J. R. R. Tolkien – Der kleine Hobbit

Obwohl Hobbit Bilbo Beutlin sein ruhiges Dasein liebt, nimmt er an einer abenteuerlichen Expedition teil, an deren Ende die Begegnung mit einem listigen Drachen und der Kampf um ein untergegangenes Königreich stehen … – Schon der (separate) Auftakt zur Saga um den „Herrn der Ringe“ erzählt eine faszinierende, mit unvergesslichen Figuren besetzte, spannende und dramatische Geschichte, die wesentlich dichter als die Blockbuster-Filmtrilogie ist und schon deshalb nachhaltiger wirkt: Was ein „Klassiker“ tatsächlich ist, definieren zeitlose Werke wie dieses!

Das geschieht:

„In einer Höhle in der Erde, da lebte ein Hobbit.“ Bilbo Beutlin von Beutelsend (Unter dem Berg) ist sein Name, ein typischer Vertreter dieses kleinwüchsigen und friedlichen Völkchens, das den schönen Dingen des Lebens zugetan ist und nichts so schätzt wie seine Ruhe und mindestens sechs gute Mahlzeiten pro Tag. Doch in Bilbos Adern kreist auch das Blut von Vorfahren, die den anderen Hobbit-Clans verdächtig sind, da ihm einige echte Draufgänger und Abenteurer entsprungen sind.

Trotzdem ahnt Bilbo nichts Böses, als es eines schönen Abends an die Tür seines Höhlenhauses klopft: Thorin Eichenschild, König der Zwerge, und zwölf seiner Gefährten heißen den verblüfften Bilbo in ihrer Runde. Gemeinsam mit ihnen soll er ins ferne Reich Dal ziehen, um dort einen Schatz zu heben! Bilbo ‚verdankt‘ dies einem alten Freund, dem Zauberer Gandalf, der den Hobbit als „Meisterdieb“ empfohlen hat. Besagter Schatz wird nämlich von einem mächtigen Drachen bewacht, der ihn nicht freiwillig hergeben wird. Dieses Untier, Smaug mit Namen, war es auch, das einst Thorins Großvater vom Thron stieß und das ganze Volk der Zwerge von Dal ins Exil trieb. Die Stadt und der Königspalast auf dem Einsamen Berg wurden zerstört, und seither terrorisiert Smaug die Lande um den Langen See, wenn er nicht gerade auf seinem Hort zusammengeraubten Goldes dem Schlaf des Ungerechten frönt.

Die Gruppe reist durch gefährliche Gegenden, in denen sich nicht nur die Natur gegen sie verschworen hat: In den schroffen Nebelbergen, die es zu queren gilt, beginnen sich die Orks zusammenzurotten, um Tod und Verderben in die Länder des Ostens zu tragen. Die Reisenden geraten in diesen Aufmarsch und werden gefangengenommen. Bilbo wird von seinen Gefährten getrennt und findet auf sich allein gestellt Rettung nur durch einen (scheinbaren) Zufall: Tief unter der Erde in den Höhlen der Orks findet er einen Zauberring, der ihn unsichtbar macht …

Buch für jede Altersstufe

Gibt es eigentlich noch etwas zu sagen über diesen Klassiker der phantastischen Literatur, der in den vielen Jahrzehnten seit seinem ersten Erscheinen bis zum Überdruss besprochen, interpretiert und analysiert wurde? Wahrscheinlich nicht – oder vielleicht gerade doch, denn wo verbales Stroh gedroschen wird, fällt meist viel Spreu über wenige Körner der Weisheit. Dazu gehört vor allem die unglückliche Tendenz, den „Hobbit“ hauptsächlich als Präludium für das zu werten, was noch kommen sollte: als Vorspiel zum “Herrn der Ringe” natürlich. Aber damit tut man dem „Hobbit“ bitter unrecht. Das Buch soll und kann als vollständig eigenständiges Werk gelten, dessen Intention zudem in eine andere Richtung weist. Das sollte auch nicht wundern, da mehr als anderthalb Jahrzehnte den „Hobbit“ vom „Herrn der Ringe“ trennen.

