Ragnar Kvam jr. – Im Schatten. Die Geschichte des Hjalmar Johansen

Biografie eines aus der Geschichte quasi getilgten Mannes, der zu den Entdecker-Pionieren der großen Nord- und Südpol-Expeditionen zählte, diesen Ruhm jedoch nicht vermitteln wollte oder konnte und ins Abseits gedrängt wurde. Die außerordentlich spannende Lebensgeschichte wirft einen objektiven Blick auf ‚Helden‘, die diese Rolle nicht selten an sich gerissen und dabei wenig Menschenfreundlichkeit bewiesen haben: Nichts ist spannender als die Realität!

Im Bann der Bewegung

Zu allen Zeiten gibt es sie: Männer (und Frauen), die zu gewissen Zeit Übermenschliches leisten, das sie nicht nur in die Medien, sondern sogar in die Geschichtsbücher bringt. Unter Entbehrungen scheinen sie aufzuleben, Qualen spornen sie an: So lange sie unterwegs sind, schätzen sie sich glücklich. Sie steigen auf hohe Berge, tauchen in tintigen Tiefen oder laufen durch Wüsten aus Sand und aus Eis. Sind sie dort jeweils als Erste gewesen, erinnert die Nachwelt sich ihrer mit besonderer Verehrung.

Weniger deutlich stellt sie sich dagegen die Frage, was diese Entdecker treiben, wenn sie nicht gerade die Natur bezwingen (oder von ihr bezwungen werden). Dies mit gutem Grund, denn wie sich immer wieder herausstellt, sind auch Helden nur Menschen. Vielleicht sind sie sogar noch menschlicher als ihre weniger auffälligen Zeitgenossen, schweben sie doch in besonderer Gefahr, an den Prüfsteinen des schnöden Alltagslebens zu scheitern. Hjalmar Johansen, tragische Hauptfigur der hier vorgestellten Biografie, ist ein Paradebeispiel, das diese These untermauert.

Das Stirnrunzeln beginnt schon mit der Frage, wer dieser Johansen eigentlich war: faktisch der dritte der ganz großen Polarforscher des frühen 20. Jahrhunderts, gleichauf mit Fridtjof Nansen (1861-1930) und Roald Amundsen (1872-1928). Die kennt freilich jede/r, der oder die im Schulklassenzimmer oder wenigstens bei „Wer wird Millionär?“ zwischendurch mal wach geworden ist: Nansen war Polarforscher, Seefahrer, Wissenschaftler, Universitätsprofessor, Politiker und Friedensnobelpreisträger (die Liste ist keineswegs vollständig), Amundsen sogar noch prominenter, nachdem er 1911 den dramatischen Wettlauf zum Südpol gewann, den sein britischer Konkurrent Robert Scott mit dem Leben bezahlen musste (was ihn aber NOCH berühmter als Amundsen werden ließ).

Nur fähig, nicht rücksichtslos genug

Und Johansen? Der war jedes Mal dabei, trug seinen Teil zur Entdeckung von Nord- UND Südpol bei, meist sogar noch viel, viel mehr, denn die genannten großen Männer wären ohne seine Hilfe wohl kaum so weit gekommen. Trotzdem ist er nur als Wasserträger für Nansen und Amundsen in die Geschichte eingegangen, durchaus gefeiert zwar und angesehen in seiner skandinavischen Heimat, aber selbst dort praktisch schon zu Lebzeiten vergessen, geschweige denn als Held von der ganzen Welt gerühmt wie seine beiden Gefährten, sondern in Einsamkeit, Suff und Elend gescheitert und schließlich mit einer Kugel im Kopf geendet.

Des Rätsels Lösung: Johansen war zu seinem Pech nur ein fabelhafter Eisläufer mit unglaublichen Steherqualitäten, aber leider keine Führergestalt, erfüllt von Furcht vor echter Verantwortung, ohne Geschick im Umgang mit der Presse, als Ehegatte, Vater und Familienernährer überfordert und vor allem ohne jenes Quäntchen Glück (gepaart mit Rücksichtslosigkeit), das nun einmal den Sieger auszeichnet in diesem Kampf, den wir Leben nennen. Dieses Glück winkt ganz sicher nicht nur dem Tüchtigen.

