Rice, Anne – Blackwood Farm

Band neun der nun schon Jahrzehnte umspannenden „Chronik der Vampire“ von Anne Rice halte ich in den Händen. Bereits 2002 in Amerika erschienen und nun auch endlich auf Deutsch erhältlich, wird „Blackwood Farm“ im Klappentext als „einer der besten Romane von Anne Rice“ gepriesen. Anne Rices florierende Buchproduktion ließ in den letzten Jahren qualitativ stark zu wünschen übrig – ewig das Gleiche, war man als Leser versucht zu denken. Da lassen die Vorschusslorbeeren für „Blackwood Farm“ zumindest aufhorchen. Frisch und faszinierend sei das Buch, was den langjährigen Fan ihrer Romane hoffen lässt, da die letzten Teile ihrer Reihe, [„Merrick“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=59 und „Blut und Gold“, an Spannung und Handlung kaum etwas vorzuweisen hatten.

Wer jetzt aber davon ausgeht, dass Anne Rice in ihrem neuesten Werk auf alte Tugenden zurückgreift, der liegt falsch. Weder wird ergründet, wie sich die Ereignisse aus „Merrick“ auf Louis ausgewirkt haben, noch ist unser aller liebster Vampir Lestat der Protagonist der Geschichte. Er kommt marginal in der Rahmenhandlung vor, darf sich väterlich geben und scheint auf seine alten Jahre gutmütig und leutselig geworden zu sein.

Denn eigentlich hatte er New Orleans zu seinem Gebiet erklärt und angedroht, Vampire, die sich dorthin trauen, gnadenlos zu vernichten. Quinn Blackwood, seines Zeichens frischgebackener Untoter, wagt es trotzdem. Für ihn ist Lestat nämlich so etwas wie der Guru der Vampire, was dazu führt, dass er bei ihrer ersten Begegnung ein ziemlich nervtötendes Fanverhalten an den Tag legt. Er hat alle Bücher Lestats gelesen und weiß über die Geschichte der Entstehung der Vampire bestens Bescheid. Der erste Vampir soll nämlich entstanden sein, als ein blutdurstiger Geist in die tödlichen Wunden eines ägyptischen Herrscherpaares eingedrungen war. Das stellt Quinn vor ein gefährliches Problem: Seit frühester Jugend nämlich begleitet ihn ein Doppelgänger in Form des Geistes Goblin. Seit Quinn zum Vampir geworden ist, hat sich auch Goblin verändert. Nachdem Quinn seinen Durst gestillt hat, wird er mit schöner Regelmäßigkeit von Goblin attackiert, der sich seinen Anteil der Blutmahlzeit abholt. Von Mal zu Mal erscheint Goblin stärker und Quinn plagen nun Ängste, ob sich durch Goblin eine neue Rasse von Vampiren entwickeln könnte.

Also wendet er sich an jemanden, der sich damit auskennt: Lestat soll ihm helfen, Goblin zu vernichten, um so eine Gefahr für Mensch und Vampir zu vermeiden. Doch anstatt Quinn zu vernichten, wie Lestat angekündigt hatte, nimmt er ihn unter seine Fittiche, führt mit ihm bedeutungsschwangere Gespräche, freundet sich mit dessen hochbetagter Tante Queen an und gesteht Quinn schlussendlich ziemlich abrupt seine Liebe.

Um Lestat nun genau zu erklären, was es mit diesem Geist auf sich hat, holt Quinn reichlich weit aus, klärt Lestat (und den Leser) zunächst über die komplette Familiengeschichte der Blackwoods auf und ergeht sich dann über mehrere hundert Seiten darin, sein junges Leben Revue passieren zu lassen.

