T. A. Barron – Merlin und die sieben Schritte zur Weisheit

Vom Lachen des Drachen und der Süße der Sünde

„Merlin und die sieben Schritte zur Weisheit“ ist der zweite Teil einer erfolgreichen fünfteiligen Saga um die Jugend des legendären Zauberers: Sie erzählt von jener Zeit, als Merlin noch nicht der berühmteste aller Magier war, noch nicht der weise Lehrmeister des jungen Königs Artus, sondern ein 13-jähriger Junge, der gerade seinen zuvor unbekannten Vater Stangmar verloren hat und dessen Mutter Elaine jenseits des Meeres lebt.

Kein Wunder, dass er seine Kräfte erprobt und sie herbeibeschwört. Doch der Erzfeind Ritagaur ist nie weit entfernt und vergiftet Elaine. Um das Gegenmittel vom Gott Daghda zu erlangen, muss Merlin die sieben Schritte zur Weisheit finden und gehen. Und er hat dafür nur vier Wochen Zeit.

Der Autor

T. A. Barron wuchs in Massachusetts/USA auf. Er studierte an den Unis Princeton und Oxford Philosophie, Politik und Wirtschaftswissenschaften, war Manager in einer New Yorker Anlagefirma und anschließend selbständiger Unternehmer. Seit 1990 ist er freier Autor und lebt mit seiner Familie in Boulder, Colorado. (Verlagsinfo) Seine Homepage: http://www.tabarron.com.

Seine Saga um die Jugend des Zauberers Merlin umfasst fünf Bände:

1) Merlin – Wie alles begann
2) Merlin und die sieben Schritte zur Weisheit
3) Merlin und die Feuerprobe
4) Merlin und der Zauberspiegel
5) Merlin und die Flügel der Freiheit

Der Autor hat die vorliegende „Lesefassung“ autorisiert. Es handelt sich also wohl um eine gekürzte Version des Buches.

Der Sprecher

Stefan Wilkening ist als Emrys „Merlin“ zu hören. 1967 geboren, besuchte Wilkening die Otto-Falckenberg-Schule in München. Er hatte Engagements an den Münchner Kammerspielen, bei den Wiener Festwochen und beim Schauspiel Frankfurt/M. Er arbeitete zudem bei zahlreichen Hörfunk- und Filmproduktionen mit und ist seit 2001 festes Ensemblemitglied bei Bayerischen Staatsschauspiel in München. Für den Hörverlag las er u. a. „Das Böse unter der Sonne“ von Agatha Christie und erzählte Uwe Timms Geschichte vom „Rennschwein Rudi Rüssel“.

Regie führte Caroline Neven Du Mont.

Handlung

PROLOG

Am großen Steinkreis der fantastischen Insel Fincayra haben sich Vertreter aller Lebewesen eingefunden, um den Großen Rat abzuhalten. Nicht nur Menschen, Faune und Nymphen sind gekommen, sondern auch der Phönix, die gehenden Bäume und einer der Riesen. Unter den Menschen befinden sich das Waldmädchen Rhia (Kurzform von Rhiannon), der junge blinde Magier Emrys Merlin mit seinem Stab sowie der Dichter Carpe, der alle einander vorstellt. Schließlich treffen auch die riesige weiße Spinne Elusa, die düstere Domnu und der Canyon-Adler ein. Er eröffnet die Sitzung.

Merlins Vater, der gestürzte König Stangmar, soll lebenslang in einen Kerker verbannt werden. Die Schätze Fincayras, die er unrechtmäßig an sich gebracht hatte, nimmt künftig Elusa treuhänderisch in ihre Obhut – mit einer Ausnahme: Merlin erhält die Aufgabe, das verwüstete Land mit Hilfe der Blühenden Harfe wieder zum Grünen zu bringen, damit sich das Leben wieder ausbreiten kann. Er soll mit den Dunklen Hügeln beginnen, denn dort ist wieder mit Machenschaften von Ritagaurs anderen Dienern zu rechnen. Denn nur ein Kind von Menschenblut könne den Erzfeind besiegen, zitiert Rhia die Prophezeiung. Die protestierende Domnu willigt ein und trollt sich.

Haupthandlung

Doch leider ist Merlin nicht der Allzuverlässigste und lässt die Dunklen Hügel erst einmal links liegen. Er ist stolz auf seine magischen Fähigkeiten, als er die Harfe einsetzt. Obwohl ohne Augenlicht, sieht er mit dem zweiten Gesicht – oftmals eine tiefere Wirklichkeit. Dennoch ist verblendet von seinem Stolz auf das Vollbrachte und eitel erwartet er Lob dafür. Dabei ist es wohl eher die Harfe, die die Magie ausübt, wie ihm Rhia klar macht.

