Patrick Ness & Siobhan Dowd – Sieben Minuten nach Mitternacht

Das Monster der inneren Heilung

Das Monster erscheint sieben Minuten nach Mitternacht. Aber das jagt Conor keine Angst ein. Was er eigentlich fürchtet, ist jener monströse Albtraum, der ihn jede Nacht quält, seit seine Mutter so schwer krank ist. Das wilde und weise Monster aber wird Conor in seinen Albtraum begleiten und ihm das Gefährlichste überhaupt abverlangen: die ganze Wahrheit hinter seinem Schmerz! (Verlagsinfo)

Die Verfilmung des 2011 veröffentlichten Romans läuft derzeit in unseren Kinos. Wer an Guillermo del Toros Film „Pans Labyrinth“ denkt, liegt genau richtig.

Die Autoren

1) Patrick Ness (* 17. Oktober 1971 in Alexandria, Virginia) ist ein amerikanisch-britischer Journalist und Schriftsteller. Sein literarisches Werk umfasst sieben Romane und verschiedene Kurzgeschichten. Ness’ im deutschsprachigen Raum bekanntester Roman, „A Monster Calls“ (2011, deutsch Sieben Minuten nach Mitternacht, 2011), wurde von der New York Times gelobt. (Wikipedia) Ness lebt in London. 2011 verarbeitete Patrick Ness mit dem Roman Sieben Minuten nach Mitternacht eine unvollendete Romanidee Dowds. Beide hatten sich nie getroffen, verfügten jedoch über den gleichen Herausgeber.

2) Siobhan Dowd [ʃəˈvɔːn] (* 4. Februar 1960 in London; † 21. August 2007 in Oxford) war eine irisch-britische Schriftstellerin. Siobhan Dowd ging in London auf eine katholische Schule und studierte in Oxford, wo sie mit ihrem Mann Geoff bis zu ihrem Tod lebte. Sie arbeitete als Redakteurin bei PEN International und als freischaffende Autorin. 2006 veröffentlichte sie ihren viel gelobten Debütroman „Ein reiner Schrei“ (A Swift Pure Cry). Nach drei Jahren Krankheit starb Dowd im August 2007 mit 47 Jahren an Brustkrebs.

3) Jim Kay studierte Illustration und arbeitete an schließend für die Archive der Tate Gallery in London. Heute lebt er in Northamptonshire/England und arbeitet als freier Illustrator.

Handlung

Jede Nacht hat der 13-jährige Conor den gleichen Albtraum: Die Welt wankt, er fällt, und dann, an der Klippe – doch dieses Ende will er nicht wahrhaben und auch niemandem verraten. Den Alptraum hat er vielleicht, weil seine geliebte Mutter schwerkrank ist. Die Behandlungen gegen ihre Krebserkrankung schlagen weniger gut an als erhofft, so dass die ungeliebte Großmutter das Regiment im Hause übernimmt – und ihn schließlich bei sich aufnimmt – mit schweren Folgen. Conors Vater lebt in Amerika mit seiner neuen Familie.

Aber nicht nur die Großmutter greift entschieden in das Leben des Jungen ein, sondern auch ein mächtiges Monster, das sich aus der Eibe auf dem nahe gelegenen Friedhof zu entwickeln scheint. Zuverlässig um sieben Minuten nach Mitternacht taucht es auf, und wenn Conor zweifelt, es können nicht real sein, hinterlässt es Eibennadeln und Eibenbeeren und einmal sprießt sogar ein gerade kleiner Baum mitten aus dem Boden seines Zimmers.

Es behauptet, er, Connor, habe es gerufen, aber wozu soll es nütze sein? Da erzählt ihm das gewachsene Monster, das sich den Grünen Mann nennt, die Geschichte vom Alchemisten und dem Pfarrer. Der Alchemist, vom Pfarrer verachtet, weiß, wie man aus den Bestandteilen einer Eibe heilende Arzneien herstellt. Doch seine Bitte, die Eibe des Pfarrers nutzen zu dürfen, wird von diesem abgelehnt – zumindest solange, wie die beiden Töchter des Pfarrers noch nicht krank genug sind, um bald sicher zu sterben. Als der Pfarrer schließlich seinen Glauben (oder Unglauben) aufgibt, ist es der Alchemist, der ablehnt. Die Töchter sterben, doch es ist nicht das Haus des Alchemisten, das das Monster in der Eibe zu Kleinholz zertrümmert…

Conor soll nach dem Willen des Monsters noch zwei weitere Geschichten hören, doch die vierte soll er selbst erzählen. Und selbstverständlich hat sie wahr zu sein. Doch wie könnte Conor die Wahrheit über seinen Alptraum erzählen?

Auch in der Schule erscheint das Monster genau sieben Minuten nach 12 Uhr, meist dann, wenn Conor von dem Schul-Champion Harry und dessen Kumpanen gemobbt wird. Nur seine Jugendfreundin Lily, die die Nachricht über die Krankheit seiner Mutter an alle verraten hat, hält noch zu ihm. Doch zunehmend scheint sich eine Sphäre der Unnahbarkeit um Conor zu bilden, eine Aura, die ihn unsichtbar macht. Er muss herausfinden, wie er sichtbar machen kann – und dazu braucht er die Hilfe des Monsters…

Mein Eindruck

Der Autor erzählt in einem Gewebe aus Wirklichkeit und Phantasie die Geschichte eines Trauerprozesses in all seinen fünf Stationen. Conor muss sie alle durchlaufen: von Kummer, Verzweiflung, Wut, dem Wunsch, dass es doch endlich so weit wäre, und von Scham darüber, dies zu denken. Nach einem sehr schmerzhaften Prozess, zu dem ihn das Monster zwingt, gelingt es ihm, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und das ANDERE Monster abzuwehren. Endlich ist er bereit, die verlangte vierte Geschichte zu erzählen – oder an seinem Versagen zugrundezugehen.

