Paasilinna, Arto – Nördlich des Weltuntergangs

_Asterix lebt: Kleinbonum liegt am Polarkreis_

Eine globale Krise erschüttert die Welt. Das Wohl der Menschheit ist bedroht – überall! Wirklich überall? Nein, in einem kleinen Dorf – nein, nicht in Gallien, sondern in Nordfinnland freuen sich ein paar lustige Finnen ihres Lebens und bleiben von allen Katastrophen wie etwa dem Dritten Weltkrieg verschont. Aber warum? (abgewandelte Verlagsinfo)

_Der Autor_

Der 1942 geborene Lappe Arto Paasilinna hat bisher nahezu vierzig Bücher veröffentlicht, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde, u. a. in Frankreich und Italien. Einige davon wurden bereits verfilmt. Paasilinnas Spezialität ist die humorvolle Parodie, die bestimmte Charakterzüge der Finnen und umgebenden Völkerschaften ironisch thematisiert.

Erschienen sind bisher:

– Der heulende Müller
– Die Giftköchin
– Der Sohn des Donnergottes
– Im Wald der gehenkten Füchse
– Der Sommer der lachenden Kühe
– Das Jahr des Hasen
– Die Rache des glücklichen Mannes
– Der wunderbare Massenselbstmord
– Nördlich des Weltuntergangs
– [Vorstandssitzung im Paradies]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=637
– [Im Jenseits ist die Hölle los]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=640

_Handlung_

Alles beginnt damit, dass der alte Asser Toropainen, der alte Kirchenbrandstifter, im Sterben liegt und einen letzten Wunsch hat. Und dieser Wunsch ist ziemlich merkwürdig für einen ehemaligen Sozi: Er möchte, dass sein Geld in eine Stiftung eingebracht wird, mit der man eine Kirche errichten soll. Aus dem Brandstifter ist ein Kirchenstifter geworden? Die Leute, die ihn kennen, fassen sich an den Kopf. Doch Assers Enkel Eemeli verspricht dem Sterbenden, seinen letzten Wunsch zu erfüllen.

Gesagt, getan. Eemeli findet in den hinterletzten Wäldern Finnlands, wo noch Wölfe umherstreifen, einen wunderschönen See, auf dessen Steilufer er eine Kirche zu errichten beschließt. Nachdem er das Vorbild ausgewählt, die Handwerker zusammengeholt und die Baugenehmigung beantragt hat, legt er schon mal los mit dem Bauen.

Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Die Baubehörde verweigert die Genehmigung mit der Begründung, nicht jeder könne einfach so mir nichts dir nichts eine Kirche in die Botanik stellen. Was würde da die Amtskirche dazu sagen? Doch Eemelis Bau ist schon zu weit gediehen, als dass er willens wäre, sich seine Konstruktion wieder abreißen zu lassen. Und so gibt es gegen den Widerstand der Baubehörde, der Polizei und des Pfarrers ein schönes Richtfest. Prost!

Es findet sich sogar eine streitbare weibliche Feldgeistliche, die dem Bischof und seinen chauvinistischen Schergen ordentlich Kontra gibt. Um die Kirche sammeln sich immer mehr Leute, siedeln sich an, bringen sich ein, sogar eine Kolonie der Grünen entsteht, die – wie könnte es anders sein – „Grünberg“ heißt. Nach einer Weile sieht sich Eemeli sogar gezwungen, eine „Partisanentruppe“ unter dem Kommando eines alten Veteranen aufzustellen, um russischen und anderen Eindringlingen Einhalt zu gebieten. Eemelis Weizen blüht.

Doch die größten Prüfungen stehen der kleinen Kolonie Ukonjärvi erst noch bevor. Denn erst geht Europa vor die Hunde, dann der Rest der Welt. Der Kampf um die letzten Öl- und Nahrungsreserven mündet in den Dritten Weltkrieg: exakt 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten. In dessen Verlauf stürzt sogar ein arabischer (!) Bomber mit einer H-Bombe an Bord unweit von Ukonjärvi ab. Die Bombe lässt sich auf beschwerliche Weise entfernen und halbwegs sicher deponieren, doch als an Ukonjärvis Grenzen ein Frauenkreuzzug mit rund 40.000 Frauen und Kinder und Alten auftaucht, trägt die Erwähnung der H-Bombe dazu bei, die drohende Invasion abzulenken. Statt der Männer des kleinen Ukonjärvi werden auf Anraten Eemelis die Männer des ausgedehnten Ostbottniens im Süden beglückt.