Aufgewachsen ist Klein-Quinn als Einzelkind zwischen lauter Erwachsenen. Diese machten sich also zunächst keine Gedanken über den dazugehörigen Geist Goblin, da sie annahmen, es handle sich um einen eingebildeten Freund. Als steinreicher Erbe von Blackwood Farm entwickelt sich Quinn bald zu einem exzentrischen, egomanischen und geradezu unerträglich naiven jungen Mann. Mehrere Lehrer werden verschlissen, um ihm eine humanistische Bildung angedeihen zu lassen, die obligatorische Grand Tour durch Europa folgt, als er 18 Jahre alt ist und ebenfalls in diesem Alter entbrennt seine Liebe zur kleinen Mona Mayfair, obwohl er einen Tag zuvor noch davon überzeugt war, schwul zu sein. Ganz in der Tradition verklärter Romanzen, packt Quinn seine Liebeserklärungen in schwülstige Worte, versichert immer wieder, Mona heiraten zu wollen und verschwendet nun keine Gedanken mehr an Homosexualität (denn vorher hat er auch schon mal mit Geist Goblin unter der Dusche heiße Sexspielchen getrieben).

Eine gewisse Dynamik kommt in die Geschichte, als Quinn anfängt, das Familiengeheimnis um Sugar Devil Island aufzudecken, auf dem ein altes Haus steht, das offenbar immer noch bewohnt ist. Bei all seinen Besuchen findet er gelesene Taschenbücher vor, Asche im Ofen und – O Wunder! – eine goldgefasste Gruft. Der erfahrene Anne-Rice-Leser weiß nun, was Quinn erst noch schmerzlich erfahren muss; denn natürlich handelt es sich bei dem geheimnisvollen Bewohner des Eilands um einen Vampir.

Die Bewohnerin der Einsiedelei, Petronia – eine Figur ganz nach dem Riceschen Ideal eines Vampirs -, findet Gefallen am jungen Blackwood und fängt an, ihn zu bedrohen und mit ihm zu spielen. Der Ausgang der Geschichte ist klar – Quinn endet als Vampir.

Nach Quinns ausführlicher Biographie werden die letzten fünfzig Seiten noch darauf verwendet, das Geheimnis um seinen Geist zu lösen, diesen unschädlich zu machen und Mona von ihrer geheimnisvollen Krankheit zu heilen. Wo Anne Rice in Quinns Biographie weit ausgeholt und jedes Detail geradezu obsessiv beschrieben hat, wird die eigentlich viel spannendere Rahmenhandlung um Lestat, Quinn und den Geist wie eine unliebsame Aufgabe auf einer Mindestanzahl von Seiten abgehandelt.

„Blood refreshed for Rice“ (Denver Post) oder „a completely fresh story“ (Booklist) tönte die Fachpresse vor der Veröffentlichung in den USA. Und tatsächlich liest sich „Blackwood Farm“ aus verschiedenen Gründen unterhaltsamer als die zwei Vorgänger. Wenn Rice in „Merrick“ noch unerreichbare Dschungellandschaften beschrieb und in „Blut und Gold“ ins alte Rom eintauchte, so sieht sie in ihrem neuesten Roman ein, dass sie nur über ihr Bekanntes auch überzeugend schreiben kann. Die Darstellungen von New Orleans und vor allem dem magischen Blackwood Farm, das nicht nur ein Hort für Geister, sondern auch ein Symbol für Dinge wie Heimat, Geborgenheit und Familie ist, sind so bildlich, dass man sich als Leser förmlich in die Landschaft der Sümpfe um New Orleans versetzt fühlt. Dieses Talent lässt sichtbar nach, wenn sie sich aus dem Umkreis von New Orleans entfernt. Schon Reisen nach New York oder gar nach Italien wirken ungefähr so lebendig wie die Beschreibungen aus einem Reiseführer.

Ein weiterer Vorteil ist ihre Entscheidung, die Geschichte komplett in der Gegenwart anzusiedeln. So werden die Geschehnisse um Quinn Blackwood für den Leser erfahrbarer und es ergibt sich die Möglichkeit, Charaktere aus ihren beiden großen Serien, nämlich der „Chronik der Vampire“ und den „Mayfair“-Romanen miteinander zu verknüpfen. Wirkte dieser Versuch eines Crossovers in „Merrick“ bemüht und wenig durch die Geschichte determiniert, so erscheint es hier nur logisch, beide Familien zusammenzuführen und in einem Roman zu verweben.

