaffen kann.

Man fragt sich angesichts solchen Schwachsinns ernsthaft, wie es Walvis geschafft hat, der reichste Mann der Welt zu werden. Auch sonst fällt es schwer, ihn ernst zu nehmen. Da sitzt er wie die Spinne im Netz, gebietet über schwerbewaffnete Horden, die vor keiner Schandtat zurückschrecken, und über die modernste Technik, die sich für Geld kaufen lässt, und doch können ihm Tweed und seine Freunde ein Schnippchen nach dem anderen schlagen. Streich um Streich setzen seine Spießgesellen in den Sand. Die Reaktion ist immer dieselbe: Walvis schimpft und droht – und setzt anschließend unverdrossen dieselben Versager erneut auf Tweeds Team an.

Haudrauf-Agenten im Märchen-Einsatz

Übertriebene Realitätsnähe kann man Forbes ohnehin nicht vorwerfen. Dies verleiht auch seinen Ortsbeschreibungen eine ganz eigene Qualität. Tweed und Walvis bewegen sich durch ein Europa, das ungefähr soviel mit der Wirklichkeit zu tun hat wie jene englischen Dörfer und Landhäuser, in denen Miss Marple und Co. ihre Morde aufklären.

Das sorgt für unfreiwillige Heiterkeit, zumal ein großer Teil der Handlung in Deutschland spielt – oder in einer Art Euro-Disney-Deutschland, in dem unentwegt Bier getrunken, Mercedes, BMW oder Audi gefahren wird und dessen Ordnungshüter es sich gern gefallen lassen, wenn entschlossene Briten schwerbewaffnet durch die Lande fahren, um im Dienst der guten Sache Übeltäter hordenweise ausrotten, Hubschrauber abzuschießen oder Waffenlager in die Luft zu sprengen.

Und sollten Tweed und seine Freunde in der Wahl ihrer Mittel einmal schwächeln, weist ihnen ihr treuer Verbündeter Otto Kuhlmann vom Bundeskriminalamt den rechten Weg: „Wir werden schwere Geschütze auffahren lassen und dann warten, bis sie tatsächlich anfangen, das Eis zu überqueren, und dann das Feuer eröffnen. Dann sehen die anderen, wie ihre Genossen im Wasser versinken. Hart, ich weiß, aber zu diesem Mob gehören auch Tataren aus Russland, und die schrecken vor nichts zurück. Besser, als Europa wieder ins Mittelalter zurückfallen zu lassen.“ Colin Forbes weiß halt, wie man in Deutschland solche Dinge regelt!

Lachen oder ärgern?

So schreitet die Geschichte ohne Überraschungen bis zum immer vorhersehbaren Ende voran. Sollte man beim Lesen eingenickt sein, findet man den Anschluss nach dem Erwachen problemlos, auch wenn man einige Seiten übersprungen haben sollte. Die wirre Geschichte wird zudem kongenial holprig übersetzt. Wann hat man schon einmal einen Bösewicht, der gerade in einem Regenfass ertränkt wird, auf die Frage nach seinem Auftraggeber so antworten hören: „Ich getraue mich nicht, das zu sagen.“?

Fazit: ein wüster Kolportage-Thriller ohne Sinn und Verstand, dessen Widmung („Für meine verstorbene Frau“) offenbar ernst gemeint ist und der so Geehrten garantiert zu einem Weiterleben verholfen hat: als Rachegeist nämlich, der den schriftstellerndem Gatten hoffentlich ordentlich piesacken wird, nachdem sich dieser inzwischen zu ihr ins Jenseits gesellte.

Autor

Colin Forbes wurde als Raymond Harold Sawkins 1923 in Hampstead, London geboren. Im Alter von 16 Jahren begann für einen Magazin- und Buchverlag als Mitherausgeber zu arbeiten. Den II. Weltkrieg erlebte Sawkins als Soldat in Nordafrika und im Mittleren Osten. Kurz vor Kriegsende wurde er in den Mitarbeiterstab einer Armeezeitung in Rom versetzt. Nachdem man ihn aus der Armee entlassen hatte, nahm Sawkins seine Verlagstätigkeit wieder auf. Zwei Jahrzehnte arbeitete er in der Branche. Erst in den 1960er Jahren begann er sich eine Zweitkarriere als Unterhaltungsschriftsteller aufzubauen.

„Snow on High Ground“, sein Erstling, wurde unter seinem richtigen Namen 1966 veröffentlicht. Es folgten zwei Fortsetzungen. In den nächsten Jahren prüfte Sawkins den Buchmarkt, indem er Thriller schrieb, in denen er mit Themen und Stilen spielte. Dazu bediente er sich der Pseudonyme Richard Raine, Jay Bernard und Colin Forbes. Dessen erster Roman wurde „Tramp in Armour“ (1969, dt. „Gehetzt“).

Was Forbes verfasste, kam beim Publikum am besten an. Also blieb Sawkins zukünftig bei diesem Alter Ego und legte einen Forbes-Reißer pro Jahr vor: Kriegsgeschichten, Katastrophenromane, Politthriller. 1984 gelang ihm mit dem Super-Agenten Tweed ein echter Publikumsknüller, dessen Abenteuern er sich seitdem ausschließlich widmete. Tweed ist ein James Bond ohne Glamour, den Forbes durch den inneren Zwang zur bedingungslosen Terroristen-Austilgung ersetzte. Die grobschlächtigen, oft durch unfreiwilligen Humor und völlige Realitätsferne glänzenden Machwerke fanden reißenden Anklang bei Forbes‘ anspruchslos gewordener Leserschaft und wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt.

Colin Forbes lebte und arbeitete in Surrey südlich von London, nachdem ihn Steuerprobleme bis in die späten 1970er Jahre nach Irland vertrieben hatten. Er starb am 23. August 2006 an einem Herzinfarkt.

Taschenbuch: 479 Seiten
Originaltitel: Fury (London : Macmillan 1995)
Übersetzung: Christel Wiemken
http://www.randomhouse.de/heyne

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