Als der mehrjährige Krieg vorbei ist, wird das Ausmaß der Verwüstungen erkennbar. Der mittlerweile achtzigjährige Eemeli braucht eine Herzoperation, doch die Zustände im Gesundheitswesen des fernen Helsinki sind so niederschmetternd, dass er lieber das Angebot seines Feldarztes Seppo Sorjonen annimmt. Der hat auch inzwischen an einem zugelaufenen Braunbären seine Technik der Herzchirurgie vervollkommnet und nimmt sich nur allzu gern seines Freundes an.

_Mein Eindruck_

Nein, Ukonjärvi ist nicht Kleinbonum, und es tritt auch kein Julius Caesar auf, der seine Legionen gegen die Palisaden des letzten freien Dorfes in Gallien, pardon: Finnland führt. Das ist auch gar nicht nötig, denn Ukonjärvi hat nie seine Unabhängigkeit von Finnland erklärt. Allein seine unglaublich abgeschiedene Lage im äußersten Nordosten des Landes, kurz vor der russischen Grenze, schützt es vor allzu zudringlichen Zugriffen der finnischen Staatsgewalt.

Dass es mit dieser Zentralgewalt nicht mehr allzu weit her ist, wird sukzessive an deren hilflosen Aktionen demonstriert. Da ist natürlich erst einmal der Vertreter der Amtskirche. Er wird schnell als armes Würstchen und williger Erfüllungsgehilfe der Regierungsbehörden entlarvt. Ja, am Schluss wird die Amtskirche als ebenso volksverdummend bloßgestellt wie die Zensurbehörden: Nein, der große Komet, der da schnurstracks auf die Erde zufliegt, sei nur eine Sinnestäuschung und die Leute hätten keinerlei Anlass zur Panik. Ukonjärvi weiß es besser und bereitet sich vor.

Wo aber die Parallele zum „Gallischen Krieg“ und den Asterix-Comics stimmt, das ist der Widerstand gegen eine europäische Zentralgewalt, die von den Bedürfnissen ihrer äußeren Provinzen, namentlich Ukonjärvi, keinen blassen Schimmer hat. Das muss Eemeli, als er das Post-War-Helsinki besucht, am eigenen Leib erfahren. Eemeli ist unser Asterix, der sich mit finnischem Starrsinn gegen die sinnlosen Erlasse aus Brüssel, Helsinki und irgendwelchen Provinzstädtchen zur Wehr setzt. Er weiß eben, was gut für ihn und seine braven Mitbürger ist, beraten von Taina, seiner loyalen Gattin, und der braven Feldgeistlichen.

Dass es den Nachkriegsrussen mit ihrer eigenen Bürokratie kein Deut besser geht, muss der ausgesandte Spion Severi Horttanainen erfahren. Ebenso wie das unglückliche New York City ist auch St. Petersburg in seinem eigenen Müll erstickt und ersoffen – die Newa musste sich einen neuen Durchfluss suchen. Spionierend irrt Severi in der fast völlig verlassenen Stadt umher, bis er die berühmte Peter-und-Paul-Festung erreicht, wo einst die Staatsfeinde der Bolschewisten etc. eingebuchtet wurden. Da er weder Papiere noch einen glaubwürdigen Grund für seine Anwesenheit vorweisen kann, steckt man ihn kurzerhand in die Zellen zu den anderen armen Irren. Nur mit viel Glück gelingt es dem fast Achtzigjährigen zu überleben und zu entkommen, um seine Geschichte in Ukonjärvi zu erzählen.

Der Autor benutzt alle Tricks in seiner Kiste, um die Chronik Ukonjärvis als strahlendes Gegenbeispiel zur Europäischen Union aufzubauen. In Brüssel herrschen bürokratische Inkompetenz, in Ukonjärvi Bürgersinn, lokales Know-how und Unternehmergeist – mit 80 unternimmt Eemeli noch eine Expedition! Und das alles wegen einer illegal gebauten Kirche und einer Stiftung.

Eemeli und Co. sind nicht ohne Fehl und Tadel, sicher. Dass Ukonjärvi gerne auch einmal dem Alkohol zuspricht und die Gesetzgebung und Rechtsprechung auf seine unkonventionelle Art erledigt, geht jedoch für den Autor völlig in Ordnung. Hier, janz weit draußen, hat das Leben offenbar andere Gesetze. Und diese sichern Ukonjärvi das Überleben. Ja, ganz am Schluss wird dieses Kunststück sogar noch belohnt – dem Kometen sei Dank.

