Margolin, Phillip M. – Hand des Dr. Cardoni, Die

Er ist ein echter Widerling, dieser Dr. Vincent Cardoni. Als Chirurg am St. Francis Medical Center in Portland, Oregon, schurigelt er seine Untergebenen. Die Kunstfehlerchen häufen sich, denn der Chirurg hat ein Kokainproblem. Seine schöne Frau, die Assistenzärztin Justine Castle, hat die Scheidung eingereicht, die schmutzig und teuer zu werden verspricht. Außerdem gibt es da womöglich Kontakte zum Drogengangster Martin Breach, dessen Gegner spurlos zu verschwinden pflegen.

Besagter Breach steigt gerade in den illegalen Organhandel ein. Er kauft und verkauft Herzen, Nieren und andere Innereien, deren ursprüngliche Besitzer sich womöglich nicht freiwillig davon trennen wollten. Gerade ist so ein Geschäft geplatzt, wofür Breach Cardoni verantwortlich macht. Der Arzt ahnt nichts von der Gefahr, die ihm durch den rachsüchtigen Gangster entsteht, denn ihn plagen ganz andere Sorgen: Auf dem Grundstück einer abgelegenen Waldhütte, die angeblich ihm gehört, wurden neun verstümmelte Leichen gefunden – offenbar mit Hilfe chirurgischer Instrumente teils zu Tode gefoltert, teils ausgeweidet.

Cardoni beteuert seine Unschuld und heuert als Anwalt den berühmten Frank Jaffe an. Diesem wird seit kurzem von seiner jungen, schönen (etc.) und ehrgeizigen Tochter Amanda assistiert. Mit der schleimigen Trickfertigkeit vorzüglich entlohnter US-Rechtsverdreher gelingt es dem Vater-Tochter-Team tatsächlich, der Polizei gravierende Verfahrensfehler nachzuweisen. Cardoni kommt frei – und vom Regen in die Traufe.

Ist er tatsächlich der Mörder, der jetzt womöglich weitermacht? Besonders Amanda macht dies zu schaffen. Ihre Ermittlungen deuten eine mögliche Schuld der gar nicht so redlichen Ex-Gattin Cardonis an. Amanda und ihr neuer Freund, der junge Arzt Tony Fiori – ein Kollege Dr. Castles – beschatten die Verdächtige und behalten auch Cardoni im Auge. Doch dieser verschwindet – nicht ganz spurlos, denn Amanda findet seine abgetrennte Hand …

Die Zusammenfassung macht es bereits deutlich: Originalität ist nicht gerade das Pfund, mit dem diese Story wuchern könnte. Stattdessen haben wir es mit einem durchschnittlichen Thriller zu tun, der seine grundsätzlich solide Geschichte ziemlich ungeschickt verkauft (und mit einem abstoßenden, die Selbstjustiz feiernden, zudem bei Quentin Tarantino „entliehenen“ Schlussgag ausklingt).

Denn Margolin ist durchaus in der Lage, Spannung und Atmosphäre zu erzeugen. Auch ein zu langsames Tempo kann man ihm nicht vorwerfen. Deshalb verzeihen wir ihm, dass er uns eigentlich nur alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen möchte. Sadist killt in Serie, dieses Mal als Arzt, was stets funktioniert, weil uns alle kalte Schauder erfassen, wenn wir uns OP-Tisch und Skalpell vorstellen. Um auf Nummer Sicher zu gehen, konstruiert Margolin einen zweiten Handlungsstrang um einen brutalen Gangster, der zwar „nur“ geschäftsmäßig, aber mindestens genauso eklig mordet.

Vordergründigkeiten à la Kopf im Kühlschrank verfehlen auch nie ihre Wirkung, das laute Gekreisch soll verbergen, dass die Story mächtig über tief ausgefahrene Geleise rattert. Manchmal wird sie allerdings unvermittelt umgeleitet – und dann ist man unwillkürlich gefesselt. Margolin rüttelt gern an den Grundfesten des Plots. Verdächtige werden zu Opfern, Opfer zu Mördern, Mörder zu Marsmenschen … Es ist alles möglich, und manchmal schafft es Margolin sogar, auf dem schmalen Grat zwischen Überraschung und Übertreibung zu balancieren. Bemerkenswert ist es beispielsweise, dass es nach US-Gesetz offenbar möglich ist, als Serienmörder vor Gericht freizukommen, wenn die Beweise für das blutige Tun nicht vorschriftsmäßig erbracht wurden; sie werden dann höchstrichterlich für nichtig erklärt. Kann (oder will) man das glauben? Immerhin fällt uns dies leichter als sich vorgaukeln zu lassen, der untergetauchte Verbrecher könne sich chirurgisch so „umbauen“ lassen, dass sich seine schändlichen Spiele am Schauplatz früherer Übeltaten und unter den Augen ehemaliger Kollegen und Freunde ungestört fortsetzen lassen … (Dies wird nicht der letzte Sturz ins logisch Leere bleiben.)

