Lerangis, Peter / Irving, Washington – Sleepy Hollow

Ichabod Crane, Constable bei der Polizei von New York City, hat sich in der kurzer Zeit seines Dienstes bereits viele Feinde unter seinen Vorgesetzten gemacht. Sie missbilligen den Eifer, mit dem der junge Mann dem Verbrechen „wissenschaftlich“ auf den Grund zu gehen pflegt, wo sie dem gesunden Menschenverstand, der eigenen Erfahrung und vor allem einem gerüttelten Maß an Misstrauen, Vorurteilen und Gleichgültigkeit den Vorzug geben. Im Winter des Jahres 1799 reißt Cranes oberstem Dienstherrn, dem Bürgermeister von New York, der Geduldsfaden. Er beschließt, Crane weit fort gen Norden in das kleine und einsam gelegene Dörfchen Sleepy Hollow zu schicken. Dort wurden binnen vierzehn Tagen drei brave Bürger zu Tode gebracht, indem man ihnen die Köpfe abschlug, die spurlos verschwunden sind. Crane soll den mysteriösen Fall lösen – und endlich den Wert seiner ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden und Instrumente unter Beweis stellen!

Eifrig macht sich Crane auf den Weg. Sleepy Hollow wird hauptsächlich von den Nachfahren niederländischer Siedler bewohnt. Baltus van Tassel, der reiche Gutsherr, der die Polizei zu Hilfe gerufen hat, bildet mit Bürgermeister Philipse, Notar Hardenbrook, Dr. Lancaster und Pfarrer Steenwyk das ebenso einflussreiche wie undurchsichtige Quintett, das in Sleepy Hollow den Ton angibt und sichtlich viel zu verbergen hat. Aber auch Lady van Tassel, die zweite Gattin des Gutsherrn, spinnt ihre eigenen Intrigen, in denen sich Ichabod Crane bald zu verfangen droht.

Der Städter hat es ohnehin nicht leicht in der Abgeschiedenheit von Sleepy Hollow. Die Menschen sind ihm fremd, der Fall bleibt ein Rätsel. Ein kopfloses Gespenst auf einem ebenfalls geisterhaften Streitross sei der Mörder, heißt es, was der nüchterne Ermittler jedoch nicht glauben mag. Er lässt die drei Opfer exhumieren und bringt dadurch die frommen (oder besser: scheinheiligen) Dörfler gegen sich auf. Als Crane dabei außerdem in Ohnmacht fällt, ist es um seinen Ruf endgültig geschehen. Freundliche Gefühle (und bald mehr) bringt ihm nur die blutjunge Katrina van Tassel, die Tochter des Gutsherrn und Stieftochter der Lady, entgegen.

Bald nach Cranes Ankunft in Sleepy Hollow schlägt der kopflose Reiter wieder zu. Crane muss die Erfahrung machen, dass ihm die Wissenschaft hier keine Hilfe bieten kann: Der Mörder ist tatsächlich ein Gespenst – der „Hesse“, ein Söldner, der seine Seele dem Teufel verkaufte und nun nach seinem Tode umgehen muss. Freilich findet Crane heraus, dass der furchtbare Reiter nicht aus freien Stücken mordet: Ein Mensch ist es, der über ihn gebietet, und die Spur führt nicht nur zurück in die Wirren des immer noch schwelenden amerikanischen Unabhängigkeitskrieges gegen das britische Mutterland, sondern auch mitten unter die Honoratioren von Sleepy Hollow …

„Sleepy Hollow“ – das ist in erster Linie ein Film des ebenso genialen wie versponnenen Regisseurs Tim Burton („Batman“, „Edward mit den Scherenhänden“, „Mars Attacks!“). Der gleichnamige Roman ist eher ein Abfallprodukt bzw. ein Modul der weltweiten Marketingstrategie, die heutzutage über das Merchandising oft mehr Geld einspielt als der Film, der die Werbewalze ins Rollen bringt. Da fügt sich das Engagement eines Autors, der sich bisher primär als Lohnschreiber nicht eben hervortat. Peter Lerangis ist verantwortlich für Werke wie „It Came from the Cafeteria“ und „Attack of the Killer Potatoes“, die ihm kaum einen vorderen Rang unter den Meistern des unheimlichen Romans sichern dürften.

„Sleepy Hollow“ hält sich denn auch sehr eng ans Drehbuch (was hier nicht von Nachteil ist) und hakt ansonsten brav und wenig inspiriert ab, was auf der Leinwand ungleich eindrucksvoller wirkt: „Sleepy Hollow“ ist ein Film, der von seinen Stimmungsbildern lebt, weniger von der Handlung, und das lässt sich mit der Feder kaum wiederholen. Dennoch liest sich „Sleepy Hollow“ flott und schnell – eine nette Feierabendlektüre an einem dunklen Wintertag.

Ein gutes Stück über das Mittelmaß hebt „Sleepy Hollow“ indes eine ausgezeichnete Idee, die der deutsche |Heyne|-Verlag wahrscheinlich vom Original übernommen hat: „Sleepy Hollow“ ist keine ureigene Schöpfung des Regisseurs und Drehbuchautors Tim Burton, sondern basiert auf einer Kurzgeschichte des Schriftstellers Washington Irving (1783-1859), die sich ebenfalls im vorliegenden Band findet. „Die Legende vom Schläfrigen Tal“ ist Teil des „Skizzenbuchs des ehrenwerten Geoffrey Crayon“ (1817/19) und ging in den amerikanischen Sagenschatz ein. Irving selbst gehört zu den frühen Meistern der Kurzgeschichte; eine Literaturform, die sich Anfang des 19. Jahrhunderts erst allmählich in ihrer modernen Form auszuprägen begann.

Die Möglichkeit, Original und Neufassung direkt vergleichen zu können, ist äußerst reizvoll. Freilich spricht die Tatsache für sich, dass Irvings beinahe zwei Jahrhunderte alte Vorlage dabei den Sieg davon trägt. Ebenso klar werden die Veränderungen, welche die Geschichte auf ihrem Weg ins Kino genommen hat: Irvings Ichabod Crane überlebt seine Begegnung mit dem kopflosen Reiter womöglich nicht, geschweige denn, dass er die schöne Katrina ehelicht. Ein solches Ende ist natürlich nicht nach Hollywoods Geschmack, besonders wenn diese beiden Figuren von Stars wie Johnny Depp und Christina Ricci verkörpert werden!