Jack London- Südseegeschichten: Die Perle & Der Walzahn

Nicht so idyllischer Ausflug in die Südsee

In seinen bekannten Südseegeschichten aus dem Jahr 1911 stellt Jack London den weißen Mann den Eingeborenen gegenüber. Zunächst geht es um eine Perle von außergewöhnlicher Schönheit und von hohem Wert, doch im Mittelpunkt steht das Wüten der Urgewalt eines Hurrikans. In der zweiten Geschichte will ein weißer Missionar die Bergstämme der Hauptinsel des Fidschi-Archipels bekehren. Allerdings missachtet er ein paar Vorsichtsmaßnahmen. Ob ihm sein Gottvertrauen da helfen kann?

Der Autor

Jack London ist wohl einer der bekanntesten Autoren von Abenteuerliteratur überhaupt. Er wurde in San Francisco am 12.1.1876 als John Griffith Chaney geboren, unehelicher Sohn des Journalisten William Chaney. Doch seine Mutter Flora Wellman heiratet noch im selben Jahr den Soldaten John London und zieht nach Oakland. Mit vierzehn verlässt er sein Zuhause und arbeitet unter unmenschlichen Bedingungen in einer Konservenfabrik. Er wird Sozialist und begibt sich auf Abenteuerreisen. Jeder Ansatz, eine bürgerliche Existenz zu gründen, scheitert.

1899 erscheint Londons erste Kurzgeschichte, was den Beginn einer steilen Schriftstellerkarriere bedeutet. London schreibt über 50 Bücher sowie zahllose Kurzgeschichten und Artikel mit großer Bandbreite. Er stirbt mit 40 am 22.11.1916 auf seiner Ranch in Glen Ellen, Kalifornien, vermutlich an alkoholbedingtem Nierenversagen, obwohl lange Zeit von Selbstmord die Rede war.

Der Sprecher/Die Inszenierung

Matthias Haase, geboren 1957, wurde an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Hannover ausgebildet, unter anderem am Klavier und am Cello sowie als Bariton. Neben Engagements am Schauspiel Köln sowie in Düsseldorf war er in zahlreichen Rollen in Film und Fernsehen zu sehen, unter anderem in „Atemnot“, „Heinrich Heine“, „Ein Bayer auf Rügen“, „Notaufnahme“, „SOKO Köln“ und „Verbotene Liebe“. Er hat bereits in rund 300 Hörspiel- und Hörbuchproduktionen mitgewirkt, so zum Beispiel in Hauptrollen in „Herr der Ringe“, „Das Foucaultsche Pendel“ und „Die Stadt der Blinden“. Sein Vortrag ist mit Geräuschen und Musik untermalt.

Regie führte die Übersetzerin Daniela Wakonigg, die Tontechnik und Musikeinspielungen steuerte Peter Harrsch.

Handlung von „Die Perle“

Der Eingeborene Mapuhi hat auf dem Atoll Hikueru eine außergewöhnliche schöne und wertvolle Perle gefunden. Die weißen Händler, darunter der junge Alexandre Raoul, sind sehr interessiert. Aber Mapuhi und seine Familie wollen kein Geld für die Perle, sondern ein Haus, das er ganz genau beschreibt. Das ist leider eine Währung, mit der die Händler nichts anfangen können.

Während der Verhandlungen um die Perle braut sich ein Hurrikan zusammen. Während sich zwei der Händler noch auf ihre Schiffe retten können, bleibt Alexandre Raoul auf dem Atoll, denn er sieht, dass es bereits zu spät für ein Entkommen ist, auch per Schiff. Der Hurrikan erschüttert das kleine, flache Atoll mit unbeschreiblicher Gewalt. Selbst Menschen, die sich an Bäume festgebunden haben, werden davongeweht. Jetzt geht es für jeden nur noch ums nackte Überleben.

Doch die Geschichte findet ein Happy-End, auch wenn es noch so unwahrscheinlich ist.

Mein Eindruck

Zunächst scheint es in der Geschichte um materielle Werte zu gehen, wie das Feilschen um die große Perle nahelegt, doch es stellt sich heraus, dass die Werte der Eingeborenen nicht auf Geld abzielen, sondern auf ein eigenes Heim für die Familie. All die „Werte“, die die Weißen scheffeln, gehen nämlich unter der Gewalt des Hurrikans flöten, und übrig bleibt nur Mapuhis Familie, die er mit Müh und Not rettet. Dass auch seine Mutter überlebt, grenzt an ein Wunder. Doch wo ist die Perle? (Keine Sorge: Sie taucht noch auf.) Die menschliche Seite des Geschehens ist durchaus bewegend, und der Autor arbeitet das, worauf es ankommt, sauber heraus.

Das Anhören dieses Vortrags ist selbst ein kleines Abenteuer (im bequemen Sessel), denn zunehmend fegt der Wind durch die Lautsprecher, rauschen die Wellen immer lauter, bis der Orkan heult und pfeift. Da ertönt auf einmal ein merkwürdiger Klang, der so gar nicht zum Wüten der Elemente passt: Sphärenklänge, die von seltener Harmonie und Schönheit sind. Bildet sich Alexandre Raoul dies nur ein, oder gibt es das wirklich? Andere Schriftsteller wie Joseph Conrad oder Karl May berichten ebenfalls davon.

