Clive Barker – Galileo

Die Geschicke der Familien Barbarossa und Geary sind seit jeher miteinander verknüpft; die geheimnisvollen = übernatürlichen Wurzeln sind beinahe in Vergessenheit geraten, doch die Verbindung setzt sich konfliktreich in der Gegenwart fort … – Clive Barker verzichtet auf harten Horror und erzählt stattdessen eine (leicht fantasylastige) Romanze, die vor allem durch ihre Länge in Erinnerung bleibt, während die Handlung recht ereignis- und spannungsarm vorüberplätschert: Lektüre für hartgesottene Romantiker.

Das geschieht:

Im US-Bundesstaat North Carolina macht sich Edmund Maddox Barbarossa daran, die Chronik seiner Familie niederzuschreiben. Er hat viel zu erzählen, denn er ist immerhin fast 190 Jahre alt. Die Langlebigkeit liegt in der Familie, deren Herkunft mysteriös und womöglich göttlicher Natur ist; Genaues erfährt man allerdings (noch) nicht. Edmund lebt zusammen mit seiner Stiefmutter, seinen beiden Schwestern und seinem Bruder, die sogar noch seltsamer sind als er.

Während Edmund an seinen Aufzeichnungen arbeitet, stellt uns „Galileo“-Autor Clive Barker eine zweite Familie vor: die Gearys, die zwar nicht durch besondere Talente gesegnet sind, dies aber durch Machtgier, Skrupellosigkeit und immensen Reichtum wettmachen. Mitchell, das gutaussehende aber gefühlskalte Oberhaupt der Sippe, heiratet die junge Schmuckverkäuferin Rachel Pallenberg. Das Märchen von Cinderella wird wahr, doch tatsächlich verläuft die Ehe unglücklich. Gut, dass die weiblichen Mitglieder der Geary-Familie derartigen Kummer gewohnt sind und über eine eigene Insel für vernachlässigte Ehefrauen in der Karibik verfügen. Um sie kümmert sich dort schon seit Generationen zuverlässig der romantische Seebär Galileo Barbarossa, der dazu mit seinem eigenen Segelschiff, der „Samarkand“, anreist.

Doch die Verbindungen zwischen den Gearys und den Barbarossas gehen über erotische Samariterdienste weit hinaus. Seit dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) sind die beiden Familien durch einen eigenartigen Pakt miteinander verbunden. Die Vorgeschichte reicht noch in viel frühere Zeiten zurück und wird vom Verfasser ungemein ausführlich aufgedröselt …

Einen Schritt vor, einen halben zurück

Mit „Galileo“ betrat Clive Barker, bisher bekannt für Horror der handfesten Art, kurz vor dem Millennium neues literarisches Terrain. In einer Mischung aus Historienroman und Liebesgeschichte widmet er sich der Geschichte zweier ungewöhnlicher Familien mit allen ihren (allzu) irdischen Elementen.

Allerdings traut sich Barker nicht so ganz, die blutbesprenkelten Weiden zu verlassen, die ihn bisher so zuverlässig ernährt haben. Von seinem Verlag vermutlich sanft bedrängt, lässt er sicherheitshalber das eine oder andere Gespenst durch das Geschehen spuken. Außerdem fallen die Mitglieder des Barbarossa-Clans durch ihre bemerkenswerte Langlebigkeit auf; wieso dies so ist, wird auch nach Lektüre von „Galileo“ nicht ganz klar. Anscheinend gibt es familiäre Bindungen zu mächtigen aber längst in Vergessenheit geratenen archaischen Gottheiten, die – von den Menschen weitgehend unbemerkt – bis in die Gegenwart ihre vor Urzeiten begonnenen Ränken und Machtspiele treiben.

Leider verdirbt es sich Barker mit beiden Seiten: seinen alten Fans, die ihm wütend (und nicht grundlos) vorwerfen, eine geschwätzige Seifenoper mit aufgesetzten übernatürlichen Effekten abgeliefert zu haben, und neue Barker-Leser, die sich ebenfalls nicht ohne Grund fragen, wieso er nicht konsequent zu seinem Stoff stehen mag. In Interviews, in denen sich Barker zu seinem Werk äußerte, wird zwischen den Zeilen eine gewisse Unsicherheit spürbar. Mit steigendem Alter – das bilderstürmerische Wunderkind sah seinen fünfzigsten Geburtstag nahen – erlebe er, Barker, einen gewissen Sinneswandel, was besonders seine bisher so publikumswirksam (und profitabel) zur Schau gestellte Liebe zu Blut & Eingeweiden & Getümen aus den mehr oder weniger tiefen Gruben der Hölle beträfe; seit einiger Zeit verlagere sich sein Interesse mehr auf das Leben im Hier und Jetzt.