Auf seiner Wanderung durch das heilende Land Fincayra trifft er neue und alte Freunde, so etwa den Dichter Carpe. Dieser stellt ihm den traurigen Spaßmacher Bimbellowy vor, der sich Merlin und Rhia anschließt. Der Spaßmacher ist stets traurig, doch nur das magische Horn „Traumrufer“ könnte ihn heilen und alle seine Träume vom Lachen und Spaßmachen Wirklichkeit werden lassen.

Ein Mensch fehlt Merlin am meisten: seine Mutter. Und obwohl ihn Carpe vor den unvorhersehbaren Folgen für Elaine und Fincayra warnt, begibt er sich an die Küste, um jene weise Muschel Vashámbala zu suchen, die weiß, wo sich Elaine befindet. Trotz ihrer Warnung beschwört er seine Mutter herbei, die schön wie eh und je ist. Doch als sie sich über eine rote Blume am Strand beugt, springt ein giftiger Todesschatten in ihr Gesicht und vergiftet sie. Die weise Muschel und Bimbellowy klären den entsetzten Jungen auf: Wenn keine Rettung kommt, wird sie binnen vier Wochen qualvoll sterben, ein Opfer Ritagaurs.

Nur das Elixier Daghdas kann ihr Leben retten, da Merlin ja den Galathor-Talisman nicht mehr hat (den gab er Domnu). Daghda aber lebt in der Anderswelt, und der Zugang dorthin wird von Balor bewacht, dem Oger Ritagaurs. Wer ihm ins Auge blickt, ist verloren. Um den Zugang zu finden, muss Merlin das Lied von den sieben Schritten der Weisheit erlernen und dann diese sieben Schritte gehen.

Sein Großvater Tuatha, der einmal Daghda besucht und konsultiert hatte, hat das Lied auf den Baum Arbassa im Druma-Wald geschrieben. Zusammen mit Rhia muss Merlin das Lied entziffern. Da er sich auf einer Mission aus Liebe zu seiner Mutter befindet, sprechen die Runen diesmal zu ihm. An Tuathas Grab im verwunschenen Hain erhält er Rat, ebenfalls aus Liebe zu seiner Mutter. Er müsse zuerst alle sieben Strophen des Liedes verstehen, bevor er sich dem schrecklichen Balor stellen könne. Tuathas Geist berührt seinen Stab.

Merlins folgende Abenteuer dienen dazu herauszufinden, wie die Strophen des Liedes der Weisheit lauten. Hat er die Seele einer Strophe verstanden, brennt sich ein entsprechendes Symbol in seinen Stab ein. Die sieben Schritte lauten: 1) Veränderung; 2) Verbinden; 3) Beschützen; 4) Benennen; 5) Springen (von Ort zu Ort ohne Verzögerung); 6) Erledigen und 7) Sehen.

Doch schon nach der vierten Lektion bleiben Merlin und seinen beiden Gefährten nur noch sechs Tage, um zu Daghda zu gelangen und das Heilmittel zu Elaine zu bringen. Ob das wohl reicht?

Mein Eindruck

Diese Fantasy-Geschichte ist für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren konzipiert. Dementsprechend einfach sind die Sprache und der Handlungsaufbau.

Der Zauberlehrling

Wieder einmal ist das eine Geschichte vom Zauberlehrling. Harry Potter lässt grüßen. Doch was bei Potter die viktorianische Umgebung darstellt, ist bei Emrys Merlin eine raue dörfliche, später eine natürliche Umgebung: Fincayra ist ein heiliges Land, eine Brücke zwischen Menschen- und Anderswelt. Demzufolge besitzen die Dinge, die Emrys hier antrifft, eine höhere und allgemeingültigere Bedeutung als sonst und spielen eine größere Rolle im Lauf der Welt.

Alle Wesen, die Emrys in Fincayra antrifft, sind Verkörperung von natürlichen Aspekten oder moralischen Prinzipien. Die Kunst liegt nun aber darin, dass der Autor sie nicht so platt aussehen lässt. Er muss ihnen mehrere Schichten von Bedeutung verleihen, eigene Motive, ein eigenes Leben. Merlin hat in Band 1 seine eigene Identität herausgefunden, nun muss er die von Rhia herausfinden. Sie ist neben dem Falken die lebhaftetste Figur in Fincayra. Doch seine Entdeckung erfolgt unter tragischen Umständen.

Die Mission, auf der er sich befindet, dient nicht nur der Rettung seiner Mutter, sondern auch der des Landes Fincayra. Wenn er die sieben Schritte zur Weisheit erfolgreich bewältigt, ist er de facto der weise Zauberer, den Fincayra braucht. Dann erst können die Schätze des Landes – die blühende Harfe, das Horn, das Schwert und vieles mehr – ihren rechtmäßigen Platz finden. Und er wird wissen, wer die rechtmäßigen Hüter sind.