Eindeutig der Schwachpunkt dieses Romans – die Figurenzeichnung. Was heißt Schwachpunkt: Margolin versetzt seiner gar nicht unflotten Geschichte fast den Todesstoß, indem er sie ausschließlich mit oberflächlichen Pappkameraden besetzt. Man fasst sich bei der Lektüre an den Kopf, weil man es gar nicht glauben kann, dass sich der Autor eine Dreistigkeit dieses Ausmaßes tatsächlich traut. Da treten also alle Hoffungsträger des modernen Thrillers in einem Buch versammelt auf: der taffe Anwalt, der rettungswütige Arzt, die schöne Unschuld, die verdächtige Schöne, der hartnäckige Cop, der degenerierte Gangster, der psychopathische Serienmetzler … Es gibt für sie kein Entrinnen, sie sind an ihre Rollen gebunden, die sie bis zum allerletzten Klischee durchspielen müssen.

Für den europäischen Leser kommt erschwerend hinzu, dass er (und sie) sich nicht recht am Bild des US-Anwalts als Helden erfreuen kann. Viele Seiten füllt Margolin (der selbst Anwalt war) mit salbungsvollen Vorträgen Frank Jaffes, dass es schließlich der Job eines Strafverteidigers sei, seine Klientin freizubekommen. Die Frage der Unschuld ist für ihn sekundär; er hofft aber immerhin, nicht den einen oder anderen Serienmörder oder Kinderschänder wieder auf die Welt losgelassen zu haben …

Töchterchen Amanda, die weibliche Hauptrolle, agiert so naiv, dass man schreien möchte. Sie schlägt sich mit diversen Reiches-Mädchen-will-selbstständig-werden-Problemchen herum, will ein noch schärferer Justiz-Hund als Papi werden und sucht natürlich nebenbei nach Mr. Right. Dass sich genau der scheinbar gefundene Prinz als der wahre Täter erweist, vermag nur Amanda zu verblüffen; selbst der nicht besonders aufmerksame Leser hat das schon circa auf Seite 100 herausgefunden, so auffällig bemüht sich Margolin, ihn unverdächtig wirken zu lassen.

Es wird besser nach dem Zeitsprung über vier Jahre, der den zweiten Teil des Romans einleitet. Möglicherweise wollte Margolin seine Amanda einem Reifeprozess unterziehen. Weil sein schriftstellerisches Talent nun einmal beschränkt ist, muss er dabei halt mit dem Quast und nicht mit der Feder arbeiten. Das betrifft, wie weiter oben skizziert, ebenso das übrige Personal. Der Mörder ist übrigens fast nur Gaststar in seiner Geschichte. Von seinen grausigen Taten hören wir nur indirekt. Ein kluger Schachzug, der die Vorstellungskraft unheilvoll stimuliert – wäre da nicht der Verdacht, dass Margolin auch hier kühl kalkuliert: Offene Folter- und Metzelszenen könnten nämlich die Mainstream-Leserschaft verstören und vom Kauf abhalten. Das gilt auch für Hollywood, das sich womöglich für „Die Hand des Dr. Cardoni“ interessieren könnte, denn Margolin hat sein Bestes getan, alle Elemente eines Drehbuchs für einen potenziellen Blockbuster zusammenzutragen …

Phillip M. Margolin wurde 1944 in New York geboren. Nach dem College studierte er Jura in Washington und New York. Zwischenzeitlich ging er für zwei Jahre mit dem Friedenscorps der Vereinigten Staaten nach Monrovia. Der studentischen Puppenhülle entschlüpft, zog Margolin nach Oregon und eröffnete eine Anwaltskanzlei. Hier spezialisierte er sich als Strafverteidiger auf Mordfälle und war damit (nach US-Maßstäben) anscheinend recht erfolgreich.

Seit den späten 1970er Jahren verfolgte Margolin seine schriftstellerischen Ambitionen. Nach einigen Jahren zeichneten sich solche Erfolge ab, dass er sich ab 1996 ganz dem Schreiben widmete. Margolins Romane haben Stammplätze auf den US-Bestsellerlisten. Sein unbedingter Wille, es allen Recht zu machen, wird dabei keine geringe Rolle spielen.

Phillip M. Margolin lebt mit Frau und zwei Kindern in Portland, Oregon.

Homepage des Autors: http://www.phillipmargolin.com/

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