Morgan, Richard – Unsterblichkeitsprogramm, Das

Ein neuer Stern leuchtet am Himmel der Cyberpunk-Literatur: Richard Morgan synthetisiert in seinem Debüt-Roman den guten alten Cyberpunk im Stile William Gibsons mit einer Detektivgeschichte, die aus der Feder Raymond Chandlers stammen könnte, zu einem exzellenten Cyberkrimi. „Das Unsterblichkeitsprogramm“ (Originaltitel: „Altered Carbon“, 2002) wurde mit dem |Phillip K. Dick Award| für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet.

Im 26sten Jahrhundert – die Menschheit hat sich über die Galaxien ausgebreitet und ferne Planeten kolonialisiert – hat die Wissenschaft erreicht, was Religionen nur in Aussicht stellen konnten: |das ewige Leben|.

Die Informationstechnik ist an ihrem Höhepunkt angelangt – sie ist in der Lage, das menschliche Bewusstsein in einer Datenbank zu speichern und zu jeder Zeit in einen beliebigen Körper – |Sleeve| genannt – herunterzuladen. Ein |kortikaler Stack|, der im Nacken platziert und an das zentrale Nervensystem angeschlossen ist, fungiert dabei als Speichermedium. Mit dieser Technologie ist der Tod nicht mehr als ein düsterer Schatten vergangener Epochen. Oder doch?
Solange der |kortikale Stack| im Todesfall intakt bleibt, kann jedes Bewusstsein wieder in die Datenbank geladen und zu einem späteren Zeitpunkt |resleevt| werden. Wird der Stack jedoch beschädigt oder gar zerstört, so tritt der |Reale Tod| ein und die Existenz der betreffenden Person ist unwiderruflich beendet. Nur die wenigsten Menschen – jene, welche über das nötige Kleingeld und das entsprechende Maß an Macht verfügen – können sich eine permanente externe Speicherung in einer privaten Datenbank leisten. Sie sind die |Meths| – die Methusalem – deren subjektives Leben Jahrhunderte währt. Je nachdem, in welchen Abständen ein |Meth| sein Bewusstsein extern speichert, verliert er bei einem realen Todesfall nur einige wenige Tage seiner Erinnerungen …

Hier beginnt unsere Geschichte. Laurens Bancroft, ein Meth, dessen subjektives Leben bereits dreieinhalb Jahrhunderte andauert, wird tot in seiner Villa aufgefunden – neben ihm liegt seine eigene Waffe. Sein Kopf und mit diesem der kortikale Stack sind völlig zerstört. Die Abteilung für |organische Defekte| der Polizei von Bay City ermittelt jedoch nur oberflächlich und legt den Fall nach kürzester Zeit zu den Akten – Selbstmord.
Für Bancroft, der umgehend resleevt wird, scheint dieser Tatbestand unvorstellbar, weiß er doch um seine externe Speicherung – doch die einzige Person, die außer ihm Zugang zu seinen Waffen hatte, ist die Frau, mit der er seit hundertfünfzig Jahren verheiratet ist. In der festen Überzeugung, dass weder seine Frau noch er selbst diese Tat begangen haben, heuert er den Privatdetektiv Takeshi Kovacs an, um die Arbeit der Polizei zu einen befriedigenden Ende zu bringen und den wahren Täter zu ermitteln. Genauer gesagt holt Bancroft ihn dank seiner ausgezeichneten Beziehungen aus der Einlagerung in Kanagawa, hundertsechsundachtzig Lichtjahre von der Erde entfernt, wo Kovacs, dessen letzter Auftrag mit seinem Ableben endete, in der Einlagerung verweilt und eine weit über hundertjährige Strafe verbüßt. Der Vertrag läuft zunächst auf wenige Wochen, beinhaltet jedoch bei erfolgreichem Abschluss die Annulierung der restlichen Einlagerungsstrafe, einen Rücktransfer auf seinen Heimatplaneten – Harlans Welt – in einen Sleeve seiner Wahl und eine Gutschrift von 100.000 UN-Dollar. Widerwillig nimmt Takeshi Kovacs die Ermittlungen auf …

