Vantrease, Brenda – Schriftenhändlerin, Die

Europa im 15. Jahrhundert: Der Buchillustrator Finn ist aus England geflüchtet und hat sich mit seiner Enkelin Anna in Prag niedergelassen. Gemeinsam illustrieren sie religiöse Texte und übersetzen heimlich die lateinische Bibel, was als ketzerisch gilt. Kurz vor seinem Tod bittet Finn daher Anna, Schutz beim befreundeten Sir John Oldcastle in England zu suchen. Die gefahrenvolle Reise führt Anna ins französische Reims, wo sie überwintert und weiterhin als Illustratorin arbeitet.

Zur gleichen Zeit wird der Ablasspriester Gabriel vom Erzbischof als Spion ausgesandt, der nach Ketzern Ausschau halten soll, welche die Bibel ins Englische übersetzen. Als flämischer Händler VanCleve getarnt, begegnet er Anna in Reims auf dem Marktplatz und erteilt ihr einen Auftrag. Obwohl sich Gabriel verzweifelt gegen seine Gefühle wehrt, verliebt er sich in Anna, die dies erwidert. Der Priester steht im doppelten Konflikt, Anna belogen zu haben und sie verraten zu müssen. Unter einem Vorwand verlässt er schließlich das Land.

Anna setzt nach vergeblichem Warten ihre Reise nach England fort und wird von Sir John aufgenommen. Mittlerweile weiß sie, dass sie ein Kind von VanCleve erwartet. Als sich auch hier in England die Lage zuspitzt, kommt sie in einem Nonnenkloster unter, ohne zu wissen, dass die Äbtissin ihre Großmutter ist, von der Finn glaubte, sie sei verstorben. Hier begegnet sie auch Gabriel wieder und erkennt seine wahre Identität, während die Kirche sie als Ketzerin jagt …

Mit dem [„Illuminator“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3361 stürmte Brenda Vantrease zu Recht sofort die Bestsellerlisten und legte die Latte für den Nachfolgeroman dementsprechend hoch – was glücklicherweise kein Hindernis war, um nicht sehr überzeugend daran anknüpfen zu können.

|Spannende Fortsetzung|

Der Vorgänger-Roman drehte sich vor allem um die Liebesgeschichte zwischen der verwitweten Lady Kathryn und dem Illustrator Finn, dem mitsamt seiner Tochter auf Kathryns Herrensitz Unterkunft gewährt wurde. Im vorliegenden Werk steht ihre gemeinsame Enkeltochter als junge Frau im Mittelpunkt. Der geschichtliche Hintergrund ist der gleiche geblieben; immer noch werden die Übersetzer der Bibel als Ketzer von der katholischen Kirche gejagt, immer noch müssen heimlich in die Volkssprache übertragene Schriften versteckt gehalten werden. Damals war Finn der Ketzer, der sein Leben aufs Spiel setzte, heute führt seine Enkelin dieses wagemutige Erbe fort. Für den Leser ist es einmal spannend zu verfolgen, wie sich Gabriel gegenüber Anna verhält, ob er sich für seine Gefühle entscheidet oder der Kirche loyal bleibt, aber auch, wann Anna von seiner wahren Identität erfährt. Immer wieder gibt es Momente, in denen sie ahnt, dass er etwas zu verbergen hat, doch es braucht lange, bis sie die Dimensionen begreift.

