Joseph Sheridan Le Fanu – Maler Schalken und andere Geistergeschichten

le-fanu-maler-schalken-cover-1983-kleinSechs Storys führen zurück in die „Frühzeit“ der modernen Geistergeschichte. Sie mögen stilistisch altmodisch wirken, sind aber inhaltlich erstaunlich zeitlos, d. h. spannend und schauerlich geblieben. Das Grauen trifft Schuldige wie Unschuldige und ist erschreckend unberechenbar, was der Verfasser mit manchmal dokumentarisch anmutender Präzision darzustellen weiß.

Inhalt:

Sechs Storys führen – stilistisch altmodisch aber inhaltlich erstaunlich zeitlos – zurück in die Frühzeit der modernen Geistergeschichte:

Ein Bild des Maler Schalken (Schalken the Painter, 1839), S. 7-36: Der alte Künstler erinnert sich an die unglückliche Liebe seines Lebens, die einst vor seinen Augen mit einem reichen aber seltsam leblos wirkenden Mann verheiratet wurde.

Die Gespensterhand (Ghost Stories of the Tiled House/An Authentic Narrative of the Ghost of a Hand, 1861), S. 37-55: Niemand weiß, wem sie gehört, doch sie verschafft sich Einlass in das ehrenwerte Tiled House und terrorisiert des Nachts seine bestürzten Bewohner.

Der Häscher (The Watcher, 1851), S. 56-109: Der Kapitän a. D. gilt als ehrenwerter Bürger und „gute Partie“, doch es gibt in seiner Vergangenheit eine dunkle Stelle, die sich nun in Gestalt eines unerbittlichen Verfolgers manifestiert.

Bericht über die seltsamen Vorfälle in der Aungier Street (An Account of Some Strange Disturbances in Aungier Street, 1853), S. 110-142: Zwei Studenten können sich ihres kostengünstigen Mietshauses nur kurz erfreuen, denn dort geht es in der Nacht mächtig um.

Grüner Thee (Green Tea, 1869), S. 143-198: Zuviel des anregenden Getränks hat der gelehrte Kirchenmann offenbar genossen, denn ihm erschien ein Dämon in Affengestalt, der ihn zunehmend gewaltreicher piesackt.

Der Traum des Trunkenbolds (The Drunkard’s Dream, 1838), S. 199-217: Ihm wurde eine Chance zur Besserung gewährt, doch als der Säufer abermals schwach wird, trifft gnadenlos ein, was ihm angekündigt wurde.

– Nachwort von Rein A. Zondergeld: Der unsichtbare Prinz, S. 218-223

– Originaltitel und Quellenvermerke, S. 225

„Wie lange willst du nicht von mir weichen?“

Was ist der Tod, und kommt etwas danach? Haben die Taten, die man im Leben beging, Auswirkungen auf diese mögliche Existenz in einem jenseitigen Reich? Seit der Mensch über sich reflektiert, stehen diese und ähnliche Fragen weit oben auf der Liste existenzieller Rätsel, um deren Lüftung er sich bemüht. Die Lösung ersehnt er allerdings ebenso wie er sie fürchtet, denn die Antwort könnte womöglich nicht wie erwünscht ausfallen.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die genannten Fragen zwar nicht zum ersten Mal gestellt, doch sie erklangen nun lauter – und mutiger, was in einem Klima des geistigen und naturwissenschaftlichen Aufbruchs endlich möglich wurde, nachdem vor allem die weltlich-repressive Macht der Kirche gebrochen war und sich auch ihre Vertreter – notgedrungen – den Herausforderungen der neuen Zeit stellen mussten.

Joseph Sheridan Le Fanu (1814-1873) steht gewissermaßen mit je einem Bein in der Vergangenheit und Gegenwart. Als Kind wurden ihm die Märchen und Legenden der an Geistern traditionell reichen irischen Insel mit einem deutlichen Unterton ehrlicher Überzeugung erzählt: Das „kleine Volk“ der Elfen und rächende Geister waren für den jungen Joseph durchaus noch ‚real‘. In der Einleitung zu „Die Gespensterhand“ beschreibt er, was auch er wohl fürchtete und genoss: „So machte denn die alte Sally, deren Glaube in diesen Dingen fast schon so etwas wie Religion war, sich daran, in gemächlichem Erzähl-Trott … das ihr wohlvertraute Gelände zu durchstreifen – langsamer werdend, sobald man zu einer besonders grausigen Stelle kam, ja gänzlich zum Stillstand kommend … und unter geheimnisvollem Nicken auf die junge Herrin in ihrem Himmelbett blickend, oder aber die Stimme zu einem gehauchten Raunen senkend, sobald der Höhepunkt solcher Geschichte herannahte.“ (S. 38/39)

Die dünne Haut zwischen Wirklichkeit und Wahn

Als gelehrter Mann relativierte Le Fanu später seine kindlichen Ängste und Fantasien, doch er vergaß sie niemals. In seinen Werken thematisierte er sie immer wieder aufs Neue und siedelte sie in einem diffusen Reich an, das an drei Eckpfeilern verankert war, die „Realität“, „Zweifel“ und „Wahn“ hießen.