Richard Morgan (* 1965 in Norwich, England) studierte Englisch und Geschichte in Cambridge und arbeitete danach lange Zeit als Englischlehrer an der |Strathclyde University| in Glasgow. Sein Erstlingswerk schrieb er neben seiner Lehrtätigkeit, an den Abenden und Wochenenden. Ein Leben als Vollzeit-Autor kam für ihn damals noch nicht in Betracht, war er doch fast 15 Jahre Lehrer und mit seinem Job durchaus zufrieden. Auf die Frage, wann und warum er zu schreiben begann, antwortete Richard Morgan in einem Interview für das „Crowsnest SF e-magazine“: |“Ich denke, ich hatte die gleiche Motivation, wie Asimov – Ich schrieb, weil ich gerne las und ich wollte meine eigenen Geschichten für mich selbst verfassen. Das ist etwas, das bis in meine Kindheit zurückgeht. Ich kann mich nicht an eine Zeit erinnern, in der ich nicht irgendwas geschrieben habe. (…)“|
Heute verdient Richard Morgan sein Geld ausschließlich als freier Schriftsteller. Leider liegen von den beiden letzten Romanen noch keine deutschen Übersetzungen vor. 2003 erschien „Broken Angels“, der zweite Roman um Takeshi Kovacs und im Frühjahr dieses Jahres „Market Forces“, ein Globalisierungsthriller, der sich jedoch nicht mit den Abenteuern unseres Protagonisten befasst. In der Enstehung befindet sich derzeit der dritte Takeshi-Kovacs-Roman.

Doch nun zurück zum Debütroman …

Richard Morgan beschreibt diesen Roman in einem Satz als |“eine beeindruckend brutale Tragödie über das Wesen der Macht und wie sich zukünftige Technologie darauf auswirken mag.“|

Die düstere und weitestgehend pessimistische Zukunftsvision, die Richard Morgan in dieser Geschichte zeichnet, reflektiert durchaus seine eigene Weltanschauung. Eine |best-case|-Zukunft zu entwerfen, ergibt für ihn keinen Sinn, da ein Blick in die Vergangenheit beweist, dass die Menschheit nicht im Stande scheint, aus irgendeiner Situation das Beste zu machen. So gesehen ist die Welt, in der Kovacs lebt, allerdings kein |worst-case|-Szenario, sondern schlicht eine Extrapolation des derzeitigen menschlichen Strebens.

Wenige Jahrhunderte humanitären Denkens stehen gegenüber den Aeonen, in denen unsere Rasse ihren animalischen Trieben freien Lauf gelassen hat. Anstatt jedoch diesen geistigen Wandlungsprozess voranzutreiben und die immer komplexeren sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhänge zu hinterfragen, flüchten sich viele in die – seit langem obsoleten – Gefilde des |das-geht-mich-doch-nichts-an|-Denkens und laufen mit Scheuklappen durch unsere Welt. Zudem hat uns die Technologie in den letzten hundert Jahren mit ihrer rasanten Entwicklung in die Lage versetzt, unsere Zivilisation mitsamt der menschlichen Rasse zu unterjochen oder gar zu vernichten. In seinem Roman nimmt sich Richard Morgan einer möglichen Entwicklung unserer heutigen Welt an:

Daten sind – wie auch heute – eines der wichtigsten Handelsgüter. Doch die Technologie ist noch einen Schritt weiter; sie ist im Stande, selbst den Menschen (das |Humankapital|) in Bits und Bytes zu speichern und reduziert ihn somit nun auch physisch auf seinen reinen Datengehalt – ein Großteil der Menschheit verkommt ergo zu einer handelbaren Ware von meist minderem Wert. Nur die wenigsten Menschen sind unabhängig und vermögend genug, um diese |technischen Meisterleistungen| nach freiem Willen nutzen zu können.

Diese wenigen Menschen, die Meths, haben beinahe unbeschränkten Zugriff auf die Angebotspalette der Sleeves – selbst die Körper anderer Menschen sind für sie nicht unantastbar. Die Versuchung ist groß, kann doch nun jegliche Handlung – auch ein Verbrechen – in einem Körper verübt werden, dessen registrierter Besitzer vorübergehend in einer privaten Datenbank oder einer Virtuellen Realität verweilt, ohne sich dieses Umstandes unmittelbar bewusst zu sein. Das perfekte Verbrechen?