Ähnliches gilt für Annas Verhältnis zu Kathryn. Ungeduldig wartet man auf den Augenblick, in dem beide erfahren, dass sie Enkelin und Großmutter sind. Fast ununterbrochen muss man um Annas Leben fürchten, denn die Kirche sucht unermüdlich nach „Ketzern“ wie ihr. Selbst bei Sir John Oldcastle, der einst mit dem jungen König befreundet war, ist sie nicht in Sicherheit, denn auch die alten Bande bewahren Sir John und seine Angehörigen nicht davor, ins Visier der Jäger zu geraten.

|Gelungene Charaktere|

Wie schon im „Illuminator“ gelingt es Brenda Vantrease überzeugend, die Liebesgeschichte vor kitschigen Schilderungen zu bewahren, was angesichts der klischeebehafteten Konstellation der verbotenen Liebe bzw. Priester und Geliebte nicht selbstverständlich ist. Anna ist ein glaubwürdiger und vor allem höchst sympathischer Charakter, eine starke junge Frau, die ihr Leben trotz erheblicher Widrigkeiten meistert. Ebenso fasziniert Gabriels Ringen zwischen seinem kirchlichen Gelübde, seinen Spionageabsichten und seinen Gefühlen für Anna. Im späteren Verlauf wird außerdem seine unbekannte Herkunft zu einem wichtigen Punkt in der Handlung. Bislang wusste Gabriel nur, dass seine Mutter eine Prostituierte war und ihn früh ins Kloster gab, wo Pater Francis sein spiritueller Vater wurde. Die Wahrheit über seine Herkunft bedeutet für Gabriel eine zusätzliche Belastung, die sein bisheriges Leben ins Wanken bringt.

Interessante Nebenfiguren sind die alte Roma-Zigeunerin Jetta, die Anna vor dem Ertrinken bewahrt, und ihr Findelkind Bek, ein scheinbar autistischer Junge, der später mit unglaublicher musikalischer Begabung verblüfft. Anna lebt für eine Weile bei den Zigeunern, ehe sie mit Klein-Bek als Ziehsohn einen neuen Lebensweg einschlägt. Dieser führt sie zu Sir John Oldcastle, dessen Gestalt vermutlich einst Shakespeare zur Figur des Sir John Falstaff inspirierte. Ganz in diesem Sinn lässt die Autorin Sir John als andeutungsweise satirischen Charakter mit seiner Genusssucht und seinem deftigen Humor auftreten, der einerseits wegen seiner Jovialität schnell die Sympathien der Leser gewinnt und andererseits vehement für seine Überzeugungen eintritt, auch wenn sie sein Leben gefährden.

|Kaum Schwächen|

Auch wenn es nicht zwingend notwendig ist, den „Illuminator“ zuvor gelesen zu haben, bringt dies doch erhebliche Vorteile mit sich. Vor allem die Zusammenhänge zwischen Kathryn und Finn werden anderenfalls erst sehr allmählich klar. Der Lesegenuss erhöht sich eindeutig, wenn man die Vorgeschichte kennt – wenn man weiß, dass Annas Mutter, Kathryns Tochter, bald nach der Geburt starb und Kathryn ihre Enkelin zunächst wie ihr eigenes Kind aufzog, und wenn man weiß, dass Kathryn ihren Tod gegenüber Finn nur vortäuschte und was sie dazu bewog, obwohl sie nie aufhörte, ihn zu lieben. Außerdem dauert es übertrieben lange, nachdem Anna in Kathryns Nonnenkloster eingekehrt ist, bis beide endlich erfahren, dass sie miteinander verwandt sind.

_Als Fazit_ bleibt ein spannender Historienroman, der an die Ereignisse in „Der Illuminator“ anschließt und in keiner Hinsicht hinter diesem Werk zurückbleibt. Lebhafte Schilderungen einer bewegten Epoche ergänzen sich mit interessanten Charakteren, sodass die kleinen Schwächen so gut wie gar nicht ins Gewicht fallen.

Die Autorin Brenda Vantrease, Jahrgang 1945, studierte und promovierte in Tennessee in englischer Literatur. Anschließend arbeitete sie als Englischlehrerin und Bibliothekarin. Auf ausgiebigen Reisen nach Großbritannien und Irland erkundete sie die Schauplätze der Geschichte und verfasste zahlreiche Essays und Kurzgeschichten. [„Der Illuminator“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3361 war ihr Romandebüt.

http://www.limes-verlag.de

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