Handlung von „Der Walzahn“

Die Fidschi-Inseln sind erst vor kurzem von Missionaren zum Christentum bekehrt worden. Vielfach frönt man aber noch der Tradition, seine Feinde zu verspeisen, ganz besonders in den Bergen der Hauptinsel. Außerdem betreiben sie die Vielweiberei, vielfach aus wirtschaftlichen Gründen, wie sie sagen. Eines Tages beschließt daher der Missionar John Starhurst, auch die Bergregion zum christlichen Glauben zu bekehren. Darüber sind die Häuptlinge nicht sonderlich glücklich, denn eines ist klar: Wenn der Weiße stirbt, wird es Krieg geben.

Doch Starhurst lässt sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. Er übersieht auch, dass es Brauch ist, einem Häuptling zur Begrüßung einen geschnitzten Walzahn aus Elfenbein zu schenken, der sehr wertvoll ist. Dies unternimmt sein hinterhältiger Bekannter Ravatu, der seinen Vetter hinter Starhurst Boot herschickt, um die Häuptlinge mit dem Walzahn zu bestechen. Der so Beschenkte, das will die Tradition, muss dem Schenker eine Bitte erfüllen.

Nachdem es dem Vetter nicht gelungen ist, die Häuptlinge zu bestechen, die Starhurst schon besucht hat, überholt er den Missionar, und wird beim Buli der Bergfestung Gatoga vorstellig. Nachdem der Buli den schönen und wertvollen Walzahn angenommen hat, zeigt sich hier, was Ravatu wirklich im Schilde führt: Er bittet lediglich um die Stiefel des weißen Mannes – mit dessen Füßen darin.

Mein Eindruck

Die Geschichte wird eingeleitet von einem idyllisch klingenden Stückchen Folkmusik aus dem Fidschi-Archipel. Fast meint man, die verführerischen Mädels tanzen zu sehen. Doch dann erzählt der Autor etwas von Kannibalismus, Grabsteinen und Polygamie. Das wirkt wie eine kalte Dusche. Kein Wunder, dass sich die Missionare angespornt fühlen, mit diesen Unsitten aufzuräumen. Doch die Führer der Insulaner geben nur vor, Starhursts Lehren Glauben zu schenken, insgeheim aber hintertreiben sie sein Bemühen.

Sehr packend ist Starhursts Showdown mit dem Buli von Gatoga, der da mit seiner Kriegskeule nur darauf wartet, ihm den Schädel einzuschlagen. Denn der Buli hat ja den Walzahn angenommen und ist somit verpflichtet, der Bitte der Überbringers nachzukommen. Das hat der Missionar völlig außer Acht gelassen.

Besonders aufbauend endet die Story daher nicht, und auch die Tonkulisse ist nicht besonders unterhaltsam: Sie besteht entweder aus Dorfgeräuschen wie Bellen, Gackern und Rufen oder aus dem üblichen Klangwirrwarr in einem Dschungel. Das ist mit den Effekten in „Die Perle“ überhaupt nicht zu vergleichen. Allerdings gibt es einen tonalen Schwerpunkt: Jedes Mal, wenn der Missionar auftritt, ertönt ein Trompetensolo, das von einer Kirchenorgel untermalt wird. Die Orgel schwillt in der Lautstärke an, als ob Jehova selbst vor uns stünde.

Der Sprecher/Die Inszenierung

Matthias Haase kann seine Stimme flexibel einsetzen, so dass er in der Lage ist, jedem Sprecher eine individuelle Charakteristik zu verleihen. Dadurch ist es dem Hörer möglich, die Figur von anderen zu unterscheiden. Der Einarmige in „Die Perle“ ist sofort als intriganter Ränkeschmied erkennbar, weil er mehr raunt als spricht und seine Informationen stets mit der Bitte um Tabak preisgibt. Mapuhi ist mehr die ehrliche Haut, aber er ist nicht besonders helle, wenn es darum geht, seine Wünsche durchzusetzen.

In „Der Walzahn“ sind nur Starhurst und der Buli die wichtigen Sprecher. Der Weiße redet schier mit Engelszungen und im Brustton der Überzeugung, der Buli hingegen lehnt alle Argumente mit mürrischer Eintönigkeit ab, mit einer sehr tiefen Stimme. Am Ende erklingt wie zum Hohn wieder die idyllische Volksmusik der Fidschis.

Unterm Strich

Während uns die erste Geschichte in eine Südsee-Idylle entführt, die von einem Hurrikan heimgesucht wird, unternehmen wir in der zweiten eine Expedition mit einem christlichen Missionar, der ein unrühmliches Ende findet. Von den beiden hat mir die erste weitaus besser gefallen, sowohl durch die Stimmen als auch durch die akustische Untermalung. Beide Erzählungen führen vor Augen (und Ohren), wie fremdartig seinerzeit noch die Südsee war und wie gefährlich die Begegnung des weißen Mannes mit diesen Regionen.

Das professionell gemachte Hörbuch lohnt sich zur Erholung und Ablenkung zwischendurch, bevor man sich wieder auf größere Projekte stürzt. Mit zehn Euro ist es nicht zu teuer.

Originaltitel: Southsea Tales, 1908 und 1911
Aus dem US-Englischen übersetzt von Daniela Wakonigg
76 Minuten auf 1 CD
Besprochene Auflage: Dezember 2005
www.stimmbuch.de

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