‚Real‘ könnten die Ereignisse sein, über die Le Fanu seinen „Bericht über die seltsamen Vorfälle in der Aungier Street“ vorlegt. Überaus dokumentarisch wirkt diese ‚Schilderung‘, die sich an weit verbreiteten ‚wahren Geschichten‘ über viktorianische Spukhäuser orientiert. „Grüner Thee“ ist angeblich die Zusammenfassung eines ärztlichen Protokolls. „In aller Korrektheit“ hält ein katholischer Pfarrer den „Traum des Trunkenbolds“ fest.

Bericht, Protokoll, Aufzeichnung: Diese Bezeichnungen suggerieren dem Leser eine Glaubhaftigkeit, die es dem Schriftsteller ermöglicht, sein Publikum erst recht in Unsicherheit zu wiegen. Kann oder muss man ihm womöglich trauen? Andererseits lässt Le Fanu immer wieder durchblicken, dass „Magie nur die Wissenschaft ist, die wir noch nicht verstehen“, um einen aus viel späterer Zeit stammenden aber auch hier treffenden Ausspruch zu zitieren. Geschickt vermeidet er sich festzulegen. Wird Reverend Jennings wirklich von einem Dämon verfolgt, den nur er sehen kann, oder spielt sich dies in seinem kranken Hirn ab?

Niemand darf sich sicher fühlen

Le Fanu ist als Erzähler ein Profi. Er wusste sehr gut, was seine Zeitgenossen lesen wollten, und wenn er auch um seine Phobien kreiste, lieferte es ihnen. Seine Romane würde man heute „Bestseller“ nennen, und als solche waren sie konzipiert. Das gilt auch für Le Fanus Erzählungen. „Ein Bild des Maler Schalken“ ist Unterhaltung pur – eine Gespenstergeschichte, deren teuflisch untote Hauptfigur als verkörperter Horror ohr angenehm schauriges Unwesen treibt. Freilich gibt es auch hier eine bittere Pille zu schlucken: Das Böse trifft eine völlig unschuldige junge Frau. Ihr grausiges Ende ist keine ‚Strafe‘ für gesellschaftliches oder moralisches Fehlverhalten. Sie war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort.

Ähnlich ergeht es dem Kleriker in „Grüner Thee“. Er trifft seine spukhafte Nemesis, weil er durch einen Zufall – den übermäßigen Genuss besagten Tees – ein Loch in die Membran der Wirklichkeit gestoßen und auf der ‚anderen Seite‘ eine feindselige Kreatur dies bemerkt und genutzt hat. (Le Fanu blieb von seiner Geschichte übrigens unbeeindruckt und genoss beim Schreiben weiterhin – und von Nachtmahren ungestört – seinen geliebten starken Tee.)

„Die Gespensterhand“ gehört einem Geist, dessen Identität niemals geklärt wird. Die unter ihm leiden, sind für sein Erscheinen nicht verantwortlich. Sehr zielgerichtet verschafft die Hand sich eigenmächtig Einlass. Die beiden Studenten sehen sich im verwünschten Haus in der Aungier Street ebenso ratlos den Attacken eines Geistes ausgesetzt, der – hier verstößt Le Fanu abermals gegen das Klischee – nicht für die bösen Taten seines Lebens büßen muss, sondern diese im Tod unvermindert fortsetzt. Nicht einmal der Trunkenbold erhält, was er verdient. Für einen einmaligen Rückfall scheint sein bizarres Ende reichlich übertrieben; sogar der fromme Priester ist dieser Meinung. Möglicherweise steckt eine Macht hinter dem stark allegorischen ‚Traum‘, deren eigentliches Motiv durch den Menschen nicht geklärt werden kann. Klar ist nur, dass die beschriebenen Spukerscheinungen in einer zwar vergessenen aber weiterhin relevanten Vergangenheit ausgelöst wurden. Fallen die Dominosteine erst einmal, können sie auch die nichtsahnenden Nachfahren unter sich begraben.

Nur der Kapitän in „Der Häscher“ wird das Opfer einer Rache aus dem Jenseits. Aber auch diese Geschichte besitzt eine zweite Verständnisebene, die den allmählichen Verständnisprozess des Seemanns verdeutlicht. Nie gesteht er seine Untat, die Le Fanu immer nur andeutet, deren Realität er jedoch immer deutlicher durchscheinen lässt. Als er ganz zum Schluss für Aufklärung sorgt, ist das höchstens eine Hilfe für allzu begriffsstutzige Leser.

Klassische Geschichten – künstlich eingestaubt

„Maler Schalken“ ist eine Auswahl Le Fanuscher Geistergeschichten. Sie entstanden zwischen 1838 und 1869 und gehören damit vor allem stilistisch in eine längst vergangene Epoche. Dass sie hier auch inhaltlich ungemein altertümlich wirken, obwohl ihre Themen denkbar zeitlos sind, ‚verdanken‘ sie einer überaus kunstvollen aber eher kontraproduktiven Übersetzung, die den Sprachduktus der Entstehungszeit nicht nur aufzugreifen versucht, sondern ihn zusätzlich verstärkt.

