Gifford, Thomas – Aquila

Nordamerika im Winter 1778, irgendwo in einer der zahllosen britischen Kolonien, die sich zwei Jahre zuvor vom Mutterland losgesagt haben und sich stolz „Vereinigte Staaten von Amerika“ nennen. Da König George III. von England nicht gedenkt, sich diesen „Verrat“ bieten zu lassen, führt er seither erbittert Krieg gegen die „Aufrührer“, die von ihrem General (ebenfalls George mit Namen) Washington zwar engagiert, aber wenig erfolgreich geführt werden. Im zweiten Kriegsjahr steht es schlecht um die Revolution; die „Rotröcke“ sind zahlreich, gut ausgebildet und vor allem weitaus besser ausgerüstet als die von Krankheit, Hunger und Kälte demoralisierten Amerikaner.

Die Fronten sind unklar in diesem Unabhängigkeitskrieg. Viele Amerikaner sind treue Untertanen des Königs und fühlen sich in einen Kampf gezwungen, den sie ablehnen. Kollaborateure und Spione gibt es in großer Zahl. Der junge Soldat William Davis ist daher zunächst nicht erstaunt, als er bei einem Wachgang tief im Wald auf eine Gruppe britisch-amerikanischer Verschwörer trifft. Dann jedoch erkennt er entsetzt den Anführer der Spione – George Washington höchstpersönlich! Er, der den Decknamen „Aquila“ trägt, muss vor Davis’ inzwischen herbeigeeilten Kameraden fliehen, verliert dabei aber in dem ausbrechenden Tumult ein Schriftstück, in dem er seinen Verrat offen legt – seine britischen „Verbündeten“ haben ihn zur Unterschrift gezwungen, um ihn besser in der Hand zu haben. Davis klaubt das Schriftstück auf, doch bevor er es studieren und den ungeheuerlichen Verrat aufdecken kann, wird er selbst durch eine Verkettung unglücklicher Umstände für einen Spion gehalten und umgebracht.

Das brisante Dokument konnte er allerdings zuvor in einem Bilderrahmen verbergen. Dort bleibt es die nächsten zwei Jahrhunderte, bis es im Jahre 1975 der junge Geschichtsstudent Bill Davis aus Boston, Massachusetts, ein Nachfahre des unglücklichen Soldaten William, wiederentdeckt. Er erkennt, was sich da im Besitz seiner Familie befindet, sucht allerdings Gewissheit, dass er nicht einer Fälschung aufsitzt, und wendet sich an einen fachkundigen Archivar. Dieser spricht aufgeregt im Kreise interessierter Historiker davon.

Das hätte er besser unterlassen, denn er tut dies in Bukarest, und diese Stadt gehört zum Staatenverbund des Ostblocks, in dem 1975 eine mächtige und gefürchtete Sowjetunion unangefochten das Sagen hat. Ein dichtes Netz von Spitzeln gestattet den Machthabern, sich stets über aktuelle offizielle und inoffizielle Entwicklungen im In- und Ausland zu informieren. Die Fäden laufen in Moskau beim gefürchteten KGB zusammen. Dort erhält Maxim Petrow, der Direktor des sowjetischen Geheimdienstes, rasch Kenntnis von Davis’ Dokument. Er erkennt sogleich eine Möglichkeit, im Kalten Krieg gegen die USA einen Schachzug zu machen, der den ewigen Widersacher vor der ganzen Welt blamieren könnte, wenn ausgerechnet zum 200. Jahrestag des feierlich begangenen Unabhängigkeitstages offenbart würde, dass der verehrter Held der Revolution tatsächlich ein schäbiger Verräter war.

Petrow schickt Davis seine Agenten auf den Hals. Doch seine „Spezialisten“ Ozzy und Thorny entpuppen sich als wenig subtile Schläger und Mörder, die sogleich eine blutige Spur durch Boston ziehen. Dort studiert Bill Davis an der ehrwürdigen Universität von Harvard, und dort zog er auch den unglücklichen Archivar ins Vertrauen, der Ozzys und Thornys erstes Opfer wird. Bevor er stirbt, nennt er Davis’ Namen. Auch dieser wird kurz darauf ermordet, doch erneut kommen die Mörder zu spät: Davis hat das „Aquila“-Dokument seinem Professor Colin Chandler zugespielt, der indes nichts davon ahnt. Als Chandler von der ehrgeizigen TV-Journalistin Polly Bishop als Davis’ Vertrauter und letzte Person, die ihn vor seinem Tode gesehen hat, bloßgestellt wird, erregt das sogleich Ozzys und Thornys Aufmerksamkeit. Sie überfallen den Professor in seinem Haus, foltern ihn, um ihn zur Herausgabe des Schriftstücks zu zwingen – und werden von ihrem Opfer in seiner Todesangst überrumpelt. Der geschockte Chandler flieht zu Polly Bishop, die er für seine Notlage verantwortlich macht. Die Journalistin wittert eine neue Sensationsstory, doch während das ungleiche Duo Chandler/Bishop Aquilas Geschichte rekonstruiert, schlafen Petrows Schergen nicht. Eine Hetzjagd durch die Vereinigten Staaten beginnt, bei der die Schar der Verfolger stetig wächst – an ihrer Spitze Ozzy und Thorny, die darauf brennen, sich für ihre Schlappe zu rächen. Da ist es kein Wunder, dass bald auch die CIA aufmerksam wird …