Was das in der Realität bedeutet, vermag Biograf Ragnar Kvam im genialen Anfangskapitel am Beispiel einer einzigen (aber womöglich der zentralen) Episode aus Johansens späteren Lebensjahren deutlich zu machen: Im September 1911 setzte Amundsen zum ersten Sturm auf den Südpol an. Diese Expedition war nicht nur schlecht vorbereitet und überhastet, ihr Leiter vor allem getrieben von der Furcht, nicht den Ruhm der Erstentdeckung einzuheimsen. Schlimmer noch: Als Sturm und Eis die Männer in die Flucht trieben, verlor Amundsen die Nerven und setzte sich ab, wobei er die Gefährten mehr oder weniger im Stich ließ. Hjalmar Johansen übernahm es, die Nachhut zu sichern, und er war es, der den schwächsten Nachzügler in seine Obhut nahm und mit schier übermenschlicher Kraft zurück ins Lager brachte. Dort beging er erneut jenen Fehler, der ihn zuvor schon mehrfach Kopf und Kragen gekostet hatte: Er konnte seinen Mund nicht halten, kritisierte, was er aus seiner Erfahrung heraus als falsch erkannte, und ließ dabei dem Vorgesetzten gegenüber jegliche Diplomatie vergessen. Gleich drei Todsünden, weil in dieser Welt – es sei ein weiteres Mal erwähnt – nun einmal nicht unbedingt die Fähigen, Souveränen, Lernwilligen das Sagen haben, sondern die Beißer, Bündnisstarken und Blender, denen indes EINE Gabe gemeinsam ist: Sie erkennen rasch, wer ihnen gefährlich werden kann – und schalten ihn (oder sie) aus.

Beiseitegeschoben, ausgeschaltet

Da stand er also nun auf dem Eis, der wackere Hjalmar, der gerade einem Menschen das Leben gerettet und dabei unnötige Qualen hatten leiden müssen. Der Lohn der guten Tat: Expeditionschef Amundsen schloss ihn vom Pol-Sturm aus. (Von den Gefährten setzte sich übrigens niemand für Johansen ein; nicht jene, die ihm insgeheim Recht gegeben hatten, und schon gar nicht der Unglückswurm, der ihm das Leben verdankte.) Das war aber war der Traum seines Lebens gewesen, nein, mehr noch: der Weg zurück ins eigene Leben, das er an der ‚Heimatfront‘ in Norwegen als Scherbenhaufen zurückgelassen hatte.

Es sollte durchaus noch schlimmer kommen: Kvams Schilderung, wie Amundsen systematisch eine Rufmordkampagne in Gang setzte, um Johansen zum Schweigen zu bringen, weil dieser zu viel wusste, das nicht zum Bild des ruhmreichen Polarheroen passte, ist in seiner sachlichen Knappheit erbarmungslos. Hier wurde ein dummer, ahnungsloser, armer Teufel buchstäblich gehetzt und zur Strecke gebracht. Den finalen Kopfschuss setzte sich das zu Grunde gerichtete Opfer im Januar 1913 selbst; Amundsens schlechtes Gewissen wurde im Nachruf offenbar, aber seine Promi-Reflexe funktionierten immer noch gut genug, die Episode um sein Versagen auf dem Eis für mehr als ein halbes Jahrhundert unterdrückt zu halten.

Nicht dass Kvam seinen Hjalmar Johansen als Engel auf Erden oder wenigstens reinen Toren verklären würde. Die Charakterschwächen dieses Mannes nennt er schonungslos beim Namen. Sein Scheitern wirkt allerdings umso ergreifender, weil „Im Schatten“ auch die Geschichte einer Selbstzerstörung ist. Kvam macht deutlich, dass Johansen nicht nur im Schatten von Nansen und Amundsen stand, sondern den Kern der Dunkelheit schon in sich trug. Die Polarreisen waren daher stets auch Flucht vor dem eigenen, schwachen Ich. Wenn sie gelang, wuchs Johansen über sich selbst hinaus. Die große „Fram“-Expedition von 1893/96, die als Schilderung den zweiten Hauptteil der Biografie bildet, vor allem aber ihre Fortsetzung nach der Rückkehr in die Zivilisation kann als Schlüssel zur Geschichte des unglücklichen „dritten Manns“ gewertet werden.