Soll heißen: Auch 1973 – in diesem Jahr erschien die „Maler Schalken“-Sammlung erstmalig in deutscher Sprache – mussten Sätze nicht mehr so klingen: „Nun bin ich zwar ein gewissenhafter, wenngleich – ich weiß es wohl! – durchaus kein eleganter Uebersetzer. Indeß, obschon ich da und dort einzelne Passagen weggelassen, andere gekürzt, sowie sämmtliche Namen nach Gebühr verändert habe, ist von mir doch nichts Wesensfremdes hinzugethan worden.“ (S. 145) Dieses Zitat ist auch als Urteil für die Arbeit des deutschen Übersetzers wunderbar tauglich …

Der historisch interessierte Linguist wird die wundersam und oft wunderschön geschraubten Sätze lieben, doch dürften Sprachwissenschaftler nicht das eigentliche Publikum dieser Geschichten sein. Le Fanu konnte sein Publikum gut einschätzen: „Diese meine Geschichte ist kaum erzählens-, geschweige denn aufschreibenswert. Indes, wann immer ich sie vor einem Kreis verständnisvoller und gespannter Zuhörer zum besten gegeben, etwa an einem Winternachmittag nach dem Essen und im Flackerschein eines prasselnden Kaminfeuers, … ist sie – warum sollt‘ ich es verschweigen? – recht gut aufgenommen worden“ („Bericht über die seltsamen Vorfälle in der Aungier Street“, S. 110) Wen wundert’s? Im 21. Jahrhundert mögen Kaminfeuer selten geworden sein, doch Ort, Zeit und Stimmung für eine gute Gruselstory wird der moderne Leser problemlos erkennen und Le Fanus weniger alten als zeitlosen Geschichten zu schätzen wissen!

Autor

Joseph Thomas Sheridan Le Fanu wurde am 18. August 1814 in der irischen Stadt Dublin geboren. Ab 1833 studierte er Jura am Trinity College zu Dublin; er graduierte 1837. Im folgenden Jahr erschien im „Dublin University Magazin“ Le Fanus erste Kurzgeschichte. 1845 veröffentlichte der Autor mit „The Cock and Anchor“ einen ersten (Historien-) Roman, der deutlich unter dem Einfluss des Schriftstellers Walter Scott (1771-1832) entstand, den Le Fanu sehr verehrte.

Als Jurist ist Le Fanu nie tätig geworden. Stattdessen wurde er Journalist. Ab 1837 war er Eigentümer oder Miteigentümer mehrerer Zeitschriften. Die damit verbundenen Pflichten schränkten seine schriftstellerische Tätigkeit stark ein. Erst nachdem er 1861 Besitzer und Eigentümer des „Dublin University Magazine“ geworden war, schrieb Le Fanu wieder selbst.

1843 oder 1844 – der genaue Zeitpunkt ist unklar – heiratete Le Fanu Susanna Bennett. Als sie 1858 starb, fiel Witwer Joseph in eine tiefe Depression, die er nie überwand. Er zog sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück und vergrub sich in seinem Haus am Merrion Square. In Dublin nannte man ihn den „unsichtbaren Prinzen“. Seine Produktivität wurde von diesem Lebensstil nicht beeinflusst. In den Jahren nach 1858 veröffentlichte Le Fanu ein bis zwei Romane pro Jahr sowie diverse Kurzgeschichten und Novellen. Er schrieb Historienromane, Krimis und immer wieder Geistergeschichten.

Der „unsichtbare Prinz” starb am 7. Februar 1873 in seiner Heimatstadt Dublin. Er wurde auf dem Friedhof von Mount Jerome bestattet. Sein Werk fiel zunächst der Vergessenheit anheim, doch seine schriftstellerischen Qualitäten blieben auch den Nachgeborenen nicht verborgen. 1872 hatte Le Fanu mit „Carmilla“ nicht nur eine der ersten Geschichten um einen Vampir verfasst. Carmilla alias Mircalla Karnstein war zudem lesbisch, was Le Fanu zwar zeitgenössisch zurückhaltend aber doch eindeutig thematisierte. Knapp ein Vierteljahrhundert später veröffentlichte Bram Stoker (1847-1912), der Le Fanu sehr schätzte, „Dracula“. Der Vampir wechselte das Geschlecht, doch seine ‚verbotene‘ erotische Ausstrahlung übernahm und steigerte Stoker.

1923 läutete ein weiterer Verehrer die Renaissance des Le Fanuschen Werkes ein: Montague Rhodes James, seines Zeichens Historiker, Literaturwissenschaftler und selbst einer der größten Verfasser von Geistergeschichten, ließ Le Fanus verstörende Spukgeschöpfe in der Sammlung „Madame Crowl’s Ghost and Other Tales of Mystery“ wieder aufleben. Heute genießt Le Fanu den literarischen Ruhm, der ihm zusteht.

Taschenbuch: 225 Seiten
Originalzusammenstellung
Übersetzung: Friedrich Polakovics
http://www.suhrkamp.de

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