„Der kleine Hobbit“ wurde von John Ronald Reuel Tolkien (1892-1973), einem jener im Leben recht trockenen urbritischen Gelehrten, die primär auf dem Papier die starren Regeln ihrer selbst gewählten akademischen Isolation sprengen und dabei oft erstaunliche Fantasie an den Tag legen, als Kinder- oder Jugendbuch geplant und realisiert – und das ist es geblieben, Punkt. Die unerhörte Farbenpracht von Tolkiens Mittelerde, die unerschütterlich auf dem ebenso massiven wie logistisch verzahnten Fundament einer eigenen Geografie, einer eigenen Geschichte und einer eigenen Mythologie ruht, über dem sich ein eigener Mikrokosmos skurriler aber bis ins Detail stimmiger Bewohner (Tolkien, der Literaturwissenschaftler, schuf sogar eigene Sprachen für die seinem Geist entsprungenen Völker) wölbt, ist im „Hobbit“ noch rudimentär.

Sie wird dort sichtbar, wo sie der Geschichte dient, was im Vergleich zum „Herrn der Ringe“ selten der Fall ist: Der „Hobbit“ präsentiert eine wesentlich simplere Handlung – im Grunde die altbewährte Queste, jene Suche, die mindestens ebenso wichtig ist wie ihr Ziel, weil ihre Teilnehmer sich charakterlich entwickeln. Die Abenteuer von Bilbo Beutlin und seinen Gefährten bilden die Perlen einer Kette, die vom Auenland (das hier übrigens niemals unter diesem Namen auftaucht) bis zum Einsamen Berg reicht. Dabei folgt Tolkien durchaus einem wohl durchdachten Handlungsgerüst. Der Kampf gegen Smaug und die sich anschließende „Schlacht der fünf Völker“ stellt nicht nur den furiosen Höhepunkt der Ereignisse dar, sondern bringt die Suche zu ihrem logischen Ende, schürzt alle losen Enden zum finalen Knoten und verleiht dem „Hobbit“ letztlich eine epische Dimension, die unbeabsichtigt aber wirkungsvoll doch auf das hinweist, was bald folgen wird.

Meisterwerk mit kleinen Schwächen

An dieser Stelle würde es definitiv zu weit führen zu dechiffrieren, wo und wie Tolkien sich für seine Welt durch die Märchen und Mythen des europäischen Abendlandes inspirieren ließ. Ich überlasse dies getrost denen, die nun, da der „Hobbit“ auch im Kino seinen Siegeszug angetreten hat, den Markt mit einschlägigen Büchern zum Film pflastern, möchte nur voller Bewunderung auf die Meisterschaft hinweisen, mit der Tolkien das Entlehnte mit dem Ersonnenen verknüpft und zu einem dichten und jederzeit überzeugenden Ganzen verschmilzt sowie auf das Buch von Christopher Snyder („Tolkiens Reise nach Mittelerde: Ein neuer Blick in die Welten J. R. R. Tolkiens“) hinweisen, der grundsätzlich zusammenfasst, was es zum Thema zu sagen gibt.

