Stephen Lawhead – Der König der Raben (Rabenkönig 1)

Die Rabenkönig-Trilogie:

„Hood – König der Raben“
„Scarlet – Herr der Wälder“
„Tuck“ (Januar 2009, US-Ausgabe)

Der amerikanische Autor Stephen Lawhead (* 1950) liebt das englische Mittelalter wie kein anderer. So zog er zu Recherche-Zwecken für seinen internationalen Durchbruch, die Pendragon-Saga, nach Oxford. Heute lebt Lawhead abwechselnd in England, Österreich und den USA.

Nach der Artuslegende und vielen Romanen um die keltische Mythologie wagt sich Lawhead an eine Neuinterpretation des Mythos von Robin Hood. Diese ist fundiert und überzeugend recherchiert. Es ist zweifelhaft, ob es „einen“ Robin Hood jemals gab. Es scheint sich eher um eine aus mehreren Räubern und Freiheitskämpfern entstandene Legende zu handeln. Der Mythos hat sich verselbständigt; im Nachwort erklärt Lawhead, welche Elemente früh dazukamen und welche später. Lady Marian und die Liebesgeschichte waren zum Beispiel erst sehr spät ein Thema, der böse Sheriff von Nottingham hingegen war fast von Anfang an dabei. Zu Beginn stopft sich Robin auch ausschließlich selbst die Taschen voll, keine Spur vom edlen Geächteten, der von den Reichen nimmt und den Armen gibt.

Der Konflikt zwischen Normannen und Angelsachsen nimmt stets viel Raum ein, und auch für Lawhead ist er das zentrale Motiv des Mythos: Sein Robin Hood ist ein Waliser Königssohn namens Bran ap Brychan. Sein Vater unterwirft sich widerstrebend und viel zu spät den siegreichen Eroberern. Einige Jahre nach der Schlacht von Hastings (1066) wird sein Königreich Elfael von König William Rufus (Wilhelm II., König von 1087-1100; er starb unter ungeklärten Umständen, von einem Pfeil getroffen, auf der Jagd) kurzerhand als Lehen an den Grafen Falkes de Braose vergeben. Dieser lauert König Brychan auf und tötet ihn mitsamt seinen Gefolgsleuten – bevor er sich dem König unterwerfen und sein eigenes Land einfordern beziehungsweise behalten kann. Nur der Krieger Iwan (Little John) kann entkommen und Bran warnen.

Anstelle des Sherwood Forest sind die Grenzmarken, die undurchdringlichen und kaum besiedelten Wälder von Wales, der Unterschlupf Brans. Auch zeitlich hat Lawhead seine Geschichte früher als üblich angesetzt. Seine Argumentation ist hier sehr überzeugend: In dieser Zeit wetteiferten normannische Adelige um die besten Brocken des gerade eroberten Lands; nicht nur der alteingesessene Adel und die Bevölkerung waren Gegner, man machte sich auch gegenseitig Konkurrenz und das Leben schwer.

Falkes de Braose ist ein von der Gnade seines Onkels abhängiger Emporkömmling, der sich kein Versagen leisten kann. Er muss Elfael auspressen, er soll mehrere Burgen und eine Stadt errichten, um weitere Landgewinne zu ermöglichen und das einmal gewonnene Land zu halten. Eine nahezu unmögliche Aufgabe – er lässt das Volk bluten und beutet es aus. Er entspricht am ehesten dem Sheriff von Nottingham, allerdings ist Lawhead hier differenzierter. Eine zweite Figur, Baron Neumarché, tritt an seine Seite, aber als Rivale. Neumarché verkörpert den anderen Typus des normannischen Eroberers. Er ist nicht brutal, einfältig und direkt wie Falkes, er ist intelligent und beliebt bei den Walisern. Was ihn wesentlich gefährlicher macht: Er spielt beide Seiten gegeneinander aus, nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Sogar Mérian, die Tochter eines an Elfael angrenzenden walisischen Fürsten, ist ihm nicht abgeneigt.

Bran selbst ist zuerst ratlos. Wie sollte er sein Land jemals zurückgewinnen? Er wollte auch niemals wirklich herrschen. Die alte Geschichtenerzählerin und Heilerin Angharad heilt ihn von seinen schweren Verletzungen und inspiriert ihn mit der Geschichte vom Rabenkönig zum Widerstand. Verkleidet als riesiger, schwarze Rabe jagt Bran den schwer bewaffneten normannischen Rittern abergläubische Angst ein und überfällt sie aus dem Hinterhalt mit den berüchtigten walisischen Langbögen. Bald ist man überzeugt, dass es in den Wäldern spukt. So kann seine kleine Schar auch die Geldkassette mit dem Lohn der Arbeiter de Braoses rauben, wodurch der verantwortliche Ritter Guy de Gisburne lächerlich gemacht wird und in Ungnade fällt.

Der „Rabenkönig“ hat bald genug erbeutet, um Elfael zurückzukaufen. 600 Mark wollte Bischof Ranulf (entspricht dem Erzbischof von Canterbury), um das rechtlich zweifelhafte Lehen wieder an Bran zu übertragen, doch nun fordert er 2000 … Bran erkennt, dass den Normannen nicht zu trauen ist und sie ihn auf ewig ausbeuten würden. Es kommt zum Eklat und er muss aus Lundein (London) flüchten. Dass er Baron Neumarché auch noch Mérian raubt, macht seine Lage nicht einfacher …

Hier endet der erste Band der Trilogie. Der zweite Band, im englischen Original „Scarlet“, liegt noch nicht übersetzt vor. Die Übersetzung von Rainer Schumacher ist vorzüglich, ebenso gelungen ist die Gestaltung des edlen Hardcovers mit Lesebändchen (dunkelgrüner Einband mit silbernen Lettern und einem Blatt als Zierde). Zahlreiche Illustrationen und ein hilfreiches Nachwort mit Karten und Anmerkungen zur Aussprache walisischer Namen runden das positive Bild ab.

Lawhead hat sich diesmal selbst übertroffen. Verschiedene Perspektiven sorgen für eine abwechslungsreiche und interessante Handlung. So kann man die Motivation der verschiedenen Charaktere wie de Braose, Neumarché oder Guy de Gisburne aus ihren Blickwinkel nachvollziehen. Die meisten Interpretationen Robin Hoods konzentrieren sich völlig auf seine Person, Lawhead hingegen erzählt vor einem breiteren und nachvollziehbareren historischen Hintergrund, der den Reiz seiner Version ausmacht. In dieser komplexeren Welt können seine starken Charaktere leben und überzeugen; trotz des bekannten Stoffes ist der Roman packend und unterhaltsam. Selbst wer meint, seinen Robin Hood zu kennen, sollte dieser Trilogie eine Chance geben. Wenn die Folgeromane halten, was der Auftakt verspricht, ist diese Trilogie ein Muss für jeden Freund historischer Romane.

Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
Auflage: 1 (15. Mai 2007)
www.stephenlawhead.com
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