Alles hat Konsequenzen

Das ist – außer für die beinharten Hardcore-Horror-Fans, deren Weltbild wirklich mit (Sarg-) Brettern vernagelt ist – durchaus nachvollziehbar: Clive Barker wird offensichtlich allmählich (das böse Wort sei hier genannt) erwachsen. Dieser Prozeß scheint ihn selbst zu verblüffen und sogar zu erschrecken. Auf jeden Fall bringt er den Schriftsteller Clive Barker erheblich aus dem Gleichgewicht. „Galileo“ ist ein aus den Fugen geratenes Projekt. Der erste Minuspunkt wurde bereits angesprochen: Barker mischt unharmonisch und schwer nachvollziehbar Reales mit Übernatürlichem. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass er schon mehrere Romane in einer Welt ansiedelte, die mit derjenigen, in der wir leben, nur zum Teil identisch ist. Geschichten wie „Gyre“ („Weaveworld“, 1987), „Imagica“ („Imajica“, 1991) und eben „Galileo“ spielen auf einer parallelen Erde, die der unseren zwar sehr ähnelt, aber gleichzeitig über Tore in eine magisch-mythologische Überwelt verfügt.

Der leicht märchenhafte Unterton, der diese Romane auszeichnet, kann sehr reizvoll, aber eben auch sehr irritierend sein. „Galileo“ folgt einer ganz eigenen Logik, auf die man sich einlassen muss denn sonst wird die Lektüre wirklich anstrengend. Leider kann Barkers schriftstellerischer Ehrgeiz mit seinem Talent nicht immer mithalten. Wie man das Weiterleben der Alten Götter in der Welt der Gegenwart wesentlich überzeugender gestalten kann, hat z. B. Jean Ray (1882-1964), der belgische Klassiker der phantastischen Literatur, in seinem Meisterwerk „Malpertuis“ (1943) eindrucksvoll unter Beweis gestellt – und das auf bedeutend weniger Buchseiten!

Das bringt uns zu einem weiteren Punkt: Barkers erschreckendem Mangel an Selbstdisziplin. Der Umfang von „Galileo“ ist beachtlich. Doch welche Idee trägt wirklich eine Geschichte über fast eintausend Seiten? „Galileo“ gelingt es jedenfalls nicht. Stattdessen erzählt Barker gleich mehrere Geschichten, die nie richtig zusammenfinden wollen. Das weiß er – Profi, der er ist – natürlich auch, doch zieht er die Notbremse, ordnet und strafft die wild wuchernde Mär? Nein, das schafft er nicht, und zwingen konnte man ihn verlagsseitig offenbar auch nicht.

Lang statt spannend

Stattdessen tritt Barker die Flucht nach vorn an: Das Unfertige von „Galileo“ sei durchaus gewollt, behauptetr er; die lose geschürzten Knoten der Handlung werde er in einem zweiten Teil – der niemals erschienen ist – zu einem festen Netz schnüren. Sein Wort in des Lesers Ohr, doch das hilft wenig, wenn man sich durch „Galileo“ quält. Fakt ist, dass der ‚alte‘ Clive Barker, der wusste, wie man eine Geschichte erzählt, zu einem üblen Schwafler geworden ist, der Tugenden weitgehend über Bord geworfen hat. Einst hat er als Kurzgeschichtenautor die literarische Bühne betreten – und das mit einem Donnerschlag! Aber würde man hinter „Galileo“ jenen wüsten, vor Ideen sprühenden, alle Grenzen ignorierenden bzw. neu definierenden Querkopf vermuten, dem wir die sechs genialen „Bücher des Blutes“ verdanken?