Welchen Verlust der Zusammenbruch des Ostblocks und das Ende der Sowjetunion in den frühen 90er Jahren des 20. Jahrhunderts für den Thriller – Buch und Film – bedeutete, merkt man immer dann, wenn man auf ein Werk wie „Aquila“ stößt. Dieser Roman ist bereits 1978, d. h. zur Hochzeit des Kalten Krieges entstanden, als die alten, einfachen, lieb gewonnenen Feindbilder von Ost (= kommunistisches Reich des Bösen) und West (= Hort und Hüter der Freiheit) die Welt regierten.

„Aquila“ erreichte den deutschen Buchmarkt mit deutlicher Verspätung und wohl auch nur deshalb, weil Autor Thomas Gifford durch seine neueren Thriller wie [„Assassini“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=188 „Gomorrha“ oder „Protector“ hierzulande zu Bestsellerruhm gelangte. Aber in seiner amerikanischen Heimat sei er schon vorher als „der Mann, der Aquila schrieb“, bekannt gewesen, lockt der deutsche Verlag und deutet die sensationelle Entdeckung eines Bestsellers an. Das kann allerdings auch als Warnung verstanden werden. Wie jeder „Gifford“ ist „Aquila“ ein turbulenter, aber vordergründiger, dazu in jeder Beziehung altmodischer Roman. Das Vergnügen stellt sich bei der Lektüre erst dann richtig ein, wenn man Spaß an den offensichtlichen Anachronismen einer Welt gewinnt, die sich seit 1978 mehr als nur ein paar Runden weiter gedreht hat.

Es ist für den Leser wichtig, sich auf diese Weise zu unterhalten, weil Gifford ihn mit fortschreitender Handlung immer offensichtlicher im Stich lässt. Nachdem der Autor „Aquila“ als klassischen Thriller voller Mord und Totschlag (und liebevoll gezeichneter Folterszenen) beginnen lässt, beschließt er auf der Hälfte, seine beiden Hauptfiguren auf eine komödiantische Verfolgungsjagd à la „North by Northwest“ („Der unsichtbare Dritte“) zu schicken. Doch während sich auf der Kinoleinwand und unter der kundigen Regie von Alfred Hitchcock Spannung und Humor überaus vergnüglich mischen, gerät Gifford deutlich ins Schwimmen. Endlos zieht sich die Flucht des ungleichen, auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesenen, zunächst spinnefeinden, dann selbstverständlich verliebten Heldenduos wider Willen dahin, problemlos lassen sich ganze Seiten überspringen, ohne dabei den Handlungsfaden zu verlieren. Der grimmige Wettlauf um das „Aquila“-Papier entpuppt sich als klamaukiger Wettstreit im „Großen Spiel“ der Weltmächte USA und UdSSR, das Papier selbst, im Prolog aufwändig ins Geschehen gebracht, wird bald völlig bedeutungslos – zum „McGuffin“, der ausschließlich dazu gedacht ist, die Handlung in Schwung zu bringen: eine weitere (ungelenke) Reminiszenz an Hitchcock.

Freilich mögen die Leser von 1978 in dieser Beziehung anders gedacht haben. Die Selbstverständlichkeit, mit der allmächtige Geheimdienste im Schulterschluss mit der Politik und dem Militär über Jahrzehnte einen verlustreichen und wirtschaftlich ruinösen Kalten Krieg führten (das gilt besonders für „den Osten“), ohne dass dies „im Westen“ vom braven Durchschnittsamerikaner groß in Frage gestellt wurde, war einige Jahre zuvor durch den Watergate-Skandal ad absurdum geführt, die Glaubwürdigkeit der Regierung bis in die Grundfesten und nachhaltig erschüttert worden. Vor diesem Hintergrund bekommen Giffords aus heutiger Sicht seltsam laue Späßchen einen Sinn: Verhalten beginnt er, was heute in den Medien und in der Unterhaltung längst alltäglich geworden ist – nämlich die Autorität des Staates spielerisch in Frage zu stellen. Dennoch ist „Aquila“ als Thriller weniger ein Adler als eine lahme Ente.

post scriptum: Wer sich beim Rezensenten beschweren möchte, dass er die Katze aus dem Sack gelassen, d. h. George Washington als „Aquila“ identifiziert hat, womit sich Gifford deutlich mehr Zeit lässt, möge sich die Frage stellen, wer denn in Gottes Namen sonst der Verräter hätte sein können! Vermutlich könnte selbst ein waschechter Amerikaner keinen einzigen prominenten Teilnehmer des Unabhängigkeitskrieges nennen … außer eben Washington!

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