Allerdings erreicht „Blackwood Farm“ lange nicht die Qualität ihrer ersten Bücher, vor allem [„Interview mit einem Vampir“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=68 und „Der Fürst der Finsternis“. In den letzten Jahren darauf verfallen, nur noch Vampir-Biographien zu verfassen, verfährt sie auch hier wie gehabt nach Schema F: Man nehme eine kurze Rahmenhandlung, setze zwei Vampire an einen Tisch und bringe einen von ihnen dazu, seine gesamte Lebensgeschichte zu rekurrieren. Vampir Nummer zwei ist zum Schweigen verurteilt, bis auf den höchstens letzten fünfzig Seiten die Rahmenhandlung wieder aufgegriffen und fix zu einem Ende gebracht wird. Noch zu beachten ist dabei, dass aufeinander folgende Bücher in keinem Fall aneinander anknüpfen dürfen. In dem Sinne bietet auch „Blackwood Farm“ nichts Neues und besonders beim erfahrenen Rice-Leser setzen daher bald Ermüdungserscheinungen ein.

Auch Quinn Blackwood wird dem Durchschnittsleser kaum nahe zu bringen sein. Seine anerzogene Exzentrik, seine Annahme, mit Geld alles lösen zu können und sein schwülstig-naiver Versuch, das Leben zu meistern, stoßen bestenfalls auf Unverständnis. Zwar möchte man ihm von Zeit zu Zeit über den Kopf streichen und ihm einen guten Rat geben, jedoch wird man den Gedanken nicht los, dass ein beherzter Tritt in den Allerwertesten ihm vielleicht einen besseren Dienst erweisen würde. Er passt damit genau in das Muster eines Charakters nach Riceschem Vorbild, da sie es offensichtlich mag, mit plakativen Stereotypen zu arbeiten. So sind ihre Helden reich und schön, und zwar so reich und schön, dass es außerhalb jeder Realität liegt. Quinn wirft mit dem Geld nur so um sich und hat mal ganz nebenbei mehrere Tausend Dollar in der sprichwörtlichen Zuckerdose liegen. Zwar mag Quinns sorgloser Umgang mit Geld beim Leser ein kurzes „hach, wenn ich nur so viel Geld hätte“, hervorrufen, doch auf lange Sicht ist sein dekadenter Lebensstil ein echtes Manko des Romans.

Somit krankt Anne Rice letztes Buch weiterhin an ihrem festgefahrenen Schreibschema und an der Tatsache, dass in früheren Büchern begonnene Handlungsstränge einfach nicht weitergeführt werden. Fans der Mayfair-Chroniken dagegen werden sich freuen, Rowan und Mona Mayfair sowie Michael Curry wiederzutreffen. Sogar Juliens Geist hat einen Auftritt und trinkt mit Quinn Kakao.

Doch „Blackwood Farm“ ist dennoch ein unterhaltsames Lesevergnügen – oder zumindest eines der besseren Rice-Bücher der letzten Jahre, vor allem durch die große Anzahl neuer, unverbrauchter Charaktere, die der eingefahrenen Riceschen Buchproduktion neuen Pepp verleihen. Und obwohl außerdem Charaktere aus ihren beiden großen Romanreihen fast unkommentiert eingeführt werden, sollte die Lektüre auch für Neueinsteiger gut zu bewältigen sein. Das plötzliche Auftauchen einiger Mayfairs macht höchstens neugierig auf die dazugehörigen Romane, einem Verständnis der Gesamthandlung wirken sie aber nicht entgegen. Nicht zuletzt ist „Blackwood Farm“ ein groß angelegter Schmöker – die fast 700 Seiten dürften selbst schnelle Leser für eine Weile beschäftigen.

Der neue große Coup ist Anne Rice nicht gelungen. Weiterhin sind ihre ersten Romane auch ihre stärksten und es scheint, sie werde ihrer Vampire langsam müde. Und so wurde 2004 auch das momentan letzte Buch aus der Reihe veröffentlicht, nämlich „Blood Canticle“ (in Deutschland noch nicht erschienen). Die Vampirchroniken werden also geschlossen und man darf gespannt sein, welchem Thema sich Anne Rice als nächstes zuwenden wird.

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