Klarer Blick auf lange verstellte Tatsachen

Nach einem Jahrhundert der Legenden und Lügen wischt Kvam die Spinnweben beiseite. Der überlebensgroße Nansen entpuppt sich als Mensch mit erheblichen persönlichen Defiziten, die sagenhafte Reise der „Fram“ als eher schlecht als recht vorbereitetes und durchgeführtes Unternehmen eines Mannes, der sich erheblich überschätzt hatte: nicht Johansen, sondern Nansen ist damit gemeint. Geradezu grotesk muten vor dem Hintergrund der neuen Fakten Nansens wahnwitzige Versuche an, den Nordpol in einer Art Himmelfahrtskommando zu erreichen. Während der später so gefeierte Entdecker dabei eine denkbar schlechte Figur machte, entwickelte sich sein Begleiter Johansen nicht nur zum ruhenden Pol, sondern zum rettenden Anker, der das Zwei-Mann-Grüppchen durch grauenhafte Strapazen brachte, die in einer mehr als zwölf Monate währenden Winterpause in einem eisigen, düsteren, stinkenden Loch auf dem ewigen Eis ihren bizarren Höhepunkt fanden.

Anders als Amundsen wusste Nansen freilich, was er dem Gefährten schuldig war: nichts weniger als sein Leben, und dafür zollte er ihm später mehrfach öffentliche Anerkennung. Freilich ließ er den Freund schließlich doch im Stich; wiederum traurig stimmende, aber ungemein fesselnde Passagen gelingen Kvam mit der Beschreibung des Umkehr-Prozesses, den Nansen und Johansen nach ihrer Rettung erfuhren: Unter Polarwölfen war Johansen der richtige Mann am rechten Ort gewesen, was der vornehme Nansen schließlich akzeptierte, aber unter Menschen traten sogleich wieder die alten Spielregeln in Kraft, die Johansen niemals zu beherrschen gelernt hatte. Während Nansen von Triumph zu Triumph eilte, blieb er daher erst zurück und letztlich auf der Strecke.

Wie sich aus dem bisher Gesagte wohl eindeutig schließen lässt, ist „Im Schatten“ eine außergewöhnlich gut gelungene, nicht nur lesenswerte, sondern in Form und Inhalt schier perfekte Biografie. Hervorzuheben sind Kvams Mut und sein Geschick, nicht an den Fakten zu kleben; er zieht sich nicht noch aus den dunkelsten Archivecken und breitet sie auf, bis sie schließlich zu Füßen des Lesers ein tückisches Fußnoten-Eisfeld bilden, das ihn bei der geringsten Unachtsamkeit in die Tiefen der Langeweile reißen kann. Kvam kennt hingegen die Pflicht des Historikers. Er wählt aus, wägt ab, gewichtet und kommt schließlich zu einem eigenen Urteil.

Kvams Schlussfolgerungen mag man sich nicht durchweg anschließen. Amundsen wird beispielsweise etwas zu eindeutig in die Schurkenrolle gedrängt, sein auch mit der Erfahrung des schicksalhaften September-Vorstoßes neu geplante und reibungslos realisierte Südpol-Expedition vom Verfasser mit offenkundigem Widerwillen gewürdigt. Dass auch Amundsens Stern schließlich verblasste und er ähnlich tragisch endete wie Johansen, findet Kvam hingegen nicht mehr erwähnenswert. Den Lektüregenuss trübt das nur unwesentlich. Er wird gesteigert durch eine Auswahl historischer Schwarzweiß-Fotos, die es erleichtern, sich buchstäblich ein Bild von dem Mann zu machen, an den hier endlich erinnert werden soll, wie es ihm gebührt: im Guten wie im Bösen und als Hjalmar Johansen, einen Menschen.

Taschenbuch: 335 Seiten
Originaltitel: Den tredje mann (Oslo : Gyldendal Norsk Forlag ASA 1997)
Übersetzung: Knut Krüger
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