Die aus alten irischen Mythen und Sagen entliehene Figur des Monsters geht bis auf die frühesten keltischen Mythen zurück, vielleicht sogar auf jungsteinzeitliche: Das Monster ist der Gott der Natur des Landes – der Grüne Mann, der geweihtragende Gott Cernunnos, der Anführer der Wilden Jagd. Mit ihm ist gewiss nicht zu spaßen, aber andererseits vermittelt er Conor die einzige Hoffnung, die ihm noch bleibt – und er befreit sein Innerstes.

Das problematischste Kapitel ist sicherlich jenes über Zerstörung. „Sie tut so gut“, versichert das Monster. Und als Conor in einem Wutanfall das Wohnzimmer seiner Großmutter, einer pedantischen Immobilienmaklerin, zu Kleinholz zerlegt, fühlt es sich einfach großartig an. Bis dann das Erwachen folgt und die Reue. Die Reaktion der Großmutter ist bemerkenswert: Aus ihrem tiefsten Inneren bricht sich ein grässliches Stöhnen bahnt, dem ein derart unmenschlicher Schrei folgt, dass sich Conor die Ohren zuhält. Dann wirft sie auch noch den letzten aufrechtstehenden Schrank um. Die Zerstörung ist perfekt. Die Vergangenheit ist ausgelöscht. Erst nach der tabula rasa kann der Neuanfang folgen.

Die Übersetzung

Die Übertragung dieser vielschichtigen Geschichte war sicherlich nicht einfach, aber es ist der Ton, der die Musik macht. Hier ist kein Adjektiv zuviel, kein Komma deplatziert, kein Dialog dumm. In meinem Leseexemplar wurden sogar überflüssige Zeilen am Ende eines Kapitels gestrichen, um die Wirkung des Gesagten zu erhöhen.

Die Illustrationen von Jim Kay bilden mit der Geschichte eine untrennbare Einheit. In ihrer Düsternis sind sie der dunklen Erscheinung des Monsters angemessen. Aber es gibt auch viele kleine Zeichnung, die zum Text passen, etwa von einem Falken oder einer Krähe.

Den besonderen dreidimensionalen Effekt erzielen die Bilder durch eine moderne Art der Scherenschnitttechnik und dem starken Kontrast zwischen Schwarz und Weiß: vorne steht häufig eine Figur, im Hintergrund eine Landschaft oder ein Haus. Nur die verfremdeten Wiedergaben von modernen Gebäuden wie der Schule und dem Krankenhaus sind in uneindeutiges Grau verschoben, als wären sie nicht wirklich. Es würde mich sehr interessieren, wie diese Ästhetik in der aktuellen Verfilmung (ab 4.5.2017) aussieht.

Unterm Strich

Das Monster in Connors Nächten „ist eine überzeugende Metapher für das Unfassbare des Todes, für Endlichkeit, für die alte Frage nach dem Guten und nach dem Bösen“, wie die Jury des Deutschen Jugendpreises 2012 urteilte. „Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist demnach „ein poetischer und kraftvoller Roman, der dem kindlichen Leser eine wichtige Geschichte über das Leben erzählt – und über dessen Ende.“

Für mich wirkte der Erkenntnis- und Trauerprozess, den Conor durchläuft, mitunter wie eine psychoanalytische Sitzungsreihe. Das Monster steckt ja in Conor selbst, folglich muss es einem Zweck dienen. Doch Conor irrt, wen es heilen soll – nicht seine todgeweihte Mutter (die unschwer als Siobhan Dowd zuerkennen ist, da sie die Vorlage für Ness lieferte), sondern ihn selbst!

Besonders gefiel mir die Identität des Monsters mit Cernunnos und dem grünen Mann. In der Verdrängung dieser Naturgottheit hat der Mensch die größte Sünde auf sich geladen: „Nun lebt er nicht mehr mit der Erde, sondern auf ihr“, sagt das Monster und verbreitet damit die ökologische Botschaft einer wichtigen Autorin. Die Figur des verachteten Alchemisten entspricht der einer Kräuterhexe.

Was von der katholischen Kirche einst verfemt und verbrannt wurde (auch Männer konnten Hexen sein), ist in der 2. Geschichte des Monsters die letzte Zuflucht des gläubigen Pfarrers, nämlich die zum kräuter- und heilkundigen Naturkenner. Diese „Märchen“ sind nicht lustig, sondern lehrreich.

Darin ähneln diese Geschichten jenen gegen den Strich gebürsteten Märchenfiguren in John Connollys Jugendbuch „Das Land der verlorenen Dinge“, in dem ein kleiner Junge seine verlorene Mutter sucht. Soweit ist Conor noch nicht: Er ahnt, dass sie sterben wird. Es ist sein Ringen um die Akzeptanz des Unausweichlichen, das diesen Roman weit über den Durchschnitt der Jugendbücher hinaushebt – und den Leser tief anrührt.

Taschenbuch: 224 Seiten
Info: A Monster Calls, 2011
Aus dem Englischen von Bettina Abarbarnell, illustriert von Jim Kay
www.randomhouse.de/Verlag/Goldmann

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