Gewisse Schwächen in der Figurenzeichnung übersieht man entweder gänzlich oder verzeiht sie dem Autor gern. Während Bilbo Beutlin und Gandalf es nicht ohne Grund in den „Herrn der Ringe“ geschafft haben, bleiben Thorin Eichenschild und die Seinen vergleichsweise profillos. Wieso hat Tolkien gleich zwölf Zwerge eingeführt? Lassen wir seine Vorliebe für archaisierende Zahlenmystik – später wird es u. a. drei bzw. sieben bzw. neun Ringe der Macht geben – einmal beiseite, müsste ihm klar gewesen sein, dass dieser Personenstamm einfach zu groß ist, um echte Individuen zu schaffen. Tatsächlich sind die Zwerge hauptsächlich Kanonenfutter für den Geschichtenerzähler Tolkien, um es einmal etwas krass auszudrücken. Man darf eben nicht vergessen, dass dieser 1937 als Romancier noch Neuling war. Das erklärt auch den recht abrupten und nicht wirklich überzeugenden Abgang Gandalfs zu Beginn der zweiten Romanhälfte: Als Teilnehmer der Reisegruppe hatte er sich als gar zu zaubermächtig erwiesen. Nur ohne seine Anwesenheit kann Bilbo Beutlin sich zum Retter wider Willen emporschwingen.

Smaug, der Drache, ist eine Schöpfung, die nur für den „Hobbit“ von Bedeutung ist und im „Herrn der Ringe“ nicht mehr berücksichtigt wird. Das ist schade, denn Smaug ist ein Bösewicht von Format und mit Potenzial. Andererseits ist er so, wie Tolkien ihn anlegte, eher märchenhaft als mythisch, und das macht ihn für ein Epos wie das vom Ringkrieg untauglich. (Im Kinofilm taucht Smaug übrigens als kleine visuelle Reminiszenz in einer Karte der handgeschriebenen Lebensgeschichte auf, die Bilbo stolz seinem Neffen Frodo präsentiert.)

Klassiker für alle Zeiten

Mit Erleichterung nimmt man die Abwesenheit jener Mythentümelei zur Kenntnis, die Tolkien im „Herrn der Ringe“ zelebriert. Dort kann er seinen Drang, das hauptberuflich erworbene Fachwissen mit der akademischen Freizeit-Gedankenarbeit zu verquicken, viel zu häufig nicht unterdrücken und langweilt seine Leser mit vermeintlich dramatischen, tatsächlich aber rührselig-pathetischen Einschüben sowie aus- und abschweifenden historischen, soziologischen, ethnografischen etc. Pseudo-Fakten. Nicht verantwortlich darf man Tolkien jedoch dafür machen, auch darin Vorbild für seine zahllosen minderbegabten Epigonen geworden zu sein, die dem Meister folgen möchten und erst recht wieder und wieder geklonten Fantasy-Stumpfsinn in Endlos-Serien produzieren.

Noch einmal zurück zur Frage, ob der „Hobbit“ ein ‚Kinderbuch‘ ist: Falls die Antwort „ja“ lautet, waren die Kinder von 1937 keineswegs aus weichem Holz geschnitzt. Tolkien lässt tüchtig schlachten und gruseln, kann sich dabei jedoch auf klassische Vorbilder berufen: In den meisten Märchen geht es noch drastischer zu! Hier darf man den Autoren beneiden, der in Zeiten lebte, als er den Terror noch „Smaug“ und nicht „political correctness“ nennen durfte. ((Ich ignoriere daher auch jene Kritiker, die darüber quengeln, dass Tolkien im „Hobbit“ noch rigoroser als im „Herrn der Ringe“ Wesen weiblichen Geschlechts ausspart, was immer dies angeblich über ihn aussagen mag!)

Fakt ist, dass der „Hobbit“ ein meisterhaftes Werk der Unterhaltungsliteratur war und ist, das Leser jedes Alters zu fesseln weiß. Ich habe die Probe aufs Exempel gemacht und den „Hobbit“ nach mehr als einem Vierteljahrhundert noch einmal zu lesen. Dabei erlebte ich keinen nostalgischen Rücksturz in die eigene Vergangenheit, sondern ein neues aber wiederum ungetrübtes Leseereignis.