Wegen der ermöglichten Unsterblichkeit ist ein Wechsel in den Führungspositionen von Politik und Wirtschaft auf natürlichem Wege undenkbar. Daraus folgt, dass sich für die Meths im Laufe der Jahrhunderte die Wahrnehmung der Welt verändert; sie wird zu einem Spielplatz, auf dem mit immer neuen perfiden Manipulationen der Umwelt und der Menschen dem eigenen Degenerationsprozess Einhalt geboten werden soll – das Leben muss doch schließlich noch etwas zu bieten haben. Doch welche Möglichkeiten ergeben sich, um Menschen zu kontrollieren oder zu quälen?

„Ein meisterhaftes Beispiel für einen Cyberkrimi … Der letzte Debütroman, der ähnlich aufregend war, dürfte William Gibsons |“Neuromancer“| gewesen sein.“ (Zeitschrift |Phantastisch|)

Normalerweise halte ich nichts von derartigen Vergleichen, muss in diesem speziellen Falle jedoch zustimmen – beinahe 20 Jahre nach dem „Neuromancer“ erblickt ein Roman das Licht des deutschen Buchhandels, der eine ähnlich düstere Zukunftsvision ausmalt wie Gibsons Erstlingswerk dereinst. Dabei nimmt Morgan den Faden von einer der Informationstechnologie unterworfenen Welt auf und spinnt ihn ein weiteres halbes Jahrtausend in die Zukunft. Während es im „Neuromancer“ noch einzigartig war, dass ein Daten-Cowboy von einer KI digitalisiert und in einem Computerkonstrukt gespeichert wird, ist es fünfhundert Jahre später völlig normal. Dadurch ergeben sich viele neue Möglichkeiten, den gesellschaftlichen Abstieg der menschlichen Zivilisation weiterzudenken.

Neben dieser thematischen Kohärenz der beiden Romane kommen noch zwei weitere Faktoren hinzu – wie einst |Case| im „Neuromancer“, so nimmt uns auch Takeshi Kovacs mit auf eine atemberaubende Reise in eine Welt der Mächtigen und der Ausgestoßenen. Beide Protagonisten gehörten einmal zum Besten, was der |Abschaum der Menschheit| hervorgebracht hat, bis sie, vom System fallen gelassen, ganz nach unten stürzten. Bevor jedoch ihr Ruf in den Nebeln der Zeit vollends verblasst, werden sie vom Schicksal wieder empor gerissen und bekommen eine zweite Chance. Nun könnte der geneigte Leser ob dieser vielen Parallelen dem Irr-Glauben verfallen, Takeshi Kovacs sei nur eine futuristische Kopie von Case – vielmehr drängt sich jedoch die Vermutung auf, dass der Archetyp des Anti-Helden prädestiniert dazu ist, die Misere derer zu verdeutlichen, die entweder wegen ihrer niederen Abstammung oder aber durch vermeintliche Fehler im System dazu verdammt sind, täglich um ihre Existenz zu kämpfen. Im Gegensatz dazu verblasst das Geschrei der Mächtigen zum Gezänk kleiner Kinder, die sich im Sandkasten um eine Schaufel streiten.

Als Drittes fesselt und hypnotisiert „Das Unsterblichkeitsprogramm“ seine Leser ebenso wie damals der Urvater des Cyberpunk. Die erstklassig extrapolierte Technik, die düstere und kantige Erzählweise, welche das Leben am Bodensatz der Gesellschaft wunderbar widerspiegelt, wie auch die durch Sex und Gewalt dargestellten animalischen Triebe, die allen Gesellschaftsschichten immanent sind, verleihen dem Roman den betörenden |neuromantischen| Flair.

Wer sich bis heute noch immer der Illusion der Massenmedien hingibt und sich in einer nahezu |heilen Welt| wähnt, für den wird dieser Roman eine rein fiktive Geschichte beherbergen, die jeglicher gesellschaftskritischen Grundlage entbehrt. Jenen unter euch, die ihren Blick vor der Misere des sozialen Wandels und der fortschreitenden Degeneration unserer Gesellschaft jedoch nicht verschließen, mag dieser Roman in überzeichneter Form eine Welt offenbaren, die aus der unseren durchaus hervorgehen könnte.

Viel Spaß beim Lesen.

_Quellen:_
[Interview für Crowsnest SF e-magazine]http://www.computercrowsnest.com/sfnews/newsd0202.htm
[Interview für Infinity+ e-magazine]http://www.infinityplus.co.uk/nonfiction/intrm.htm