Was der Autor schon im Jahr 1992 mit seinem Buch fertigbringt, ist eine humorvolle, aber offenbar ernst gemeinte Kritik an einem möglichen EU-Beitritt seines Landes. Dass es sich um eine Satire pro EU-Beitritt handeln könnte, wird dadurch widerlegt, dass Ukonjärvi nicht als Hort von Schildbürgern dargestellt wird, sondern als Insel der Vernunft in einem Meer des Wahnsinns. QED: Während im Rest der Welt der Atomkrieg tobt, herrschen in Ukonjärvi eitel Friede und relativer Wohlstand. Weder H-Bombe noch Komet können dieser Insel etwas anhaben. Hauptsache, die Sauna funktioniert.

|Schwächen|

Warum der deutsche Verlag diese EU-Kritik NACH dem EU-Beitritt Finnlands veröffentlichte, bleibt ein Rätsel. Aber: There’s no business like showbusiness. Und so lässt sich auch dieser unterhaltsame Roman als „skurriler Spaß“ verkaufen. Das Problem mit dem Roman liegt ganz woanders: Er hat keine Handlung. Schließlich erzählt hier der Autor als Chronist verschiedene Begebenheiten im Leben seiner Helden. Ein Drama in fünf Akten lässt sich daraus ebenso wenig stricken wie eine Komödie in drei Akten. Eine Soap-Opera kommt der Struktur schon näher: Eine Episode reiht sich an die nächste, und ab und zu wird die Zeit auch mal gerafft. Spannend ist lediglich die Frage in jeder Episode, ob die Probe, auf die Ukonjärvis Existenz diesmal gestellt wird, bestanden wird. Das kann ja auch ganz nett sein.

|Die Übersetzung|

Die Übertragung ins Deutsche war sicher nicht einfach, denn es finden sich doch unwahrscheinlich viele antiquierte Ausdrücke aus der Jagd, Landwirtschaft und Fischerei, sodass die Übersetzerin wohl erst eine Weile nach den deutschen Fachausdrücken suchen musste. Ich weiß selbst jetzt noch nicht, was eine Trampe und eine Simme sind. Immerhin hab ich schon gelernt, was man unter Stubben und Schwenden versteht. Es findet sich keine einzige Fußnote im Buch, die solche Ausdrücke erläutern würde.

Gleiches gilt auch für die zahlreichen Insiderwitze. Diese sind nur für eingeborene Finnen zu verstehen, ganz besonders, wenn sie aus den Gegend des erfundenen Ukonjärvi stammen. Hier geht der Witz beim deutschen Leser ins Leere, und das ist weniger schön. Die Übersetzerin hätte sich die Mühe machen sollen, die Pointe per Fußnote zu erklären. Gut möglich, dass uns so eine weitere Bedeutungsebene vorenthalten worden ist.

_Unterm Strich_

Eine Chronik über den finnischen Asterix kann auch ganz lustig sein, beweist dieser Roman aus dem Jahr 1992. Die Hauptstadt der europäischen Bürokratie füllt die Rolle des alten Roms unter Cäsar mustergültig aus, mit sämtlichen Narreteien und tragischen Folgen. Doch Ukonjärvi, das finnische Kleinbonum, überlebt und wehrt alle Anfechtungen souverän mit gesundem Menschenverstand ab. Auch andere Geheimwaffen gelangen zum Einsatz, als da wären Schinken, Kräuterschnaps und Sauna, massenhaft Sauna (schließlich verfügt jedes achtbare Haus über eine).

Aber auch die Burgmentalität liegt den Bewohnern Ukonjärvis nicht im Blut: Sie unternehmen Expeditionen, Rettungs- und Bergungsaktionen, nehmen Bedürftige auf und gründen eine Kolonie. Sicher, die Invasion von 40.000 indischen und pakistanischen Frauen und Kindern muss abgewehrt werden, aber hey, dafür haben andere Männer etwas davon, oder?

Hätte der Roman einen anderen Aufbau als den einer Chronik, so wäre er noch einmal so spannend und unterhaltsam. So aber lässt sich die Lektüre der Episoden jederzeit und für unbegrenzte Zeit unterbrechen, ohne allzuviel an Unterhaltungswert einzubüßen. Seinen eigentlichen und vielleicht sogar geheimen Zweck hat das Buch nicht erfüllt: den EU-Beitritt Finnlands zu verhindern. Macht nix. Dafür haben wir heute fast alle Nokia-Handys.

|Originaltitel: Maailman Paras Kylä, 1992
Aus dem Finnischen übersetzt von Regine Pirschel|