Interessante Nebensächlichkeiten

Der „Hobbit“ kann seinen Klassiker-Status in der deutschen Fassung jenseits der inhaltlichen Qualitäten durch die Übersetzung unterstreichen. Sie ist ein gutes Stück über die Translations-Stammeleien überlasteter, unterbezahlter und minderbegabter Wortklauber erhaben, mit denen wir Leser des Phantastischen heute oft abgefertigt werden. Natürlich liest sich der „Hobbit“ altmodisch; dies aber im besten Sinn dieses Wortes, denn schließlich erzählt Tolkien von lange vergangenen Zeiten.

Die heute auf dem deutschen Buchmarkt erhältlichen „Hobbit“-Ausgaben wurden von Wolfgang Krege übersetzt. In seinem Text haben gewisse Stellen nicht überlebt, und selbst Kreges Übersetzung wurde bereits (angeblich „behutsam“, wie man im Impressum jüngerer Ausgaben lesen kann) überarbeitet. Als ich den „Hobbit“ erstmals (übersetzt von Walter Scherf und in der zweiten Auflage von 1967) las, klang das Spottlied der Orks unter dem Nebelberg auf die gefangengenommenen Gefährten um Bilbo und Thorin Eichenschild noch so:

„Zisch! Zasch! Schneller und rasch!
Jammert und blökt – Stock auf den Arsch!
Rums, bums, weh wer sich drückt,
drunten besäuft sich der Kobold verrückt!“

Solch jugendverderblicher Unflat wurde in den pädagogisch bewegten Jahren nach 1970 selbstverständlich getilgt …

Die perfekte Brücke

P. S.: „Als Bilbo seine Augen öffnete, … konnte er [in den Höhlen der Orks] nichts finden, … und er hatte keine Ahnung, in welche Richtung [seine Gefährten] gelaufen waren. Auf gut Glück kroch er ein ordentliches Stück weiter, bis seine Hand plötzlich auf dem Boden des Stollens etwas liegen fand – etwas, das sich wie ein dünner Ring aus einem kalten Metall anfühlte. Und das war ein Wendepunkt in seinem Leben. Aber er wusste es nicht. Er steckte den Ring in seine Tasche, ohne sich Gedanken zu machen.“

Es hilft nichts; obwohl der „Hobbit“ wie gesagt als singuläres Werk bestehen kann, jagt einem Tolkiens Geschick, ihn nachträglich für den „Herrn der Ringe“ zu adaptieren, durchaus Schauder über den Rücken. Er wusste ganz genau, wo er anzuknüpfen hatte. (Man muss allerdings wissen, dass er die zitierte Episode in den 1940er Jahren noch einmal bearbeitete, weshalb sie nun besser zum „Ring“-Epos passt.) Aus den wenigen oben zitierten, so harmlos klingenden Sätzen erwuchs nicht nur eine Trilogie, sondern ein moderner Mythos, der längst unter Beweis gestellt hat, was Harry Potter & Co. noch schuldig bleiben müssen: den Status eines echten Klassikers, der über den Medienhype hinausgeht und sein Eigenleben wahren kann.

Autor

Es ist sinnlos, an dieser Stelle Biografisches über einen Autor wie J. R. R. Tolkien zu schreiben. Das Internet quillt über an einschlägigen Informationen, weshalb hier auf eine, allerdings informationsmächtige Quelle verwiesen wird.

Ebenfalls ausgespart bleiben an dieser Stelle die drei „Hobbit“-Filme, die zwischen 2012 und 2014 entstanden.

Taschenbuch: 333 Seiten
Originaltitel: The Hobbit, or There and Back Again (London : George Allen & Unwin Publishers Ltd. 1937)
Übersetzung: Wolfgang Krege
www.dtv.de

Taschenbuch: 397 S. [Alternativausgabe]
ISBN-13: 978-3-423-71566-9
www.dtv.de

Gebunden: 382 S.
ISBN-13: 978-3-608-93818-0
http://www.klett-cotta.de

E-Book: 3248 KB
ISBN-13: 978-3-608-10138-6
http://www.klett-cotta.de

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