In einzelnen Passagen blitzt Talent auch in „Galileo“ durchaus auf; die Bürgerkriegs-Sequenzen gehören dazu. Doch dazwischen ergeht sich Barker in endlosen, ermüdenden Andeutungen und nie eingelösten Versprechungen: eine „X-Akte“ im King-Size-Format. Dazwischen versucht er eine ganz ‚normale‘ Liebesgeschichte, die er – ganz lässt sich der alte Widerborst halt nicht unterdrücken – durch exzessive Sexszenen zu beleben versucht. Doch „Galileo“ soll auch auf dem US-amerikanischen Markt Geld bringen, und dort dürfen zwar oberhalb der Gürtellinie Menschen nach Belieben in Stücke geschossen, geschnitten oder gesprengt werden, während das, was sich darunter befindet, absolut tabu ist. Zudem kann man sich bei der Lektüre besagter Szenen des Gedankens nicht erwehren, dass sie wesentlich feuriger ausgefallen wären, hätte Barker wie in seinen Flegeljahren die Liebhaberrolle einer verwesenden Leiche zugewiesen.

Die Leser des angelsächsischen Sprachraums waren übrigens gewarnt: „Galileo – eine Romanze“ lautet dort der vollständige Titel. Wer hätte damit gerechnet, dass dies kein sardonischer Witz ist, sondern die lautere Wahrheit? In Deutschland wollte der Verlag den Kurswechsel vorsichtshalber nicht nachvollziehen. „Galileo“ wurde den erwartungsvollen Lesern als „der neue Roman des Horrorautors Clive Barker“ angedient. Auf diese Weise konnte es schwerlich gelingen, das deutsche Publikum für einen ‚anderen‘ Barker zu gewinnen, der – dem Beispiel Stephen Kings folgend – nicht mehr nur Zombies, Monster und Mutanten tanzen lassen mag, sondern sich schlicht und ergreifend als guter Geschichtenerzähler etablieren möchte, dem man unabhängig von dem, was er erzählt, gern zuhört.

Autor

Clive Barker wurde am 5. Oktober 1952 im englischen Liverpool geboren. Bereits in jungen Jahren schrieb und inszenierte Barker düstere, surrealistische, überspitzt blutige Stücke im Stil des „Grand Guignol“, eine Arbeit, die er nach seinem Studium (Englische Literatur und Philosophie) professionell fortsetzte.

Noch vor der Literatur entdeckte Barker den Film. Zwischen 1975 und 1978 drehte er als Student den schwarzweißen Kurzfilm „The Forbidden“, der 1987 erneut unter seiner Regie als „The Hellbound Heart“ (dt. „Hellraiser – Das Tor zur Hölle“) ein Remake in Spielfilmlänge erfuhr. 1984 verfasste Barker die sechs legendären „Books of Blood“, die ihm schlagartig den Durchbruch brachten. Klassische Themen (Geister, Vampire, Werwölfe, Spukhäuser etc.) wurden modern und höchst unkonventionell durchgespielt. An Drastik sparte der Verfasser nicht, wofür er als einer der Gründerväter des (kurzlebigen) „Splatterpunks“ gefeiert wurde. Mit eindrucksvollen Romanen wie „The Damnation Game“ (1985, dt. „Spiel der Verdammnis“) oder „Cabal“ (1988, dt. „Cabal – Brut der Nacht“) festigte er seinen Ruf.

Barker ließ sich nicht in eine Schublade zwingen. Geschichten wie „The Great and Secret Show“ (1989, dt. „Jenseits des Bösen“), „Weaveworld“ (1987, dt. „Gyre“), „Imajica“ (1991, dt. „Imagica“) oder „Galilee – A Romance“ (1998, dt. „Galileo“) spielen auf einer parallelen Erde, die der unseren zwar sehr ähnelt, aber gleichzeitig über ‚Tore‘ in eine magisch-mythologische Überwelt verfügt: moderne Fantasy, die überquillt vor faszinierenden Ideen, jedoch leider ein Grundübel des Genres, die auswalzende Geschwätzigkeit, übernimmt und in ganz neue Dimensionen trägt. Mit „The Thief of Always“ (1994, dt. „Das Haus der verschwundenen Jahre“) schrieb der unberechenbare Barker freilich ein hervorragendes Fantasy-Buch für Kinder (aber auch für neugierig gebliebene Erwachsene), dem er ab 2002 die „Abarat“-Trilogie folgen ließ.

Website

Taschenbuch: 911 Seiten
Originaltitel: Galilee. A Romance (London : HarperCollinsPublishers 1998)
Übersetzung: Waltraud Götting
http://www.randomhouse.de/heyne

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