Lektionen für Jung und Alt

Doch bis es soweit ist, muss Merlin zahlreiche Lektionen lernen. Sie alle zeitigen unerwartete Ergebnisse, die für alle Menschen wichtig sind – für Kinder ebenso wie für Erwachsene. Denn wer weiß schon von der Wahrheit, dass man mit dem Herzen besser sehen kann als mit den Augen? Und dass der Versucher (Ritagaur) sich immer als täuschender Führer mit der sanftesten Stimme auf dem kürzesten Pfad anbietet? Viele weitere Fragen ergeben sich, die in den Folgebänden hoffentlich ihre Antwort finden.

Barrons Quellen

Dass viele Handlungselemente sowie Figuren an Tolkiens Universum erinnern, liegt nicht etwa an Barrons möglicher Einfallslosigkeit, sondern an Tolkiens allgemein verfügbaren Quellen: Er hat sie walisisch-keltischen, altenglischen, altnordischen und finnischen Sagen und Epen entnommen. Aus dem gleichen Kessel kann legitimerweise auch Barron schöpfen. Und an walisischen Quellen bietet die Epensammlung des Mabinogion reichen Stoff. Der dunkle König Stangmar entspricht beispielsweise Arawn, dem Herrn der Unterwelt. Im vorliegenden Band 2 finden sich bereits mehrere Hinweise auf die Artus-Sage, so etwa das Schwert Excalibur und die Magierin Viviane, die sich Nimue nennt.

Der Sprecher

Selten hört man so deutlich gestaltete Stimmen, die auch noch so ausgezeichnet passen. Stefan Wilkening kann es in dieser Beziehung fast mit Rufus Beck aufnehmen. Ob es nun die honigsüßen Einflüsterungen Ritagaurs sind, das traurige Gejammer Bimbellowys oder das heisere, abgehackte Lachen eines Drachen – es ist ein Vergnügen ihm zuzuhören. Diesmal gibt es noch ein Zugabe: Wilkening singt! Es mag vielleicht nicht das lustigste Liedlein sein, das der traurige Spaßmacher da anstimmt, aber es bringt wenigstens einen zum Lachen: den Drachen.

Stefan Wilkening ist noch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Er ist der erste Sprecher, den ich kenne, der walisisch-keltische Namen korrekt ausspricht. Und zwar nicht nur ein- oder zweimal, sondern durchgehend. Das wird bei seiner Aussprache von ‚Rhia‘ deutlich: [chría]. Die Aussprache von ‚Gwynnedd‘ kann ich nicht einmal darstellen, weil mir das Zeichen für das stimmhafte ‚th‘ am Schluss fehlt.

Unterm Strich

Dieses „Merlin“-Hörbuch hat mir sehr gut gefallen. Die Geschichte ist sowohl spannend und geheimnisvoll als auch anrührend. Sie ist meilenweit entfernt von den Klischees, die in der Miniserie „Merlin“ fürs Fernsehen verarbeitet wurden. Eine böse Feenkönigin (Queen Mab) ist hier nicht zu finden. Wohl aber Wesen, die ihre eigenen Motive haben, ähnlich wie in Michael Endes „Unendliche Geschichte“.

Und wie bei Michael Ende gilt es ein sagenhaftes Land vor dem Bösen zu retten. Doch das Böse befindet sich diesmal auch in unserem Helden: Es ist die Schwäche des Hochmuts, der bereits sein Vater und sein Großvater zum Opfer fielen. Wird auch Merlin an der Familienschwäche scheitern?

Wer nun mehr vom Gleichen erwartet, wird einerseits bestätigt, andererseits positiv enttäuscht. Wieder treten ähnliche Figuren wie in „Merlin – wie alles begann“ auf, doch auch neue. Wer hätte erwartet, einen Gott wie Daghda oder seinen Widersacher hier anzutreffen? Auch die Sternenkönigin Gury ist gänzlich wie erwartet, nämlich wie Galadriel. Sie alle tragen ihren Anteil bei, aus der Geschichte eines jungen Magiers das Abenteuer mehrerer Welten und einer Familie zu machen. Daher gibt es sowohl gefährliche Momente, mehrere Kämpfe, aber auch einige heitere und besinnliche Augenblicke. Jung und Alt dürften das Hörbuch gleichermaßen genießen können.

Der Sprecher Stefan Wilkening macht seine Sache ausgezeichnet, und ich würde ihn gerne wieder als Sprecher der nächsten Bände hören. Ursprünglich war laut Verlagsvorschau Schauspieler Daniel Brühl vorgesehen, aber der hatte garantiert keine Zeit. Ich finde Wilkening sogar noch besser, zumindest als Sprecher. Er ist vielseitig, kann singen und ist – vielleicht – sogar ein wenig weise.

301 Minuten auf 4 CDs
Originaltitel: Seven Songs of Merlin, 1997
Aus dem US-Englischen von Irmela Brender